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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

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Ein vom Bohrſchwamm (Vioa celata) durchlöcherter Kalkſtein. Natürliche Größe.

Zu den Kieselschwämmen mit einachsigen Nadeln gehören auch die einzigen Vertreter des Unterkreises, welche das süße Wasser bewohnen, die Süßwasserschwämme (Potamospongiae). Der Formenreichtum derselben ist ziemlich bedeutend, aber die einzelnen Arten sind schwer gegeneinander abzugrenzen, sie gehen ineinander über und bilden zahlreiche lokale Rassen. Die Tiere scheinen in fast allen süßen Gewässern der Erde vorzukommen, ja man hat sie in den seit je dem Tageslicht entzogenen Tümpeln und Bächen der Höhlen Krains gefunden, und sie sind gelegentlich in den Röhren städtischer Wasserleitungen angetroffen worden. Auch der Verbreitungskreis mancher Arten ist ungeheuer groß; so kennen wir manche (allerdings in verschiedenen Formen oder Varietäten) aus dem größten Teil der europäischen, sibirischen und nordamerikanischen süßen Gewässer, zugleich aber auch von Vorderindien (Bombay) und Australien.

Besonders reich an Süßwasserschwämmen scheint Nordamerika und das Flußgebiet des Amazonenstromes zu sein. Doch kommen sie auch, wenigstens was die Zahl der Individuen, wenn auch nicht der Arten und Varietäten, angeht, in manchen Gewässern Europas, besonders Norddeutschlands, in erstaunlicher Menge und von bemerkenswerter Größe vor. In dem See von Manindjau auf Sumatra überzieht eine Art, wie Max Weber berichtet, „an manchen Stellen mit steinigem Ufer zahlreiche Steine, Stücke Holz ıc. mit einem dicken Polster, und zwar in solcher Masse, daß die Haut des an solchen Stellen Badenden durch die zahlreich aufgewirbelten Nadeln empfindlich gereizt wurde“.

Die äußere Gestalt ist nach Arten und Individuen außerordentlich schwankend. Sie kommen vor als flache Polster, aus denen sich die einzelnen Mundöffnungen (Schornsteine) auf Kegeln kraterartig erheben, als knollige Massen von mannigfachster Form, bisweilen mit verlängert emporstehenden Nadelkomplexen ganz vom Habitus eines Igels, als zierliche Bäumchen ꝛc. Manche sind sehr locker und im trockenen Zustande leicht zerreiblich, andere fest wie Stein und wohl zerbrechbar, aber nicht zerreiblich. Sie finden sich auf allen möglichen Gegenständen im Wasser: auf Steinen, lebenden und toten Pflanzenteilen, besonders gern an alten Pfählen und Planken. Ein jedes Wasser, das genügende Nahrung bietet, ist ihnen recht. Sie finden sich in den trüben Waldtümpeln der Umgegend Leipzigs und im tosenden Gebirgsbach, ja in den Stromschnellen des Kongo, sie bewohnen den Baikalsee und sind in die östlichsten Teile der Ostsee in das Meer zurückgewandert. Zurückgewandert — denn wir müssen annehmen, daß die Süßwasserschwämme von Arten des Meeres abstammen, welche ihrer Zeit in das süße Wasser eingewandert sind. Wahrscheinlich waren das die Renieren genannten Seeschwämme, mit denen die Potamospongien in ihrem gröberen und feineren Bau große Ahnlichkeit haben, und die, als die schmiegsamsten aller Spongien, auch im Brackwasser, selbst in dem fast süßen Wasser der Kanäle innerhalb der Stadt Venedig, gedeihen.

Die Farbe der Süßwasserschwämme ist schmutzig weiß, gelblichgrau bis grün, manche Formen (aus dem Amazonenstrom) erscheinen im getrockneten Zustande fast schwarz. Den Nadeln des Skeletts liegt die Spindelform zu Grunde, dieselbe kann aber auf das Mannigfachste modifiziert sein: gestreckt mit scharfen Spitzen, wurstförmig gedrungen mit stumpfen Enden, gerade oder in verschiedenem Umfange, bisweilen mehrmals gekrümmt. Daneben finden sich nicht selten noch allerlei, besonders durch Verwachsungen verschiedener Nadeln in der Jugend hervorgerufene Mißbildungen. Die Oberfläche dieser Kieselkörper ist entweder glatt oder in verschiedenem Grade warzig oder dornig, und zwar letzteres in der Regel um so mehr, je gedrungener die Gestalt der Nadeln ist.

