Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
GE forschen, welchen die sechshakigen Larven bis zur Verwandlung in a) Bla sen wurm. b) Aus- die Blasenwurmform durchmachen. Im Freien kommen die in den gestülptertopf. Amal Bandwurm—vergrößert. Eiern eingeschlossenen Jungen nicht aus. Diese Eier müssen vielmehr in den Magen eines bestimmten Tieres, z. B. die Eier des Katzenbandwurmes in den Magen der Maus, die eines der Hundebandwürmer in den Magen des Kaninchens oder Hasen gelangen, um hier unter dem Einfluß der Magensäure binnen wenigen Stunden sich zu öffnen und den sechshakigen Embryo ausschlüpfen zu lassen. Diese nunmehr freien Larven machen sich aber sehr bald auf die Wanderung, durchbohren die Magenwände und gelangen nach und nach in den verschiedensten Organen an, wo eine Umwandlung mit ihnen vorgehen soll. Am häufigsten ist das Ziel dieser Wanderung die Leber. Einzelne dringen bis in die Knochen, und z. B. die Quese der Schafe dringt regel: mäßig bis in das Gehirn vor. Angekommen am Ziele, umgibt sich das winzige Tierchen, nachdem es die nunmehr unnütz gewordenen Haken abgeworfen, mit einer Kapsel, in welcher es ungefähr /1o mm mißt. Es ist damit in eine zweite Lebensperiode getreten, in welcher es zum sogenannten Blasenwurm sich umbildet. Im Inneren des rundlichen Körpers (Fig. a) sammelt sich eine Flüssigkeit, wodurch der Körper mehr und mehr zu einer Blase aufgetrieben wird, auf deren Wand als Zeichen lebhaften organischen Prozesses sich ein Netz wasserklarer Gefäße entwickelt. Bald zeigt sich, nach dem Inneren der Blase ragende ein Zapfen, die Anlage des Bandwurmkopfes. Derselbe ist von außen sehr hohl; man kann sich ihn also vergegenwärtigen durch einen in die Faust des Handschuhes eingestülpten Handschuhfinger, und in dieser Höhlung liegen die Saugnäpfe und der Stachelkranz, so daß beim Ausstülpen des
Zapfens diese Teile nach außen treten, und daß also natürlich die Oberfläche des einwärts gekehrten Zapfens dann zur Achse wird. Wird nun dieses Gebilde umgestülpt, was jedoch selten an dem Aufenthaltsorte der Finnen geschieht, so besteht es aus dem Bandwurmkopfe mit dem ungegliederten, aber oft gerunzelten Halse und der daran hängenden Blase (Fig. b). Bei einigen Arten hat es aber sein Bewenden nicht mit der Bildung nur eines Bandwurmkopfes an der Blase; es können zahlreiche Kopfknospen entstehen, oder auch nur Blasen sich bilden, deren jede Köpfe hervorbringt. Wir werden diese Erzeugungen bei den betreffenden Arten näher ins Auge fassen. In dem Blasenwurmzustand verharrt der Wurm so lange, als er an der Bildungsstätte der Blase bleiben muß. Die Finne des Schweines geht in den Muskeln, wo sie sich aufhält, durchaus keine weiteren Veränderungen ein. Die Finne des Kaninchens in der Leber oder im Gekröse erfüllt ihre eigne Lebensaufgabe nicht, wenn das Kaninchen eines natürlichen Todes stirbt. Wird aber das infizierte und von der Marktpolizei nicht beanstandete Schweinefleisch roh oder