All public Sources
Public document

Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
AskTalkView media
Reading progressPage 145 of 170

tiefsten mit den Apparaten zum Heraufholen von Bodenproben erreichbaren Abgründe, eine Tiefe von einer geographischen Meile, noch einzelne, in manchen Strecken der Ozeane sogar zahlreiche Tierarten der verschiedensten Klassen beherbergen. Aber was in solchen Tiefen lebt, hat sich den besonderen Verhältnissen der Tiefe mit der kolossalen Steigerung des Druckes, der Anderung von Licht und Wärme, von Gasaustausch so akkommodiert, daß es oben nicht bestehen kann. Die Zahl der Tiefseepolypen ist nun überhaupt auffallend gering, und darunter findet sich keine Art, welche in einer größeren Tiefe riffbauend auftritt, geschweige denn, daß solche Bauten im Laufe der Jahrhunderte bei gleichbleibendem Spiegel des Grundes endlich zum Riffe oder zur sichtbaren Insel würde.

Die französischen Naturforscher Duoy und Gaimard, welche die Expedition des Admirals d'Urville nach der Südsee begleiteten, schlossen, daß die untere Grenze, bis zu welcher die Korallen lebten, mit 5—6 Faden, also 10— 12 m erreicht sei, eine Behauptung, welche von Ehrenberg nach seinen Untersuchungen im Roten Meere bestätigt wurde. Doch zeigten sichere Messungen in der Südsee, daß noch bei 20 Faden Tiefe ein reiches Korallenwachstum stattfinde. So beobachtete Darwin an den Riffen von Mauritius in dieser Tiefe Madreporen und Asträen, und lebende Korallen wurden bis zu dieser Grenze von ihm und anderen an verschiedenen anderen Riffen der Südsee gefunden. Auch Ehrenbergs Angaben wurden erweitert und im Roten Meere Lager lebender Korallen bei 25 Faden Tiefe entdeckt. Endlich bestimmte Pourtales die Tiefe des Korallenlebens auf den Florida⸗Riffen mit 15 Faden; und jo find alle neueren Forscher darüber einig, auch Dana nach seinen reichen Erfahrungen, daß lebende riffbauende Korallen nur in verhältnismäßig geringer Tiefe und innerhalb schmaler Höhenzonen vorkommen. Überall, wo man tiefer sondiert und mit Anker oder Schleppnetz vom Korallenboden Stücke abreißt, trifft man Korallentrümmer oder mehr oder minder verschonte, vom Sande bedeckte tote Stöcke. Eine der Ursachen dieser geringen Verbreitung in die Tiefe ist jedenfalls die Temperatur, welche die Verteilung alles Lebens über den ganzen Ozean nach Breite und Tiefe so sehr beeinflußt. Sie kann jedoch unmöglich die einzige Ursache sein. Wie erwähnt, ist eine Wärme zwischen 24 und 18 Grad dem Gedeihen der meisten riffbildenden Korallen zuträglich und doch ist die Wassertemperatur in 100 Fuß Tiefe im mittleren Teile des Stillen Ozeans meist über 18 Grad Réaumur.

Sehen wir uns nun die lokalen Ursachen an, von welchen das Wachstum der Riffkorallen abhängt. Vor allen Dingen verlangen sie reines Seewasser, und sie gedeihen am besten in den breiten Binnenkanälen zwischen den Riffen, in den weiten Lagunen und im seichteren Wasser nach der Brandung zu. Es ist also ganz falsch, wenn man allgemein behauptet, daß in den Lagunen und Kanälen nur kleine Korallen wüchsen; das gilt nur für enge Lagunen und Kanäle und für solche Teile der breiteren Kanäle, welche unmittelbar an den Mündungen frischer Gewässer liegen. Unzweifelhaft verlangen gewisse Arten das offene Meer; wenn man aber die speziellen Verhältnisse untersucht oder die außen an der Brandungsseite gesammelten Polypen mustert, überzeugt man sich, daß die Thatsachen fehlen, um eine Liste solcher Arten zusammenzustellen. Von den massenhaften Asträen, Mäandrinen, Poriten und Madreporen zu schließen, die von den Wogen auf die Außenriffe geworfen werden, sind diese Sippen nach der offenen Seeseite zu sehr gut vertreten. Auf den Pomatu-Inseln findet man an der Küste einzelne Stöcke von Porites von 2 — 2½ m im Durchmesser. |