Die Fortpflanzung der Süßwasserschwämme ist eine doppelte, eine geschlechtliche und eine ungeschlechtliche. Beide Arten der Entwickelung sind wiederholt und auch in neuerer Zeit untersucht worden, zuerst aber 1856 von Lieberkühn, damals in Berlin. Er

nennt die Larven Schwärmsporen und schreibt: „Ich entdeckte die Schwärmsporen zuerst, als ich frisch gesammelte Spongillen einige Stunden in einem Gefäße voll Flußwasser hatte liegen lassen. Man erkennt fie schon mit bloßem Auge, indem fie eine Größe von nahezu zwei Dritteilen eines Millimeters im Längs- und gegen ½ mm im größten Durchmesser erreichen. Sie sind von ovaler Gestalt und auch in der Regel an dem einen Ende etwas mehr zugespitzt, gerade so wie ein Hühnerei. An den meisten Exemplaren kann man ohne Instrument einen wasserhellen halbkugeligen Raum in dem vorderen und einen blendend weißen in dem hinteren Teile des Körpers unterscheiden. Von einem vorderen Teile ist insofern zu reden erlaubt, weil beim Schwimmen meist der das Licht schwach brechende Teil nach vorn und der stark brechende nach hinten zugekehrt ist. Die Sporen schwimmen in den verschiedensten Richtungen umher; zeitweise schwimmen sie an der Oberfläche des Wassers, dann gehen sie in die Tiefe, gleiten an dem Boden des Gefäßes entlang, erheben sich wieder in die oberen Schichten der Flüssigkeit; sie schwimmen in gerader Linie; öfters drehen sie sich im Kreise herum. Treffen zwei Exemplare zusammen, so schwimmen sie oft minutenlang aneinander herum und entfernen sich wieder; oft bleiben sie eine Zeitlang unbewegt une beginnen dann ihre Bewegungen von neuem.” Die frei schwärmende Larve kommt in ihrem feineren Bau nach den Untersuchungen von Otto Maas dem ausgebildeten Schwamme in vielen Beziehungen schon sehr nahe, und sie ist viel höher differenziert als die frei schwimmende Larve von dem Kalkschwamm Sycon (vergl. S. 631). Sie ist zunächst vollständig von einer mit Wimpern bedeckten Haut bekleidet, die dem äußeren Keimblatt entspricht, und die dem halb: kugeligen, wasserhellen Raum des vorderen Teils (Liebere Sübnefferfönanmes kühn) entsprechende Höhle ift vom innersten Keimblatt aus: gekleidet. Zwischen beiden Keimblättern hat sich aber auch schon das mittelste mit seinen Skelettelementen angelegt. „Die Spikula (Nadeln)“, sagt Maas von der Larve auf dieser Stufe der Entwickelung, „haben an Zahl sehr zugenommen, liegen aber stets nur in der dichten Masse, die den hinteren Pol ausfüllt, so daß man den Eindruck gewinnt, als sei die Larve am vorderen Pol (wo die Höhle sich befindet) nur zweischichtig. Ihre (der Nadeln) Größe ist oft so bedeutend, daß man sich wundern muß, wie sie die Larve nicht am Schwimmen stören.“

Von der Höhle aus erstrecken sich stellenweise gangartige Ausläufer von sehr verschiedener Länge in das mittelste Keimblatt, die in Geißelkammern münden. Die Verhältnisse liegen hier also ganz anders als bei der Larve von Sycon: die drei Keimblätter sind schon vorhanden, und die Geißelkammern sind schon deutlich angelegt.

