Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Die gechsstrahl- oder Glasschwümme (Hexactinellidae).
Die meisten der mit dem Namen Glasschwämme bezeichneten Schwämme zeichnen sich dadurch aus, daß ihr nach Abspülen der sehr geringen weichen Körperteile übrigbleibendes Kieselskelett einem feinen Glasgespinst gleicht. Mögen nun die während des Lebens abgeschiedenen Kieselgebilde isolirt voneinander bestehen und nur durch Widerhaken und Fortsätze sowie durch das klebrige Protoplasma miteinander in Verbindung bleiben, wie es der Fall ist in der Unterordnung der Lyssakinen, oder mögen sie miteinander verschmolzene und zusammenhängende, an Zierlichkeit alle menschlichen Produkte weit übertreffende Geflechte bilden, wie bei den Diktyoninen, immer ist die Gestalt, welche diesen Bildungen zu Grunde liegt, der Achsenstern des Würfels. Der regelmäßige Sechsflächner oder Würfel des Geometers und Mineralogen wird durch drei gleiche, sich unter rechten Winkeln schneidende Achsen bestimmt. Diese Achsengestalt, auf noch unerklärte Weise aus organischen Grundlagen hervorgehend, ist das charakteristische Merkmal dieser schönen und merkwürdigen Ordnung der Schwämme. Aber diese Grundgestalt kann den weitgehendsten und sonderbarsten Veränderungen unterliegen, sowohl durch Reduktion der Strahlen als auch durch allerlei Umgestaltungen einzelner oder aller derselben. Was die Reduktion betrifft, jo kommen vor Fünf-, Vier-, Drei- und Zweistrahler, die letzteren selten einen Winkelhaken, sondern meist einen gestreckten, scheinbaren Einachser bildend, der in dem Wurzelschopf großer Exemplare von Hyalonema eine Länge von 60 cm erreichen kann. Fast immer aber läßt sich an den Nadeln die ursprüngliche sechsstrahlige Natur nachweisen. Die Skelettelemente der Hexaktinelliden sind nämlich so wenig durchaus solide Gebilde wie die der Tetraktinelliden, Halichondrien und Kalkschwämme. Die meisten der Nadeln sämtlicher Schwammordnungen enthalten vielmehr in allen ihren Strahlen einen feinen Kanal, der im Leben von einem Protoplasmafaden erfüllt ist. An allen Nadeln der Hexaktinelliden, selbst wenn sie scheinbare Einachser sind, läßt sich, abgesehen von dem Kanal in den beiden übriggebliebenen Hauptstrahlen, irgendwo eine Stelle nachweisen, an der jener Hauptkanal von zwei sich rechtwinkelig kreuzenden, sehr kurzen Kanälen wieder unter rechtem Winkel gekreuzt wird.
Die Umgestaltung der Strahlen schafft Formen von einer Eleganz und Verschiedenheit, wie sie die Phantasie kaum erdenken kann, und nur die später zu erwähnenden Radiolarien übertreffen sie in dieser Beziehung. Die Spitzen der Strahlen können durch zierlich gezackte Scheibchen abgestumpft werden, oder sie können sich auflösen in einen Busch feinster und regelmäßig angeordneter Stachelchen, die ihrerseits wieder in der verschiedensten, aber immer zierlichen Weise gebogen und an den Enden verbreitert sind. Eine in der Familie der Hyalonematiden aus der Unterordnung der Lyssakinen weitverbreitete Form, die ihrer äußeren Ahnlichkeit mit den an Gemmulaeschalen der Süßwasserschwämme vorkommenden Amphidisken wegen, mit denen sie ihrer physiologischen Leistung nach sich gar nicht vergleichen lassen, von ihren Entdeckern auch Amphidisken genannt wurde, stellt kurze, derbe Pseudoeinachser dar, welche an beiden Enden schirmartig zur Mitte hin zurückgebogene, am Ende gezackte Ankerplatten tragen und daher aussehen wie zwei mit den Griffen verbundene Regenschirme.
