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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
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Die schönsten und wenigstens formell am höchsten entwickelten sind die Waben-Kalk⸗ 0%. schwämme7 (Sycones). Die. Grundform des NSL 1. Einzeltieres ist ein länglicher Becher oder ein meist gestielter Cylinder, dessen dickere Wandungen regelmäßige Kreise tiefer, von der großen zentralen Höhle ausgehender Einbuchtungen zeigt. Die Mündung verhält sich wie bei den anderen Familien: sie ist entweder nackt wie bei der Leucandra, oder mit einem Kranze schlanker Nadeln umstellt.

Über die Verhältnisse, unter denen die 1) Knollen-Kalkschwamm (Leucandra penicillata). Kalkschwämme leben, habe ich zwar selbst viele Natürl. Größe. 2) 110 e (Sycandra Erfahrungen gesammelt, ich will aber darüber. Haeckel reden lassen, dessen oben berührte Monographie für alle Zeiten die Grundlage unseres Wissens bilden wird. „Alle Kalkschwämme leben im Meere. Keine einzige Form dieser Gruppe ist bisher in süßem Wasser oder in Brackwasser aufgefunden worden. Aus der salzarmen Ostsee

Sack⸗Kalkſchwamm (Ascaltis botryoides). 4 mal vergrößert.

ist bisher noch kein einziger Kalkschwamm bekannt. Ebenso habe ich auch in den tief eingeschnittenen Fjorden Norwegens an allen jenen Stellen, wo das Wasser nur schwach gesalzen oder brackig ist, vergeblich nach Kalkschwämmen gesucht, während fie außen an der Küste dort sehr häufig sind. Es scheint demnach, daß die Kalkspongien nur in Seewasser von dem durchschnittlichen Salzgehalt des Ozeans leben können. In süßem Wasser oder in verdünntem Seewasser sterben sie sehr rasch. „Alle bis jetzt bekannten Kalkschwämme sind entweder unmittelbar an der Meeresküste oder nur in geringer Entfernung von derselben gesammelt worden. Auf dem Boden des offenen Meeres sind bisher noch keine Kalkspongien gefunden worden. Auch die ausgedehnten Untersuchungen, welche in den letzten Jahren über die Beschaffenheit des Tiefseegrundes angestellt wurden, und welche eine Anzahl von eigentümlichen Kieselschwämmen aus dem tiefen Boden des offenen Meeres zu Tage förderten, haben keinen einzigen Kalkschwamm von dort geliefert. „Die meisten Kalkschwämme lieben die Dunkelheit und fliehen das Licht. Nur wenige Arten wachsen an Stellen, welche dem Lichte mehr oder weniger ausgesetzt sind. Daher findet man diejenigen Arten, welche sich am liebsten auf Felsen und Steinen ansiedeln, vorzugsweise in Höhlen und Grotten der Meeresküste, in Felsenspalten und an der Unterseite von Steinen. Die meisten Arten leben im Tangdickicht, in dem schattigen Konfervengebüsch und den dunkeln Fukoidenwäldern, und je dichter diese Algen an felsigen Küsten beisammen wachsen, je weniger Licht zwischen ihr Astwerk hineinfällt, desto eher darf man hoffen, Kalkschwämme zwischen ihren Asten verborgen zu finden. Diese Liebe zur Dunkelheit veranlaßt auch viele Kalkschwämme, sich im Inneren von leeren Tiergehäusen: Muschelschalen, Schneckenhäusern, Seeigelschalen, Wurmröhren und anderen anzusiedeln. „Die große Mehrzahl der Kalkschwämme sitzt festgewachsen auf dem Boden des Meeres. Jedoch gibt es unter den Kalkschwämmen wie unter den Kieselschwämmen einige wenige Arten, welche auch im völlig ausgewachsenen Zustande nicht festgewachsen sind, sondern frei im Schlamme des Meeresbodens stecken und gelegentlich von den Wellen oder Strömungen fortgetrieben werden können.“

