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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
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Der Binnenkanal ist bei Ebbe oft kaum tief genug für Boote, kann auch mitunter ganz trocken liegen. Dann wieder ist er nur eine enge, verschlungene Passage, in welcher große Korallenklötze die Schiffahrt gefährden. Und wiederum zeigt er meilenlange Strecken offenen Wassers, worin ein Schiff gegen den Wind bei 10, 20 und 40 Faden lavieren kann; doch fordern verborgene Untiefen zur Vorsicht auf. Ausbreitungen von lebenden Korallen von wenigen Quadratfuß bis auf mehrere (englische) Quadratmeilen sind über die breite Bodenfläche innerhalb der weit vorgeschobenen Barriere zerstreut. Alle diese mannigfaltigen Formen kann man an einer einzigen Inselgruppe finden, den Fidschi.

Es versteht sich von selbst, daß die oben beschriebenen Strand- und Barriereriffe nicht für sich allein das ganze Korallenriff ausmachen; es sind eben nur die Bestandteile, welche bis an den Wasserspiegel reichen. Zwischen ihnen und außerhalb des Barriereriffes finden sich unterseeische Bänke im Zusammenhang mit den höheren Teilen, und alle zusammen bilden den Korallenriffgrund einer Insel. Auch ergibt sich aus dem Angeführten eine große Verschiedenheit in der Ausdehnung der Riffgründe. An manchen Küsten finden

sich nur zerstreute Gruppen von Korallen oder einzelne hügelartig auftauchende Bildungen oder bloße Spitzen von hervorragenden Korallenfelsen. Dann wieder, z. B. westlich von den beiden großen Fidschi-Inseln, breitet fi) etwa eine Strecke von gegen 3000 (eng: lischen) Quadratmeilen Riffgrund aus. Das Barriereriff von Vana Levu allein ist über 100 (englische) Meilen lang. Neukaledonien wird längs seiner ganzen westlichen Küste, 2,50 (englische) Meilen, von einem Riffe begleitet, das sich noch 150 Meilen nach Norden fortsetzt. Das große australische Barriereriff bildet sogar eine ununterbrochene Länge von 1250 Meilen Länge. Bei einer näheren Untersuchung und Beschreibung der Riffbildungen hat man zu unterscheiden: 1) Außenriffe, gebaut von Korallen, welche dem offenen Meere ausgesetzt sind. Alle eigentlichen Dammriffe und die nicht von solchen geschützten Gürtelriffe gehören hierher. 2) Binnenriffe, welche in ruhigem Wasser zwischen einem Damme und der Küste einer Insel sich befinden. 3) Kanäle oder Seeflächen innerhalb der Dammriffe, welche den verschiedenen von den Küsten oder den Riffen abgelösten Absatz aufnehmen.

Hohe Insel mit Barriere- und Gürtelriff.

  1. Strand und Strandbil dungen, nämlich Anhäufungen von Sand und Korallen an den Küsten, verursacht durch Wellen und Winde. Die genauere Schilderung dieser Verhältnisse würde uns hier jedoch zu weit führen, und wir verweisen die Leser, welche sich spezieller unterrichten wollen, auf Danas Werk. Aber was er über den Nutzen der Korallenriffe sagt, wollen wir hier einschalten.

Alle von Korallen umgebenen Küsten, und besonders diejenigen von Inseln mitten im Ozean, haben große Vorteile von ihren Riffen. Die ausgedehnten Korallenbänke und die hinter ihnen liegenden Kanäle erweitern außerordentlich den zu den Inseln, welche sie umgürten, gehörigen Bezirk. Abgesehen davon, daß sie Mauern bilden gegen den Ozean, sind sie zugleich Deiche, welche den von den bergigen Küsten herabgeschwemmten Boden ansammeln. Sie veranlassen die vom Lande herabkommenden Gewässer, den Schlamm, welchen sie mit sich führen, abzusetzen und erhalten ihn so dem Lande. Sie verhindern also die Zerstörung, welche an allen Küsten ohne solche Schutzdämme vor sich geht. Denn der Ozean frißt nicht nur an den ungedeckten Küsten, sondern verschlingt auch alles, was die Flüsse ihm zuführen. Das Rewa-Delta von Viti Levu, gebildet vom Absatz eines großen Flusses, bedeckt fast 60 (englische) Quadratmeilen. Das ist allerdings ein extremer Fall in der Südsee, wo nur wenige Inseln jenen Umfang erreichen, also auch Flüsse von solcher Stärke selten sind. Nicht oft aber wird man eine von Riffen umgebene Insel finden ohne einige Landvergrößerungen dieses Ursprunges. Und auf diesem Schwemmlande pflegen die Dörfer der Eingeborenen zu liegen. So finden sich solche Ebenen rings um Tahiti, 0,5— 3 Meilen breit, und gerade auf ihnen gedeihen die Kokos- und Brotfruchthaine am freudigsten.

