Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Orbitolites. Polystomella.
Molo di Geata schied ich mittels eines feinen Siebes alle über eine Zehntellinie großen Körnchen ab. Das Zurückgebliebene bestand, wie die mikroskopische Untersuchung zeigte, Polystomella strigillata. 200mal vergrößert. etwa zur einen Hälfte aus wohlerhaltenen Rhizopodenschalen, zur anderen aus Bruchstücken mineralischer und organischer Substanzen, ein Verhältnis, wie es auch nach d’Orbignys Angaben kaum irgendwo günstiger gefunden wird. In einem Zentigramm dieses feinen
Sandes zählte ich 500 Rhizopodenschalen, das sind auf die Unze, zu 30 Gramm gerechnet, 1,500,000. Die Zahl d'Orbignys ist demnach als weit übertrieben zu beseitigen. „Hat man den Reichtum des Küstensandes an Polythalamienschalen erkannt, so liegt es nahe, unfern der Küste auf dem Grunde des Meeres nach lebenden Exemplaren zu suchen. Bei Ancona, wo im Hafen, wie längs der nördlichen flachen Küste ein stellenweise an solchen Schalen sehr reicher Sand den Meeresboden bedeckt, habe ich bis zu 20 Fuß tief an vielen Stellen kleinere Mengen desselben gesammelt und in Gläsern längere Zeit aufbewahrt; jedoch nie erhob sich aus dem Bodensatze ein lebendes Tier an der Glaswand kriechend, und die Untersuchung des Sandes zeigte, daß nur wenige der zahlreich vorhandenen Schalen noch Reste einer organischen Erfüllung enthielten. Als ich jedoch auf einer mit Algen bedeckten kleinen Felseninsel südlich vom Hafen nur wenige Fuß unter der Oberfläche des Wassers, ja selbst an Stellen, die zur Zeit der Ebbe fast trocken lagen, mit einem feinen Netze schabend fischte, dann durch Schlämmen des erhaltenen Gemisches von tierischen und pflanzlichen Teilen das leichter Suspendierbare entfernte und den übrigen Sand im Glase ruhig stehen ließ, sah ich schon nach einigen Stunden zahlreiche Rhizopoden an den Glaswänden in die Höhe kriechen, und die Untersuchung des Bodens zeigte fast sämtliche Polythalamien mit organischer Erfüllung und lebend. Ahnliche Erfahrungen machte ich auch bei Venedig. Die Untersuchung des Lidosandes | führte mir, auch wenn derjelbe in einiger Entfernung von der Küfte gesammelt war, nie ein lebendes Exemplar in die Hände, während der mit Algen durchwachsene Lagunenschlamm, nachdem er von den leicht zersetzbaren organischen Resten gereinigt war, mir zahlreiche lebende Rotalien, Milioliden und Gromien lieferte. Die Rhizopoden des Meeres scheinen demnach zu ihrem Aufenthalte am liebsten solche Stellen zu wählen, wo ihnen durch eine reiche Vegetation Schutz vor dem Andrange der Wellen, und ihren zarten Bewegungsorganen eine sichere Stütze zum Anheften geboten ist. Hier finden sie zugleich an den, den größeren und kleineren Seepflanzen stets anhaftenden Diatomen und Infusorien eine reichliche Nahrung.“ Der Lieblingsaufenthalt sehr vieler Polythalamien sind Schwämme aller Art, wo ihnen Schutz und Nahrungszufuhr in noch höherem Maße gewährt sind.
Ehrenberg hat schon vor mehreren Jahrzehnten viele Hunderte von Schlammproben untersucht, die ihm von allen Meeren gesammelt worden waren, unter anderen auch aus den Tiefen von 10— 12,000 Fuß, die bei den Lotungen zur Kabellegung erreicht wurden. Fast regelmäßig bilden die Polythalamienschalen davon einen bedeutenden Prozentsatz, was nach ihrem massenhaften Vorkommen an seichten Uferstellen nicht befremden kann. Der Berliner große Naturforscher fand häufig in solchen mit dem Lot emporgehobenen Schalen Reste des weichen tierischen Körpers und glaubte daraus schließen zu dürfen, daß die Tiere wirklich „dort unten“ lebten und durch ihre massenhafte Vermehrung an Ort und Stelle zur allmählichen Ausgleichung der untermeerischen Thäler beitrügen.