Arten derselben Sippe wachsen oben auf den Riffen, und einige sind dieselben, die auch in größeren Tiefen vorkommen. Zahlreiche Asträen, Mäandrinen und Madreporen lebenan der Außenseite der Riffe, wo die Wogen mit voller Kraft anprallen. Dort trifft man auch zahlreiche Milleporen sowie einige Poriten und Pocilloporen. Die zarteren

Montiporen aber, die inkrustierenden Arten ausgenommen, leben im ruhigen Wasser. Die genannten Arten wachsen nun auch im seichten Wasser innerhalb der Riffe. So sind Asträen, Mäandrinen und Pocilloporen hier nicht ungewöhnlich, verlangen aber reines Wasser. Einzelne Madreporenarten kommen jedoch noch im unreinen Wasser fort, ebenso gewisse Poriten; diese wachsen hier und da einige Zentimeter über den Strich des niedrigen Wassers heraus, wo fie der Sonne und dem Regen ausgesetzt sind. An den im unreinen Wasser an den Küsten wachsenden Poriten macht sich der Einfluß von dem vom Lande ab: geschwemmten Absatz so geltend, daß die Korallenstöcke sich nur flach ausbreiten, indem die höheren Teile durch den Absatz getödet werden; und ganz allgemein: wo Flüsse oder Bäche Absatz herbeiführen, kommen Korallen nicht fort. Wir finden deshalb auch nur wenige Polypen an sandigen oder schlammigen Küften. Auch in solchen Lagunen, welche nicht hinlänglich von dem Meere aus mit frischem Wasser gespeist und wegen starker Verdunstung zu salzig werden, finden sich keine Korallen; endlich kann Überhitzung des Lagunenwassers zum Aussterben der Polypen führen.

Über die unglaubliche Fülle von Lebensformen, welche sich auf und in den Korallenstöcken ansiedeln, diese wesentlich zerstören, aber doch auch, soweit sie harte Teile absondern, ihr Teil zum Bau der Riffe beitragen, hat uns schon Haeckel erzählt. Ahnlich berichtet L. Agassiz nach seinen Untersuchungen der Florida-Riffe: Unzählige bohrende Tiere siedeln sich in den toten Teilen der Stöcke an, höhlen sie inwendig nach allen Richtungen aus und lösen ihre feste Verbindung mit dem Boden; auch dringen sie bis in die die lebenden Polypen enthaltende Außenschicht vor. Diese zahllosen bohrenden Tiere gehören sehr verschiedenen Klassen an. Zu den thätigsten gehören die Meerdattel (Lithodomus), verschiedene Stein- und Felsbohrmuscheln (Saxicava, Petricola), Archenmuscheln (Arca) und zahlreiche Würmer, unter denen die Serpula die größte und gefährlichste ist, indem sie regelmäßig durch den lebenden Teil der Stöcke vordringt, besonders in Madreporen. Am freien unteren Teil einer Mäandrine, nicht ganz / m im Durchmesser, zählte Agassiz 50 Höhlungen der Meerdattel außer Hunderten von kleinen Wurmlöchern. Alle diese Zer: störungen sind aber nichts gegen die von den Bohrschwämmen verursachten. Wir werden dieselben mit den übrigen Schwämmen näher kennen lernen. Hier wollen wir aber noch Darwin hören, der in seinem bahnbrechenden Buche über den Bau und die Verbreitung der Korallenriffe folgendes vom Keeling-Atoll erzählt: „An der Außenseite des Riffes muß durch die Thätigkeit der Brandung auf die herumgerollten Bruchstücke von Korallensubstanz viel Niederschlag gebildet werden; aber in den ruhigen Wässern der Lagunen kann dies nur in einem geringen Grade stattfinden. Es finden sich indessen hier andere und unerwartete Kräfte in Thätigkeit; große Scharen zweier Arten von Papageifischen, die eine die Brandung außerhalb des Riffes und die andere die Lagunen bewohnend, leben gänzlich vom Abweiden der Polypenstöcke. Ich öffnete mehrere dieser Fische, welche sehr zahlreich und von beträchtlicher Größe sind, und fand ihre Eingeweide durch kleine Stücke von Korallen und fein zermalmte kalkige Substanz ausgedehnt. Diese muß täglich als feinster Niederschlag von ihnen abgehen. Auch leben die Holothurien von lebendigen Korallen; und das eigentümliche knochenartige Gebilde innerhalb des vorderen Endes ihres Körpers scheint sicherlich diesem Zwecke gut angepaßt zu sein. Die Zahl der Arten von Holothuria und der Individuen, welche auf jedem dieser Korallenriffe herumschwärmen, ist außerordentlich groß; und wie bekannt ist, werden jährlich viele Schiffsladungen nach China mit Trepang verfrachtet, welches eine Art dieser Gattung ist. Die Menge von Korallen, welche jährlich durch diese Geschöpfe und wahrscheinlich noch durch viele andere Arten verzehrt und zu dem feinsten Schlamme gemahlen werden, muß ungeheuer sein. Diese Thatsachen sind indessen von einem anderen Gesichtspunkte noch bedeutungsvoller,