sehr unvollkommen zubereitet vom Menschen genossen, wandert das Kaninchen in den Magen eines Hundes, die ebenfalls mit einem eignen Blasenwurm gesegnete Maus in den Magen einer Katze, so findet nun der Übergang des Blasenwurms in den eigentlichen Bandwurm statt. Die erste Veränderung ist das völlige Hervortreten des Kopfes, welcher sehr bald die zweite, das Abfallen der Schwanzblase, folgt, welche einfach verdaut wird. Der Kopf mit seinem Halse ist nun ein eignes, selbständiges Wesen, die Zwischengeneration der Amme, welche aus dem Magen des Wohntieres bis zu einer gewissen Stelle des Darmkanals hinabgleitet, wo sie sich fixiert und die Schlußgeneration, die Geschlechtstiere unter der Form von Knospen und Gliedern, hervorbringt. Es folgen sich also, um das Bisherige nochmals kurz zusammenzufassen, im Leben des Bandwurmes folgende mit wiederholtem Wohnungswechsel verbundene Zustände: der sechshakige Embryo, der Blasenwurm, der Bandwurmkopf ohne Glieder, der eigentliche Kettenwurm und das isolierte Glied oder Geschlechtstier; da jedoch die sechshakige Larve direkt in die Blase übergeht, der Bandwurmkopf an dieser als Knospe entsteht und dieser der Boden ist, aus welchem die Glieder hervorwachsen, so sind im Grunde drei Generationen zu unterscheiden, von denen aber nur die letzte geschlechtlich entwickelt ist, während die beiden vorhergehenden die vorbereitenden Stufen sind.
Nach diesen unumgänglichen Erörterungen werden wir nun die Verhältnisse, unter welchen eine Reihe Arten der Gattung Bandwurm (Taenia) vorkommt, leicht auffassen. Wir betrachten zuerst mehrere, deren Blasenwurmform, früher mit dem Namen Cysticercus, Finne, bezeichnet, aus einer Blase mit einem einzigen Kopfe besteht. Die wichtigsten darunter für uns sind natürlich diejenigen, welche am häufigsten im Menschen sich ansiedeln. Am längsten und genauesten ist die Taenia solium (s. Abbild. S. 180, Fig. a u. b) bekannt. Sie erreicht eine Länge von 2 bis über 3 m. Der Kopf gleicht etwa dem Knopfe einer mittelgroßen Stecknadel. Auf dem Stirnvorsprung steht ein Kranz von zweierlei Haken, welche sich durch ihre gedrungene Form von denen anderer Tänien, die man mit dem menschlichen Bandwurm in eine Art hat zusammenreihen wollen, gut unterscheiden. Der Hals ist ungefähr 15 mm lang, und die Zahl der die Kette bildenden unreifen und reifen Glieder beläuft sich auf 700— 800 und mehr. Die Gestalt der Glieder ist in den verschiedenen Strecken sehr verschieden. Erst in der letzten Strecke nehmen sie eine entschieden längliche Form an, indem zugleich auch mit zunehmender Dicke der Eischalen der verzweigte Eihalter durchscheint. Man braucht nur ein solches reifes Glied zu sehen, um mit Gewißheit sagen zu können, ob das mit dem Bandwurm behaftete Individuum die
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Taenia solium oder eine andere Art beherbergt. Der Eihalter der Taenia solium hat nämlich jederseits nur 7— 10 Aste, welche sich weiter verzweigen.
