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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
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Pheronema Carpenteri. Natürliche Größe.

daß auch diese Art im Schlamme wurzelt, zeigt der kurze, unregelmäßig gedrehte Schopf, den wir ganz ähnlich bei den vorher betrachteten Verwandten gefunden. Den nächsten Anschluß an diese Art bilden die Holtenien der Küste von Florida.

Über die Verbreitung dieser herrlichen Schwämme sagt Marshall: „Die horizontale Verbreitung dieser Geschöpfe ist eine sehr weite, von den Shetlandinseln im Norden bis

Pheronema Carpenteri. Natürliche Größe.

zum 74. südl. Br. reichende. Von den mittels der Dredgen und Trawlnetze vom „Challenger‘ untersuchten Lokalitäten enthielten 14,4 Proz. in der nördlichgemäßigten, 22,2 Proz. in der tropischen und 24,7 Proz. in der südlich gemäßigten Zone Hexaktinelliden. Im allgemeinen herrschen, wie Franz Eilhard Schulze, der ausgezeichnete Beobachter der Challenger-Glasschwämme, bemerkt, die Lyssakinen vor, namentlich in der südlich gemäßigten Zone, wo sie fünfmal so zahlreich an Arten als die Diktyoninen sind, während sie in der nördlich gemäßigten bloß zweimal und in der tropischen nur um 7 Proz. häufiger sind. Die Lyssakinen sind spärlich im Norden, reicher unter den Tropen, aber bei weitem am reichsten im Süden vertreten; die Diktyoninen hingegen präponderieren zwischen den Wendekreisen und nehmen nach dem Nord- und Südpol (und zwar nach ersterem etwas rascher als nach dem letzteren) hin an Artenzahl ab.“

Was die bathymetrische Verbreitung der Hexaktinelliden betrifft, so finden sich zwischen 95 und 100 Faden bloß Lyssakinen, von 101— 1000 Faden sind beide Gruppen fast gleich stark vertreten, aber unter 1000 Faden treten die Diktyoninen bedeutend zurück; sie sind mithin, wie wir sowohl aus ihrer horizontalen als vertikalen Verteilung schließen können, an das warme Wasser mehr angepaßt als die Lyssakinen.

Am Schluß unserer Betrachtung derjenigen Tiere, deren Körper aus Zellen sich aufbaut, und die Gewebe besitzen, sei eines rätselhaften, von Franz Eilhard Schulze entdeckten Wesens, der „haftenden Haarscheibe“ (Trichoplax adhaerens), gedacht. Dieses Tier wurde zuerst im Seewasseraqua— . rium des zoologischen Instituts zu Graz, dann 1 D 0 9. AI, 1 | auch in Wien beobachtet, und da deren Bemoh: ner aus der Bai von Triest stammen, so ist als

Trichoplax adhaerens. Natürliche Größe. sicher anzunehmen, daß diese auch die Heimat des Trichoplax kist. Dieselbe hat in ihrem Leibe bloß ein Oben und ein Unten, aber kein Rechts und Links, kein Vorn und Hinten. Die Gestalt der sehr flachen Tiere ist außerordentlich verschieden und wechselnd: einmal erscheinen fie als 155— 3,5 mm große Kreisscheiben, das andere Mal ziehen fie sich in 10— 20 mm lange, bandartige Streifen aus oder erscheinen als Halbmonde ꝛc. Die Farbe ist für das bloße Auge weißlich, wie mattgeschliffenes Glas, unter dem Mikroskop erscheinen aber grünlichgelbbraune, höckerige Knollen der Körpermasse eingesprengt, welche wahrscheinlich parasitische, bez. mit der Trichoplax symbiotisch lebende Algen (Zoo xanthella) find. Die ganze Oberfläche des Tieres wimpert, und durch die Richtung, in der die Wimpern schlagen, wird die Bewegungsrichtung des Tieres bestimmt. Sie schlagen derselben stets entgegen, da sie aber fortdauernd wechseln, so muß sich auch die Schlagrichtung der Wimpern jeden Augenblick ändern können.

