Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Was die englischen Naturforscher hinsichtlich der Beteiligung der Foraminiferen an der Schichtenbildung der Erde in großartigem Maßstabe nachgewiesen, ist eigentlich nur eine Bestätigung und Erweiterung der schon oben erwähnten Entdeckungen unseres Ehrenberg. Schon er erkannte die große Übereinstimmung vieler jetzt lebender Foraminiferen mit denjenigen, welche das Material zu den Kreideablagerungen geliefert und sprach von „lebenden Kreidetierchen“. Das war in den dreißiger Jahren eigentlich ein Paradoxon, ein revolutionärer Gedanke, heute sind wir durch die Entdeckung der lebenden Pentakriniten und Glasschwämme (S. 651) ganz befreundet mit ihm. Wir haben gesehen, wie der Löwenanteil an diesem Verlängern der Kreidezeit bis in die Gegenwart hinein unseren Polythalamien gebührt, welche zum Aufbau der Erdrinde mehr beigetragen haben, als alle übrigen Pflanzen und Tiere zusammengenommen. Die mächtigen Kohlenlager, die Korallenriffe und Atolle und die Knochenlager an der sibirischen Küste find bei diesem Ausspruche nicht vergessen. Denn nicht nur von den silurischen Kalten an bis zur Kreide haben sie sich an der Fabrikation des Materiales der Erdfeste beteiligt. Ebenso beträchtlich oder noch beträchtlicher „pflegt ihre Menge bei deutlicher Erhaltung in den eocänen (unteren) Tertiärgesteinen zu sein, wobei man im Pariser Becken einen Miliolitenkalk, in Westfrankreich einen Alveolinenkalk und endlich in einer langen und breiten längs beiden Seiten des Mittelmeeres bis in den Himalaya fortziehenden Zone den Nummulitenkalk nach Rhizopodengeschlechtern unterschieden hat, deren Schalenreste sie großenteils oder, den letzten insbesondere, mitunter ganz allein in einer Mächtigkeit von vielen hundert Fußen zusammensetzen.“ (Bronn.)
Wir sahen oben, daß man unter den Schwämmen nach den Substanzen, aus denen ihr Skelett besteht, drei Gruppen unterscheiden kann: Kalk-, Kiesel⸗- und Hornschwämme, und wir sahen weiter, daß viele der letzteren ihre Fäden durch aufgenommene Fremdkörper verstärken. Ahnlich ist es auch mit den Schalen der Foraminiferen. Bei weitem die meisten haben Kalkschalen, die in größeren, an Kohlensäure reichen, daher an Kalk armen Tiefen immer dünner und dünner und schließlich zu so zarten Häutchen werden, daß sie beim Trocknen schrumpfen. Es gibt aber in der Tiefsee eine allerdings auch in seichterem Wasser
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- Hyperamnia ramosa; 2) u. 3) Astrorhiza limicola, 2) unversehrtes, 3) geöffnetes Gehäuse. Natürliche Größe.
vertretene Gruppe, die den Sand⸗Hornschwämmen entspricht. Das find die Sandforaminiferen, bestehend aus drei Familien, den Astrorhiziden, den Lituoliden und einem Teil der Textulariiden. Bei diesen ist die Schale verstärkt durch Fremdkörper oder sie besteht ganz aus ihnen. Die Gestalt der Sandforaminiferen ist sehr mannigfach: es finden sich Kugeln ohne Hauptöffnung, aber mit zahlreichen unregelmäßig verteilten Poren zum Durchtritt der Scheinfüßchen, andere sind sack- oder flaschenförmig mit endständiger Hauptöffnung, bei manchen erhebt sich aus einer runden Anfangskammer eine einfache oder verzweigte Röhre mit offenen Enden, wieder andere stellen unregelmäßige Sterne dar, bei denen von einem verdickten oder unverdickten Mittelpunkt 3, 4, 5 Strahlen von ungleicher Länge mit offenen, freien Enden in unregelmäßiger Weise ausstrahlen. Die Gattung Saganella bildet ein Netz mit einander anastomosierender Röhren. Selten nur sind die Sandforaminiferen gekammert, so zeigt die Gattung Aschemonella äußerlich Spuren einer solchen und die weiten Röhren der Gattung Botellina find durch Sandquerböden in Kammern geteilt. Bei Sorosphaera find zwar eine Anzahl Hohlkugeln vereinigt, aber der Protoplasmainhalt der einzelnen steht nicht in Verbindung, so daß diese Gattung wohl Kolonien einkammeriger Foraminiferen bildet, aber nicht wirklich polythalam ist.