Daß der Mensch in die Erziehung dieses einen seiner Bandwürmer sich mit dem Schweine teilt, ist eine jetzt wohl allgemein bekannte Thatsache. Sie ist nicht nur durch die Vergleichung der Haken und anderen Kopfbestandteile des Bandwurmes mit denen der Schweinefinne, sondern auch durch zahlreiche, immer mit demselben Erfolg sich wiederholende Versuche ganz außer Zweifel gestellt. Nicht wenige Ferkel und Schweine wurden seit den fünfziger Jahren geopfert, um, nachdem man ihnen eine Anzahl reifer Glieder der Taenia solium eingegeben, ihr Finnigwerden zu beobachten. Ungefähr 2⅛ Monate verstreichen nach dem Einführen der Eier in das Schwein, bis die Finnen in den Muskeln ihre Entwickelung abgeschlossen haben. Außer im Schwein sollen auch noch in einigen anderen Tieren, Affe, Hund und anderen, die Blasenwürmer der Taenia solium gefunden worden fein. Ganz sicher ist nur, daß auch im Menschen selbst, wenn er durch irgend einen Zufall die Eier verschluckt hat, die h Finnen sich regelmäßig in den Muskeln entwickeln, außerdem aber auch im Herzen und ziemlich oft im Auge und im Hirn vorkommen können. Um positive Gewißheit zu erlangen, daß im gegebenen Fall die Schweinefinne im Menschen zur Taenia solium werde, konnte man unfreiwillig oder freiwillig Finnen verschlucken lassen und die Folgen beobachten. Der um die Naturgeschichte der Bandwürmer so hochverdiente Küchenmeister kam auf den Gedanken, zum Tode verurteilten Verbrechern, ohne daß sie es i wehrte j ahnten, in einer guten Suppe und mit N on ne dee 1 Wurstsemmeln die Finnen beizubringen und bei der Sektion der Delinquenten das Vorhandensein der Finnen und den Beginn der Umwandlung zu konstatieren. Ein anderer Forscher fand für mäßiges Geld einen armen Schlucker, der sich nach Anweisung den Bands wurm anaß; und endlich bewog die Liebe zur Wahrheit und Wissenschaft mehrere Zoologen, sich selbst als Versuchsmenschen aufs innigste mit Finnen und Bandwurm zu befreunden. Von der Einführung der Finne in den Magen bis zur Abstoßung der ersten reifen Glieder scheinen 3—3!/a Monate nötig zu sein. Sein Alter bringt der Bandwurm auf 10— 12 Jahre, ja bei gehöriger Pflege scheint er noch älter zu werden.
Ein zweiter den Menschen bewohnender Bandwurm ist Taenia saginata, der Am lang wird und dicker, stärker und beweglicher als der andere ist, mit dem wir uns eben beschäftigt. Zu unterscheiden sind sie sehr leicht, da der Kopf des T. saginata ohne Hakenkranz ist und also nur die vier sehr kräftigen Saugnäpfe trägt. Aber auch jedes reife Glied läßt ihn erkennen, indem der Eihalter 20-35 dicht nebeneinander laufende Seitenzweige hat. Die Verbreitung dieses Tieres scheint eine ebenso große wie die der anderen Art zu sein, ja es dürfte indem Maße, wie aus Trichinenfurcht der Genuß rohen Schweinefleisches ab:, der rohen oder halbgaren Rindfleisches aber zugenommen hat, in Deutschland wenigstens vergleichsweise häufiger geworden sein. Man wußte schon länger, daß die Abessinier sehr von einem Bandwurm geplagt würden und zwar nach den Berichten älterer und neuerer Reisenden infolge der Sitte, das Fleisch roh zu genießen. Die Mohammedaner und Europäer,
welche sich dieses Genusses enthalten, werden vom Bandwurm verschont, der sich sogleich einftellt, wenn fie die abessinische Gewohnheit mitmachen. Nun ist aber das Fleisch, welches die Abessinier genießen, kein Schweinefleisch, sondern dasjenige von Schafen und Rindern. Andere ärztliche Berichte, wonach Kinder nach dem Genuß geschabten Rindfleisches mit dem Bandwurm behaftet wurden, brachten Leuckart auf die Vermutung, die Finne der Taenia saginata wohne in den Muskeln des Rindes, und die darauf angestellten Versuche gaben den Beweis dafür. Vor dem Genuß rohen Rindfleisches muß daher ebenso nachdrücklich wie vor dem des Schweinefleisches gewarnt werden. Ganz finnige Rinder und Kälber scheinen sehr selten vorzukommen, wohl der Hauptgrund, warum der Blasenwurmzustand des hakenlosen Menschenbandwurmes bis vor wenigen Jahren verborgen bleiben konnte. Die Nahrungsweise der Wiederkäuer bringt es mit sich, daß sie der Gefahr des Verschlingens ganzer Bandwurmglieder mit Tausenden von Eiern viel weniger ausgesetzt sind. Um so größere Sorgfalt ist nötig. In Graz, wo ich früher lebte, ist Taenia saginata offenbar die häufigere Form des Bandwurmes; Schweinefleisch in Form von Wurst und Bratwurst, wie in Thüringen, ißt man wenig oder gar nicht, aber ein die Einfuhr jener Art im höchsten Grade begünstigendes Gericht ist gehacktes rohes Rindfleisch, bloß mit Gewürzen, Essig und Ol angemacht.