Die Tiere gleiten langsam an wage: und senkrechten Flächen dahin, halten sich mit Vorliebe auf Algen und Ulven auf, vermögen aber nicht zu schwimmen. Sie besitzen kein Nervensystem und keine Sinnesorgane, auch Fortpflanzungs- sowie Verdauungsorgane fehlen. Die seltsamen Wesen pflanzen sich durch Teilung fort und nehmen wahrscheinlich keine feste Nahrung zu sich.

Unklar ist die systematische Stellung der Trichoplax, welche Ludi von Graff als einen sehr tief stehenden Strudelwurm ansieht.

Die Artiere.

Die Artiere (Protozoa).

Wenn wir früher einmal, als wir den Kreis der Würmer zu bestimmen suchten, auf offenbare Schwachheiten älterer, sich ihrerzeit großen Ansehens erfreut habender Systeme hinwiesen, so können wir schon selbst den von den meisten heutigen Zoologen angenommenen Kreis der Urtiere die verwundbarste Stelle unserer modernen Systeme nennen. Der Name besagt viel und nichts. Das eine, indem er uns die Einsicht in die Anfänge der Lebewelt, in jene niedrigsten Reihen verspricht, die eben aus dem Gestaltungslosen sich zu den einfachsten Formen herausarbeiten; das andere, indem er unsere Vorstellungen über den eigentlichen Inhalt der großen Abteilung vollkommen im Unklaren läßt. Die Worte „Würmer“, „Weichtiere“, „Wirbeltiere“ ꝛc. knüpfen an uns täglich vor Augen kommende Geschöpfe von einem jedermann verständlichen Gepräge an. Unter einem Urtiere kann ich mir aber ohne ganz bestimmte Anleitung gar nichts denken, und habe ich auch einige gesehen, so lassen sie auf die Gestalt und typische Ausbildung der übrigen keinen sicheren Schluß ziehen. Die Übersicht über die anderen Kreise des Tierreiches wird von vornherein dadurch erleichtert, daß man für sie eine bestimmte Richtung der Formenbildung, des Baustiles angeben kann. Die meisten Urtiere sind nun zwar nicht überhaupt formlos, bestehen aber aus Formen der verschiedenartigsten Anlage, und es bleibt nichts anderes übrig, als sich mit der ganz allgemeinen und vagen Angabe zu begnügen, daß wir alle diejenigen Tiere Urtiere (Protozoa) nennen und den höheren, mehrzelligen Tieren (Metazoa) gegenüberstellen, welche auf einer niederen Stufe der Organisation und bei einer solchen niederen Entfaltung der Gewebeteile ihres Körpers beharren, wie sie durch das Vorherrschen der sogenannten Sarcode oder des lierischen Protoplasmas bedingt ist.

Damit dieses unvermeidliche Wort, ohne welches ein Verständnis der Beschaffenheit und des Lebens, auch der Lebeweise der Urtiere ganz unmöglich ist, kein leerer Klang bleibt, ist freilich kein anderer Ausweg möglich, als daß man sich von einem befreundeten Naturforscher wirkliches Protoplasma unter dem Mikroskop zeigen läßt. Ein sehr günstiges, im Sommer immer leicht herbeizuschaffendes Objekt sind die Haare an den Staubfäden der Tradescantia. In diesen Haaren, verlängerten Zellen, ist bei einer Vergrößerung von 400— 500 ein in fortwährender Veränderung und stetem Fließen befindliches Netz einer dickflüssigen Substanz wahrzunehmen, deren Bewegung sich besonders aus dem Fortgleiten darin enthaltener feiner Körnchen ergibt. Diese Beweglichkeit erscheint als eine der auffallendsten und wichtigsten Eigenschaften des in der Pflanzenzelle eingeschlossenen Protoplasmas. Durchaus dieselbe Substanz, sowohl in Zellen enthalten als im freien Zustande, ist nun auch in der Tierwelt ungemein verbreitet. Während aber in den höheren Tieren der anfängliche 49°

einfache Protoplasma-Inhalt weitere Verwandlungen, z. B. in den Inhalt der Muskelund der Nervenfasern eingeht, verharrt er bei anderen, und das sind eben die Protozoen, in seiner ursprünglichen Einfachheit und Formlosigkeit und verleiht dem ganzen Organismus das Gepräge eines tieferen, man darf sagen, anfänglicheren Standpunktes.