Die Gruppe der Sandforaminiferen enthält die riesenhaftesten Mitglieder der ganzen Ordnung. Bathysiphonia filiformis aus 2600 m Tiefe ift eine einzige 50 mm lange, am einen Ende sich verjüngende, an beiden Enden aber offen stehende Röhrenkammer, die äußerlich Querstreifen, gewissermaßen Anwachsstreifen, aufweist. Syringamina fragilissima aus 1800 m Tiefe stellt einen Sandklumpen von 38 mm Durchmesser dar.
Die verschiedenen Formen sind entweder ganz frei, oder mit dem einen Ende oder aber mit einer ihrer Flachseiten angewachsen.
Manche bauen sich Gehäuse, denen wohl meist eine organische Masse, Hornsubstanz, Chitin, wenn man will, zu Grunde liegt, aus feinem Sande, andere hauptsächlich aus Spongiennadeln. Diese Gehäuse sind von sehr verschiedener Konsistenz, einige steinhart zusammengefrittet, andere sind zerreiblich, die dritten, bei denen wie bei Saganella die Hornsubstanz überwiegt, sind biegsam. Bei gewissen Formen ist das Protoplasma ganz von Fremdkörpern erfüllt, es durchspinnt gewissermaßen den umgebenden Meeresboden. Die Abbildungen auf S. 698 mögen einen Begriff von diesen Sandforaminiferen geben.
Man hat wohl angenommen, daß verschiedene Arten wirklich verschiedenes Material zu der Verstärkung ihres Skelettes verwenden und man hat ja nach der Art des Materials auch die Arten unterscheiden wollen. Das scheint doch sehr gewagt. Es ist viel wahrscheinlicher, daß das Nächstliegende benutzt wird: auf Globigerinenschlick Bruchstück von den Schalen anderer Foraminiferen, auf Korallensand Korallenbröckchen, auf dem roten Thone Spongiennadeln und Radiolarien ꝛc. Die Systematik, der Wert der Gattungen und Arten, die uns H. B. Brady in seiner sonst vorzüglichen Bearbeitung des vom „Challenger“ mit heimgebrachten Materials an Sandforaminiferen gibt, scheinen stellenweise doch etwas problematisch und dürfte doch wohl nur als einen Notbehelf bildend aufgefaßt werden. Die Quantität und Qualität der bei der Gehäusebildung zur Verwendung gekommenen Fremdkörper geben keine genügenden Charaktere, um danach Arten aufzustellen, so wenig wie die allgemeine Gestalt. Ist der Begriff Art doch selbst bei den kalkschaligen Formen der Foraminiferen ein äußerst schwankender und willkürlicher.
Pfierte Jodnung.
Die Amöben (Lobosa).
Die schon seit Mitte des vorigen Jahrhunderts (Rösel von Rosenhof) bekannten Amöben sind teils beschalt, teils nackt, und da jene die höher stehenden sind, wollen wir unsere Betrachtung mit ihnen beginnen.
