Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
An der dalmatinischen und istrischen Küste, wo ich mich sehr genau mit den Verhältnissen der Schwammfischerei bekannt gemacht, bemächtigt man sich der Schwämme nicht durch Tauchen, sondern mit der langen vierzinkigen Gabel, welche wir auf alten Bildwerken als Wahrzeichen des Neptun erblicken. Nur die Bewohner der kleinen Insel Krapano liegen diesem Gewerbe ob, und ihre 30—40 Barken suchen während der guten Jahreszeit die zerrissene und inselreiche Küste ab. Je zwei Mann befinden sich auf einer starken Barke, deren Vorderdeck einen viereckigen Ausschnitt hat. In diesen stellt sich der die Gabel führende Mann, um, über Bord gebeugt, den Oberkörper sicher balancieren zu können. Der Stiel der Gabel ist 7—14 m lang; eine Reservegabel und Stangen liegen immer auf einem am Bord angebrachten Gestelle. Der zweite Mann führt die Ruder, deren Ruhepunkte auf einem die Bordseite überragenden Balken liegen, wodurch die notwendigen feinen Bewegungen des Bootes leichter und sicherer werden. Während er nun das Boot hart am Felsenufer über einem Grunde von 4—13 m Tiefe langsam hintreibt, späht jener scharfen Auges nach den durch ihre schwarze Haut sich kenntlich machenden Schwämmen. Am günstigsten ist natürlich völlige Windstille. Ist das Meer leicht erregt, so wird es mit Ol beruhigt. Zu diesem Ende liegt immer auf der Spitze des Bootes ein Haufen glatter Kiesel, und daneben steht ein Gefäß mit Ol. Der Fischer taucht einige der Steine
mit der Spitze in die Flüssigkeit und wirft sie einzeln in einem Halbkreise um sich. Die Wirkung ist eine wundersame: die unmeßbar feine Olschicht, die sich über mehrere Quadratklafter ausdehnt, reicht hin, um die kleinen Wellen zu besänftigen, das Auge wird nicht mehr durch die sich kreuzenden Spiegelungen und Brechungen gestört. Der Fischer aber muß die Schwämme nicht bloß mit den Augen erspähen; da sie am liebsten gedeckt wachsen, muß er mit der Gabel zwischen und womöglich unter die Felsen tasten, und sicher ist ein großer Teil der gesuchten Beute dieser Art der Fischerei gar nicht zugänglich. Nachdem mit der Arbeit des Aufsuchens Schicht gemacht ist, werden die Schwämme am Ufer so lange getreten, geknetet und mit den Händen ausgedrückt und wiederholt gewaschen, bis die schwarze Oberhaut und alle zwischen den Fasern enthaltene Substanz verschwunden. Sie bedürfen, um vollkommen gut zum Gebrauche zu sein, nur einer nochmaligen Reinigung in lauem süßen Wasser. Ganz so werden die feinen syrischen und griechischen Schwämme von den dortigen Fischern behandelt.
Dem widerspricht nun, wird man mir mit Recht einwerfen, die tägliche Erfahrung, daß man jeden neu gekauften Schwamm mit vieler Mühe von dem feinen, zwischen den Maschen enthaltenen Sande befreien muß. Nun, die Sache ist sehr einfach. Die von den Fischern fast vollkommen rein aufgekauften Schwämme werden in den Magazinen der Großhändler (man sollte es kaum glauben!) künstlich mit Sand beschwert, indem man sie mit Sand durcheinander schaufelt. Es wird kaum eine andere Ware geben, die man aufso verrückte Weise behandelt. Der Einzelverkauf geschieht bekanntlich nach dem Gewichte, da aber jedermann mit dem Händler weiß, daß eine gehörige Portion Sand mit ins Gewicht fällt, so ist trotz des Gewichtskaufes die Form des Schwammes und die Güte des Gewebes maßgebend.