Das freie Leben der Larve scheint mindestens 12 und höchstens 24 Stunden zu dauern. Nach diesem Zeitraum setzt sie sich an einer geeigneten Stelle fest und zwar mit dem beim Schwimmen nach vorn gerichteten Pol. Die Höhle verkleinert sich dabei, die Zellen des äußeren Keimblattes flachen sich ab und ziehen ihre Geißeln ein. Auch die ganze Larve flacht sich ungemein stark ab, so daß die Geißelkammern der Oberfläche sehr nahe zu liegen kommen und endlich von außen her ein Durchbruch zu ihnen stattfindet, womit die ersten Einströmungsöffnungen angelegt sind. Darauf bricht auch die innere Höhle nach außen durch und wird unter Bildung des Mundes zum Magen.

Neben der geschlechtlichen Fortpflanzung kommt den meisten Süßwasserschwämmen auch noch eine ungeschlechtliche zu, welche lebhaft an die bei den Moostierchen vorkommende,

früher beschriebene erinnert. Beim Eintritt der für das Gedeihen der Schwämme ungünstigen Jahreszeit, bei uns gegen den Winter, in den Tropen vor Beginn der Dürre, treten im Parenchym des Schwammes eine Anzahl der Wanderzellen zusammen zur Bildung eines Keimes, der auf seiner Oberfläche eine Hornkapsel abscheidet, welche je nach den Arten ungemein verschieden ist und das beste Mittel, dieselben zu unterscheiden, abgibt. Auf diese Kapseln werden von den umgebenden Zellen des Parenchyms Nadeln besonderer Art und von charakteristischer Form abgeschieden, entweder tangential zur Kapsel liegende glatte oder dornige Spindelnadeln, oder sehr merkwürdige, mit ihrer Achse senkrecht zur Oberfläche der Kapsel liegende Kieselgebilde, die Amphidisken genannt werden. Diese Amphidisken bestehen aus zwei Kieselscheibchen, welche durch eine Kieselachse miteinander verbunden sind.

An einer Stelle hat die Hornkapsel eine Offnung, die nur von einem sehr zarten Häutchen überdeckt ist. So eingeschlossen, überstehen die Keime, die Gemmulae genannt werden, die ungünstige Jahreszeit, die Kälte oder die Dürre. Sobald solche Verhältnisse eintreten, daß ein Schwamm normaler Weise existieren kann, kriecht die Zellmasse aus der Keimkapsel durch deren Offnung aus und wird zu einem jungen Schwamme.

Nicht selten erscheinen die Süßwasserschwämme grün, aber diese Farbe ist nicht auf die Anwesenheit eigner Pigmente in ihrem Körper zurückzuführen, sondern auf die einzelliger grüner Algen (Zoochlorella), die sich bisweilen in großen Mengen dicht unter der Oberfläche des Schwammes, nach Maas schon im mittelsten Keimblatt der frei schwimmenden Larve ansammeln. Diese Erscheinung dürfte doch ein eklatanter Fall von Symbiose sein. Die Algen, welche von anorganischen Stoffen sich ernähren, finden in den Schwämmen Schutz, erleichtern aber ihrerseits, solange sie leben, diesen das Atmen und, wenn sie abgestorben und zerfallen sind, die Ernährung. Schwämme, die nicht an dem Lichte zugänglichen Stellen wachsen, werden nicht von der Alge infiziert, da diese, um assimilieren zu können, des Tageslichtes bedarf. Es scheint, daß sich ein infizierter Schwamm in seinem Wachstum oft nach dem Wohlbehagen der Algen richtet. Diese gedeihen am besten in der Nähe der Oberfläche ihres Wirtes, eben weil sie des Lichtes bedürfen. Entwickelt nun der Schwamm viel Oberfläche, so ist das für seine Gäste äußerst günstig und damit auch, wie wir sahen, für ihn selbst. Daher sind mit Algen besetzte Süßwasserschwämme sehr oft verzweigt. Weber beobachtete bei einem Schwamme aus dem süßen Wasser von Sumatra auch eine Fadenalge als Inwohnerin.

Zweite Ordnung.