Haeckel glaubt, die verhältnismäßige Seltenheit der Kalkschwämme in allen Meeren hervorheben zu müssen. Ich kann dem nicht unbedingt beistimmen. Sie stehen allerdings an Vielfältigkeit und gelegentlicher Massenhaftigkeit des Vorkommens gegen die Kieselschwämme außerordentlich zurück. Wenn aber dem Monographen der Kalkschwämme trotz seiner vielseitigen Verbindungen von vielen Küstenstrecken und aus ganzen Meeren keine Arten zugingen, so liegt das, glaube ich, an der Mangelhaftigkeit des Einsammelns. Es gibt an der italienischen und französischen Mittelmeerküste ganz unglaubliche Mengen von Kalkschwämmen; daher ist es undenkbar, daß dieselben an dem gegenüberliegenden afrikanischen Ufer selten oder gar nicht vorkommen sollten, obgleich inden Pariser Sammlungen von daher sich keine befinden. Die meisten Kalkschwämme gehören der Strandzone bis zu 2 Faden Tiefe an. Schon von da bis zu 10 Faden ist die Abnahme eine sehr auffallende; darüber hinaus gehören sie zu den Seltenheiten. Der „Challenger“ brachte 30 Arten mit heim, von denen nur 2 tiefer als 150 Faden (nämlich bei 450 Faden) gefangen worden waren. Wahrscheinlich ist in erster Linie die durch die Gegenwart von Kohlensäure bedingte Kalkarmut der tieferen Meeresschichten Ursache dieser auffallenden Erscheinung.

Kein Tier scheint sich von den Weichteilen der Kalkschwämme zu nähren. Auch findet man in ihren Höhlungen nur ausnahmsweise fremde Inwohner.

Zweite Klasse. Die Gemeinschwämme (Coenospongiae).

Bei der zweiten Klasse der Spongien, welche weit zahlreicher als die erste und in allen Zonen und Tiefen des Meeres verbreitet ist, und die wir einmal Gemeinschwämme nennen wollen, besteht das Skelett aus Kieselnadeln, welche teilweise oder ganz von zusammenhängenden Hornfasern verdrängt sein können, die sich ihrerseits unter Umständen wieder unter Aufnahme von Fremdkörpern bis fast zum vollkommenen Verschwinden rückbilden.

Die Gemeinschwämme lassen sich am besten in drei Ordnungen zerlegen, von denen die erste die der Halichondrien, die zweite die der Tetraktinelliden und die dritte die der Hexaktinelliden ist.

Erste Ordnung.

Die Halichondrien (Halichondriadae).

Wir dürfen alle Schwämme, welche entweder gar keine erdigen Bestandteile absondern, oder nur nadelähnliche einachsige Kieselkörper nebst gewissen spangenförmigen Gestalten, die aus Verkieselung von Zellen hervorgehen, kurz alle Schwämme mit Ausschluß der schon vorgeführten Unterklasse und der zwei folgenden Ordnungen, mit einem gemeinschaftlichen, leider nicht vorteilhaft gewählten Namen bezeichnen. Es ist schwer zu sagen, welcher der zahlreichen, hierher gehörigen Gruppen man die unterste oder oberste Stelle anweisen soll. Die eine wie die andere, die Fleischschwämme, die Leder-, Horn- und Kiesel-Halichondrien, sind zur Verzweiflung der Systematiker, aber zum großen Vergnügen der Anhänger der Abstammungstheorie da, indem sie nebst den anderen Ordnungen, wie schon erwähnt, eine Tierklasse im Zustande der vollkommensten Unbestimmtheit und Flüssigkeit der Arten, Gattungen und Familien darstellen.

Diejenigen Schwämme, aus deren weicher, formloser Substanz ein dem Badeschwamm gleiches oder ähnliches, mehr oder minder elastisches Netzwerk hervorgeht, worin keine Kieselnadeln enthalten sind, werden Hornschwämme genannt. Allein wie künstlich diese systematische Abgrenzung ist, geht daraus hervor, daß manche als grobe Schiefertafelschwämme in den Handel kommende Sorten, deren Vaterland ich nicht habe bestimmen können, zahlreiche eigne Kieselnadeln enthalten. Anderseits gibt es in der Abteilung der Chalineen, die zu den Kieselschwämmen zählen, Arten, deren festes und ziemlich elastisches Horngerüst nur spärliche Kieselnadeln aufweist. Es bestehen also zwischen den Horn- und Kieselschwämmen die engsten verwandtschaftlichen Beziehungen, und sie gehen durch alle möglichen Übergänge ineinander über. Innerhalb der Hornschwämme nehmen die verschiedenen Sorten der Badeschwämme, Pferde- und Tafelschwämme wegen ihrer merkantilen Bedeutung den ersten Platz ein. Man kann fie in die Sippe Euspongia zusammenfassen. An eine Einteilung in gute Arten ist nicht zu denken; die Schwammhändler nehmen 16 Sorten nutzbarer Schwämme an, die von verschiedenen Lokalitäten des Mittelmeeres stammen.

