Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Zweite Ordnung.
Die Sonnentierchen (Heliozoa).
Seit Ausgang des vorigen Jahrhunderts sind kleine Inwohner des süßen Wassers bekannt, die man Sonnentierchen, gelegentlich wohl auch Süßwasserradiolarien nennt. Der erstere Name rührt von der äußeren Erscheinung dieser Wesen her: sie präsentieren sich unter dem Vergrößerungsglas (im sogenannten optischen Durchschnitt) als kleine runde Scheiben, von denen eine Anzahl langer, dünner Strahlen rings herum ausstrahlt, genau so wie naive Künstler die Sonne darzustellen pflegen. Untersucht man diese kleinen Geschöpfe näher, jo findet man, daß fie aus Broto-plasma bestehen, das durchaus nicht von gleichmäßiger Beschaffenheit ist, es zerfällt vielmehr auch hier in ein Ento- und ein Ektosark oder in eine Marksubstanz und eine Rindenschicht. Die erstere liegt manch: mal genau zentral, in der Regel aber exzentrisch in der letzteren, ist homogen und ziemlich flüssig und umschließt einen oder mehrere Kerne. Die Rindenschicht ist weniger stark lichtbrechend, zähflüssiger, bei manchen schaumig und beherbergt eine oder mehrere pulsierende Vakuolen sowie Nahrungsballen, Fetttröpfchen, Körnchen von Stärkemehl, grüne Körperchen und kleine, stark lichtbrechende Körnchen (aus oxalsaurem Kalk bestehende Ausscheidungsprodukte) in verschiedener Menge und Größe. Von diesem Körper der kleinen Sonne gehen nun nach allen Seiten Strahlen, Pseudopodien, aus, die dünn und lang, oft vier: mal jo lang wie der Durchmesser der Kör—
Ein Gittertierchen (Clathrulina elegans). 350 mal vergrößert perscheibe sind. Dieselben sind von einer gewissen Starrheit, die darauf zurückzuführen ist, daß sie von einem, in der Marksubstanz seinen Ursprung nehmenden hyalinen Achsenfaden gestützt werden, auf dem eine körnchenreiche Protoplasmahülle sich hin und her verschiebt. Diese Pseudopodien, die in manchen Fällen am freien Ende ein feines Knöpfchen tragen können, vereinigen sich nie zu Netzbildungen, es sind Axopodien. Über die von diesen Axopodien ausgehenden Bewegungserscheinungen der Sonnentierchen berichtet Eugene Penard: „Man kann dieselben dahin zusammenfassen, daß das Tier einige seiner Fäden von sich streckt, welche momentan ihre Starre verlieren, dann erstarren und den Körper nach sich ziehen, indem sie ihn ein wenig von oben nach unten wenden; andere
Fäden ersetzen die ersten und ziehen ihrerseits, so daß im Laufe des Phänomens das Tier wie ein Ball auf der Tafel rollt und dies zuweilen so schnell, daß es wie eine Spinne zu laufen scheint. Es finden sich in dieser Hinsicht große Verschiedenheiten von Art zu Art, und während Ciliophrys sicher amöboid ist, und Actinophrys sich nur sehr langsam fortbewegt, können die Akanthocysten (s. untenstehende Abbildung) in der Minute einen Weg durchlaufen, welcher das Zwölffache ihres Durchmessers beträgt. Bei Actodiscus Saltani habe ich die Bewegungen am lebhaftesten gesehen; dieses kleine Wesen tanzt zur Rechten und zur Linken, vorwärts und zurück mit einer außerordentlichen Beweglichkeit, und um ihm zu folgen, muß man beständig die Stellung des Mikroskops verändern. „Man glaubt gewöhnlich, daß die Pseudopodien eine sehr aktive Rolle bei der Ergreifung der Beute spielten; indessen kann man jagen, daß diese Rolle nur eine sekundäre
Acanthocystis turfacea. Stark vergrößert.
it. Sobald ein kleiner Organismus mit den Pseudopodien verklebt ist, ziehen fich die letzteren in Wirklichkeit zusammen und nähern so die Beute dem Körper; indes nähert sich die Beute meist von selbst dem Ektosark, und dieses sendet dann eine amöboide Verlängerung aus, öfters in Form eines Kegels, welche nach und nach die Beute umgibt und in das Innere des Körpers einzieht.“
Skelettbildungen sind bei Heliozoen sehr allgemein verbreitet. Im einfachsten Falle bestehen dieselben aus einer dicken Schleimschicht, die sich auf ihrer Oberfläche durch Fremdkörperchen, Quarzkörnchen ꝛc. zu einer Art von Panzer verstärken kann (Lithocolla). Häufig sind diese Skelettelemente kieseliger Natur und liegen radiär oder tangential und sind bisweilen im ersteren Falle am freien Ende gegabelt. In anderen Fällen stellt das Skelett, ähnlich wie bei Radiolarien, eine von großen runden Offnungen durchbrochene
Kapfel dar, wie beim Gittertierchen (Clathrulina elegans, s.. S. 688).
Brehm, Tierleben. 3. Auflage. X.
