Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Der Bau und das Leben der Polypen als Einzel: tiere und in Kolonien oder Stöcken, wie wir bisher an ausgewählten Sippen und Arten schildern konnten, bieten sicher genug des Wissenswürdigen und Fesselnden. Die Bedeutung des Polypenlebens ist aber eine weit allgemeinere. Viele Tausende von Tiergeschlechtern kommen und gehen. Sie lösen lic) freilich nicht in nichts auf, 9 Jie dite ie 9 6195 sondern ihre elementaren Bestandteile kehren nur in den ewigen Kreislauf des Stoffes zurück. Sie hinterlassen jedoch nichts für das Auge. Die Polypen dagegen, wenigstens jene zahlreichen Formen, welche man zusammen als riffbauende Korallen bezeichnet, errichten sich Denkmäler für Hunderttausende von Jahren, und der Einfluß auf das Körperleben und die Entwickelung des Menschengeschlechtes ist der wichtigste Punkt, auf den sich schließlich die Betrachtung des Polypenlebens zu konzentrieren hat.
Welchen Zauber der bloße Anblick eines seichten Korallenriffes ausübt, hat Haeckel nach einem Besuche der arabischen Küste des Roten Meeres meisterlich geschildert. Er ist aus dem Hafen von Tur hinausgesegelt, „wo wir die vielgerühmte Pracht der indischen Korallenbänke in ihrem vollen Farbenglanze schauen. Das kristallklare Wasser ist hier unmittelbar an der Küste fast immer so ruhig und bewegungslos, daß man die ganze wunderbare Korallendecke des Bodens mit ihrer mannigfaltigen Bevölkerung von allerlei Seetieren deutlich erkennen kann. Hier, wie im größten Teile des Roten Meeres, zieht parallel der Küste ein langer Damm von Korallenriffen hin, ungefähr eine Viertelstunde vom Lande entfernt. Diese Dammriffe oder Barriereriffe sind wahre Wellenbrecher. Der Wogenandrang zerschellt an ihrer unebenen, zackigen Oberfläche, welche bis nahe unter den Wasserspiegel ragt; und ein weißer Schaumkamm kennzeichnet so deutlich ihren Verlauf. Auch wenn draußen auf dem Meere der Sturm tobt, ist hier in dem durch das Riff geschützten Kanal oder Graben das Wasser verhältnismäßig ruhig, und kleinere Schiffe können darin ungestört ihre Fahrt längs der Küste fortsetzen. Nach außen gegen das hohe Meer fällt das Korallenriff steil hinunter. Nach innen gegen die Küste dagegen flacht es sich allmählich ab, und meist bleibt die Tiefe des Kanales so gering, daß man die ganze Farbenpracht der Korallengärten auf seinem Boden erblicken kann.
Brehm, Tierleben. 3. Auflage. X. 39
„Diese Pracht zu schildern vermag keine Feder und kein Pinsel. Die begeisterten Schilderungen von Darwin, Ehrenberg, Ransonnet und anderen Naturforschern, die ich früher gelesen, hatten meine Erwartungen hoch gespannt; sie wurden aber durch die Wirklichkeit übertroffen. Ein Vergleich dieser formenreichen und farbenglänzenden Meerschaften mit den blumenreichsten Landschaften gibt keine richtige Vorstellung. Denn hier unten in der blauen Tiefe ist eigentlich alles mit bunten Blumen überhäuft, und alle diese zierlichen Blumen find lebendige Korallentiere. Die Oberfläche der größeren Korallenbänke, von 6—8 Fuß Durchmesser, ist mit Tausenden von lieblichen Blumensternen bedeckt. An den verzweigten Bäumen und Sträuchen sitzt Blüte an Blüte. Die großen bunten Blumenkelche zu deren Füßen sind ebenfalls Korallen. Ja sogar das bunte Moos, das die Zwischenräume zwischen den größeren Stöcken ausfüllt, zeigt sich bei genauerer Betrachtung aus Millionen winziger Korallentierchen gebildet. Und alle diese