Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Körper (hier die Oberfläche des Glases) gefunden haben, an welchem sie sich in die Länge ausdehnen, indem aus dem Inneren der Schale nur Masse nachfließt. Die ersten Fäden sind äußerst fein, bald entstehen jedoch auch breitere, die wie die ersten in schnurgerader Richtung schnell an Länge zunehmen, auf ihrem Wege sich oft unter spitzen Winkeln verästeln, mit nebenliegenden zusammenfließen, um ihren Weg gemeinschaftlich fortzusetzen, bis fie, allmählich immer feiner werdend, eine Länge erreicht haben, welche die des Tier-körpers um das Sechs- bis Achtfache übertrifft. Haben sich die Fäden auf diese Weise von der vor der Schalenöffnung nach und nach angehäuften größeren Masse fein⸗ eeeeeeeeeeeukörniger, farbloser, kontraktiler Substanz nach allen Richtungen ausge: streckt, so hört das Wachsen der Fäden in die Länge allmählich auf. Dagegen werden jetzt die Verästelungen immer zahlreicher, es bilden sich zwi: schen den nahe bei einander liegenden eine Menge von Brücken, welche bei „„ fortwährender Ortsveränderung all fi ai mählich ein proteisch veränderliches ee Maschensystem darstellen.“ Ich schalte e hier ein, daß, wenn das Tier bequem e 8 liegt und Zeit hat, es allmählich die 5 1 77 in ganze Außenfläche der Schale mit 1 va or einer dünnen,oft netzförmig durch⸗ F NN i 70 N. brochenen Schicht der beweglichen 6 N N ER. Masse umkleidet. „Wo an der Peri⸗ HAN er pherie des Sarkodenetzes, wie wir das . A * * zarte Gewebe nennen wollen, sich 1 I N ne Ban mehrere Fäden begegnen, bilden sich 163 J N AN 5 a * aus der stets nachfließenden Substanz 4 K„ I oft breitere Platten aus, von denen „ W wieder nach mehreren Richtungen neue
Ai Kun { Fäden ausgehen. Betrachtet man die
DENE Fäden genauer, jo erkennt man in und me an denselben strömende Körnchen,
Eiförmige Gromie (Gromia oviformis). 600mal vergrößert. welche, aus dem Inneren der Schale hervorfließend, längs der Fäden ziemlich schnell nach der Peripherie vorrücken, am Ende der Fäden angekommen umkehren und wieder zurückeilen. Da gleichzeitig jedoch immer neue Kügelchenmassen nachströmen, so zeigt somit jeder Faden einen hin- und einen rücklaufenden Strom. In den breiten Fäden, die zahlreiche Kügelchen enthalten, lassen sich die beiden Ströme stets gleichzeitig erkennen, in den feineren jedoch, deren Durchmesser oft geringer als der der Kügelchen ist, sind diese seltener. Dieselben erscheinen hier auch nicht im Inneren des feinen hyalinen Fadens eingebettet, sondern laufen auf der Oberfläche desselben hin. Kommt ein solches Kügelchen auf seinem Wege an eine Teilungsstelle des Fadens, so steht es oft eine Zeitlang still, bis es den einen oder den anderen Weg einschlägt. Bei brückenförmigen Verbindungen der Fäden fließen auch die Kügelchen von einem zum anderen über, und da begegnet es nicht selten, daß ein zentrifugaler Strom von einem zentripetalen erfaßt und zum Umkehren
gezwungen wird. Auch im Inneren eines breiteren Fadens beobachtet man zuweilen ein Stillstehen, ein Schwanken und schließliches Umkehren einzelner Körperchen. „Die Fäden bestehen aus einer äußerst feinkörnigen Grundmasse. Ein Unterschied von Haut und Inhalt existiert an denselben nicht. — Die regelmäßig auf- und absteigende Bewegung der Kügelchen läßt sich nur erklären als hervorgebracht durch das Hin- und Zurückströmen der aus dem Inneren der Schale stammenden, fließendem Wachs zu vergleichenden, homogenen kontraktilen Substanz, welche in der einen Hälfte jedes Fadens eine zentrifugale, in der anderen eine zentripetale Richtung verfolgt und natürlich die größeren Kügelchen, welche uns allein von der Gegenwart einer solchen Bewegung in Kenntnis setzen, mit sich führt. „Stoßen die Fäden auf ihrem Wege an irgend einen zur Nahrung brauchbar erscheinenden Körper, eine Bacillarie (einzellige Kieselalge), einen kürzeren Oszillatorienfaden, so legen sie sich an denselben an und