Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Protoplasmastreifen gar nichts mehr mit der verdauenden Masse zu thun haben. Sie besitzen wirkliche Bewegungsorgane, und in diesen hat zugleich die Reizbarkeit so zugenommen, daß sie den Reiz fast mit derselben Geschwindigkeit fortpflanzen, als es in den mit Nerven versehenen Tieren geschieht. Das Zusammenzucken eines viel verzweigten Vorticellenbäumchens geschieht vor unseren Augen blitzschnell. Und doch mußte der Reiz, der etwa durch einen Stoß auf ein Tier der Kolonie ausgeübt wurde, durch den Stamm hindurch in alle Zweige bis zu den auf ihren Gipfeln stehenden Tierchen fortgeleitet werden, ehe das Zu: sammenfahren erfolgen konnte.
Haben unsere Vorticellen hierbei und hiervon eine Empfindung, eine Art von Bewußtsein? Ja und nein. Sie müssen etwas wie Empfindung spüren, etwas wie Bewußtsein muß sich auf den Stoß entwickeln. Aber noch ist die Zu: sammensetzung des Körpers, die Teilung der Arbeit nicht jo weit gediehen, daß die Stoß: und Tastempfindungvon einem sogenannten, nicht zum vollkommenen Bewußtsein gelangenden Muskelgefühlesich trennen ließe. Ahnliches gilt vom Geschmack, indem ein Teil oder ein großer Teil der bei der Nahrungsaufnahme stattfindenden Vorgänge sich vielleicht einst auf die Gesetze der chemischen Wahlverwandtschaftwerden zurückführen lassen. Aus „„
einem solchen kaum vorstell⸗ Eine Acinete. 600 mal vergrößert. baren dunkelsten Allgemeingefühl kann auch das Infusionstier nicht heraustreten. Aber wir können annehmen, daß in infusorienähnlichen Tieren durch besondere Übung bestimmter Stellen in der Hautschicht die Veranlassung zur Bildung einfachster Nervenapparate gegeben war. Und damit treten wir in das Bereich solcher Wesen, in denen, nach trivialer Anschauung, die Seele einen Sitz hat. Wir verstehen nun wenigstens, was es heißen soll: die Seele entwickelt sich im Leben des Einzelwesens, so wie sie sich während der geschichtlichen Entfaltung der Lebewelt überhaupt aus dem Unendlich-Kleinen nach und nach hervorbildete.
Das Lückenhafte der Kenntnisse auf unserem Felde findet auch darin seinen Ausdruck, daß wir oft einzelne Gattungen oder größere Gruppen als „Anhang“ zu sonst wohl umschriebenen Klassen systematisch unterbringen müssen. Wir sagen damit, daß die aus Entwickelung und Anatomie zu nehmenden Gründe nicht ausreichen, um eine gemeinschaftliche
Abstammung als sicher erscheinen zu lassen, daß eine solche aber mehr oder minder wahrscheinlich sei. In dieser Lage befinden wir uns den Infusorien gegenüber mit der Ordnung der Acineten (s. Abbild. S. 679). Diese mikroskopischen Wesen find mittels eines Stieles festgewachsen, und fie wählen zum Orte ihrer Fixierung oft andere Wassertiere, im Süß: wasser die Flohkrebse und Asseln, im Meere verschiedene Bryozoen und Polypen. Der keulenförmig gestreckte oder rundliche, vorn oft eingesenkte Körper enthält ein dichtes Protoplasma mit einem gewöhnlich ansehnlichen Kerne und einem oder mehreren blasigen Stellen, welche sich mit den kontraktilen Blasen der Infusorien vergleichen lassen. Auch wegen des Kernes schien die Verwandtschaft mit den Infusorien annehmbar. Weiter geht aber an dem ausgebildeten Tiere die Ahnlichkeit nicht, welche ohnehin auf ziemlich schwachen Füßen steht. Die Acineten besitzen nämlich nur während eines kurzen Schwärmzustandes in der ersten Jugend Wimpern. Diese verschwinden, sobald sie sich festgesetzt haben, und nun erhalten sie höchst eigentümliche feine Fortsätze des Protoplasmas, durch welche, bei Abwesenheit eines Mundes, die Nahrungsaufnahme in das Protoplasma geschieht. Dieselben befinden sich als vorstreckbare und zurüd-ziehbare Strahlen am Vorderkörper, endigen mit einem Knöpfchen, das gleich einem Saugnapf an die zu bewältigende Beute angesetzt wird, und leiten die aufzunehmende Flüssigkeit in die Acineten hinein. An einer bei Helgoland gefundenen Acinete beobachtete R. Hertwig außer den beschriebenen Saugwerkzeugen noch besondere spitzauslaufende Fangfäden. Er sagt: „Kommt