Wer nicht Gelegenheit hat, sich das wunderbare Spiel des Pseudopodiennetzes einer Gromie (vgl. S. 684) zeigen zu lassen, findet leichter einen mit dem Mikroskop vertrauten Freund, der ihm ein verwandtes Wesen des süßen Wassers, das Kapseltierchen (Arcella), zeigt. Im ausgebildeten Zustande ist es von einer braunen, undurchsichtigen Schale umgeben, mit gewölbter Rückenseite und einer eingedrückten, aber mit mittlerer kreisförmiger Mündung versehenen Bauchseite. Das Ganze gleicht einem zierlichen Döschen. Aus der Mündung tritt ein Teil des Weichkörpers in kurzen, veränderlichen Fortsätzen hervor. Dieser Weichkörper hat den Wert einer Zelle, indem er immer einen Kern mit Kernkörperchen enthält, während das Gehäuse der Zellhaut entspricht. Junge Exemplare sind durchsichtig, so daß man die beweglichen Protoplasmakörper gut beobachten kann. Man sieht alsdann auch, daß das Gehäuse erst nach und nach aus einer gleichförmigen Grundlage in den Zustand übergeht, wo es aus lauter einzelnen braunen Körnchen oder Facetten zu bestehen scheint. Derselbe Physiolog, den wir oben (S. 677) von gewissen Vorkommnissen auf ein sehr entwickeltes Seelenleben der Infusorien schließen hörten, ist auch geneigt, unserem
Kapselwesen ein Wollen und Handeln zu bestimmten Zwecken zuzuschreiben. Engelmann beobachtete, daß bei den in einem Wassertropfen unter dem Mikroskop befindlichen Arcellen Luftbläschen im Protoplasma zum Vorschein kamen. Dadurch wurden die Arcellen an die Oberfläche des Wassers gehoben. Andere senkten sich, indem die Gasblasenaus dem Gehäuse ausgestoßen wurden. Wie gesagt, glaubt unser Physiolog darin gewollte, zweckmäßige Vorgänge erblicken zu dürfen, woraus auf seelische Eigenschaften des Protoplasmas zu schließen sei. Auch hier sind wir anderer Meinung. Gegen die Thatsache, daß unter gewissen Umständen im Körper der Arcellen und ähnlicher Lebewesen sich Gasblasen bilden und zwar so, daß bestimmte Lagen des Körpers damit erreicht werden, ist nichts zu sagen. Aber schon der von Engelmann nicht übersehene Umstand, daß nicht 1 nur in der Zwangslage unter dem Mikroskop dieser Vorgang stattfindet, sondern auch | 3 im Freien, hätte eine weniger phantastische Erklärung veranlassen müssen. Wir haben an die Thätigkeit der kontraktilen Blasen der Infusorien anzuknüpfen, deren Abhängigkeit vom Sauerstoff nachgewiesen ist. Auch die Gasblasen der Arcellen sind sicher von rein chemischen Prozessen abhängig. An bewußte oder unbewußte Seelenregungen dürfen wir dabei nicht denken. | Bei anderen Formen, wie z. B. bei der Euglypha alveolata ist die Schale sackförmig, ihr freier Rand erscheint gezackt und ihre Oberfläche von ovalen Täfelchen, deren Ränder sich gegen: seitig überschneiden, zierlich und regelmäßig bedeckt. Die Protoplasmafortsätze, welche bei dieser 8 Fi Form aus der Schalenöffnung treten, find nicht Be e e Stüc den wie bei Arcella kurz, lappig und einfach, sondern ziemlich lang, zart und meist am Ende gegabelt. Gruber, der sich um die Untersuchung der Amöben besonders verdient gemacht hat, hat auch die sehr merkwürdigen Teilungsvorgänge von Euglypha alveolata und die Vorgänge bei Bildung ihrer Schale beobachtet.
Bei kräftigen Individuen dieser Amöbe sieht man in der hinteren Hälfte des Protoplasmaleibes in der Nähe des Kerns eigentümliche, stark lichtbrechende konvex⸗konkave Körperchen von ovaler Gestalt liegen. Ein solches Individuum ist bereit zur Teilung. Dieselbe beginnt damit, daß anstatt der feinen Pseudopodien eine derbe, abgerundete Protoplasmamasse aus der Schalenöffnung heraustritt. Sobald das geschehen ist, setzen sich auch jene uhr: glasförmigen Plättchen nach vorn in Bewegung, dringen nach außen und legen sich auf die Oberseite des vorher ausgetretenen Protoplasmalappens und zwar derart, daß sich je eins zwischen die Zacken der Schalenöffnung einfügen. So kommt eine erste Plättchenreihe zu stande, in der die Plättchen sich mit ihren seitlichen Rändern dachziegelartig überschneiden. Immer mehr solcher Gebilde treten heraus und innerhalb einer oder anderthalb Stunden ind alle in der ursprünglichen Euglypha vorhanden gewesenen (etwa 80) wie die Schuppen eines Tannenzapfens auf der Oberfläche der immer stärker austretenden Protoplasmamasse angeordnet. Jetzt dehnt sich diese aus und die Plättchen bilden in regelmäßig alternierenden Reihen eine zweite Schale, welche mit den Zacken des Randes ihrer Offnung in die der Schale des ursprünglichen Individuums eingreift. Jetzt teilt sich auch der Kern der Mutter⸗Euglyphe und wandert in das Protoplasma der Tochter⸗Euglyphe hinüber. Dann lockert sich die Verbindung zwischen Mutter und Kind, die erstere entsendet zwischen den vereinigten Rändern Pseudopodien nach außen und endlich erfolgt eine völlige Trennung.