Die Vierstrahlschwümme (Tetractinellidae).

Unter Vierstrahl- oder Anker schwämmen verftehen wir solche Schwämme, bei denen Kieselgebilde vorkommen, die sich aus vier Strahlen zusammensetzen. Typisch sind diese Nadeln in ihrer Form, wenn drei in einer Ebene gelegene Strahlen unter Winkel von 120 Grad zusammenstoßen und von ihrer Vereinigungsstelle ein vierter, gleichgroßer Strahl sich senkrecht erhebt. So sind aber die Nadeln nur selten beschaffen. Zunächst ist in der Regel der senkrechte Strahl länger als die drei übrigen, weiter sind aber auch diese selbst mannigfach umgestaltet. Am häufigsten sind sie in der Richtung des senkrechten Strahles zurückgebogen, so daß sie zierliche dreiarmige Anker darstellen, oder sie gabeln sich am freien Ende oder wachsen zu Platten zusammen, in denen aber immer noch der dreistrahlige Zentralkanal erkennbar ist.

Daneben finden sich oberflächlich am Schwamme gelegene Kieselbildungen anderer Art, Sternchen, Kandelaberchen, linsen- oder plump spindelförmige Körperchen, welche unter Umständen eine zentimeterdicke Rindenschicht bilden können. So besonders in der Gattung Geodia und ihren Verwandten, bei denen es zierliche, höchst eigentümlich gebaute Kieselkugeln sind, welche in der Rindenschicht zu einem festen Pflaster zusammentreten. Unter dieser Rindenschicht liegen nebeneinander, mit einfachen einachsigen Na: deln gemischt, die Ankernadeln mit den Hakenarmen nach außen, den Stielen zentripetal nach innen. Außen auf der Kugelschicht sitzt bei manchen Arten noch ein dichter Flaum sehr feiner, spitzer Einachser, welche beim Anfassen in die Fingerspitzen eindringen und empfindliche Schmerzen verursachen. Auch sonst sind die Geodien, die unter Umständen (Geodia gigas) bis zu 50 em breiten, schwefelgelben Broten heranwachsen, unangenehme Tiere, die einen widrigen Knoblauchs- oder Bocksgeruch ausströmen. Aber doch ist die genauere Durchsuchung derselben dem Forscher warm zu empfehlen, da in ihren Gängen und Gruben zahlreiche andere Meerestiere, Krebse, Nemertinen und Ringelwürmer hausen. Auch sucht man zwischen dem Nadelflaum nie vergeblich nach mikroskopischen For: men, namentlich finden sich hier zierliche Wurzelfüße oft in Menge. Manche Ankerschwämme sind als schwarze, violette, graue und weiße lederartige Krusten besonders der Unterseite von Steinen angewachsen, andere liegen frei auf dem Boden des Meeres. Man unterscheidet zwei Gruppen von Vierstrahlschwämmen: die Choristiden und die Lithistiden. Bei den ersteren, die man auf deutsch Rinden- oder besser Ankerschwämme nennen könnte, find die Skelettelemente, abgesehen von einer etwaigen Rinde, ziemlich locker miteinander verbunden, die Weichteile ziemlich stark entwickelt und das Kanalsystem weit⸗

| läufig. Bei den Lithistiden oder Steinschwämmen

8 1 N ist das Skelett viel stärker entwickelt, die vielfach e gebogenen Kieselgebilde sind oft mit Dornen und ö mit Zacken besetzt und zu steinartigen Massen miteinander verbunden und verflochten, die Weichteile find sehr zurückgetreten und das Kanalsystem ist eng.

Die Choristiden sind in allen mit dem entsprechenden Salzgehalt versehenen Meeren vorhanden, wenn sie auch in den wärmeren häufiger zu werden scheinen. Hier ist die Heimat der weit selteneren Lithistiden. In sehr bedeutende Tiefen gehen die Vierstrahlschwämme nicht: zwischen 150 und 300 Faden scheint, besonders in wärmeren Zonen, ihr Hauptquartier zu sein. An den europäischen Küsten leben viele weit näher der Oberfläche.

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