Hohe Inſel mit Barriere- und Gürtelriff.

Die Riffe erweitern auch die Fischergründe der Eingeborenen und locken reichlich Fische an, fast die einzige Fleischnahrung jener. Die von ihnen eingeschlossenen Gewässer fordern zur Schiffahrt auf und erleichtern die Verbindung zwischen den Niederlassungen. Die Eingeborenen pflegen dann auch besonders unternehmend zu sein, da jene Umstände die Erbauung großer Segelboote begünstigen, in welchen sie über ihr eignes Land hinaus gehen und oft Reisen auf Hunderte von Meilen unternehmen. Während die reinen Felsenküsten, wie St. Helena, hafenlos und dünn bevölkert zu sein pflegen, find die Korallen: küsten bis an den Strand mit Vegetation bedeckt und weite Ebenen mit Brotfruchtbäumen und anderen tropischen Gewächsen bestanden. Aus denselben Ursachen öffnen sich sichere Häfen; manche Inseln zählen ein Dutzend, während die ungeschützten Küsten kaum einen einzigen guten Ankerplatz aufweisen. Sogar zum Welthandel liefern die umfangreicheren Riffregionen ihren Beitrag: außer Perlen jene „Trepang“ genannten eßbaren Holothurien,

Koralleninsel oder Atoll.

von denen Tausende von Zentnern jährlich von den ostindischen und australischen Rien und von den Fidschi nach China eingeführt werden.

Den eben beschriebenen Korallenriffen ähneln die Koralleninseln sehr; es find Riffe, welche eine Art von See, die Lagune, einschließen. Der Streifen, welcher sich um das eingeschlossene Wasser zieht, ist gewöhnlich nur 100 —200 m breit, an einzelnen Stellen so niedrig, daß die Wogen noch darüberhin in die Lagune schlagen, an anderen von reicher Tropenvegetation bedeckt; selten erhebt er sich mehr als 3-4 m über die Fluthöhe.

Vom Bord eines Schiffes von fern gesehen, erscheint die Koralleninsel als eine Reihe sich vom Horizont abhebender dunkler Punkte. Sie verwandeln sich in die fiederigen Gipfel von Kokosbäumen, und eine grüne, da und dort unterbrochene Linie zieht sich am Wasserspiegel hin. Dann, in nächster Nähe, breitet sich die Lagune mit ihrem grünen Gürtel vor den Augen aus, ein Anblick, wie man ihn wunderbarer sich nicht vorstellen kann. Außen, längs des Riffes, die brüllende schwere Brandung, drinnen der weiße Korallenstrand, das dichte Grün und der eingeschlossene See mit seinen winzigen Inselchen. Die Farbe des Lagunenwassers ist oft dasselbe Blau wie das des offenen Meeres bei einer Tiefe von 10--12 Faden; aber grüne und gelbe Tinten find dazwischen, da wo Sand: grund und Korallen nahe an die Oberfläche steigen. Das Grün ist ein zartes Apfelgrün, ganz unähnlich der gewöhnlichen unreinen Schattierung seichten Gewässers.

Obgleich der Gürtel von Vegetation mitunter die ganze Lagune rings umsäumt, ist er doch gewöhnlich durch Barriereriffe von verschiedener Ausdehnung in einzelne Inselchen geteilt; und oft finden sich in einem oder mehreren dieser Zwischenräume schiffbare Kanäle, welche den Eingang in die Lagune gestatten. Die größeren Koralleninseln pflegen so

Koralleninſel oder Atoll.

eine Reihe von Inselchen längs einer Linie von Riffen zu sein. Man nennt nach einem Maldivischen Worte diese Laguneninseln Atolls.