da sie uns zeigen, daß es für das Wachstum der Korallenriffe lebendige Hindernisse gibt, und daß das beinahe ganz allgemeine Gesetz des „Verzehrens und Verzehrtwerdens“ selbst für die Polypenstöcke gilt, welche diese massiven Bollwerke bilden, die im stande sind, der Macht des offenen Ozeans zu widerstehen.“

Auf der anderen Seite dringen Röhrenwürmer und gewisse Rankenfüßer (4. B. Creusia) in lebende Korallen, ohne ihnen zu schaden. Sie heften sich beim Übergang aus dem Larvenzustande auf der Oberfläche des Stockes an und werden von den wachsenden Polypen allmählich in den Stock eingebettet, ohne ihn zu verunstalten oder sein Wachstum zu stören. Manche Serpeln halten im Wachstum gleichen Schritt mit dem Stocke, und ihre Röhre reicht dann tief in die Korallenmasse hinein. Entfalten sie zwischen den Polypenkelchen ihre Kiemen, so gibt das einen prächtigen Anblick.

Dana hat in seinem Werke ein besonderes Kapitel den Beobachtungen über das Wachsen der Korallen gewidmet, d. h. der Wachstumsverhältnisse einzelner Arten, nicht der Riffe, welche von ganz anderen und komplizierten Bedingungen abhängen. Schon 1830 stellte ein Dr. Allen an der Küste von Madagaskar Versuche darüber an. Er brach im Dezember eine Anzahl Korallenstücke aus, versenkte sie auf einer seichten Bank bis einen Meter unter dem Ebbespiegel und fand im Juli, daß sie fast die Oberfläche erreicht hatten und im Boden ganz festgewachsen waren. Die Erzählung, daß im Persischen Golfe der Kupferbeschlag eines Schiffes im Laufe von 20 Monaten mit einer 8 m dicken Kruste von Polypen bedeckt worden, wird von Darwin als verdächtig bezeichnet. Bei einer anderen Angabe, daß nämlich auf einer zweijährigen Auster eine Pilzkoralle von 1,25 Kg gefunden worden sei, weiß man unglücklicherweise nicht, ob die Auster lebte, oder ob die Koralle Zeit hatte, auf der toten Schale zu wachsen.

Weinland sahin einer kleinen seichten Bucht auf Haiti mehrere Aste der Madrepora cervicornis 7— 12 em über den Spiegel herausragen. Die Polypen waren auf allen der Luft ausgesetzten Teilen abgestorben. Das war im Juli. Und da im Winter das Wasser an jener Küfte 1—2 m höher als im Sommer steht, fo ist der Schluß gerecht: fertigt, daß der Polypenstock inden 3 Wintermonaten 7—12 em wächst. Andere sichere Beobachtungen anderer Forscher haben ergeben, daß ein Stock von Maeandrina laby-rinthica 30 em im Durchmesser und 10 em hoch in 20 Jahren gewachsen war. Wir übergehen verschiedene andere Nachrichten und teilen nur noch die sehr interessanten Beobachtungen über die Inkrustierung eines Schiffes mit, welches 1792 an der amerikanischen Küste scheiterte und dessen Wrack in einer Tiefe von etwa 4 Faden 1857 untersucht wurde. Es fand sich, daß eine Madrepore während der 64 Jahre die Höhe von 5 m erreicht hatte, also durchschnittlich Z cm jährlich gewachsen war, während massige Poluypenstöcke, welche sich daneben angesiedelt hatten, ein verhältnismäßig weit langsameres Wachstum zeigten. Alle diese Angaben rühren von gelegentlichen Beobachtungen her, und es mangelt ebenso für die Polypen wie für die anderen wirbellosen und die meisten höheren Tiere an planmäßigen Versuchen.