Blütenpracht übergießt die leuchtende arabische Sonne in dem kristallhellen Wasser mit einem unsagbaren Glanze! „In diesen wunderbaren Korallengärten, welche die sagenhafte Pracht der zauberischen Hesperidengärten übertreffen, wimmelt außerdem ein vielgestaltiges Tierleben der mannigfaltigsten Art. Metallglänzende Fische von den sonderbarsten Formen und Farben spielen in Scharen um die Korallenkelche, gleich den Kolibris, die um die Blumenkelche der Tropenpflanzen schweben. — Noch viel mannigfaltiger und interessanter als die Fische sind die wirbellosen Tiere der verschiedensten Klassen, welche auf den Korallenbänken ihr Wesen treiben. Zierliche durchsichtige Krebse aus der Garneelengruppe klettern zwischen den Korallenzweigen. Auch rote Seesterne, violette Schlangensterne und schwarze Seeigel klettern in Menge auf den Asten der Korallensträucher; der Scharen bunter Muscheln und Schnecken nicht zu gedenken. Reizende Würmer mit bunten Kiemenfederbüschen schauen aus ihren Röhren hervor. Da kommt auch ein dichter Schwarm von Medusen geschwommen, und zu unserer Überraschung erkennen wir in der zierlichen Glocke eine alte Bekannte aus der Ostsee und Nordsee, die Qualle. „Man könnte glauben, daß in diesen bezaubernden Korallenhainen, wo jedes Tier zur Blume wird, der glückselige Friede der elysischen Gefilde herrscht. Aber ein näherer Blick in ihr buntes Getriebe lehrt uns bald, daß auch hier, wie im Menschenleben, beständig der wilde Kampf ums Dasein tobt, oft zwar still und lautlos, aber darum nicht minder furchtbar und unerbittlich. Die große Mehrzahl des Lebendigen, das hier in üppigster Fülle sich entwickelt, wird beständig vernichtet, um die Existenz einer bevorzugten Minderzahl zu ermöglichen. Überall lauert Schrecken und Gefahr. Um uns davon zu überzeugen, brauchen wir bloß selbst einmal unterzutauchen. Rasch entschlossen springen wir über Bord und schauen nun erst, von wunderbarem grünem und blauem Glanze umgossen, die Farbenpracht der Korallenbänke ganz in der Nähe. Aber bald erfahren wir, daß der Mensch ungestraft so wenig unter Korallen wie unter Palmen wandelt. Die spitzen Zacken der Steinkorallen erlauben uns nirgends, festen Fuß zu fassen. Wir suchen uns einen freien Sandfleck zum Standpunkt aus. Aber ein im Sande verborgener Seeigel (Diadema) bohrt seine fußlangen, mit feinen Widerhaken bewaffneten Stacheln in unseren Fuß; äußerst spröde, zersplittern sie in der Wunde und können nur durch vorsichtiges Ausschneiden derselben entfernt werden. Wir bücken uns, um eine prächtige smaragdgrüne Aktinie vom Boden aufzuheben, die zwischen den Schalenklappen einer toten Riesenmuschel zu sitzen scheint. Jedoch zur rechten Zeit noch erkennen wir, daß der grüne Körper keine Aktinie, sondern der Leib des lebenden Muscheltieres selbst ist; hätten wir es unvorsichtig angefaßt, so wäre unsere Hand durch den kräftigen Schluß der beiden Schalenklappen elend zerquetscht worden. Nun suchen wir einen schönen violetten Madreporenzweig abzubrechen, ziehen aber rasch die Hand zurück, denn eine mutige kleine Krabbe