Bei den Lyssakinen, welche meist mit einem Schopf oder mit mehreren im Schlamme des Meeresbodens stecken und deshalb seiner Zeit von Max Schultze Lophospongiae, „Schopfschwämme“, genannt wurden, sind Ankernadeln besonders in den Wurzelschöpfen
weit verbreitet. Überhaupt dürften die meisten dieser verschiedenen Nadelgestalten ihre bestimmte Funktion im Schwamme haben: die einen bilden die Masse seines Skeletts, andere verankern ihn, wieder andere können seine Poren verschließen, umgeben als Kränze seine Mundöffnung oder dienen ihm als Waffen ꝛc. Zu den Lyssakinen gehört die prachtvolle, bis 0,50 cm lang werdende Semperella Schultzei (s. Tafel „Glasschwämme“, Fig. J) und der nestähnliche, in unserer Abbildung Junge tragende Polylophus philippinensis (Fig. 2), beide von den Philippinen.
Knoten-Achtflächner eines fossilen Ventrikuliten (in der Mitte) und Kieselsterne lebender Hexaktinelliden. Vergrößert.
Die Diktyoninen sind in dem Boden meist aufgewachsen und finden sich daher weniger auf Schlamm als auf steinigem Terrain. Bei ihnen ist der Formenreichtum der Skelettelemente nicht geringer als bei den Lyssakinen, und von der Beschaffenheit der Strahlen der ursprünglich freien Nadeln, ob dieselben gerade oder gekrümmt, glatt oder warzig waren, hängt die Regelmäßigkeit und Zierlichkeit des verschmolzenen Skeletts ab. Solche Diktyoninen find der einen über 0,50 em hohen Strauch bildende Sclerothamnus Olausii (Tafel,
Fig. 4), die röhrigen Formen Farrea Haeckelii (Fig. 5) und Periphragella Elisae (Fig. 6).
Die Gestalt der Hexaktinelliden ist sehr mannigfach, die weichen Lyssakinen find Einzelwesen, meist gestielt, keulenförmig, vogelnestähnlich oder von der Gestalt der Füllhörner.
.GLASSCHWÄMME (Hexactinellidae)
[Zur Tafel: »Glasschwämme (Hexactinellidae)«.]
- Polylophus philippinensis 3. Euplectella aspergillum. 4. Sclerothamanus Clausii. 5. Farrea Haeckelii. 6. Periphragella Elisae.
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N863
philPolylophus en
Die harten Diktyoninen sind in der Regel koloniebildend, haben häufig Aste oder erscheinen als einzelne oder mäandrisch verbogene und verschlungene Blätter.
Auch die Größe der Glasschwämme ist sehr verschieden, von wenigen Millimetern bis zu ½ m Höhe oder zugleich auch Breite schwankend. Von ihrer Fortpflanzung wissen wir nur, daß auch bei ihnen eine ungeschlechtliche Keimbildung sich findet.
Die erste unvollkommene Abbildung eines Glasschwammes findet sich schon in einer französischen Zeitschrift von 1780, aber bekannter wurden sie erst Anfang der dreißiger Jahre, und noch bekannter, als der berühmte Reisende von Siebold eine Anzahl Formen, darunter namentlich Hyalonemen, aus Japan nach Europa brachte, und 30 Jahre haben eine Reihe ausgezeichneter Naturforscher sich vergeblich bemüht, über die Natur des wunderbaren Geschöpfes ins reine zu kommen. Selbst der große Mikroskopiker Max Schultze verwechselte in seiner Beschreibung des Hyalonema mirabile (vergl. Abbildung auf S. 587), so heißt unser Schwamm, das Vorder- und Hinterende. Der Schwamm besteht aus einem massigen, abgerundeten Körper und einem langen, im Schlamme wurzelnden Schopfe. Letzterer wird in der Hauptsache aus stricknadeldicken, an beiden Enden zugespitzten Nadeln gebildet, welche spiralig umeinander gedreht sind und in dieser Vereinigung um so eher den Eindruck eines Kunstproduktes machen konnten, als sie gewöhnlich ohne den eigentlichen Schwammkörper und mit einem Faden umwickelt auf den japanischen Märkten als Nippes verkauft werden. Von dem vom Glasschopfe unzertrennbaren Polypen ist schon oben die Rede gewesen; die Verwirrung, in welche die Naturforscher hinsichtlich des Hyalonema versetzt wurden, rührte hauptsächlich aus diesem Freundschaftsverhältnis her. Die letzten Zweifel wurden gelöst, als die Polythoa als ständige Begleiterin auch anderer Schwämme bekannt wurde.
