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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

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Eine der merkwürdigsten Familien der Schwämme ist die von Haeckel aufgestellte der Ammokoniden der Tiefsee. Haeckel sieht in ihnen gleichfalls Hornschwämme ohne

Fe —

  1. Nierenförmiger Lederschwamm (Chondrosia reniformis), aufgeschnitten. 2)Halisarca Dujardinii. Nat. Größe.

Hornfasern, deren Skelett ausschließlich aus Fremdkörpern befteht. In ihrer Form gleichen fie in hohem Grade einfachen Kalkschwämmen. Die dünne Wandung dieser röhrigen Schwämme ist von einfachen Poren durchsetzt, durch welche das Wasser in den einfachen Magenraum einströmt; die Geißelzellen liegen auf der Innenseite der Röhren. Die vier bekannten Arten haben verschiedene Gestalt; zwei sind monozoisch von Becherform, oben mit ansehnlicher Mundöffnung (z. B. Ammolynthus prototypus), die dritte stellt einen von acht schlauchförmigen Personen gebildeten Stock dar, und die vierte endlich bildet ein unregelmäßiges verwachsenes Röhrenwerk ohne Mundöffnungen.

Haeckel hält, wie gesagt, diese durch ihre Einfachheit seltsamen Schwämme für Zugehörige des Hornschwamm-Stammes; aber vielleicht ließe sich auch eine andere Ansicht geltend machen. Es ist denkbar, daß den Ammokoniden ähnliche Kalkschwamme — und es gibt deren, die man ohne mikroskopische Untersuchung von jenen nicht unterscheiden kann — in immer größere Tiefen eingewandert wären, wo das Wasser immer reicher an Kohlensäure wurde, bis es endlich so reich daran war, daß ein Kalkskelett nicht mehr vorhanden sein konnte. Die Schwämme benutzen statt selbständig gebildeter Kalknadeln die Kieselgebilde des umgebenden Meeresbodens.

Man könnte freilich einwerfen, daß nicht bei allen Mitgliedern dieser Familie die Renophyen kieseliger Natur seien, bei der Hälfte vielmehr aus Kalkkörpern bestehen. Diesem Einwurf ließe sich entgegenhalten, daß nichts gegen die Annahme spricht, daß Nachkommen

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. X. 41

1) Nierenförmiger Lederſchwamm (Chondrosia reniformis), aufgeſchnitten. 2)Halisarca Dujardinii. Nat. Größe.

solcher Ammokoniden, welche in kohlensäurereichem Wasser ihre Kalknadeln verloren und an die Benutzung gebotener Fremdkörper sich gewöhnt hätten, auf Globigerinenschlick zurück—

| gewandert jeien und hier nun von Renophyen ver-werteten, was sie bekommen konnten.

Die beiden Arten mit Kieselfremdkörpern stammen, nebenbei bemerkt, aus 5316 und 5332 m Tiefe, die mit Kalkkörpern aus 3600 und 4600 m.

Eine durch manche Eigentümlichkeiten ausgezeichnete Familie bilden die Gummi- oder Lederschwämme. Der Typus derselben, die Sippe Chondrosia (s. Abbild. S. 641, Fig. J), siedelt sich in Form kleiner, unregelmäßiger Fladen und Laibe an, die in der Regel nur mit einem Ausströmungsloche versehen, also Einzelwesen find. Die Ober: fläche ist schlüpfrig und dunkel gefärbt, die der Unterlage sich anschmiegende Fläche hell. Beim Abreißen und Herausnehmen aus dem Wasser ziehen sie sich auffallend zusammen, eine Fähigkeit, welche einige andere Schwämme, z. B. die schönen Geeli.nonen (Tethya), in noch höherem Grade besitzen. Von ihrem Aussehen werden die Chondrosien von den Fischern carnume oder rognone di mare, Meerfleisch oder Meerniere, genannt. Sie sind schon im frischen Zustande äußerst zähe, trocknen aber an der Luft zu Massen zusammen, jo fest, wie dickes Leder. Man kann sie in diesem Zustande jahrelang aufbewahren, und dann nehmen sie nach dem Wiederaufquellen ganz das Aussehen frischer Exemplare an. Auch im süßen Wasser, in welchem viele Schwämme schon nach einigen Stunden sich zersetzen, verändern sie sich erst nach vielen Tagen, obschon ihre Lebensthätigkeit darin gleich aufhört. Ich habe den Nachweis geliefert, daß diese Lederschwämme durch einige Sippen von weniger festem Gefüge mit der Sippe Halisarca (s. Abbild. S. 641, Fig. 2) zusammenhängen, Arten von ganz weicher, fast schleimiger Beschaffenheit, welche man als den Stock ansehen darf, auf welchen die Entwickelung eines Hauptastes des Baumes der Spongien zurückzuführen ist.