Dieses ist außerdem eine mit einem aus verhärtetem Plasma, wie es scheint, bestehenden Stiel festgewachsene Form, während die meisten freilebend sind, wie das bekannteste und am weitesten verbreitete Strahlenkugeltierchen (Actinosphaerium Eichhorn).
Manche Arten bilden gelegentlich Kolonien. So trägt das Gittertierchen einen oder mehrere Artgenossen auf seiner Schale angesiedelt, und vom Sonnentierchen (Actinophrys sol) können eine ansehnliche Zahl von Individuen (10—20) sich vereinigen und gewissermaßen zu einer Masse verschmelzen. Zur Fortpflanzung dürfte eine derartige Vereinigung in keiner Beziehung stehen, denn in der Regel trennen sich die vereinigt gewesenen Sonnentierchen wieder, ohne, weder an ihrem Kerne, noch sonst an ihrem Leibe, die geringste Veränderung zu zeigen. Vereinigung zweier Individuen, namentlich eines größeren kernhaltigen mit einem kleineren kernlosen, sind sehr häufig. Das größere frißt gewissermaßen das kleinere, das aber bei diesem Akte nicht zu Grunde geht, denn sein Protoplasma, das in allen Stücken dem des größeren gleicht, wird diesem lebendig einverleibt und bleibt mit ihm lebendig. Die Heliozoen pflanzen sich durch Teilung fort. Dabei zerfällt ein Individuum ent: weder, nach vorhergegangener Teilung des Kerns, in zwei Teile (Teilung im eigentlichen Sinne des Wortes), oder es lösen sich kleinere Stückchen ab (Knospung). Von Clathrulina kennt man eine zweifache Art der Fortpflanzung. Im ersten Falle teilt sich der Weichkörper innerhalb der Gitterkugel in zwei Hälften. Die eine bleibt im Besitz des Gehäuses, die andere drängt sich durch eine der Maschen heraus und verwandelt sich nach Verlauf etwa einer Stunde durch Ausscheidung von Schale und Stiel aus dem nackten Zustande in den der vollkommenen Clathrulina. Gerade bei dieser Art der Vermehrung mag es häufig vorkommen, daß die auswandernde Hälfte sich auf der Mutterhälfte festsetzt.
Im anderen Falle gibt der Weichkörper das Material zu einer größeren Anzahl, 8— 10, von Teilsprößlingen, die sich innerhalb der Gitterkugel je mit einer harten Hülle umgeben, dann aus dieser ausschlüpfen und die Gitterkugel verlassen. Sie sind nun mit Wimperorganen versehen, doch dauert das Schwärmstadium nicht lange.
Im Herbst ziehen die Heliozoen ihre Pseudopodien ein, umgeben sich mit einer Gallertkapsel, und ihr Inhalt zerfällt dann in eine Anzahl Teilstücke, welche je einen Kern enthalten und auch eine zarte Hülle besitzen. Im Frühjahr wird die Kapsel gesprengt und die junge Brut schwärmt aus. Die Sonnentierchen bewohnen süßes oder brackiges Wasser und ziehen klares dem trüben und unreinen vor. Am sichersten findet man sie in Tümpeln der Laubwaldungen, deren Boden mit alten Blättern bedeckt ist, oder in Lachen der Torfgruben. Auf Kalkboden find fie selten. Sie fressen, was ihnen Genießbares vorkommt und was sie bewältigen können, von den Diatomeen bis zum Rädertiere.
Dritte Ordnung.
Die Kammerlinge (Foraminifera).
An die weiter oben beschriebenen Gromien als die einkammerigen, d. h. mit einem einfachen Gehäuse versehenen Wurzelfüßer Monothalamia, reihen sich die äußerst zahlreichen vielkammerigen, die Polythalamia. Ihr Gehäuse, meistens aus Kalk, bei einigen Sippen auch aus Kiesel bestehend, setzt sich aus mehreren oder zahlreichen Kammern zusammen, die meist auch äußerlich angedeutet find. Aus der verschiedenen Art der Anordnung und Verbindung geht die äußerst verschiedene Form der Schale hervor. Bei
einigen Familien liegen die Kammern in gerader Linie hintereinander, bei anderen bilden sie ein unregelmäßiges Konglomerat, bei den meisten Son fie zierlichen Schneckenhäusern. So sehen wir z. B. die fossile Guttulina communis mit nur wenigen sich vergrößern— C den Kammern einen Umgang bilden. Eine Offnung zum Austritt der Fortsätze ist nur an der letzten Kammer sichtbar; im Inneren sind jedoch die Kammern durch ähnliche Offnungen verbunden.
Sehr zierliche Formen ergeben sich durch spiralige Anordnung nach Art der Nautiliten Guttulina communis. a), b), e) von verschiedenen Seiten. Vergrößert. und Ammoniten, wie solches beispielsweise die ebenfalls fossile Dendritina zeigt. Auch diese Sippe gehört zu der Abteilung mit einer Offnung in der letzten Kammer. Zahlreich sind aber solche, wo die Wände aller Kammern von feinen Löchern durchbohrt sind, aus denen die veränderlichen Fortsätze durchtreten und von welcher Eigenschaft der ganzen Abteilung auch der Name Foraminiferen (von foramen, Offnung, Loch) gegeben ist.