breiten sich über ihm aus, indem sie mit benachbarten zusammenfließen. So bilden sie eine mehr oder weniger vollständige Hülle um denselben. In dieser, wie in den Fäden, hört die Strömung der Kügelchen jetzt auf. Die Fäden krümmen und verkürzen sich, fließen bei diesen Bewegungen immer mehr zu einem dichten Netz oder zu breiteren Platten zusammen, bis die beuteführende Masse der Schalenöffnung nahe gekommen ist und schließlich in dieselbe zurückgezogen wird. Ganz ähnliche Erscheinungen beobachtet man auch, wenn die Fäden aus irgend einem anderen Grunde sich zurückziehen. Die regelmäßigen Körnchenströme stehen still, die Fäden krümmen sich, indem sie von dem Glase, an dem sie sich festgeheftet hatten, loslassen, fließen häufiger als vorher zusammen und gelangen endlich als unförmige, zersetzter organischer Substanz ähnlich sehende Masse zur Schalenöffnung, in welche sie langsam aufgenommen werden.“
Diese Beschreibung der veränderlichen, fließenden Fortsätze, welche, einem Wurzelgeflecht gleichend, der ganzen Klasse den Namen der Wurzelfüßer (Rhizopoda) verschafft haben, ist in allen Zügen wahr. Wir entnehmen also daraus, daß bei ihnen eine und dieselbe formlose Substanz für die Bewegung, Ernährung und Empfindung sorgt. Die von fremden Körpern berührten veränderlichen Fortsätze ziehen sich zusammen, sie werden als Fühlfäden vorgestreckt. Das Maß der Empfindung, welche sie vermitteln, kann man sich allerdings nicht gering genug vorstellen, indem mit der Vereinfachung der ganzen Organisation sich auch die Grenzen zwischen einer, wenn auch noch so schwachen Empfindung und einer bloßen Reizbarkeit vermischen. Im Inneren der Schale unserer Gromie ist auch nur kontraktile Masse enthalten. Es pflegen veränderliche Blasenräume darin aufzutreten, und regelmäßig findet man im Hintergrunde der Schale einige kugelige Kerne, die wohl in näherer Beziehung zur Vermehrung stehen.
Erste Ordnung.
Die Strahlinge (Radiolaria).
Keine Rhizopodengruppe, ja keine Tiergruppe, mit Ausnahme etwa der Insekten, ist reicher an schönen Formen und mannigfaltigen Gebilden als die Strahlinge (Radiolaria), die ihrem Bau nach in gewissem Sinne die am höchsten stehenden Urtiere genannt werden müssen. Ihr Körper besteht aus zwei Hauptteilen: der Zentralkapsel und der Außenmasse. Erster ist der Kern des einzelligen Tieres und viel kleiner als die Außenmasse. Sie ist von einer feinen Haut umhüllt, die meist schon sehr früh in der Entwickelung
auftritt und sich zeitlebens erhält, bei einigen indessen erst unmittelbar vor der Fortpflanzung erscheint. In der Zentralkapsel findet sich zunächst eine zweite dünnwandige Kapsel, die Binnenblase, der Kernkörper der Zelle, die aber auch durch mehrere solide Kerne vertreten sein kann. Weiter umhüllt die Zentralkapsel außer Protoplasma auch noch mit wasserheller Feuchtigkeit gefüllte Hohlräume (Vakuolen), Oltröpfchen, Pigmentkörperchen, kristallähnliche, aber organische Gebilde (sogenannte Kristalloide) und echte Kristalle. Letz tere sind freilich selten; sie sind himmelblau und bestehen aus schwefelsaurem Strontian oder Cölestin, eine in der ganzen Tierwelt einzig dastehende Thatsache. Diese Zentral: kapsel ist in der That das Zentralorgan des ganzen Strahlinges und vermittelt, soweit wir wissen, abgesehen von der auch vorkommenden Teilung, die Fortpflanzung, wenigstens bei solchen Formen, die statt der Binnenblase homogene Kernkörperchen haben. Diese wirken bei beginnender Fortpflanzung als Anziehungsherde auf das umgebende Protoplasma, das sich um sie in Gestalt ovaler Massen ansammelt, eine zarte Hülle und eine einzige lange Geißel erhält, bisweilen auch eines jener erwähnten Kristalloide, die überhaupt Reservenahrstoffe für die junge Brut zu sein scheinen, einschließt. Hat die junge Brut diese Beschaffenheit erreicht, so sprengt sie die Zentralkapsel und schwärmt als Sporen, die nach und nach zu Radiolarien heranwachsen, aus.