Außer Taenia solium und T. saginata sind noch vier weitere Tänien in ausgebildeter Form, in Bandwurmgestalt als Parasiten des Menschen beobachtet worden, über welche unsere Kenntnisse freilich nicht so erschöpfende wie über jene beiden Arten sind. Denn sie sind nur selten zur Beobachtung gekommen, einmal weil sie in außereuropäischen Ländern sich finden, dann aber, weil sie zum Teil nur als Irrgäste anzusehen sind.
Der kleine Bandwurm (Taenia nana) erreicht eine Größe von etwa 2 cm, und seine größte Breite beträgt bloß 0,5 mm. Am Kopfe hat er vier rundliche Saugnäpfe und einen einfachen Kranz von 22— 24 sehr kleinen Häkchen. Dieser Wurm wurde erst viermal beim Menschen mit Sicherheit nachgewiesen. Das eine Mal fand ihn Bilharz in Kairo in großer Menge im Dünndarm eines Knaben, und einen zweiten Fall machte Leuckart bekannt. Derselbe war in Belgrad in Serbien vorgekommen, wo ein Dr. Holac einem siebenjährigen Mädchen, dem Töchterchen armer Eltern, 50 Stück des Wurmes abtrieb. Welche Tiere der Taenia nana als Zwischenwirte dienen, wissen wir noch nicht. Leuckart bemerkt hierüber: „Der Umstand, daß es beide Male Kinder waren, die den Parasiten beherbergten, läßt vermuten, daß die Jugendform derselben durch Insekten oder Schnecken importiert sei. Nach der Angabe Hallichs soll in der Umgebung Belgrads eine kleine weiße Schnecke von den spielenden Kindern gern gegessen werden.“ Grassi beobachtete den Wurm zweimal in ausgebildetem Zustande bei zwei jungen Sizilianern (und zwar bei jedem derselben mehrere Tausend) und einmal seine Eier in den Abgängen eines Mädchens in Mailand. Die Gegenwart dieses Parasiten, der immer in Mengen auftritt, ist für den damit belasteten Patienten nicht unbedenklich: epileptische Krämpfe, Gedächtnisschwäche, Heißhunger, schließlich vielleicht sogar Meningitis bilden zusammen ein übles Krankheitsbild.
Eine weitere Art (Taenia flavopunctata) wurde von Weinland einmal sicher und ein anderes Mal zweifelhaft von Leidy in Nordamerika beobachtet; ein dritter Fall aus Italien ist noch unsicherer. Alle drei Fälle betrafen Kinder im Alter von 19 Monaten bis 3 Jahren und sind wahrscheinlich auch auf eine zufällige Infektion mit Insekten-Zwischenwirten zurückzuführen.
Davaine beschrieb eine dritte Tänienart (Taenia madagascariensis), welche gleichfalls bei Kindern zwischen 16 Monaten und 2 Jahren auf der Insel Mayotte angetroffen war, und ein weiterer Fall, welcher die Kinder eines in China lebenden Missionars betraf,
wurde von Leuckart bekannt gemacht. Da auch hier die Umstände so ähnlich wie bei der vorigen und vorvorigen Art liegen, ist eine Infektion durch den zufälligen Genuß mit Jugendformen besetzter Insekten wahrscheinlich. |