Löst man die Kalkschale vorsichtig in verdünnter Säure auf, so gelingt es mitunter, den Weichkörper im Zusammenhange zu erhalten. Mein Kollege F. E. Schulze in Graz (jebt in Berlin) hat mich mit einem ausgezeichneten Präparat von Polystomella striatopunctata beschenkt, welches nach der Zeichnung (vergleiche die nachstehende Abbildung) des Professor Götte uns vorliegt. Das Protoplasma füllt alle Kam: mern aus, und Fortsätze und feine Fäden (Stolonen) erstrecken sich von Kammer zu Kammer. In einer Kammer ist auch ein derDendritinaSeite, b) vonelegansvorn. Vergrößert.a) von deutlicher Kern (a) enthalten. In anderen Fällen wurden mehrere Kerne beobachtet. Das Ganze ist nicht als eine einem Polypenstock vergleichbare Kolonie, sondern als ein Organismus, eine Person anzusehen. In der Größe wechseln diese Geschöpfe von /10 mm Durchmesser bis zu dem eines Fünfmarkstückes. Diese größeren Formen gehören jedoch alle nur einer vorweltlichen Familie, den Nummuliten, an. Doch gibt es auch in der Gegenwart noch Arten von 30 mm Durchmesser.
Wenn von diesen Polythalamien gegen 2000 Arten beschrieben sind, fossile und lebende, so wird man künftig diese Zahl bedeutend reduzieren können und müssen, indem sich schon jetzt herausgestellt hat, daß viele der vermeintlichen selbständigen Arten und Schalenformen sich in Reihen ordnen mit ganz allmählichen Übergängen.
Hierzu kommt noch, daß manche Arten, besonders die mit vielen Kammern auf verschiedenen Altersstufen ein; verschiedenes; Aussehen haben — Weichkörper0 eder Polystomella00 mal beratoherkstriato-nicht nur, daß die Kammer in dem Maße, wie fie | sich anlegen, größer werden, weithin die jüngste immer die größte ist, es treten auch noch anderweitige Komplikationen auf, wie uns die Abbild. S. 692, Fig. 3, zeigt. Dieselbe stellt 44*
einen radiären Durchschnitt durch Orbitolites complanata dar und ist eine Abhandlung des ausgezeichneten englischen Foraminiferenkenners William Carpenter entnommen. Von den (in der Figur) aufeinander folgenden Zonen find die 5 ersten (m m! m? m? m-), die auf die um die Zentralkammer (p) gelegene Ringkammer (e c) folgen, gleich gebaut und gehören genau zu dem Typus der Architektur der Kammern, den Orbitolites marginalis überhaupt aufweist: sie haben nur je eine einzige Kommunikationsöffnung mit den benachbarten Kammern links und rechts (a) und vorn (r). Dann folgen drei Zonen (d d! de), in denen jede Kammer zwar auch nur je eine Kommunikationsöffnung nach rechts und links, aber zwei zum Durchtritt der Stolonen nach vorn hat. Der Bau dieser Kammern ist charakteristisch und bleibend für Orbitolites duplex. In den Kammern der beiden nächsten Zonen
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ROTORLT ROSSICURRYANNO
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Orbitolites complanata, I) von oben, 2) im Querschnitt; natürl Größe. 3) Linke Hälfte eines Querschnittes; vergrößert.
(e und en) find aber auch die seitlichen Kommunikationsöffnungen (ac ac!) verdoppelt, aber der mittlere Teil (n) der Kammern hängt noch mit dem oberen (s) und unteren (s)) frei zusammen: auf diesem Standpunkte blieb die Orbitolites complanata des Tertiärs von Paris zeitlebens, aber bei der modernen (f f fe 5) sehen wir, daß der Raum n gegen s und su durch vorspringende Böden, bis auf je eine kleine Offnung zum Durchtritt eines Stolo, abgeschlossen ist. In den letzten Umgängen endlich wölbt sich der Raum n fo weit vor, daß er mit s und s! alterniert zu liegen kommt. Das ist die Architektur der mehr peri-pherisch gelegener Kammern der Schale bei der modernen Orbitolites complanata. Orbitolites marginalis, duplex und complanata bilden mithin eine Reihe, und es läßt sich nicht entscheiden, ob man es gegebenen Falls mit einer ausgewachsenen marginalis oder einer jungen complanata zu thun hat.
Über Fundorte und Vorkommen der lebenden Mono- und Polythalamien (s. Abbild. S. 693) sagt Max Schultze: „Die erstaunungswürdige Menge von Rhizopodenschalen im Meeressande mancher Küsten hat schon viele Bewunderer gefunden. Janus Plancius zählte im Jahre 1739 mit Hilfe schwacher Vergrößerungen 6000 in einer Unze Sand von Rimini am Adriatischen Meere, und d'Orbigny gab die Zahl derselben in der gleichen Menge Antillensand auf 3,840,000 an. Von einem an kleineren Schalen äußerst reichen Sande von