Knospenzeugende e (Podophrya gemmi- au Infusor IL 008 Sea 55 Fangfäden, para). Stark vergrößert. so krümmen sich dieselben, indem sie ihr Opfer umklammern. Die Berührung wirkt lähmend und allmählich ertötend. Durch die Verkürzung der Fangfäden wird nun der tote Körper der Podophrye (Podophrya heißt die Sippe), genähert und mit den kürzeren Saugröhren in Berührung gebracht. Dieselben schwellen mit ihren Enden an und fixieren letztere wie Saugnäpfe an der Körperoberfläche. Ihre auf- und absteigende Bewegung nähert und entfernt das abgestorbene Infusor, bis dasselbe plötzlich anfängt kleiner zu werden. Es hat sich dann ein Strom vom Körper desselben ins Innere der Podophrye etabliert. Bei der Verlängerung der Saugröhre treten die Körnchen (der Protoplasmasubstanz des Infusors) in dieselbe hinein, die Verkürzung derselben treibt sie ins Innere des fressenden Organismus.“
Es gelang Hertwig auch, die Vermehrungsweise der Helgoländer Acinete genau festzustellen. Es entstehen am Vorderende zwischen den Fühlfäden und Saugröhren Er: hebungen, in deren jede ein Fortsatz des Kernes hineinwächst. Hieraus werden Knospen, plattgedrücte, etwa muschelförmige Körper, welche endlich sich ablösen und mittels Wimpern träge und langsam sich bewegen. Sie entfernen sich in der Regel nicht weit von dem Muttertiere, sondern fixieren sich neben demselben, woher es kommt, daß die Tubularien
(S. 557), auf denen diese Acineten am häufigsten vorkommen, von ihnen streckenweise ganz überzogen sind. Ich habe dasselbe Tier in Neapel zu untersuchen Gelegenheit gehabt und teile von den vielen davon angefertigten Zeichnungen eine mit (s. S. 680). Man wird sich in dieselbe ohne weiteres nach Hertwigs Erläuterungen finden. Wir sehen aus dem fast becherförmig gewordenen Körper zwei nahezu reife und eine eben in der Bildung begriffene Knospen hervorragen. Die längeren, sich zuspitzenden Tast- und Fangfäden verhalten sich genau so, wie die bald zu beschreibenden Scheinfüßchen der Wurzelfüßer, aber mit dem Unterschiede, daß sie nicht miteinander verschmelzen. Sie zeigen nämlich dieselbe höchst charakteristische Körnchenbewegung im dickflüssigen, durchsichtigen Protoplasma. Die Streifen am Körper sind Faltungen der Haut. Die Streifung im Stiele, von dem in unserem Bilde nur ein Teil zu sehen ist, rührt von einer feinkörnigen Substanz her, welche die Höhlung des Stieles erfüllt. Auch diese Tiere selbst wieder sind den Verfolgungen zahlreicher Feinde ausgesetzt. Der Podophrye von Helgoland „stellen kleine Krebse, besonders Amphipoden und unter diesen wieder vornehmlich die gefräßige Caprella, nach. Ferner bohrt sich an der Verbindung von Stiel und Körper, also an einer Stelle, wo es vor der gefährlichen Waffe der Tentakeln sicher ist, ein rasch sich vermehrendes hypotriches Infusor in das Innere der Podophrye ein und zerstört dasselbe“.
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Die Geißelinfusorien (Flagellata).
Die Geißelinfusorien sind eine etwas bunt zusammengewürfelte Gesellschaft, und von einer ganzen Anzahl von Formen, die in der Regel zu ihnen gerechnet Werden ist es sehr zweifelhaft, ob es wirklich Tiere oder nicht vielleicht eher Pflanzen oder Entwickelungszustände von Pflanzen sind.