Über den Fang der Hyalonemen, die in Japan einen nicht unbedeutenden Handelsartikel ausmachen, hat Willemoes-Suhm von der Challenger-Expedition berichtet: „Wir befanden uns südwestlich wohl einige Meilen weit von der Insel Enosima und hielten in der Nähe des ersten besten Fischerbootes, dessen Inhalt, bestehend aus eben gefangenen Hyalonemen, einem großen Exemplar der Riesenkrabbe Macrocheirus Kaempfferi, mehreren Haifischen, einem Macrurus Halosaurus und Beryx, ans Schiff gebracht wurde. Und damit hatten wir denn schon die für diese Lokalität charakteristischen Tiere beisammen, und zwar ganz wie an der Küste Portugals: Hyalonema in Gesellschaft von großen Haifischen, Beryx und dem großäugigen Grenadierfisch. Von einem der Fischer, den wir an Bord nahmen, erfuhren wir nun, daß alle jene Boote, welche wir ringsherum liegen sahen, dem Fang der Tiefseefische und der Hyalonemen oblagen, die nach ersteren mit einem einfachen Haken und Köder angeln, während sie für letztere eine lange Leine, die mit vielen Haken der Länge nach besetzt und mit Gewichten beschwert ist, über den Meeresgrund ziehen. Im Laufe des Tages, den wir hier zubrachten, fingen sie auf diese Weise gar herrliche Sachen, die sie uns dann, während wir selber mit dem Fange beschäftigt waren, an Bord brachten. Und es war sehr günstig, daß wir diese Boote trafen, denn ohne sie hätten wir vielleicht niemals erfahren, daß wir uns auf dem Hyalonema-Grund befanden, da, wie die Folge lehrte, unsere großen Dredge- und Trawlapparate nicht im stande waren, die fest inden Schlamm eingesenkten Hyalonemen zu entwurzeln. Es ging hier ebenso wie auf den Philippinen: der einfache Hakenapparat der Eingeborenen, für den einen bestimmten Zweck konstruiert, leistete mehr als unsere auf den Fang im großen und ganzen eingerichteten Werkzeuge, aber letztere verschafften uns einen Überblick über die mit dem Hyalonema vorkommende Fauna. Die Tiefe, welche wir hier fanden, betrug 345 Faden.“
Ein zweiter Hauptfundort von Hyalonemen, welche der Art nach als verschieden von den japanischen betrachtet werden können, ist Setubal an der portugiesischen Küste,
wo fie oft von den Haifischfängern in der Tiefe von 300— 400 Faden erbeutet werden. Die modernen Tiefseeforschungen haben die Artenzahl der Gattung Hyalonema mit 18 und der Familie Hyalonematiden auf 28 gebracht! und darunter Formen aus so nördlichen Gewässern, wie es die um die Shetlandinseln sind.