(Trapezia), die scharenweise zwischen den Asten wohnt, zwickt uns empfindlich mit der Schere. Noch schlimmere Erfahrungen machen wir bei dem Versuche, die danebenstehende Feuerkoralle (Millepora) abzubrechen. Millionen mikroskopischer Giftbläschen entleeren sich bei der oberflächlichen Berührung über unsere Haut, und unsere Hand brennt, als ob wir glühendes Eisen angefaßt hätten. Ebenso heftig brennt ein zierlicher kleiner Hydrapolyp, der höchst unschuldig aussieht. Um nicht auch noch mit einem brennenden Medusenschwarm in unliebsame Berührung zu kommen oder gar einem der nicht seltenen Haifische zur Beute zu fallen, tauchen wir wieder empor und schwingen uns in die Barke. „Welche fabelhafte Fülle des buntesten Tierlebens auf diesen Korallenbänken durcheinander wimmelt und miteinander ums Dasein kämpft, davon kann man sich erst bei genauerem Studium ein annäherndes Bild machen. Jeder einzelne Korallenstock ist eigentlich ein kleines zoologisches Museum. Wir setzen z. B. einen schönen Madreporenstock, den eben unser Taucher emporgebracht hat, vorsichtig in ein großes, mit Seewasser gefülltes Glasgefäß, damit seine Korallentiere ruhig ihre zierlichen Blumenkörper entfalten. Als wir eine Stunde später wieder nachsahen, ist nicht nur der vielverzweigte Stock mit den schönsten Korallenblüten bedeckt, sondern auch Hunderte von größeren und Tausende von kleineren Tierchen kriechen und schwimmen im Glase herum: Krebse und Würmer, Kanker und Schnecken, Tascheln und Muscheln, Seesterne und Seeigel, Medusen und Fischchen, alle vorher im Geäste des Stockes verborgen. Und selbst wenn wir den Korallenstock herausnehmen und mit dem Hammer in Stücke zerschlagen, finden wir in seinem Inneren noch eine Menge verschiedener Tierchen, namentlich bohrende Muscheln, Krebse und Würmer verborgen. Und welche Fülle unsichtbaren Lebens enthüllt uns erst das Mikroskop! Welcher Reichtum merkwürdiger Entdeckungen harrt hier noch zukünftiger Zoologen, denen das Glück beschieden ist, Monate und Jahre hindurch an diesen Korallenküsten zu verweilen!“
Johannes Walther, welcher nach Haeckel die Korallenriffe der Sinaihalbinsel besuchte, teilt in seiner über diesen Besuch herausgegebenen Schrift die Bewunderung seines Jenaer Lehrers. „Die allgemeine Anordnung der Korallen auf dem Riff möchte ich am liebsten mit einem Park vergleichen. Zwischen blühenden Buschgruppen und buntfarbigen Blumenbeeten verschlingen sich sandbedeckte Wege; bald verschmälern sie sich zwischen hohen Büschen, münden wohl auch in eine schattige Grotte, bald verbreitern sie sich zu kiesbedeckten Plätzen.“
Nach solchen ersten äußerlichen Bekanntschaften mit den uns Europäern am nächsten liegenden Korallenriffen muß sicherlich das Verlangen steigen, tiefer in die Eigentümlichkeiten dieser Bildungen einzudringen und sie in ihrer allgemeinen Verbreitung kennen zu lernen. Wir halten uns an die Führung Danas, die er in dem früher citierten Werke „Korallen und Koralleninseln“ niedergelegt hat. Wir werden die betreffenden Kapitel teils im Auszuge wiedergeben, öfters auch, wo es passend ist, wörtlich übersetzen, ohne immer wieder den ein für allemal genannten und anerkannten Gewährsmann zu nennen.
Alle riffbildenden Korallenarten leben in den Meeren der heißen Zone, wo die Abkühlung des Wassers selbst während des Winters nicht unter 16 Grad Réaumur herabgeht. Die höchste Sommerwärme im Stillen Ozean beträgt 24 Grad Réaumur. Zwei Linien nördlich und südlich vom Aquator, welche die Orte jener gleichen Wintertemperatur verbinden und je nach den Strömungen vielfach ein- und ausgebuchtet sind, umschließen die Zone der Korallenriff-Meere. Schon unsere gewöhnliche Schulgeographie hat uns belehrt, daß zwar rings um die Aquatorialzone Riffe vorkommen, daß ihre Verteilung aber außerst verschieden ist.