Unter diesen Umständen ist eine allgemeine Schilderung der Urtiere unmöglich. Es gehören nach der Meinung vieler Naturforscher große Gruppen von Organismen hinzu, deren tierische Natur von anderen mit guten Gründen angezweifelt wird. Wir kommen mit ihnen überhaupt in das Grenzgebiet der Pflanzenwelt, und es ist viel darüber geforscht und gestritten worden, ob es wirkliche Grenzen zwischen beiden Reichen gäbe, oder ob nicht vielmehr Wesen zweideutiger oder einfacher Beschaffenheit den Übergang zu einem unmerklichen machen. Es darf nicht mehr daran gezweifelt werden, daß wirklich ein solches Mittelreich besteht. Wir geraten ferner beim Studium dieser Protozoen in das schwierige Kapitel der sogenannten Urzeugung und mit ihm fast an die Grenze der thatsächlichen Forschung.

Erste Klasse.

Die Infusorien (Infusoria).

Solange ich in Berlin studierte, hatte ich das Glück, jeden Freitag, wenn es das Wetter zuließ, mit meinem innig verehrten Lehrer Ehrenberg auf die Infusorienjagd gehen zu dürfen. Die Ausrüstung bestand in einem kleinen Kätscher aus Leinwand, der sich an einem langen, aber zerlegbaren und bequem in der Tasche zu tragenden Stab anschrauben ließ, zahlreichen kleinen Stangengläschen, welche in einer gefächerten Blechkapsel aufbewahrt wurden, und einem guten einfachen Vergrößerungsglas, einer Lupe. So wanderten wir bald zu einem, bald zum anderen Thore hinaus, meistens aber hinter Moabit in die Umgebung des vom Berliner so hoch gehaltenen Plötzensees. An Lachen und Gräben wurde Halt gemacht, wir wußten schon die Standörter von diesem und jenem schönen Tierchen, und es gelang in der Regel dem Professor mit einigen Kätscherzügen, die gewünschte Art oder eine passende Stellvertreterin in einem der sauberen Gläschen zu haben. Am folgenden Tage bei der Vorlesung pflegten dann die Gefangenen den Zuhörern unter dem Mikroskop vorgestellt zu werden. Ich gehe seit jener glücklichen Studienzeit fast nie ins Freie, ohne in ähnlicher Weise, wie eben beschrieben, zum Nachhausebringen von allerlei mikroskopischem Getier vorbereitet zu sein, denn überall ist es zu haben, wo es noch stehendes oder langsamer fließendes Wasser gibt. Und wenn wir auch in der neuesten Zeit durch die Untersuchungen einer Reihe hervorragender Forscher (Stein, Balbiani, Bütschli, Gruber ꝛc.) zu einem gewissen befriedigenden Abschluß unserer Kenntnisse über die Infusorien gelangt sind, so ist doch noch vieles auszugleichen. Wären aber auch alle ihre Struktur- und Entwickelungsverhältnisse vollkommen erkannt, so würde die Lust, sie bloß anzuschauen und in ihrer Lebendigkeit zu beobachten, immer und immer wieder in uns rege werden.

Die Entwickelungsgeschichte der Infusorienwelt ist eine höchst lehrreiche. Sie konnte überhaupt nur mit der Entdeckung und Vervollkommnung der Mikroskope beginnen und vorwärts schreiten. Wir müssen es uns versagen, diese Seite zu berücksichtigen. Wenn man aber von den Infusorien, d. h. auf Deutsch den Aufgußtierchen, reden will, so müssen wir wenigstens einige Mitteilungen und Erklärungen über dieses vielfach mißverstandene Wort und die zahllosen darauf bezüglichen Versuche geben. Eine vollständige

Geschichte derselben bis 1838 findet man in Ehrenbergs großem, schon bei Gelegenheit der Rädertiere angezogenem Werke. Ich habe keine Veranlassung, eine danach schon vor Jahren gemachte Darstellung dieses merkwürdigen Intermezzos in andere Worte zu kleiden.