Seelenleben; Teilung, an Euglypha beobachtet. Wechseltierchen. TON
Wir lernten unter Foraminiferen Tiefseeformen kennen, bei denen die Schale durch Fremdkörper allerlei Art verstärkt wird, und ähnliche Formen gibt es auch unter den Amöben unserer süßen Gewässer, wie z. B. die zahlreichen, meist häufigen Arten der Gattung Difflugia. Bütschli, einer der hervorragendsten Kenner der Urlebewesen, ist der Ansicht, „daß das zum Schalenbau verwertete Fremdmaterial in die protoplasmatische Leibesmasse der Difflugien selbst aufgenommen und nachträglich auf der Oberfläche zur Bildung der Schale angelagert wurde“.
Von den Arcellen zu den nackten Amöben oder Wechseltierchen ist nur ein Schritt, obschon derselbe uns über die gehäustragenden Wurzelfüßer hinausbringt. Durchmustert man mit starker Vergrößerung Schlamm aus stehenden Gewässern oder den Satz aus Aufgüssen verschiedenster Art, so wird das Auge oft durch kleine lebende Schleimklümpchen gefesselt, die im ganzen dem Weichkörper in der Arcelle gleichen, auch einen Kern wie diese besitzen. Das Klümpchen läßt bald hier, bald da einen Fortsatz gleichsam aus: fließen, in welche sich die übrige Körpermasse nachzieht und nachgießt 5 Wechseltierchen (Amoeba). 600 mal vergrößert. a) und b) zeigen dasselbe Tier i schwankt die flüssige f ian l e. Masse bald nach der einen bald nach der anderen Richtung hin und nährt sich von noch kleineren organischen Wesen, welche in das Innere aufgenommen und von dem Protoplasma verdaut werden.
Durch Greeff und Gruber haben wir erfahren, daß eine beträchtliche Zahl von nackten Amöbenformen existieren, und daß dieselben „nicht etwa bloß vorübergehende Zustände einer einzigen vielgestaltigen Art darstellen, sondern daß es eine Menge getrennter und genau zu definierender Arten gibt, die nicht ineinander übergehen.“ (Gruber.) Namentlich unterscheiden sich dieselben durch die Beschaffenheit der Kerne. „Wenn wir“, fährt Gruber fort, „eine so große Menge von Variationen allein bei der Gattung Amoeba nachweisen können, so zeigt uns dies wieder, daß das Protoplasma ein Material ist, das sich in unendlich viele Formen umprägen läßt, und wenn hier die kleinsten oft kaum nachweisbaren Nüancierungen in der Konstitution derselben schon hinreichen, um eine neue Art zu begründen, so werden wir uns nicht mehr über die Vielseitigkeit der Anpassungen bei den zum Staate vereinigten Zellen der Metazoen wundern.“
Grubers Untersuchungen ergaben weiter, daß im Körper der Amöben keine verschiedene Plasmaarten zonenartig übereinander gelagert seien: „Der Amöbenkörper besteht immer
aus einer einheitlichen Plasmamasse, in welcher die verschiedenen Inhaltskörper, Körnchen, Vakuolen, Kerne, Kristalle (auch diese kommen vor), Nahrungsteile suspendiert liegen; ist das Plasma dünnflüssig, so sprudeln diese Bestandteile, Kern und Vakuolen inbegriffen, in dem ganzen Körper bis zur Peripherie umher, ist das Plasma dagegen zäherer Konsistenz, so mischen sich dieselben nicht so leicht und stürzen nicht so rasch oder gar nicht in die Fortsätze und Pseudopodien hinein. Dadurch wird der Eindruck hervorgerufen, als gäbe es ein hyalines Ekto- und ein körniges Entoplasma.“