Die neueren sorgfältigen Untersuchungen über die Tiefen und die Beschaffenheit des Tiefseebodens haben die außerordentliche Beteiligung der Polythalamienschalen an der Bildung des Tiefseeschlammes von den arktischen bis zu den antarktischen Zonen bestätigt. Außer anderen Gattungen, die einen geringeren Prozentsatz liefern, kommen besonders Globigerina und Orbulina in Betracht, die ersteren aus Kugeln von zunehmender Größe zusammengesetzt (s. Abbild. S. 695), letztere eine einzige regelmäßige Kugel bildend. Ihre Schalenreste kommen über Tausende von Quadratmeilen des Meeresgrundes in solchen Massen vor, daß sie einen charakteristischen Hauptbestandteil des Bodensatzes bilden, jo daß man schlechthin von „Globigerinengrund“ und „Globigerinenschlick““ spricht.
»Mit „Schlick“ sei das englische Wort „ooze“ übersetzt, während „mud“ Schlamm, „clay“ Thon bedeutet.
Die Naturforscher der Challenger-Expedition haben diesem außerordentlich wichtigen und interessanten Gegenstand ihre besondere Aufmerksamkeit gewidmet, und so verdanken wir den Bemühungen besonders der Herren Murray und Wyville Thomson die Aufschlüsse, über die der letztere der Versammlung der englischen Naturforscher im Herbst 1876 Mitteilung machte. Wir lassen ihn etwas weiter ausholen; er berichtet: „Die mittlere Tiefe des Ozeans beträgt etwas über 2000, wahrscheinlich gegen 2500 Faden. Ein großer Teil des Meeres ist etwas weniger tief, und eine Tiefe von 2000 Faden scheint häufig zu fein. Wo fie auf 2500—3000 Faden sich beläuft, hat man sich wohl unterseeische Thalmulden zu denken, mit Ausnahme des nördlichen Teiles des pacifischen Ozeans, wo sich ungeheure Strecken Tiefwassers von oft über 3000 Faden befinden. Ein großer Teil des Nordens des Atlantischen Ozeans besitzt eine Tiefe von etwa 2000 Faden; doch erstreckt sich ein mittlerer Rücken von Südgrönland an, zu welchem die verschiedenen Inselgruppen und Eilande bis zu Tristan d'Acunha und wahr: scheinlich darüber hinaus gehören. Im Südatlantischen Ozean fällt dieser Rücken, die sogen. Dolphin— Bank (Dolphin Rise), zu Ehren des amerikanischen Schiffes, welches sie zuerst vermaß, jederseits zumeist über 3000 Faden ab, und diese Vertiefungen laufen deutlich den Achsen von Südamerika und Afrika parallel. Nun ist dieser in allgemeinsten Umrissen nach seiner Tiefe charakterisierte | 4
Meeresboden mit gewissen Ab⸗ Schalen von Globigerina. Stark vergrößert. lagerungen bedeckt. Der gesamte Seeboden, soweit wir ihn haben kennen lernen, empfängt allmählich gewisse Anhäufungen und diese vergrößern sich zu Bildungen, die als die Felsschichten der Zukunft anzusehen sind. Die Geologie hat uns gelehrt, daß das gesamte trockene Land von heute, mit Ausnahme gewisser vulkanischer Gesteine, aus geschichteten, einst am Boden des Meeres abgesetzten Lagern besteht. Wir wissen, daß die Bestandteile dieser Schichten bis zu einem gewissen Maße von der allmählichen Zerstörung des Landes herrühren, und wir betrachten den Ozean als den großen Bewahrer und Wiederhersteller des Materials, welches künftig Inseln und Festlande bilden wird, wenn der Meeresboden sich einst einmal über den Meeresspiegel erheben wird. Die gesamte Fläche des Seegrundes empfängt solche Ablagerungen, und es war eine der großen Aufgaben der Challenger-Fahrt, festzustellen, aus was jene Absätze bestehen, unter welchen Bedingungen sie vor sich gehen, und in welchem Verhältnis