Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Es bedarf kaum der besonderen Bemerkung, daß die Senkung, welche das Barriereriff verursachte, beim weiteren Fortschreiten zur Entstehung einer Laguneninsel Veranlassung geben würde. Tritt nach einer Periode der Senkung, während welcher das Riff oder das Atollriff sich ungefähr am Wasserspiegel erhielt, eine Periode der verminderten Geschwindigkeit der Senkung oder der Ruhe ein, so muß sich trockenes Land bilden, und es stellt sich Pflanzenwuchs ein. Während einer solchen Zeit des Stillstandes kann die Lagune
mehr und mehr eingeengt werden; und umgekehrt, wenn die Senkung des Meeresbodens beschleunigt wird, kann der Atoll allmählich unter dem Wasserspiegel verschwinden. Schon Darwin hat eine Reihe solcher im Sinken begriffener Korallenbauten beschrieben und sie „tote Riffe“ genannt. In anbetracht der angeführten Thatsachen — so schließt Dana sein lehrreiches Kapitel über die Riff⸗ und Atollbildung — ist es klar, daß jede Koralleninsel einst ein Strandriff um eine hohe Insel war. Aus dem Strandriff wurde ein Barriereriff, als die Insel sank; es wuchs weiter, als das Land allmählich verschwand. Über die eingeschlossene Wasserfläche ragt schließlich der letzte sinkende Berggipfel hervor. Noch eine Zeit, und auch dieser ist verschwunden; von der ganzen versunkenen Insel gibt nur noch das Barriereriff Zeugnis. Das Korallenband, das einst zur Zierde und zum Schutze sich um das luftige Eiland schlang, ist später zu seinem Denkmal geworden und die einzige Erinnerung an sein früheres Dasein. Der Pomatu-Archipel ist ein großer Inselkirchhof, wo jeder Atoll den Begräbnisplatz einer Insel angibt. Über den ganzen südlichen Ozean sind diese einfachen Denksteine zerstreut, die glänzendsten Punkte in dieser Wasserwüste.
Das Vorkommen der Korallenbauten hängt, wie wir sehen, von einem Zusammentreffen günstiger Verhältnisse ab. Die Westküste Amerikas besitzt sie nicht, vielleicht weil der Polarmeeresstrom die ganze Küstenregion zu sehr kältet. Erst bei der Insel Ducie beginnt die große Korallenregion des Pacifischen Ozeans, die sich auf der Südseite des Aquators bis zur Ostküste Neuhollands erstreckt, nördlich vom Aquator aber in dem Archipel der Karolinen ihre größte Entwickelung erreicht. Reich an Korallenriffen ist die Umgebung der Marianen und Philippinen. Weiter westlich heben wir die merkwürdige Reihe der Malediven und Lakediven hervor, die zahlreichen Riffe um Mauritius und Madagaskar und überhaupt vom Nordende des Kanals von Mosambik an bis ins Rote Meer. Die Westküste Afrikas hat gar keine bewerkenswerten Riffe. Im Bereich der Neuen Welt endlich ist das Antillenmeer von Martinique und Barbados an bis zur Spitze von Yukatan, der Küste von Florida und den Bahamas der Schauplatz der stillen, aber so erfolgreichen Thätigkeit der Korallentiere.
Dritter Anterkreis.
Die Schwümme (Spongiae s. Porifera).