Im allgemeinen sind die Geißelinfusorien kleiner als die Wimperinfusorien, haben auch kein Wimperkleid wie diese, sondern an dem einen Ende bloß eine oder mehrere Geißeln. Unmittelbar unterhalb dieser befindet sich in der Körperwand eine Offnung, ein Mund, durch den Nahrung aufgenommen und in das Innenplasma geschoben wird. Meist sind Panzergeißler (Dinoflagellata). Stark vergrößert. auch kontraktile Blasen vorhanden. Die Kragengeißler (Choanoflagellata) sehen aus wie Geißelzellen einer Spongie, indem nämlich um den Grund der Geißel sich ein kragen- oder kelchartiger Fortsatz des Körpers befindet. Diese treffende Ahnlichkeit dieser Infusorien mit den Geißelzellen der Schwämme hat Veranlassung gegeben, daß mehrere Forscher in den Irrtum verfielen, in den letzteren Kolonien von Choanoflagellaten zu sehen, — die Spongien sollten Urtiere sein, obwohl, abgesehen von vielen Eigentümlichkeiten ihres anatomischen Baues, schon ihre Entwickelungsgeschichte auf das deutlichste beweist, daß sie das auf keinen Fall sein können!
Die Panzergeißler (Dinoflagellata, s. Abbildung S. 681) haben feste Hautpanzer von oft sehr barocker Gestalt und zwei Geißeln: eine der gewöhnlichen Geißel der Flagellaten entsprechende, in der Längsrichtung gelegene und eine quere, die in eine Furche des Hautpanzers eingeschlagen werden kann.
Die interessantesten Geißelinfusorien find die Leuchttierchen (Cystoflagellata) oder Noktiluken. Ihr Körper hat die Gestalt eines Pfirsichs, und von einer Einbuchtung desselben aus erstreckt sich ein bewegliches geißelförmiges Organ hervor, womit das Wesen rudert. An dieser Stelle ist auch eine Mündung, durch welche die Nahrungsstoffe in das innere veränderliche Sarkodenetz aufgenommen werden. Gleich hinter der Eingangsöffnung findet fi) eine größere Anhäufung von Sarkode, von welcher aus sich Fortsätze, welche vielfach sich verzweigen und verbinden, durch den ganzen Zellenraum sich erstrecken, um endlich mit den immer feiner N e werdenden Zweigelchen an der Körperwandung sich anzuris). 150 mal vergrößert. heften. In dieses Netz, welches in Form und Verhalten von dem Protoplasmanetz einer Pflanzenzelle nicht zu unterscheiden, wird die Nahrung aufgenommen, sie muß mit der sie umfließenden Masse wandern und wird von jener verdaut. Die Vermehrung der Noktiluken geschieht auf doppelte Art. Entweder ein Individuum teilt sich einfach, oder aber es wird, nachdem es seine Geißel eingezogen hat, zu einer Kugel, sein Inhalt 2 zu Sporozoen oder Schwärmlingen, die sich in Gestalt etwa kleiner Ritterhelme mit einer langen Geißel und einem cy: lindrischen Fortsatz loslösen, einige Zeit schwärmen r
ANAl N76 und zur Noktiluke werden. Es gibt mehrere Formen oder Arten der Noktiluceen in den Meeren der gemäßigten und heißen Zonen. So wird die Nordsee von einer anderen Art (Noctiluca miliaris) als das Mittelmeer (Liepto-discus medusioides) bewohnt. Sie erscheinen meist in ungeheuern Mengen, so daß sie mitunter auf weite Strecken eine bei Tage rötlich aussehende Oberflächenschicht bilden. Bei Nacht leuchten sie phosphorisch und zwar unter denselben Erscheinungen wie andere Leuchtpyroeystis noctiluca. 100 mal vergr. tiere. Erregung des Wassers und Reibung ihrer Körper steigert die Leuchtkraft.
Verwandt mit diesen Wesen dürfte auch die vorstehend abgebildete Pyrocystis noctiluca fein, über die Sir Wyville Thomson Mitteilungen gemacht hat. Als der „Challenger“ auf der Fahrt von Madeira nach der brasilischen Küste war, beobachtete der genannte Forscher, daß, als das Schiff weiter südwärts kam, die Pyrosomen (S. 246) und die anderen größeren leuchtenden Meerestiere an Zahl abnahmen, und das vom Wasser ausgehende Licht, obgleich es im ganzen genommen eher lebhafter als vorher war, wurde mehr diffus, so daß das Wasser, wenn es in einem Gefäß geschüttelt wurde, einen Schein von sich gab, wie eine im Inneren durch eine Flamme erhellte Milchglasklugel. Untersuchte man etwas Wasser in einem Trinkglas, so erschien es einigermaßen trübe und bei näherer Beobachtung, wenn man es etwa gegen das Licht hielt, sah man, daß es eine Menge kleiner durchscheinender Körperchen enthielt, die im Dunkeln ein helles, weißes Licht ausstrahlten, das sehr lebhaft funkelte, wenn das Wasser geschüttelt wurde.