Als ich natürlich gleich bei Beginn meiner wissenschaftlichen Studien meine Blicke auf die Schwammfischerei in den adriatischen Gewässern gelenkt hatte, machte ich Fischer und Behörden aufmerksam, daß der Ertrag durch eine vernünftige Regelung der Fischerei erheblich gesteigert werden müßte, wenn man sich z. B. dahin einigte, daß höchstens jedes dritte Jahr eine und dieselbe Lokalität abgesucht werden und die kleinen, im Handel fast ganz wertlosen Exemplare gar nicht gesammelt werden dürften. Diese Vorstellungen sind bisher an der Unvernunft der Fischer völlig gescheitert. Einen anderen Weg, die Produktion zu steigern, habe ich durch die künstliche Schwammzucht eingeschlagen. Die in den Jahren 1863 — 72 fortgesetzten Versuche und Unternehmungen haben von seiten der österreichischen Regierung und der Börsedeputation in Triest die nachhaltigste Förderung erfahren. Ich schloß aus der Natur dieser niederen Organismen überhaupt und nach Erfahrungen, die einzelne Naturforscher, besonders Lieberkühn, bei der wissenschaftlichen Beobachtung an gebräuchlichen Schwammarten gemacht, daß, wenn man einen frischen Badeschwamm in passende Stücke teilen und dieselben geschützt und leicht erreichbar wieder ins Meer senken würde, diese anwachsen und sich zu neuen vollständigen Schwämmen entwickeln müßten. So ist es denn auch gekommen, das Prinzip hat sich vollkommen bewährt, N und nach vielerlei praktischen Mißgriffen, die bei einem solchen Unternehmen nicht aus⸗ 1 bleiben konnten, hatte ich mit meinem Freunde und Arbeitsgenossen, dem Telegraphen⸗ 1 beamten Buccich in Lesina, die Freude, in der schönen Bucht von Socolizza eine Zucht 5 von 2000 Exemplaren aufzuweisen. Je#.a
Die zur Zerteilung bestimmten Schwämme wurden in nächster Umgebung oder auch “ in Entfernung einiger Seemeilen aufgesucht und in einem durchlöcherten Kasten befestigt, daß sie sich nicht beschädigen und drücken konnten, nach der Zuchtstation gebracht. Dort wurden sie zerteilt, was bei der Zähigkeit des Schwammes und der Leichtigkeit, mit der die flüssige Sarkode ausfließt, mit sehr scharfem Messer zu geschehen hat, dann die Teilstücke von 1—3 Kubikzoll entweder mittels hölzerner, oben mit einem Knopfe versehener
Nägel an einem kastenähnlichen Gestell befestigt, oder sie wurden zu 2 oder 3 auf Stäbchen oder sogar auf mit Kautschuk überzogenen Kupferdraht aufgereiht. Die Hauptbedingung für das Fortkommen ist, daß die Stücke nicht direktes Licht empfangen, auch wenn sie 20— 30 Fuß tief versenkt find. Durch geschickte Handgriffe, welche Herr Buccich bei der Anpflanzung anwendete, kam er so weit, daß von den auf den Stäbchen und dem Draht befestigten Stecklingen nur 1 Prozent mißriet, und alle Schwämme unserer Anlage hatten eine schöne, schwarze, glänzende Farbe, die natürliche. Auch auf losen Steinen wurde eine Partie von Teilstücken befestigt, und sie sind in kürzester Zeit darauf angewachsen.
So konnte das Unternehmen, das seiner Zeit von der wissenschaftlichen und merkantilen Welt mit Interesse verfolgt wurde, damals, als es auf der Stufe eines gelingenden Versuches stand, auch für die Zukunft als gesichert erscheinen. Und doch ist es gescheitert. Natur und Menschen haben das ihrige dagegen gethan. Die erstere sendete einen furchtbaren Feind in Gestalt des Pfahlwurmes, der alles Holzwerk der Anlagen zu zerstören begann, schließlich auch nicht die mit Steinkohlenteer imprägnierten Bretter und Balken verschmähte. Unsere und ihre eignen schlimmsten Gegner waren aber und sind geblieben die Küstenbewohner selbst und die Schwammfischer.