diese neueren Ablagerungen zu den alten stehen, welche die festen Eindrücke bilden. Mit Rücksicht auf die angedeuteten allbekannten Erscheinungen waren wir nicht erstaunt, zu finden, daß die Landtrümmer sich einige hundert (engl.) Meilen weit hinein in das Meer erstreckten. Wir fanden also lehmartige Schichten und verschiedene Ablagerungen, welche sich nach dem Materiale, von welchem sie herkamen, unterschieden und die Überreste von solchen Tieren enthielten, die an den Stellen leben, wo die Ablagerungen zu Boden gesunken waren. Kurz, wir fanden bis zu einer gewissen
Entfernung vom Lande solche Ablagerungen, welche zum größten Teile aus jenem bestimmten Küstenmaterial bestehen. „Schon vor vielen Jahren, noch vor der Sondierung behufs der Legung des atlantischen Kabels, hatte man in Erfahrung gebracht, daß ein großer Teil des Bodens des nördlichen Teiles des Atlantischen Meeres aus einer Ablagerung bestände, die wir jetzt unter dem Namen des Globigerinenschlickes kennen. Sie wird gebildet aus den Schalen kleiner Foraminiferen, vorzugsweise der einen Gattung Globigerina angehörig. Im trockenen Zustande hatte der Schlick ungefähr das Aussehen eines feinen Sago, und die kleinen, sich voneinander ablösenden Schalen zeigten, daß die Ablagerung fast aus: schließlich aus ihnen gebildet wurde. Wenn man durch eine besondere Vorrichtung etwas tiefer liegende Bodenmasse herauf holte, fand es sich, daß die Globigerinenschalen zer: brochen und so aneinander gebacken waren, daß sie einen fast gleichförmigen Schlick bildeten. Darin waren jedoch noch viele unversehrte Schalen und erkennbare Schalenstücke. Die ganze Masse bestand fast nur aus kohlensaurem Kalk, und das einzige, möglicherweise daraus hervorgehende Gestein könnte nur ein Kalk sein. Man schloß also, daß über eine weite Strecke des nordatlantischen Gebietes und über viele andere Teile der Erdoberfläche solcher Kalkstein abgelagert worden sei. Andere Beobachtungen zeigten, daß die Kreide aus fast demselben Material zusammengesetzt sei, und die Übereinstimmung zwischen der noch jetzt fortdauernden Ablagerung und der Kreide erschien unabweislich. Wir hatten während der Reise des ‚Challenger‘ oft Gelegenheit, diese Kreide von heute herauf zu holen, und die uns immer beschäftigende Frage war eine von denen, welche schon vor unserer Abreise aufgestellt worden waren. „Wo leben diese Geschöpfe? Leben sie auf dem Seegrunde oder leben sie an der Oberfläche, von wo nach ihrem Tode die Schalen auf den Boden fallen? Bis in die neuere Zeit hatte man nur einige wenige dieser Wesen an der Oberfläche lebend gefunden, und der allgemeine Eindruck war, daß sie am Grunde lebten, wo man ihre Schalen fand. Einer meiner Reisebegleiter, Murray, wendete seine besondere Aufmerksamkeit der Beschaffenheit des vom Meeresboden heraufgeholten Materiales zu, seiner Zusammensetzung und der Erforschung der Quellen, von denen es herrührt. Er arbeitete sowohl mit dem Schleppnetze als mit dem Sondierungsapparat und kam zu einem bestimmten Schlusse, einem Resultat, in welchem wir vollständig mit ihm übereinstimmen. Zieht man das Netz an der Oberfläche hin, und noch mehr, wenn man es einige Faden, ja sogar bis auf 100 Faden sinken läßt, jo fängt man eine ungeheure Menge solcher lebender Foraminiferen, welche den Globigerinenschlick bilden. Die Globigerinen selbst sind in vielen Meeren äußerst häufig, und ihr