Was den Bau derselben anbetrifft, so stimmen sie wesentlich mit den Außenriffen überein, welche hohe Inseln umgeben; in beiden Fällen sehen wir nach und nach Land auftauchen und die von den Wogen bespülte weiße Strandbildung in die von ewigem Grün bedeckten höheren Stellen übergehen. Auch der Vergleich der Lagune mit den Kanälen hinter den Außenriffen ergibt sich von selbst.

Wir haben, wenn auch nur sehr obenhin, die äußeren thatsächlichen Verhältnisse der Riffe und Atolls kennen gelernt und können nun auf die Art und die Ursachen ihrer Bildung und ihrer Erscheinung eingehen.

In der Schilderung aus dem Roten Meere hat Haeckel von der Pracht der „Korallengärten“ gesprochen. Dana, der vorzugsweise die Riffe der Südsee im Auge hat, sagt, daß die Worte „Korallenpflanzung“ und „Korallenfeld“ geeigneter seien, den Eindruck der Oberfläche eines wachsenden Riffes wiederzugeben. Gleich einer Strecke wilden Landes, das hier mit verschiedenem Gesträuch bedeckt ist, dort auf unfruchtbaren Sandflächen nur einzelne grüne Fleckchen trägt, hier einen Haufen Bäumchen, dort einen Teppich bunter Blumen — so sieht die Korallenpflanzung aus, über die man nochmals einen Blick werfen muß, ehe man an ihre Erklärung geht. Verschiedene niedere festsitzende Tiere wachsen über die Oberfläche zerstreut wie Pflanzen auf dem Lande; aber während große Flächen dicht damit besetzt sind, tragen andere weite Gründe nichts. Aber kein grüner Rasen, sondern Sand und Bruchstücke von toten Korallen und Korallenfelsen füllen die Zwischenräume zwischen den blühenden Gebüschen aus, und wo die Polypen dicht gedrängt wachsen, finden sich tiefe Höhlen zwischen den steinigen Stämmen und Blättern.

Diese Felder lebender Korallen breiten sich auf den untermeerischen Gründen aus, an den Küsten von Inseln und Festland, aber nicht tiefer, als ihre Eigentümlichkeiten es verlangen, genau so, wie Pflanzen so weit gehen, wie ihrer Natur zusagt. Die schwärmenden Larven setzen sich in irgend einem geschützten Winkelchen an einem Felsen, einem toten Korallenstock oder sonst einer Unterlage fest, und von da erhebt sich der Baum oder eine andere Form des Korallengewächses. Der Vergleich mit dem Wachstum der Pflanzen läßt sich noch weiter führen. Bekanntlich tragen die Trümmer und Abfälle des Waldes, Blätter und Stämme, auch tierische Überreste zur Bildung des Bodens bei; und in Sümpfen und Mooren nimmt die Anhäufung solcher Überreste unaufhörlich zu und bilden sich tiefe Schichten von Torf. Ahnlich ist die Entstehungsgeschichte der Korallenmatten. Fortwährend häufen sich größere und kleinere sandartige Bruchstücke der auf den Riffen lebenden Polypen, von Mollusken und überhaupt Überbleibsel von Organismen an; und so bildet und verfestigt sich eine Schicht von Korallentrümmern. Diese Trümmer füllen die Zwischenräume zwischen den mit Korallen bestandenen Flecken und die leeren Stellen zwischen den einzelnen lebenden Stöcken aus und bilden auf diese Weise den Riffabsatz, bis endlich die Schicht noch unter Wasser fest geworden ist. Dieser Art des Aufbaues und Wachstums des Riffes sind die Wachstumsverhältnisse der Polypen auf das genaueste angepaßt, oder, wie man umgekehrt sagen kann, das Wachsen des Riffes hängt von dem eigentümlichen Wachsen der Polypenstöcke ab: die Stöcke sterben unten ab, während sie oben wachsen, und nur die toten Teile werden von den Anhäufungen der Trümmer bedeckt.