Anfangs verlachten sie mich. Als ich sie dann einmal eingeladen hatte, sich die Zucht zu besehen, erschienen vier Mann, Hohn und Spott in den Mienen. Wer beschreibt aber ihr Erstaunen, als ein Gestell nach dem anderen gehoben wurde und die in voller Lebenskraft daran befindlichen Schwämme ihnen zu Gesicht kamen. Sie bekreuzten sich wiederholt, denn es schien ihnen nicht mit rechten Dingen zuzugehen. Trotzdem ist keiner der dalmatinischen, auf die Hantierung an der Küste und den Fischereierwerb angewiesenen Eingeborenen zu bewegen gewesen, auch nur den mindesten Versuch zum Betrieb einer Schwammzucht zu machen. Im Gegenteil, die Anlagen wurden wiederholt zerstört, unsere gezogenen Stücke trotz einer Wache gestohlen. Das Rationelle und der volkswirtschaftliche Nutzen einer künstlichen Schwammzucht sollte nicht nur darauf beruhen, daß mit dem Aufgeben eines vorläufigen, aus dem Erlöse der zu zerteilenden Exemplare sich ergebenden Vorteiles derselben nach 3—4 Jahren versechsfacht sein kann, sondern hauptsächlich auf der allmählichen Regelung eines gewissen Verdienstes unter Minderung der Arbeit und Schonung des Naturproduktes. Das Raubsystem, welches die dalmatinischen Schwammfischer befolgen, muß allmählich den Ruin des Gewerbes mit einer Erschöpfung des natürlich wachsenden Schwammvorrates herbeiführen. Bis jetzt haben diese auf einer sehr niedrigen Bildungsstufe stehenden Leute dafür noch kein Verständnis, und nachdem jene Vier ihre Verwunderung über das Gedeihen der Anpflanzung durch Bekreuzen und lebhafte Ausrufe ausgedrückt, fuhren sie davon, um auch künftig ganz in der alten, durch die Jahrhunderte geheiligten Weise planlos und sinnlos der Fischerei obzuliegen.
Die Fortpflanzung des Badeschwammes durch freie, aus Eiern sich entwickelnde Larven findet nach meinen Beobachtungen in Neapel im März und April, vielleicht auch später statt. In den Umgebungen der Wassergänge bilden sich zahlreiche Haufen von Embryonen ganz auf die Weise, wie in dem Durchschnitt eines Pferdeschwammes auf S. 636 zu sehen. Die Anzahl der Nachkommen eines mäßig großen Badeschwammes ist eine außerordentliche. Wenn trotzdem die Klagen der Schwammfischer über schlechten Ertrag ihres mühesamen Gewerbes laut und die Schwämme immer teurer werden, so ist damit die von mir wiederholt hervorgehobene Notwendigkeit von Schonzeiten bewiesen. Denn schon in den ersten Frühlingswochen beginnen die Schwammfischer ihre Raubzüge; sie vertilgen also Jahr für Jahr ungezählte Millionen ungeborener Brut.
Wie die Kieselschwämme mit einachsigen Skelettelementen nach und nach in die reinen Hornschwämme übergehen, so sind diese wieder durch allerlei Zwischenformen mit Arten verbunden, welche eine steinartige Festigkeit besitzen und aussehen wie abgerollte Brocken
Sandstein (Familie der Psamminidae). Und sie bestehen in der That zum größten Teil aus Meeressand mit den verschiedenen in diesem enthaltenen Resten tierischer Organismen.
Oben wurde schon erwähnt, daß bei den als Pferdeschwämme bezeichneten groben Sorten der Badeschwämme weit mehr fremde Körper in den Endspitzen der Fasern eingeschlossen zu sein pflegen als bei den feineren, aber auch bei diesen kommen sie vor, und es gibt wohl keine Art oder Form von Hornschwamm, wo sie gelegentlich nicht auftreten könnten. Die Fremdkörper befinden sich das eine Mal nur im zentralen Teil der Hornfaser und sind unregelmäßig verteilt, indem sie manchmal eine Strecke lang zahlreich hintereinander liegen, dann wieder auf weite Zwischenräume fehlen. Ein anderes Mal sind die Fasern strotzend und ununterbrochen gefüllt von allerlei Partikelchen, oft so sehr, daß die ganze Masse der Renophyen, wie Haeckel diese Fremdkörper nennt, durch die Hornsubstanz nur wie durch ein Zement zusammengekittet ist, ja es gibt Formen, welche ein ausschließlich aus Fremdkörpern bestehendes Skelett ohne irgend welche Hornsubstanz besitzen.