Es ist jedermann bekannt, daß der Badeschwamm die Eigenschaft haben muß, auch wenn er vollkommen ausgetrocknet ist, nicht brüchig zu sein, sich augenblicklich, ins Wasser gelegt, vollzusaugen und höchst elastisch zu werden. Das Netzwerk, welches wir als Schwamm benutzen, ist also das skelettartige Gerüst, welches übrigbleibt, wenn man den frisch aus

dem Meere genommenen vollständigen Schwamm so lange knetet und drückt, bis er von den die Maschen ausfüllenden und die Wassergänge auskleidenden klebrigen und flüssigen Teilen gänzlich befreit ist. Um in die Sippe Euspongia aufgenommen zu werden, muß die Schwammart also vor allen Dingen „auswaschbar“ sein. Solche Schwämme finden sich in der kalten Zone gar nicht, nur vereinzelt und verkümmert trifft man sie in der nördlichen Hälfte der gemäßigten Zone; dagegen ist schon das Mittel- und Adriatische Meer reich an verschiedenen Sorten, welche unter den Namen des dalmatinischen, feinen syrischen, des Zimokka- und Pferdeschwammes in den Handel kommen. Ich habe einst, als ich mich erst wenige Jahre mit den Schwammstudien abgab, geglaubt, man könne wohl diese Hauptsorten als Arten unterscheiden. Je mehr ich deren gesehen, desto mehr bin ich von jenem systematischen Troste zurückgekommen. Ich habe einmal eine schlagende Erfahrung darüber gemacht. An der dalmatinischen Küste findet sich neben dem guten, oft in sehr großen und schönen Exemplaren wachsenden Badeschwamm, den man als lokale Art, Euspongia adriatica, unterscheiden kann, ein anderer kleiner, unansehnlicher Schwamm derselben Gattung. Da er nur eine geringe Tiefe liebt und eine hellere, glänzende Ober: haut besitzt, so nannte ich ihn zum Unterschiede von dem tief schwarzen guten Schwamm Euspongia nitens. Derselbe wird in Dalmatien von den Schwammfischern gelegentlich mit gesammelt, ist aber fast os S wertlos. Er kommt in un⸗

Pferdeschwamm (Euspongia equina). Durchschnitt. Natürliche Größe. regelmäßigen Lappen und Knollen höchstens faustgroß vor. Vergleicht man mit diesem dalmatinischen Glanzschwamm den bekannten, im Handel außerordentlich verbreiteten Pferdeschwamm, der vorzugsweise an der afrikanischen Küste gesammelt wird, so glaubt man zwei Arten von ganz verschiedenem Habitus vor sich zu haben. In Neapel aber habe ich die Entdeckung gemacht, daß an den dortigen Küsten in allen möglichen allmählichen Stufen der wohl entwickelte laibförmige Pferdeschwamm bis zur verkümmerten, als Euspongia nitens beschriebenen Knolle lebt. Für den ausgeprägten, im Handel vorkommenden Pferdeschwamm sind die geringere Festigkeit der Fasern, die geringere Dichtigkeit des Gewebes und die Weite der Höhlungen und Wasserräume charakteristisch. Dabei pflegen in den Endspitzen der Fasern weit mehr fremde Körper eingeschlossen zu sein als bei den feinen Badeschwammsorten, so daß er trotz der schnelleren Abnutzung sich besser für das Pferdefell als für die Menschenhaut eignet. Ein Durchschnitt n1 durch ein frisches Exemplar ist obenstehend abgebildet.