B)Dosmacidonarcorum,20. Soomal berg,, Enter den chien Erdperiode beanspruchen diejenigen, welche einachsige Kieselkörper (Monactinellidae) absondern, den ersten Platz. Wir wollen wenigstens einige der am häufigsten vorkommenden Formen dieser Hartgebilde vorführen und nehmen dazu eine, wie es scheint, alle Meere in ungeheurer Fülle bewohnende

Gattung, Desmacidon, an welcher ich die Umänderung der einen so genannten Art in die andere je nach dem Wechsel der Lokalitäten, ferner den Übergang in neue Gattungen, je nach dem Belieben des Systematikers, bis ins kleinste nachgewiesen habe. Wir berührten oben die Unmöglichkeit, die reinen Hornschwämme von den Kieselhalichondrien zu trennen.

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Schwämme, auf einem Tangstengel sitzend: a) und b) zwei Desmacidinen, e) Spongelia pallescens. Natürliche Größe.

Es handelt sich dort um solche einfache Nadeln, wie a! und b! auf Abbild. S. 642. Diese Gestalten find nicht nur, wie ein Blick lehrt, theoretisch voneinander ableitbar, sie gehen in Wirklichkeit von Individuum zu Individuum ineinander über, und in ebendiesem Verhältnis stehen zu ihnen und zu einander die Formen a? und be mit allen erdenklichen, an sich höchst unbedeutenden Variationen. Es gibt Lokalarten, bei denen die meisten Individuen oder Stöcke nur solche oben betrachtete glatte Nadeln besitzen. Nun bekommt man von ihnen nicht zu trennende Stöcke von einer anderen Lokalität zur Untersuchung, die mit jenen 41*

Schwämme, auf einem Tangſtengel ſitzend: a) und b) zwei Desmacidinen, e) Spongelia pallescens. Natürliche Größe.