An der Herbeischaffung dieser Trümmer hat nun die Arbeit der Ströme und Wogen den größten Anteil. Wir haben gesehen, daß die riffbauenden Polypen mitten in den Wellen gedeihen und selten tiefer als 30 m hinabsteigen, zu einer Tiefe, die noch durchaus im Bereiche der mächtigeren Bewegungen des Meeres liegt. Was diese Wogen leisten, kann man an den großen Felsblöcken sehen, die an vielen Küsten von ihnen ans Ufer

geworfen worden sind. Sie werfen also auch an den Riffen schwere Stöcke auf und rollen sie über die Riffe hin, wie sie kleinere Fragmente vor sich hertreiben und Sand anhäufen. Durch das fortwährende Wälzen und Waschen wird endlich auch das feinste Material gewonnen, was den Hauptbestandteil des als Kitt dienenden Kalkschlammes ausmacht. Die Zertrümmerung und Zerkleinerung hört nicht auf; ein Teil der Trümmer wird von den Wellen über das Riff hinweg in die Lagune oder die Binnenkanäle geworfen, ein anderer füllt die Räume zwischen den Korallen längs des Randes des Riffes aus, ein anderer bleibt auf der Oberfläche liegen. Das Lager toten Korallenfelsens, welches den Grund des Riffes bildet, ist umsäumt von lebenden Korallen, dehnt sich also am Rande sowohl durch das Wachstum der Tiere als durch die dazwischen sich fortwährend absetzenden Trümmer aus. Aber außer kleineren Stücken werden auch größere Massen durch die stärkeren Wogen auf das Riff geworfen, und damit beginnt die Erhöhung desselben über den Spiegel, und jene Blöcke sind die Anfänge der Bildung trockenen Landes. Später, bei weiterer Anhäufung groben und feinen Korallenmaterials vervollständigen sich die Inselchen und

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Durchschnitt eines Riffes.

erheben sich fo hoch aus dem Wasser, als die Wellen heranreichen, nämlich 3 m ungefähr bei einem Unterschiede der Gezeiten von Im, und gegen 5—6 m bei einem Flutunter-schiede von 2— 2,5 m.

So ist der Ozean der Baumeister, dem die Korallentiere das Material zum Baue liefern; und wenn alles fertig, besät er das Land mit Saat, von fernen Küsten hergebracht, und bedeckt es mit Grün und Blumen. Der Aufbau des Atolls ist von dem der Riffe kaum verschieden. Noch ein Punkt aus der Bildung der Atolle und Riffe ist zu berühren. Der beistehende Durchschnitt des die Lagune (nach n hin liegend) umgebenden Landes zeigt uns bei m den Abfall nach dem offenen Ozean. Zwischen b — e und d — e liegt der nach außen steile, nach innen sehr allmählich geneigte Abhang vom niedrigen Wasser bis zur Landhöhe. Diese Neigung setzt sich nach der Lagune oder dem Kanal zu fast in demselben Winkel fort, d — n, indem das ruhige Wasser das langsame Aufschütten und Wachsen dieses Binnenufers nicht stört. Ganz anders die Außenseite, wo eine breite horinzontale Terrasse (a — b), welche bei der Ebbe gerade frei wird, das dem Meere entstiegene Land umgibt. Diese Bildung ist aber nicht bloß den Korallenbauten eigentümlich, sondern kommt häufig und immer an solchen Küsten vor, wo ein leichter zerstörbares Gestein von den Wogen und der Flut angegriffen wird. Ein treffliches Beispiel gibt uns Helgoland, dessen westliche schmälere Küstenterrasse von den Badegästen zur Ebbezeit wegen der vielen zurückbleibenden oder in den Vertiefungen fest angesiedelten Tiere und Algen fleißig besucht wird, während der viel ausgedehntere nordöstliche Teil bei Sturm so oft das ängstliche und schreckliche Schauspiel sich in Gefahr befindender oder scheiternder Schiffe bietet. Die speziellere Erklärung dieses Terrassenbaues als einer allgemeineren Erscheinung würde uns zu weit führen.

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