Die größten dieser Körperchen waren rund und hatten beinahe 1 mm im Durchmesser. Sie bestanden aus einer zarten, äußerlichen Haut, zu dünn, als daß selbst mit dem Mikroskop ihre Natur sicher hätte bestimmt werden können, die aber wohl kieselig gewesen sein dürfte, denn wenn man eine solche kleine Kugel zwischen Daumen und Zeigefinger mit größter Vorsicht zerquetschte, so zersprang sie wie äußerst dünnes Glas. Wenn eine solche Kugel durch das Schwebnetz angestoßen ist, enthält sie in der Regel eine wasserhelle Flüssigkeit mit einer kleinen, unregelmäßig gestalteten Menge gelbbrauner Sarkode, die an einer Stelle der Innenseite der Hülle haftet. Wenn das Wesen einige Zeit ungestört in Seewasser gewesen ist, fängt diese Sarkode an Fortsätze auszusenden, die sich nach und nach zu einem Netzwerk anastomosierender Ströme auf der ganzen Innenseite der Hülle gestalten, und in diesen Strömen bemerkt man die eigentümliche und so hoch charakteristische Bewegung des lebenden Protoplasmas, in dem entlang jedes Stromes Fetttröpfchen und winzige Körnchen gleiten. Bei starker Vergrößerung zeigt es sich, daß das Protoplasma aus einer hellen, klebrigen Substanz besteht, die sich von dem übrigen flüssigen Inhalt der Zelle deutlich sondert und mit gelben Körnern, klumpigen Massen, Oltröpfchen und lichtbrechenden Körperchen besetzt ist. Nach der Mitte zu befindet sich immer ein großer, deutlicher Kern, der aus etwas festerem Material besteht, von grauer Farbe ist und durch Karminlösung leicht gefärbt wird.
Die Geißeltierchen sind entweder Einzelindividuen, oder sie bilden Kolonien, die nicht immer festsitzend zu sein brauchen, sondern manchmal sich schwimmend ziemlich rasch bewegen.
Zweite Klasse.
Die Wurzelfüßer (Rhizopoda).
Wir halten uns zur Beobachtung niederer Seetiere an irgend einem Punkte der Gestade des Mittelmeeres auf und haben von einem mit Algen bewachsenen Felsen eine kleine Portion Pflanzen mit dem ihnen anhaftenden Sande und Schlamme in einem grö— ßeren Glasgefäße mit reichlichem Wasser seit einigen Tagen auf dem Zimmer stehen. Alles gröbere Getier, was ohne weiteres dem unbewaffneten Auge sichtbar und mit einer feinen Pincette gefaßt werden kann, zierliche Rissoenschnecken, Krebschen, Würmer, sind möglichst entfernt worden, da unsere Absichten auf andere Erscheinungen gerichtet sind. Indem wir nun die Wand des Gefäßes mit der Lupe abmustern, sehen wir hier und da ein bräunliches Körnchen haften und bemerken sogar an den größeren Exemplaren, daß sie von einem zartesten Netz und Strahlenkranz leichter Fäden umgeben sind. Vorsichtig wird einer der Körper unter das Mikroskop gebracht. Das Fadennetz ist zwar zunächst verschwunden, es ist zurückgezogen in die eiförmige, ziemlich elastische Schale, bei einiger Geduld sehen wir es aber wieder zum Vorschein kommen. Die Abbildung, welche ich nach einer lebenden, zur Ordnung der Foraminiferen gehörigen eiförmigen Gromie (Gromia oviformis, s. Abbildung S. 684) entworfen, füge ich die Beschreibung eines der ausgezeichnetsten Kenner der Wurzelfüßer bei, Max Schultze, aus welcher das Wesen dieser sonderbaren Geschöpfe klar hervorspringen wird. „Nach einiger Zeit vollständiger Ruhe werden aus der einfach vorhandenen großen Offnung der Schale feine Fäden einer farblosen, durchsichtigen, äußerst feinkörnigen Masse hervorgeschoben. Die zuerst hervorkommenden suchen tastend umher, bis sie einen festen