aufs genaueste übereinstimmen, aber unter den glatten Nadeln einzelne mit knotigen Erhebungen zeigen. Wieder andere Stöcke haben zahlreiche derartige Knotennadeln, die sogar in wieder anderen Stücken einen charakteristischen Bestandteil unter der Form as und a* der Abbild. S. 642 auszumachen scheinen. Der Systematiker der alten Schule ist froh, endlich eine neue Art machen zu können. Sie ift nichtig, weil eben bei Erweiterung des Beobachtungsgebietes und Erweiterung des Beobachtungsmaterials die Artenmerkmale unter der Hand verloren gehen oder in neue vermeintliche Merkmale übergehen. In dieser Hinsicht sind auch jene Bogennadeln sehr dankbar gewesen, wie bs, vor allem aber die dreizähnigen Doppelhaken a? und das Doppelgrabscheit be, Formen aus einer fast unübersehbaren Reihe von Verkieselungen von echten Zellen. Diese in der Verwandlungsangelegenheit eine so große Rolle spielenden Desmacidinen sind, wie so sehr viele Schwämme, ihrer äußeren Form nach absolut nicht zu charakterisieren. Sie kommen vor als dünne oder dickere Krusten in Strauch- und Baumform, als Röhren und Knollen. Die Abbildung auf S. 643 zeigt eine der so häufig vorkommenden Vergesellschaftungen verschiedener Schwämme. Die Grundlage bildet auf einem Steine ein sich gabelnder Tangstengel. Links auf dem noch unverzweigten Stamme sitzt ein vielästiger Schwamm, der ein Mittelding zwischen der bei Algier vorkommenden Clathria morisca und der Gattung Desmacidon ist. Rechts auf dem inneren Aste des Tanges hat sich eine gelappte Alge befestigt, und diese ist völlig von einer Desmacidine von schmutzigem Gelb überzogen. Oben endlich wird die gemischte Ansiedelung von einem sehr gemeinen Hornschwamme gebildet, der im frischen Zustande gewöhnlich violetten Spongelia pallescens. Einen interessanten Kieselhornschwamm des Mittelmeeres (Axinella polypoides) zeigt uns die nebenstehende Figur. Das schön schwefel- bis braungelbe Tier ist ein Stock mit zahlreichen Personen, deren Schornsteine in flachen Gruben liegen. Ihr Bau ist strahlig, und meist haben sie acht Strahlen, was zusammen mit einer im Inneren des Schwammes vorhandenen festeren Achse demselben eine weitgehende Ahnlichkeit mit einem achtstrahligen Rindenpolypen verleiht. Die Challenger Expedition hat eine Menge Arten von Mon: aktinelliden aus verschiedenen Tiefen mitgebracht, von denen eine ng, der merkwürdigsten die auf ©. 645 abgebildete Esperiopsis Chal- N lengeri ist. Sie stammt aus dem Meere östlich von Celebes aus 3320 m Tiefe und zeigt einen auffallend regelmäßigen Bau. Achsenschwamm (Axinella polypoides). Natürl. Größe. Die in ihrer Thätigkeit stärkste und darum wichtigste und interessanteste Gattung ist der Bohrschwamm (Vioa). Seine Bedeutung reicht weit über die 1 des Badeschwammes. Wenn dieser nicht existierte, würden Erde und Mensch genau dieselbe. 7 Gestalt, dieselbe Kultur besitzen wie heute. Es gäbe nur keine Schwammfischer, und die Großhändler bereicherten sich nicht auf Kosten dieser armen, geplagten Menschen. Daß 1man ohne Badeschwamm sich rein waschen kann, beweist unsere tägliche Beobachtung. =

Achſenſchwamm (Axinella

Wenn aber nicht die Bohrschwämme seit Urzeiten gearbeitet hätten, würden die Kalkund Kreideschichten der Erdrinde und die aus diesen Gesteinen bestehenden Küsten der heutigen Meere eine durchaus andere Ausdehnung und Gestalt besitzen. Nur die Foraminiferen, die wir im nächsten Abschnitt kennen lernen, und die Polypen lassen sich in ihrer schichtbildenden, aufbauenden Thätigkeit mit den entgegengesetzt wirkenden, in kolossalem Umfange zerstörenden Bohrschwämmen vergleichen. Ein großer Teil der Küste des Mittel: und Adriatischen Meeres wird aus Kalk gebildet, der in seiner Neigung zur Zerklüftung der Küstenlandschaft das eigentümliche, oft so anziehende Gepräge gibt. An dem so zerrissenen dalmatinischen Gestade kann man sicher einige tausend Meilen Strand abmessen, und wo irgend der nicht zu jähe Abfall es gestattet, bedecken größere und kleinere Steine und Felsbruchstücke den Boden. Man kann kaum einen dieser Milliarden von Steinen aufheben, ohne ihn mehr oder minder durchlöchert und zerfressen zu finden, oft in dem Grade, daß man die lockeren Reste des sonst äußerst festen Gesteines in der Hand entzweidrücken kann. Das Aussehen der Höhlungen ist meist jo, wie unsere Abbildung auf S. 646 zeigt. Es liegt ein bestimmter, nicht in Worten wiederzugebender Charakter darin, den auch die Offnungen auf der Oberfläche bewahren. Alle Höhlungen stehen miteinander in Verbindung. Man braucht nicht weit zu suchen, um teils loses Gestein, teils die Außenschicht von Felsen, soweit das Wasser reicht, ebenso zerfressen, aber die Höhlungen noch mit dem Angreifer, einem gelblichen Schwamme, erfüllt anzutreffen, der weitverbreiteten Vioa celata. Jedes Loch auf der Steinfläche entspricht einem Osculum; in diesen Löchern bricht sich der Schwamm entweder zur Oberfläche durch, oder er beginnt, indem er sich als Larve ansiedelt, seine Bohrthätigkeit mit der Aushöhlung einer Vertiefung, von wo aus er dann nach allen Seiten zerstörend weiter dringt.