Als Xenophyen treten allerlei Bildungen auf: Sand, ganze und zerbrochene Nadeln von Kalk- und Kieselschwämmen, Kalkkörper von Ascidien, die Gehäuse von Foraminiferen und Radiolarien, Bruchstücke von Konchylienschalen ꝛc. Es kommt ganz auf die Zusammensetzung des Meeresbodens an, auf dem ein Schwamm mit Fremdkörperskelett wächst, was von jenen Stoffen in überwiegender Menge in den Fasern eingeschlossen ist. Haeckel, der die Tiefseehornschwämme, welche die Challenger-Expedition heimbrachte, untersuchte, gibt an, die Xenophyen derselben unterschieden sich nach der Bodenbeschaffenheit ihres Standortes und man könne aus der Art der Fremdkörper erkennen, ob fie auf Radiolarienoder Globigerinen-Schlick oder rotem Thon gewachsen wären. Von den 26 Arten Tiefjee- Hornschwämmen, welche Haeckel beschreibt, haben 8 ein Kalkskelett, bestehend aus Foraminiferenschalen (Standort: Globigerinen-Schlick), 10 ein aus Radiolarienskeletten gebildetes Kieselskelett (Standort: Radiolarien-Schlick) und 3 ein rein mineralisches Skelett, gebildet aus allerlei Partikelchen vulkanischen Gesteins (Standort: roter Thon). Bei den 5 übrig: bleibenden Arten war das Skelett aus verschiedenartigen Fremdkörpern zusammengesetzt, mit anderen Worten, der Boden ihres Standortes hatte keinen ausgesprochenen Charakter.
Wie kommen nun aber die Fremdkörper in den Schwamm hinein? Vielleicht auf zweierlei Art. Das durch die Einströmungsöffnungen eines Schwammes eindringende Wasser wird außer als Nahrung verwertbaren kleinen Organismen und Resten von Organismen auch allerlei andere Körper in den Schwamm hineinschwemmen, jo namentlich Meeressand. Von den Hornfasern wird zuerst der als „Achse“ unterschiedene, nach außen zu gelegene Teil angelegt, der jedenfalls eine mehr oder weniger klebrige Beschaffenheit haben wird, und an ihm bleibt ein Teil der eingeschwemmten Fremdkörper haften und zwar um so mehr, je klebriger er ist. Später sondern die früher erwähnten Spongioblasten neue Hornsubstanz schichtenweise auf die Achse mit den anklebenden Fremdkörpern ab, jo daß diese ins Innere der Faser zu liegen kommen. Diese selbst wächst am freien Ende zu: nächst bloß als Achse, die Leimrute für die Fremdkörper, weiter, und so wiederholt sich der Prozeß immer aufs neue.
Auf eine andere Art dürften diejenigen Tiefseeschwämme, welche wohl Fremdkörper, aber keine Hornfasern besitzen, zu ihrem Skelett kommen. Man möchte fast vermuten, daß sie geradezu in den Sand hineinwachsen.
Die Hornschwämme find bisweilen ganz durchwachsen von Algen (Oscillarien, Calli-thamnion 2c.), und in manchen Fällen scheint nicht bloß einfaches Wohnungs⸗Schmarotzertum,
sondern Symbiose vorzuliegen, d. h. eine Vergesellschaftlichung zu gegenseitigem Vorteil: die Alge findet eine Wohnstätte und erleichtert als Gegenleistung dem Schwamme die Atmung und Ernährung. Für die Mehrzahl der Tiefseehornschwämme ist aber eine Symbiose mit Hydroidpolypen charakteristisch. Die cylindrischen, sich verzweigenden und Anastomosen bildende Stöckchen derselben durchziehen den Körper der Schwämme nach allen Richtungen und ersetzen in mechanischer Hinsicht das fehlende Gerüst starker Hornfasern. Haeckel fand dieses Verhältnis bei 16 Arten von 26 untersuchten.
Bemerkenswert ist noch, daß die Hornschwämme der Tiefsee gern in der Gestalt gestielter Blätter wachsen und dabei meist, entsprechend ihrem ruhigen Standorte, von einer wundervollen Regelmäßigkeit sind. Bei manchen tritt in der äußeren Form auch eine radiäre Tendenz auf.