Wer zum ersten Male eine Sammlung von Schwämmen (Spongiae, Spongien), getrocknet oder in Spiritus aufbewahrt, ansieht, wird über die tierische Natur dieser unter den verschiedenartigsten Formen, als zierliche Becher, ungeschlachte Klumpen, Knollen, Krusten, Stauden, Bäumchen, Ruten 2c., auftretenden Organismen nicht nur in Zweifel sein, erwird, nach dem Gesamteindruck urteilend, sie dem Pflanzenreich zuteilen. Indessen, da die Schwämme im zoologischen Museum aufgestellt sind, wird unser Naturfreund vielleicht denken, daß sie lebend und an ihren natürlichen Standorten beobachtet, einen anderen Eindruck machen und ihr Wesen als Tiere offenbaren werden. Suchen wir also Schwämme im Freien auf. Sie kommen nur im Wasser vor, und äußerst kärglich sind sie im Süßwasser vertreten durch die wenigen nahe miteinander verwandten Gattungen der Familie der Süßwasserschwämme oder Spongillen. Auf dem Grunde mancher Gewässer, an hölzernen Brückenpfeilern kann man während des Sommers grünliche oder graue, verzweigte oder rundliche, faust-, auch kopfgroße Massen von weicher, ja matschiger
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Substanz ablösen, welche dem bloßen Auge nicht die geringste Spur von Bewegung zeigen, sich wochenlang in größeren Glasgefäßen ebenso passiv verhalten und, an der Sonne schnell eingetrocknet, ihre Gestalt im ganzen behalten, sich aber leicht zu Staub zerdrücken lassen. Das Mikroskop zeigt, daß dieser Staub größtenteils aus zweispitzigen feinen Kieselnadeln besteht. Wir sind so klug als wie zuvor. Also ans Meer, wo Spongien in Fülle vorhanden! Ich will den Leser an einige Stellen des Adriatischen Meeres und zu den Jonischen Inseln führen. Bei Lesina, der Stadt auf der Insel gleichen Namens, liegt herrlich auf einem Felsenvorsprunge am Meere ein Kloster, dessen Gastfreundschaft mir oft zu teil geworden. Die Klippen werden bei der Ebbe so weit frei, daß man sie betreten und auf ihnen sammeln kann. Sie sind stellenweise, nämlich auf einer Ausdehnung von 10— 20 qm, dicht von einer 0,5— 2 cm dicken Kruste von weißlicher Farbe überzogen, die man leicht in Stücken ablösen kann. Indem man dieselben auseinanderbröckelt, sieht man, daß sie teils aus unregelmäßig gestalteten, teils kugeligen und flaschenförmigen Körpern zusammengesetzt ist, die ein Leben erst dann verraten, wenn man feinzerteilten Farbestoff ins Wasser in ihre Nähe bringt. Durch denselben werden Strömungen sichtbar, welche von den größeren Offnungen der weißen Körper ausgehen und durch irgend welche Vorrichtungen im Inneren dieser Körper, Kalkschwämme, verursacht werden müssen. Alle diese Kalkschwämme sind hart und rauh anzufühlen oder zeigen wenigstens, wenn sie von weicherer Beschaffenheit sind, eine rauhe, stachlige Oberfläche. Schon mit der Lupe erkennt man, daß sie mit stachelartigen und sternförmigen Hartgebilden erfüllt sind. Im ganzen sehen sie mehr wie Gewächse als wie Tiere aus; selbst jene bei der Berührung schwindenden Kelche und Blumen, welche wenigstens die Lebendigkeit der Polypen verraten, fehlen hier.
Wir wollen aber unsere Reise fortsetzen und laufen in den langgestreckten, buchtartigen Hafen von Argostoli auf Cephalonia ein. Auf der Stadtseite, also rechts vom Eingange her, hinter der Brücke, wo die Bucht sich zu dem von vielen Quellen gespeisten brackischen Sumpfe verengert, finden wir eine Uferstrecke, die von der Wasserlinie an bis wenige Fuß unter dem Spiegel in blauen und rötlichen Farben prangt. Die den Stein inkrustierenden Gebilde, welche den schönen Anblick gewähren, lassen sich leicht in Kuchen von der Ausdehnung mehrerer Handflächen abheben. Die Unterseite schmiegt sich der Unterlage an, die Oberfläche ist wellig und mit berg- oder röhrenförmigen Hervorragungen versehen, auf deren Gipfel je eine einige Millimeter messende Offnung sich befindet. Auch hier können wir uns durch das bei den Kalkschwämmen angewendete Mittel von den Strömungen überzeugen. Unsere Einsicht in die Natur dieser Körper ist jedoch abermals nicht gefördert worden. Lassen wir sie eintrocknen, so schwindet gar bald ihre Schönheit, es werden graue, schilferige, unförmliche Stücke, welche ein dichtes Netzwerk von mikroskopischen Kieselnadeln enthalten und, so viel wenigstens wird offenbar, mit den Spongillen des süßen Wassers verwandt sind, von denen wir ausgingen.