charakteristisches Aussehen ist völlig verschieden von dem der am Grunde liegenden Schalen, so daß nach meiner Ansicht nicht der geringste Zweifel sein kann, daß diese Foraminiferen in der Nähe der Oberfläche leben, und daß die ganze den Boden zusammensetzende Schalenmasse von oben stammt. Die Schalen, wie wir sie am Grunde finden, sind kleine, aneinander backende Kügelchen, mit rauher Oberfläche und mit mikroskopischen Löchern durchbohrt. Ihre Höhlung enthält eine rötliche Masse, die man für den Überrest des tierischen Leibes zu halten geneigt war. An der Oberfläche gefangen, hat die Globigerine zwar dieselbe Form der Schale, letztere aber ist nicht weiß und undurchsichtig, sondern vollkommen farblos und durchsichtig. Jede Pore ist von einem sechsseitigen kleinen Wall umgeben, auf dessen Ecken je ein langer Stachel sich erhebt, so daß die Schale nach allen Richtungen von Stacheln starrt, die in dem Mittelpunkte jeder Kammer zusammentreffen. Das Protoplasma, die lebende Substanz der Globigerinen, dringt aus den Offnungen heraus und läuft längs der Dornen bis zu deren Enden, wo es die ihm begegnenden Nahrungsteilchen in sich aufnimmt. Die Globigerinen
scheinen gerade so schwer als das Wasser zu sein, indem ihr Gewicht durch Oltröpfchen in ihrem Inneren ausgeglichen wird. Sie schwimmen in Myriaden an der Oberfläche, während die absterbenden Individuen zu Boden sinken. Weil man sie also in jo un: geheuern Mengen lebend in der Nähe des Wasserspiegels findet, während nie eine in diesem Zustande am Boden angetroffen wird, kann wohl nicht daran gezweifelt werden, daß der Globigerinenschlick lediglich eine Anhäufung toter Schalen der an der Oberfläche oder in mäßiger Tiefe lebenden Wesen ist. Wenn sich dies so verhält, sollte man erwarten, daß die von ihnen herrührende Ablagerung sich so weit erstrecke, als sie selbst vorkommen. Sonderbar genug ist dies nicht der Fall, und dies ist eine der merkwürdigsten durch die Challenger-Erpedition festgestellten Thatsachen. Gehen wir bis zu einer Tiefe von gegen 2000 Faden, so finden wir, daß die Schalen wie angefressen und gelblich aussehen, sie sind nicht mehr so weiß und durchscheinend wie von seichterem Grunde, und bei einer Tiefe von 2500 Faden und darüber findet man gar keine Schalen mehr, sondern der Boden besteht aus einem gleichförmigen roten Thon, der keinen kohlensauren Kalk enthält. Da nun ein sehr großer Teil des Ozeans über 2000 Faden tief ist, so ist auch wahrscheinlich der bei weitem größte Teil des Meeresgrundes mit dem roten Thon und nicht mit jenen Kalkbildungen bedeckt. Es entsteht nun die Frage, wie es möglich ist, daß die Kalkablagerung bei einer gewissen Tiefe dem roten Thone Platz machte. Ohne Zweifel hat die Kalkablagerung nicht stattfinden können, indem der kohlensaure Kalk der Globi: gerinenschalen auf die eine oder andere noch nicht klare Weise aufgelöst wurde. Dies findet beim Überschreiten einer gewissen Tiefe statt, und wir haben nun den roten Thon. Woher kommt nun aber der letztere? Der rote Thon besteht aus kieselsaurem Thon und Eisen. Diese Körper finden sich in dieser eigentümlichen Zusammensetzung durchaus nicht in anerkennenswerter Menge in den Schalen.“ Doch wir geraten hier in chemische Untersuchungen, welche uns zu weit von unserem Thema abführen, und die wir um so weniger verfolgen wollen, als die Ursachen dieser Erscheinung noch lange nicht aufgehellt sind.