Es war im Jahre 1675, als der berühmte Leeuwenhoeck in einem Tropfen gesammelten Regenwassers die Tierchen entdeckte, die von einer zwei Jahre später erfolgten zweiten Entdeckung ihren Namen erhielten. Er untersuchte alles, was ihm vorkam, mit seinen Mikroskopen und experimentierte auf die mannigfachste Weise; so hatte er auch einmal gestoßenen Pfeffer in ein Reagenzglas mit Regenwasser gethan und war erstaunt, nach einiger Zeit das Gefäß von belebten Geschöpfen wimmeln zu finden, welche jenen aus dem Regenwassertropfen zu gleichen schienen. Solches Resultat ergab die erste, zu einem wissenschaftlichen Zwecke angestellte Infusion; die darin gefundenen Organismen wurden jedoch erst 100 Jahre später von Ledermüller und Wrisberg als Infusionstierchen bezeichnet. Nachdem Leeuwenhoeck seine Beobachtungen bekannt gemacht, wurde es fast eine Modesache, mit Aufgüssen oder Infusionen Versuche anzustellen. Es kostete so wenig Mühe. Jeder glaubte sich auf sein Auge und sein schlechtes Mikroskop verlassen zu können, und so förderte man ohne Urteil mitunter die wunderbarsten Dinge aus den Aufgüssen zu Tage. Eine Menge Bücher erschienen, welche dem gebildeten Publikum den Gegenstand zugänglich zu machen suchten. Eins der absonderlichsten hat Sr. Kaiserlichen Majestät Ingenieur Griendel von Ach zum Verfasser. Nach den Beschreibungen von Ameisen und Mücken, welche ihm unter dem Mikroskop zu fürchterlichen Ungeheuern mit Zangen, Haken und Schildern anschwellen, teilt er auch ein Pröbchen feiner Infusionsversuche mit. Es handelt sich um nichts Geringeres, als um die Erzeugung eines Frosches. „Ich habe zuletzt nicht weniger eines Frosches wunderliche Hervorbringung an das Weltlicht stellen wollen, welche ich durch das Vergrößerungsglas observirt. Einstmals nahm ich einen Tropfen Maienthau und legte ihn unter das Vergrößerungsglas. Da nahm ich in Acht, wie er sich anfinge zu fermentiren. Den andern Tag sah ich weiter darnach und fand schon ein Korpus mit einem ungestalteten Kopf, setzte es beiseits, und als ich den dritten Tag wiederum selbiges besahe, konnte ich schon abmerken, daß es die Gestalt mit einem großen Kopf und Füßen wie ein Laubfrosch angenommen. Die Figur 12 stellet Alles deutlich vor Augen.“

Wie Griendel seinen Frosch schon nicht mit gewöhnlichem Quellwasser entstehen läßt, sondern den geheimnisvollen Maitau sammelt, so nahm man überhaupt alle erdenklichen Flüssigkeiten, Fleischbrühe, Milch, Blut, Speichel, Essig, um damit die verschiedenartigsten lieblichen und unlieblichen Substanzen aus allen Reichen der Natur zu übergießen und sich und gute Freunde an dem Erscheinen des Gewimmels zu ergötzen.

Im allgemeinen machte man dabei folgende Bemerkungen: war das den Aufguß enthaltende Gefäß unbedeckt und der Luft frei ausgesetzt, so war es immer nach kürzerer oder längerer Zeit angefüllt mit Millionen lebender Wesen, die man jedoch nach den Leistungen der damaligen optischen Instrumente nur höchst unvollkommen zu fixieren vermochte. Sparsamer entfaltete sich das Leben dieser kleinen Welt, wenn das Gefäß leicht, auch nur mit einem Schleier, bedeckt war. Nur in seltenen, oft zweifelhaften Fällen aber berichten die unermüdlichen Forscher, daß in der luftdicht verschlossenen Flasche sich ein Leben entwickelt habe; und noch zweifelhafter erschien dies, wenn das Wasser vorher abgekocht oder destilliert oder nach der Einfüllung zum Sieden gebracht war. Ferner bemerkte man, daß sich bald auf der frei stehenden Infusion, wie überhaupt auf freien, vom Winde nicht bewegten Gewässern ein Häutchen bilde, das, so unschuldig es auch ist, zu den sonderbarsten Vermutungen Anlaß gab.

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