Auch das ist uns klar geworden, daß, um die wahre Natur dieser weitverbreiteten und namentlich in allen Meeren, in allen Tiefen vorkommenden Organismen zu erkennen, die Bekanntschaft mit ihrer unbeständigen äußeren Form und die hierauf gestützte Vergleichung mit anderen Lebewesen nicht ausreicht. Sehen wir von einigen älteren englischen und italienischen Naturforschern und von Espers', des Erlanger Professors, Naturgeschichte der Pflanzentiere ab, so wurden die Spongien, weil ihnen nicht recht beizukommen war, fast vernachlässigt, bis 1856 Lieberkühn die feinere Struktur unseres Süßwasserschwammes und einige Jahre später die einiger Meerschwämme enthüllte, und bis ein englischer priveti-sierender Naturfreund, Bowerbank, seine besondere Aufmerksamkeit der unglaublichen a Formenmannigfaltigkeit der kieseligen und kalkigen Hartteile der Schwämme widmete. x8 =
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Auch ich habe mein Teil dazu beigetragen, die Formenmenge der Spongien der europäischen Meere und des Atlantischen Ozeans systematisch zu bewältigen und dem Verständnis zuzuführen. Ich wurde bald darauf aufmerksam, daß die Schwämme, wie keine andere Klasse der niederen Organismen, von höchster Wichtigkeit für die Abstammungslehre wären, da man an ihnen auf das klarste die Abhängigkeit der Gestaltung von den wechselnden äußeren Verhältnissen, die Anpassung an die gegebenen Bedingungen, die nach Ort und Klima sich richtende Abänderung, mit einem Worte die Artveränderung beobachten und studieren kann. Ich wies nach, daß man diese Umwandlungen an den mikroskopischen Bestandteilen der Schwämme verfolgen könne. Seitdem dann Haeckel seine bewundernswürdige Monographie der Kalkschwämme geschrieben, 1872, ist es allgemein anerkannt, daß das Studium dieser Wesen ganz besonders wichtig und interessant sei.
Schon aus den Untersuchungen des Engländers Flemming im ersten Viertel unseres Jahrhunderts hatte sich unbestreitbar ergeben, daß die Schwämme tierischen Charakter an sich tragen. Es fragte sich nur, ob sie auf jener Grenze stehen, wo das Tierreich sich in ein unentschiedenes, zwischen die wahren Tiere und die wahren Pflanzen eingeschobenes Mittelreich der Urwesen oder Protisten verliert, oder ob sie sich zur Höhe der Cölenteraten erheben.
Leuckart, Haeckel, Marshall huldigen sowohl aus entwickelungsgeschichtlichen wie anatomischen Gründen letzterer Ansicht, F. E. Schulze, einer der besten Spongienkenner und Zoologen überhaupt, spricht sich zwar nicht ganz bestimmt aus, scheint aber geneigt, die Schwämme für einen Tierkreis eigner Art anzusehen, worin ihm Sollas und Vosmaer folgen. Bütschli schließt sich einigermaßen einer älteren Ansicht des Amerikaners James Clark an, welcher die Spongien für Kolonien besonderer, später noch zu erwähnender Urtiere (Chonoflagellaten) hielt. Früher wurden die Schwämme von den Naturforschern, welche nicht an die vermeintliche Pflanzennatur derselben glaubten, überhaupt als Kolonien von Urtieren, wenn auch in anderem Sinne als von Clark und Bütschli, angesehen. Es sollten Aggregate von Zellen sein, deren jede etwa einer Amöbe zu vergleichen wäre. Wie hoch verhältnismäßig die Arbeitsteilung auch in dem Gewebe dieser Tiere fortgeschritten sei, davon überzeugte man sich erst später. Anatomisch und entwickelungsgeschichtlich ist nachgewiesen, daß sich der Leib der Spongien aus denselben drei Keimblättern aufbaut, wie sie für die höheren Tiere charakteristisch sind, daß jene mithin wenigstens Urtiere oder Kolonien von Urtieren nicht sein können. Was uns veranlaßt, sie als Cölenteraten anzusehen, können wir an dieser Stelle, als außerhalb des Planes dieses Buches fallend, nicht entwickeln.