Auch viele, meist festsitzende Muscheln werden von Bohr: schwämmen heimgesucht, und das ist immer so gewesen, N f wie die fossilen Muschelschalen zeigen. Es lassen sich nach P Farbe, Form der Höhlungen und der Gestalt der Kieselnadeln zahlreiche Arten von Bohrschwämmen unterscheiden, von denen wir die ebenfalls in Austern und namentlich die in Spondylus nicht seltene, durch prächtiges Karmoisin leicht kenntliche Vioa Johnstonii hervorheben. Nie werden jedoch die Muscheln, solange sie lebendig sind, derart von den Bohrschwämmen zerfressen, daß dadurch das Leben des Muscheltieres gefährdet wäre; man findet immer die innerste, dem Mantel anliegende Schalenschicht undurchbrochen. Überhaupt geht die Zerstörung der Konchylien nicht so weit als die am Gestein. Wahrscheinlich hängt dies mit der eigentümlichen Beschaffenheit der Schalen und Gehäuse, der Anwesenheit von organischer Grundlage zusammen, welche der zerstörenden Kraft mehr Widerstand leisten.

Dies führt schließlich zur Frage, auf welche Weise sich die Bohrschwämme einfressen. Wahrscheinlich geschieht das auf doppelte Weise. Sie treten nur auf in Kalksteinen, Molluskenschalen, abgestorbenen Korallen, kurz in wesentlich aus Kalk bestehenden Bildungen. Die frei schwimmende Larve wird sich in irgend eine kleine Höhlung derselben

N f P

niederlassen und zum Schwamme werden, der seine Arbeit zunächst auf chemischem Wege beginnt und den Kalk auflöst. Wahrscheinlich wird diese chemische Thätigkeit, so lange der Schwamm lebt, nicht aufhören, aber es gesellt sich zu ihr entschieden auch eine mechanische. Macht man nach dem Verfahren, wie es die Geologen und Mineralogen bei ihren Gesteinschliffen inAnwendung bringen, durch ein Stück einer von Vioa bewohnten Austerschale einen Schliff, so sieht man unter dem Mikroskop, daß die Wandungen der Bohrgänge nicht einfach zerfressen sind wie unter dem Einfluß einer Säure, sondern daß in ihr sich innen lauter ganz glatte Kuppelchen befinden, welche dicht nebeneinander liegen und scharfe Ränder haben. In jedes Kuppelchen ragt aus der Oberfläche des Schwammes heraus der obere Teil einer Kieselnadel von Stecknadelform, und zwar das mit dem Kopfe versehene Ende voraus, — die Nadel liegt in der Kuppel oder Delle, wie ein Achatreiber

Ein vom Bohrschwamm (Vioa celata) durchlöcherter Kalkstein. Natürliche Größe.

in einer Reibschale. Man kann sich wohl denken, daß im Inneren der Vioa die Wasserströmungen in ihrer Richtung wechseln, was bei anderen Schwämmen beobachtet ist, und daß fie es find, welche zunächst das in der Vioa steckende spitze Nadelende und damit die ganze Nadel, auch den frei herausragenden Kopfteil in Bewegung setzen.

Die doch wohl nur schwache Säure arbeitet dem Reibegeschäft der Nadeln vor, indem sie die Oberfläche des Kalkes angreift; die Nadeln reiben den Kalk um so leichter ab, das feine Bohrmehl wird von der Säure aufgelöst, den Strömungen, welche den Schwammkörper durchspülen, beigemengt, und so gelangt der Kalk in gelöster Form nach außen. Die Wichtigkeit der Bohrschwämme für den großen Kreislauf des ewigen Stoffes beruht darauf, daß das Gestein nicht in kleinste Teilchen zerrieben, sondern wie Zucker in einem Glase Wasser aufgelöst und in diesem Zustande dem Meere beigemengt wird. Aus ihm schöpfen wiederum die zahllosen Schaltiere und schlagen aus dem in das Blut aufgenommenen Wasser die besten Bestandteile ihrer Gehäuse nieder, welche entweder auch endlich aufgelöst oder auf dem Meeresboden als Beiträge zur Bildung neuer Erdschichten für spätere Jahrtausende ab: gelagert werden.

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