Die schönsten aller Schwämme, wegen ihres wunderbar zarten Kieselgeflechtes, sind die zu den Lyssakinen trotz der oberflächlich verschmolzenen Kieselelemente gehörigen Euplektelliden, die „Wohlgewobenen“, darunter der Gießkannenschwamm (Euplectella aspergillum, Tafel Fig. 3). Die langen Nadeln, zwischen denen zahlreiche Varietäten kleinerer, oft mikroskopischer Sternchen enthalten sind, verschmelzen oder backen teilweise fest aneinander und bilden in Längs- und Ringzügen die durchbrochene Wandung eines leichtgebogenen, 3—4 em dicken und 30—40 cm langen Hohlcylinders. Auch das obere Ende desselben ist mit einem gleichen durchbrochenen Geflecht deckelähnlich geschlossen, woraus sich der Name (spanisch regadera) ergibt. Die vordere Hälfte pflegt mit unregelmäßigen Kreiskämmen umgeben zu sein. Das Hinterende, welches im Schlamme steckt, wird von einem dichten Schopfe feinster, biegsamer Nadeln gebildet. Die von den leicht abfallenden Weichteilen befreite Röhre, die jetzt eine für 6—8 Mark zu beschaffende Zierde der meisten Sammlungen ist, erglänzt im reinsten Weiß.
Der Gießkannenschwamm kommt von den Philippinen, namentlich der Insel Cebu. Über Vorkommen und Fang desselben schreibt Willemoes-Suhm: „Der Gießkannenschwamm wurde zuerst vor 70 Jahren in einem Exemplare zufällig aufgefischt, das vor circa 30 Jahren (1841) in Owens Hände kam. Jetzt wurden hohe Anerbietungen für weitere Exemplare gemacht, und noch der zweite zu hohem Preise gekauft. Noch vor 8—10 Jahren waren sie sehr teuer, als plötzlich die hierdurch angespornten Fischer ganz in der Nähe der Stadt Cebu eine Stelle entdeckten, wo sie mittels eines aus Bambusstäben und mit Haken versehenen Gestelles, das fie am Meeresgrunde herzogen, die Euplectella in Menge auf: fischten. Der Schwamm lebt hier in einer Tiefe von 100 Faden in schwärzlichem Schlamme. Während unseres Aufenthalts in Cebu fuhr das Schiff eines Tages eigens zu dem Zwecke an die betreffende Stelle, und nun wurden gleichzeitig von einem Fischerboote das Bambusgestell und vom Schiffe ein kleines Schleppnetz hinabgelassen. Aber während ersteres ihn in Menge fing, gingen wir leer aus, und erst die Wucht eines der großen Schleppnetze genügte, um die offenbar in Masse, aber sehr fest im Schlamme sitzenden Schwämme loszureißen.“
Jetzt kennen wir von der Gattung Euplectella 7 und von der Familie der Euplektelliden gegen 30 Arten. Übrigens sind diese Schwämme lyssakine Hexaktinelliden, obwohl gerade bei Euplectella aspergillum die Nadeln teilweise verschmolzen sind, aber diese Verschmelzung ist eine oberflächliche und ganz andere, als bei den echten Diktyoninen, wo man besser von einer Verwachsung redet.
Nicht selten wird der Gießkannenschwamm von einer Assel, welche der erste genaue Beobachter dieses Tieres, Semper, Aega spongiophila genannt hat, und fast ganz regelmäßig von einem Garneelenpaare, Männchen und Weibchen, der Gattung Palaemon bewohnt. Die Tiere schlüpfen in einem Jugendzustande, vielleicht schon als Larven, in das schöne, schützende Gitterwerk hinein und werden bald so groß, daß sie das selbst gewählte Gefängnis nicht wieder verlassen können. Daraus erklärt sich, daß die Bewohner von Cebu und Manila den Schwamm für ein von seinen Insassen selbst verfertigtes Haus halten. Auch mit einer der schönsten Diktyonien (Aphrocallistes Boccagei) lebt fast immer eine kleine Krabbe (Galathea spongicola) vergesellschaftet.
Bei den Fardern wurde auf der Schleppnetzfahrt des „Porcupine“ das S. 655 abge: bildete schöne, zur Familie der Hyalonematiden gehörige Pheronema Carpenteri
entdeckt. Dieser Schwamm hat die Form eines weitmündigen Bechers. Die Wandungen werden aus zahlreichen Formen größerer und kleinerer, dicht verfilzter Nadeln gebildet, und