Woran erkennt man denn nun eigentlich einen Schwamm? wird ungeduldig gefragt. Um diese Frage zu beantworten, wollen wir an die volkstümlichste Gestalt aus dem Schwammreiche, an den in jedermanns Händen befindlichen Badeschwamm anknüpfen. Doch — da haben wir uns schon von vornherein ungenau ausgedrückt! Nicht der Badeschwamm ist in jedermanns Hand, sondern nur ein Teil von ihm, nämlich sein Skelett. Dasselbe ist ein sehr elastisches, von größeren und unzählbaren kleineren Poren und Kanälen durchsetztes und durchzogenes, aus einer hornigen, Spongin genannten Substanz bestehendes Fasergerüst. Das Spongin ist dem Chitin, dem Stoff, welcher die hornige Grund: lage des Hautpanzers der Krebse, Insekten, dann der Seide ꝛc. bildet, chemisch am nächsten verwandt. Das Spongin enthält auch einen nicht unbedeutenden Prozentsatz Jod und war daher in früheren Zeiten ein als „spongiae ustae“ allerdings zufällig aufgefundenes und rein empirisch angewendetes Heilmittel (denn das Element Jod oder Jodin war damals noch unbekannt und wurde erst 1811 von Courtois entdeckt) gegen den Kropf. Diese Fasern werden von besonderen, als Drüsen wirkenden, gruppenweise zusammentretenden Zellen (Spongioblasten) gebildet, welche im Parenchym des Schwammes 40*
wandern und dabei das Spongin abscheiden. Eine jede Schwammfaser ist folglich die Spur des Marsches einer Anzahl von Spongioblasten. Solche Märsche wiederholen sich von Zeit zu Zeit entlang derselben Faser, so daß diese nach und nach dicker wird, und zwar durch den Ansatz neuer Hornschichten, woher sie ein streifiges Ansehen, wie Holz durch die 3 Jahresringe, erhält. Die übrige Masse des Körpers besteht hauptsächlich aus einer sogenannten intercellulären Substanz, d. h. sie setzt sich nicht selbst aus Zellen zusammen, sondern ist ein bindegewebartiges Abscheidungsprodukt der in ihr eingestreuten Zellen. Von diesen gibt es außer den Spongioblasten mehrerlei Arten, die zum Teil auch beweglich sind und als Vermittler der Ernährung (gewissermaßen als Blut) dienen, zu Geschlechtsprodukten werden ꝛc.
Auf der schwarzen Außenseite bilden feinste Fasern ein dichtes Netz, aus dem hin und wieder kleine Kegel, die Enden von innen nach außen verlaufender stärkerer Fasern sich erheben. Die Maschen des Netzes sind gleichfalls von bindegewebiger Substanz ausgefüllt, »in welcher unter dem Mikroskop zahlreiche, meist zu konzentrischen Kreisen angeordnete Fasern bemerkbar sind. Diese besitzen im lebendigen Schwamm die Fähigkeit der Bewegung und umgeben feine Poren, welche sie erweitern, verengern und schließen können. Die Poren führen in enge, zentripetal verlaufende Kanäle, welche sich bald zu größeren vereinigen, die ihrerseits wieder zu weiteren zusammentreten und endlich als weiteste Kanäle in einen zentralen Hohlraum (den Magenraum) münden, der nach unten sackartig geschlossen ist, nach oben aber durch eine Offnung (den Schornstein, osculum) mit der Außenwelt in Verbindung tritt. Die Kanäle find größtenteils mit platten Zellen (sogenanntem Pflasterepithel) aus: gekleidet, erweitern sich aber stellenweise zu in traubigen Gruppen stehenden kugelförmigen Hohlräumen, in denen die Zellauskleidung eine auffallend abweichende Gestalt annimmt. Die Zellen verlängern sich nämlich zu langen Prismen, welche am freien Ende oberhalb einer halsartigen Einschnürung sich wieder kragen- oder trichterartig verbreitern und hier eine lange Geißel tragen. Das sind die Geißel- oder Kragenzellen, welche einzeln eine sehr große Ahnlichkeit mit gewissen Infusorien haben, weshalb, wie erwähnt, manche Forscher in den Schwämmen nur Kolonien solcher Infusorien sehen. Die Hohlräume, in denen diese sonderbaren Zellen sich befinden, heißen die Geißelkammern oder Wimperkörbe.