Die Kapselhaut wird entweder von zahlreichen, sehr feinen Poren oder von mehreren (meist drei) größeren oder einer großen Offnung durchsetzt. Durch diese Offnungen kommuniziert der Inhalt der Zentralkapsel mit der umgebenden Außenmasse. Auch diese ist durchaus nicht einfach gebaut, sie zeigt vielmehr eine dreifache Schichtung. Zu innerst, unmittelbar der Zentralkapsel auf und mit ihrem Inhalt, wie erwähnt, durch die Offnungen derselben im Zusammenhang liegt eine körnerreiche, zähflüssige Schicht, der Mutterboden (Sarcomatrix). Auf diese folgt eine zweite, weit mächtigere, wasserreiche, eiweiß⸗ oder gallertartige, gleichmäßige oder durch zahlreiche Hohlräume (Alveolen) schaumige, die Decke (Calymma), welche wohl nur ein Absonderungsprodukt des übrigen äußerlichen Protoplasmas ist. Auf dem Calymma liegt nun eine Schicht sehr körnerreichen Protoplasmas, die, von großen Hohlräumen durchsetzt, ein Netzwerk bildet, das Fleischstoffnetz (Sarcodictyum). Sarcomatrix und Sarcodietyum stehen miteinander durch zahlreiche sehr feine Protoplasmafäden in Zusammenhang, welche das Calymma durchsetzen. Vom Sarcodictyum entspringen die langen, zarten Pseudopodien, die häufig miteinander verschmelzen. Sehr häufig sind dem Protoplasma pelagisch lebender Radiolarien eigentümliche gelbe Körper, die man früher für integrierende Bestandteile dieser Tiere hielt und gelbe Zellen nannte. Es ist das aber keineswegs der Fall, diese gelben Zellen sind nichts als einzellige parasitäre Algen (Zooxanthella).
Es gibt einzeln lebende und Kolonien bildende Radiolarien, die reich an Alveolen sind und mehrere Zentralkapseln besitzen.
Skelettlose Strahlinge sind eine große Ausnahme. Das Skelett ist fast immer kieselig, d. h. an einer geringen Menge organischer Grundsubstanz ist eine Übermasse von Kieselsäure gebunden, nur in seltenen Fällen besteht es ausschließlich aus einer eigentümlichen organischen Substanz, dem Akanthin (Stachel: oder Nadelstoff). Über diese Skelettbildungen bemerkt Marshall: „Bald sind es einzelne lose Nadelgebilde, welche sich tangential anordnen, bald treten sie zu höchst zierlichen Gitterkugeln zusammen, welche mit regelmäßigen Stacheln besetzt sind. Gelegentlich stecken mehrere solcher Kugeln konzentrisch ineinander und sind durch Kieselbrücken miteinander verbunden. Ein andermal wieder sehen wir, wie im Zentrum des ganzen Geschöpfes lange radiäre Strahlen immer in der Zahl 20 zusammenstoßen, die Zentralkapsel und das ganze Außenprotoplasma durchbrechen und sich auf dessen Außenseite durch ein mehr oder weniger regelmäßiges Kieselflechtwerk verbinden.
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ed
Ra diolarien.