Die von uns oben in Übersicht gebrachten stockbildenden Korallen haben zum allergrößten Teil ihre eigentliche und ausschließliche Heimat zwischen diesen Grenzen. Erinnern 39*
wir uns nur an das spärliche Vorkommen von Korallen in dem sonst dem Tierleben so günstigen Mittelmeere. Riffbauer sind also alle Asträen, fast alle Pilzkorallen, die Madreporen und Poriten und die meisten Arten aus allen übrigen Familien und Sippen. Die größte Mannigfaltigkeit herrscht natürlich in dem mittleren heißesten Gürtel, zwischen 15 und 18 Grad nördlich und südlich des Aquators, wo die Temperatur nicht unter 18 ½ Grad Réaumur fällt. In diese Regionen fallen die Fidschi-Inseln, deren Riffe ein Beispiel außerordentlicher Fülle an Korallen geben. Asträen und Mäandrinen erreichen hier ihre höchste Entfaltung. Madreporen erscheinen als blütenbedecktes Strauchwerk, als große Becher und Blätter, welche letztere bis fast auf 2 m sich ausbreiten. Viele andere Formen erscheinen in ähnlicher Fülle und Ausdehnung. Die Hawaii-Inseln im nördlichen Teile des Stillen Ozeans, zwischen 19 und 20 Grad, liegen außerhalb dieses heißesten Gürtels; ihre Korallen sind deshalb weniger üppig und artenreich. Es fehlen die Madreporen, und nur wenige Asträen und Fungien finden sich, während die weniger empfindlichen Poriten und Pocilloporen in großer Menge dort gedeihen.
Die Korallengattungen von Ostindien und dem Roten Meere sind wesentlich dieselben wie im Zentralteil des Stillen Ozeans, ebenso die der Küste von Sansibar. Auch bei den Pomatus, den östlichen pazifischen Koralleninseln, ist die Mannigfaltigkeit der Sippen und Arten sehr groß, aber nicht so groß wie westwärts.
Der Golf von Panama und die benachbarten Meeresteile nördlich bis zur Spitze der kalifornischen Halbinsel und südlich bis zu Guayaquil liegen auch noch in dem heißen Gürtel, aber in der kühleren Zone desselben. Die Polypenarten von dort haben durchweg den pazifischen Charakter und sind gänzlich von den westindischen verschieden. Es sind deren nicht viele und auf eine geringe Anzahl von Gattungen beschränkt. Es läßt sich das aus der Beschaffenheit und Richtung der ozeanischen Ströme längs der Westküste von Amerika erklären, welche die Linien gleicher Meerestemperatur sowohl von Norden als von Süden weit gegen den Aquator zurückdrängen und sowohl durch ihre niedrige Temperatur als durch ihre Richtung, indem sie sich westwärts wenden, die Wanderung von Arten aus dem mittleren Teile des Stillen Ozeans gegen Panama zu aufhalten und verhindern.
Obgleich die westindischen Riffe innerhalb des heißesten Gürtels liegen, sind sie doch im Verhältnis zu denen des zentralen pazifischen Meeres arm an Arten und Sippen. Wir finden dort einige große Madreporen, jo Madrepora palmata, welche sich flächenhaft bis auf 2 m ausbreitet, dann die baumförmige Madrepora cervicornis, die eine Höhe von über 4 m erreicht. Unter den wenigen Asträen find die Mäandrinen am bemerkenswertesten. Merkwürdigerweise lebt, nach Professor Verylls Beobachtungen, keine westindische Korallenart drüben an der Küste von Panama, und überhaupt scheint keine dieser westindischen Arten im Stillen oder Indischen Ozean vorzukommen. Auch aus der Vergleichung der Arten anderer Klassen geht hervor, daß mit der Aufrichtung der Landenge von Panama eine Isolierung eintrat, seit welcher die Artumbildung auf beiden Seiten unabhängig vor sich ging. Die nördlicher, aber im Striche des Golfstromes gelegenen Bermudas haben ihre wenigen Korallen von Westindien empfangen. Auch die Korallen der brasilischen Küste südlich vom Kap Rock ähneln im ganzen denen von Westindien, obschon die besonders charakteristischen Gattungen, Madrepora, Maeandrina, Oculina und andere fehlen.
Als Reinhold Forster mit seinem Sohne Georg vor 100 Jahren mit Cook die Koralleneilande der Südsee entdeckte, bildete er sich die Ansicht über ihre Entstehung, daß die riff- und inselbauenden kleinen Tierchen von unergründlichen Tiefen aus allmählich mit ihren Stöcken und Ablagerungen bis an den Wasserspiegel herankämen, daß also dieselben Arten ihre Lebensbedingungen in den verschiedensten Tiefen fänden. Wir haben nun zwar durch die neueren Tiefsee-Forschungen in sichere Erfahrung gebracht, daß auch die