So habe ich also auch hinsichtlich der übrigen verschieden benannten Badeschwämme des Mittelmeeres mich überzeugt, daß sie nur als lokale Arten oder Sorten anzusehen sind. Die feinste Sorte, durch Weichheit und Häufigkeit der beliebten Becherform aus⸗ F gezeichnet, wird an der syrischen Küste gefischt. Mehr flach und von dichterem Gewebe ist der griechische Zimokkaschwamm, und als Ableger beider Sorten hat sich der dalmatinische Schwamm durch das ganze Adriatische Meer verbreitet, in der Faserbildung etwas gröber und in der für den Handel so wesentlichen und wertvollen Form sehr unbeständig.

Ehe ich zu meinen eignen Beobachtungen über die Schwammfischerei an den dalmatinischen Küsten übergehe, will ich eine Beschreibung geben, wie sie im Griechischen

Pferdeſchwamm (Euspongia equina). Durchſchnitt. Natürliche Größe.

Meere und an der syrischen Küste getrieben wird. Zu Anfang der sechziger Jahre reiste ein Mitglied der französischen Akklimatisations-Gesellschaft, Lamiral, nach jenen Fischereidistrikten, in der Absicht, lebende gute syrische Schwämme dort zu sammeln und sie an die provencalische Küste zu verpflanzen. Im Bericht über die Ausführung der Reise und des Projektes, welches schließlich nicht geglückt ist, findet sich folgende Schilderung: „Eine Segel- und Ruderbarke ist bemannt mit vier Fischern und einem Gehilfen. Nachdem der Taucher — Maronit, Grieche oder Muselmann — sein Gebet verrichtet, stellt er sich auf das Vorderteil der vor Anker gelegten Barke. Nackt, ein Netz oder einen Sack um den Hals gehangen, hockt er sich auf die Fersen und umfaßt einen weißen, platten, an einem Ende abgerundeten Kalkstein. Derselbe bleibt durch eine feste Leine mit dem Boote verbunden. Nach langem, kräftigem Atemholen stürzt er sich kopfüber und in den vorgestreckten Händen den Stein haltend, der ihn hinabzieht. Auch mit den Füßen arbeitet er, um schneller zu tauchen. Auf dem Grunde angelangt, sucht er seine Beute.“ An einer anderen Stelle des Berichtes erfahren wir, daß die Taucher in einer Tiefe von 18 m, also gegen 60 Fuß, 1 —83 Minuten aushielten, und der Taucher, welcher dies höchste Maß leistete, behauptete, im Laufe der Sommerzeit allmählich seine Fähigkeit, unter Wasser zu bleiben, auf 4 Minuten bei 150 Fuß Tiefe zu entwickeln. „Der Gehilfe, der mit ausgestrecktem Arm die Leine führt, an welcher der weiße Stein angebunden ist, und welche auch der Taucher in der Hand behält, folgt allen Bewegungen desselben. Kann es letzterer nicht mehr aushalten, so gibt er durch einen Ruck ein Zeichen, und nun ziehen zwei Kameraden so emsig, daß sie den Taucher mit halbem Körper über das Wasser bringen. Ganz erschöpft klammert er sich an den Bord der Barke, und einer der anderen reicht ihm zur Unterstützung die Hand, während ihm aus Mund, Nase und Ohren Wasser ausströmt, nicht selten mit Blut untermischt. Er braucht einige Augenblicke, um zu sich zu kommen. Und da die vier Fischer, welche der Reihe nach tauchen, doch Zeit mit den Vorbereitungen dazu hinbringen, so kommt jeder in der Stunde 1—2mal daran. „Diese Leute rudern bei Sonnenaufgang nüchtern aufs Meer und kommen erst 1—2 Stunden nach dem Verlassen der Fischereiplätze zurück, gewöhnlich zwischen 2 und 3 Uhr nachmittags. Bei gutem Wetter und mittlerer Tiefe und auf günstiger Stelle kann jeder Taucher 5—8 Schwämme heraufbringen. Die Viere verständigen sich im voraus über ihren Anteil; der Gehilfe erhält Tagelohn, auf die Barke kommt der fünfte Teil des Ertrages.“

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