Oder aber diese Bildungen nehmen allerlei phantastische Gestalten an, erscheinen als Helme, Körbchen, Laternen, Distelblüten, Reusen, entwickeln sich plattenartig größtenteils in einer Ebene als durchbrochene vier: oder dreiarmige Kreuze, Scheiben, Schalen, Spangen, Sporen und in hunderterlei anderen Gestalten, mit welchen wir nichts vergleichen können und die ganz eigenartig sind. Aber alle diese Formen sind elegant, oft selbst von entzückender Schönheit, und Haeckels Radiolarienwerke sollten in keiner Kunstgewerkschule fehlen, denn sie enthalten einen großen, noch ganz ungehobenen Schatz reizender Motive, so zahlreich, mannigfach und wunderbar, wie sie keine menschliche Phantasie erdenken kann.“
Die beigegebene Tafel „Radiolarien“ mag von diesem Formenreichtum der Strahlinge eine schwache Vorstellung geben. Wie zierlich ist das Gitterwerk der Rhizosphaera leptomita (Fig. 1); Sphaerozoum Ovodimare (Fig. 2) hat zwar nur ein gering entwickeltes, aus Tangentialnadeln bestehendes Skelett, ist aber durch seine eigentümliche Gestalt als Kugelnest bemerkenswert. An chinesische Elfenbeinarbeiten erinnert Actinomma drymodes (Fig. 3) mit seinen drei ineinander steckenden Hohlkugeln. Als Modelle für Shawlnadeln könnten Lithomespilus flammabundus (Fig. 4) und Ommatocampe nereides (Fig. 5) dienen. An zierliche Glöckchen und Körbchen erinnern Carpocanium Diadema (Fig. 6), Clathrocyclas Ionis (Fig. 9) und Dictyophimus Tripus (Fig. 10). Eine echte Tiefseeform ist Challengeron Willemoesii (Fig. 7), und Heliosphaera inermis (Fig. 8) zeichnet sich durch ihr überaus zierliches, regelmäßiges Gitterskelett aus.
Die Strahlinge teilt Haeckel in zwei Unterklassen und jede von diesen in zwei Legionen: I. Unterklasse: Porulosa, s. Holotrypasta, Zentralkapsel rund, von zahlreichen Poren durchbohrt; 1. Legion: Spumellaria, Poren der Zentralkapsel unzählbar, allenthalben regellos verteilt, Skelett, wenn vorhanden, nicht in die Zentralkapsel dringend; 2. Legion: Acantharia, Poren der Zentralkapsel regelmäßig angeordnet und zählbar, Skelett innerhalb der Zentralkapsel stets aus Akanthin bestehend. II. Unterklasse: Osculosa, s. Monotrypasta, Zentralkapsel nicht mehr rund, sondern verlängert, an einem Pole (Mundpol) die Poren. 1. Legion: Nassellaria, Zentralkapsel einfach, Mundpol von mehreren Poren siebartig durchbrochen; 2. Legion: Phaeodaria, Zentralkapsel sphärisch mit doppelter Haut, am Mundpol eine Hauptöffnung mit zackigem Rande; in der Calymma findet sich ein besonders entwickelter Abschnitt von Schalenform (Phaeodarium), der reich an grünem oder bräunlichem Pigment ist und das Mundpolende der Kapsel umfaßt.
Die Strahlinge bewohnen ausschließlich das Meer. Sie sind sehr artenreich, und Haeckel hat 4318 Arten davon beschrieben, die sich auf 739 Gattungen verteilen.
Sie verteilen sich im Meere in drei von oben nach unten folgende Regionen. In der pelagischen Region oder Oberflächenregion leben eigenartige Formen meist in grö— ßeren Mengen, aber immer ziemlich weit von den Küsten entfernt. In warmen Breiten ist ihre Artenzahl größer, aber ihre Individuenzahl geringer als in kälteren. Auf die Oberflächenregion folgt die zonariale, die ihrerseits wieder in eine Anzahl Unterregionen oder Schichten zerfällt, deren jede ihre eignen charakteristischen Formen beherbergt. Die meisten Radiolarien gehören indessen der bathybischen Region, der Tiefsee, an. Von hier, aus Tiefen von 3600— 7400 m, und zwar aus dem zentralen Teil des Stillen Ozeans, stammt über die Hälfte der von Haeckel beschriebenen Arten. Die Osculosa gehören mehr der Tiefsee, die Porulosa mehr der Oberfläche an.
Die Kieselskelette der Radiolarien fehlen zwar in keiner Meeresablagerung völlig, aber in denen der Tiefsee treten sie in überwiegender Menge auf. So bestehen die Ablagerungen auf dem Boden des Stillen Ozeans zwischen 3000 und 8000 m zu 80 Prozent, ja stellenweise ganz aus den Schalen abgestorbener Radiolarien, und diese Ablagerung hat hiernach den Namen des Radiolarienschlicks erhalten.