Wir treten nun nach diesen vorbereitenden, das Leben der riffbildenden Korallen betreffenden Untersuchungen an das eigentliche Thema dieses Abschnittes heran.

Korallenriffe und Koralleninseln sind Bildungen derselben Art, aber unter etwas verschiedenen Verhältnissen. Eine Koralleninsel ist unter allen Umständen einmal eine lange Zeit hindurch ein Riff gewesen und ist es noch zum großen Teil. Doch bedeuten die Namen etwas Verschiedenes. Koralleninseln sind isoliert im Meere stehende Riffe, welche entweder nur bis zum Wasserspiegel reichen und halb untergetaucht sind, oder bedeckt mit Pflanzenwuchs. Korallenriffe aber, außerdem daß sie eine allgemeine

Bezeichnung sind, nennt man im besonderen die Korallenbildungen längs der Küsten hoher Inseln und des Festlandes.

Wir beginnen mit den letzteren. Die Korallenriffe find also Bänke von Korallen: felsen im Meere längs der Küsten tropischer Länder. Im Stillen Ozean sind diese Landmassen, mit Ausnahme von Neukaledonien und einigen anderen Inseln, vulkanischen Ursprunges, oft von Gebirgshöhe. Die sie umgürtenden Riffe sind bei Flut gewöhnlich ganz unter Wasser. Zur Ebbezeit aber bieten sie sich dem Blicke als breite, flache, nackte Felsenflächen dar, gerade über dem Wasserspiegel, sonderbar abstechend von den jähen Abhängen der von ihnen umfaßten Insel.

Nähert man sich in einem Schiffe einer Korallenküste, so ist, wenn gerade Flut, das erste Zeichen eine Linie schwerer Brandung, oft meilenlang und in großer Entfernung vom Lande. Kommt man etwas näher heran, so unterscheidet man wohl einzelne Stellen des Riffes, wenn gerade eine Woge zurückläuft; aber im nächsten Augenblick ist wieder alles ein Wassergewoge. Ein Glück ist es für das kreuzende Schiff in unbekannten Riffregionen, wenn die brandenden Wellen ununterbrochen die Rifflinie bezeichnen. Denn mitunter tritt eine trügerische Ruhe ein, welche tiefes Wasser vermuten und das Fahrzeug arglos vorwärtsgehen läßt, bis es bald über Korallenmassen schleift, dann schwer in kurzen Zwischenpausen aufstößt und einige Augenblicke später hilflos auf dem Riffe gescheitert ist. Bei Ebbe besänftigt die Brandung sich oft ganz oder fast ganz. Aber dann ist das Riff meist in voller Sicht und bei aufmerksamer Wache, günstigem Winde und vollem Tageslicht die Schifffahrt verhältnismäßig sicher.

Die beifolgende Skizze gibt eine Vorstellung von einer so eingefaßten tropischen Insel. Das Riff zur rechten Seite bildet einen Gürtel unmittelbar um die Küste und erscheint als eine Fortsetzung des Landes. Es findet sich dieses Strandriff (Gürtelriff, Küstenriff, Saumriff) auch auf der linken Seite, aber außerhalb desselben, getrennt durch einen Kanal, ist noch ein Barriereriff oder Dammriff. An einer Stelle ist die Insel von einer Steilküste begrenzt, und hier, infolge des Absturzes und der Tiefe, fehlt das Riff. Das Barriereriff ist von einem Eingange durchbrochen, welcher in einen Hafen führt, wie deren sich oft an solchen korallenumgebenen Inseln finden. Während manche Inseln nur schmale Gürtelriffe haben, sind andere zum großen Teil oder ganz durch den Damm umzäunt, welcher das Land wie ein künstlicher Hafenmolo vor den Angriffen des Meeres schützt. Das Barriereriff ist mitunter 10—15 Meilen vom Lande entfernt und umschließt nicht nur eine, sondern mitunter mehrere hohe Inseln. Von Riffen von so großem Umfange bis zu den einfachen Gürtelterrassen gibt es alle möglichen Übergänge.

Continue reading
Page 145 of 170