Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Wir müssen aber noch einige Ursachen erwähnen, durch welche Form und Wachstum der Korallenbauten modifiziert werden. Im allgemeinen kann man das Vorhandensein von Häfen an Riffen und Atolls auf die Thätigkeit der Gezeiten oder
örtlicher ozeanischer Strömungen zurückführen. Man findet gewöhnlich starke Flutströme durch die Kanäle und Rifföffnungen, welche von Form und Richtung der Küstenlinien abhängen, auch davon, daß über die niedrigen Teile der Riffe fortwährend Wasser in die Kanäle und Lagunen geworfen wird, welches sich der Flut entgegen als Unterströmung einen Ausweg sucht oder die Ebbeströmung verstärkt. Diese und ähnliche Wasserbewegungen führen viele Korallentrümmer mit sich, und der Boden, wo dies geschieht, ist für das Ansetzen von Polypen völlig ungeeignet. Ist eine solche Strömung irgend stark, so reinigt sie fortwährend die Kanäle und hält sie offen. Die Thätigkeit der Seeströmungen wird oft durch die aus den Inseln kommenden Gewässer verstärkt, und so findet man sehr häufig die Häfen an der Mündung von Thälern und deren Bächen und kleinen Strömen. Der Einfluß des Süßwassers an sich auf das Vorkommen der Polypen ist nicht so groß, wie man gewöhnlich annimmt, vornehmlich weil es, leichter als das Salzwasser, auf demselben abfließt und die etwas tiefer sitzenden Korallentiere wenig oder nicht berührt. Eine vielleicht noch größere Einwirkung auf die Gestaltung der Riffe hängt aber von den Verhältnissen des rifftragenden unterseeischen Landes und der Beschaffenheit des Grundes ab. Wo tiefere Einrisse, unterseeische Klüfte sind, welche unter jenes den Polypen zusagende Niveau gehen, fällt die Ansiedelung von Korallenstöcken weg, wie auch da, wo fester Untergrund mit Sand und Schlamm wechselt. Alle Unregelmäßigkeiten des Umrisses der Riffe und Atolle, alle Hafenbildungen an den Koralleneilanden finden so ihre einfache Erklärung.
Die wichtigste noch zu erläuternde Frage ist diejenige nach den Ursachen der Entstehung der Barriereriffe und der Atollform der Koralleninseln. Nichts hat uns in den bisherigen Erörterungen Aufschluß darüber gegeben, warum diese Bildungen die Inseln in gewisser Entfernung gürtelförmig umgeben oder Hunderte von Meilen weit das Land, welches sie schützen, begleiten, oder warum sie eine Lagune umschließen. Es war die Frage, welche sich am ersten den Entdeckungsreisenden aufdrängte, und man war einmal geneigt, einen Instinkt anzunehmen, der die Tierchen anweist, den Bauten diejenige Form zu geben, welche der Macht der Wogen den größten Widerstand leiste. Nach einer anderen zuerst (1822) von dem Naturphilosophen Steffens vertretenen Hypothese sollten die Korallenbauten die Spitzen von Vulkanen einnehmen, deren Krater der Lagune entspreche, während die Eingänge durch die Riffe die Stellen bezeichneten, wo der Kraterwall von Lava-Ausbrüchen zerstört sei. Schon vor einigen Jahrzehnten hat Darwin diese bei oberflächlicher Betrachtung ganz ansprechende Annahme als hinfällig nachgewiesen. Die vorausgesetzten vulkanischen Kegel mußten entweder einst auf Land gestanden haben und später versunken sein, oder sie hatten sich untermeerisch gebildet. Im ersten Falle würde beim allmählichen Versinken der Krater fast immer zerstört worden sein; bei untermeerischen Ausbrüchen ist aber die Kraterbildung und die Erhebung vulkanischer Kegel überhaupt kaum denkbar. Außerdem aber verlangt die Hypothese, daß die Vulkane in einer auf dem Lande unerhörten Menge auf beschränkten Strecken entstanden seien und, was noch unerhörter, sich fast gleich hoch erhoben hätten, da ja die Korallentiere nur von etwa 20 Faden an unter der Oberfläche fortkommen. Man müßte ferner Krater von 75 km im Durchmesser voraussetzen und daß solche von 30—44 km nicht selten gewesen seien. Aus diesen und einigen anderen Gründen muß die Annahme der Beteiligung von Vulkanen bei den Korallenbauten zurückgewiesen werden. Und auch die Hypothese, daß nichtvulkanische Berggipfel und Bänke von gleicher Höhe die Grundlage für die Ansiedelungen der Korallen seien, verdient nach dem Vorausgegangenen keine weitere ernstliche Widerlegung.
Darwin hat zuerst nach naturwissenschaftlicher Methode die verschiedenen Arten der Korallenbauten, die Strandriffe, Barriereriffe und Atolls studiert und miteinander verglichen, und dann seine Ansicht über ihre Entstehung nach den Thatsachen entwickelt.
Sie ist die noch heute gültige und wurde in allen wesentlichen Punkten von Dana bestätigt und von dem neuesten Schriftsteller auf diesem Gebiete, R. Langenbeck, ebenso wie von den Geologen Sueß, Neumayr und G. Baur geteilt. Doch haben sich andere Autoritäten bestimmt gegen die Ansichten Darwins und Danas gewandt, so Semper, Rein, Graf Pourtaleès, Geikie und in neuerer Zeit besonders Murray, der Geolog der Challenger-Expedition, und Guppy. Langenbeck hat die verschiedenen Einwände, die gegen die Senkungstheorie erhoben worden sind und die gleichzeitig die wesentliche Grundlage der neuen Theorien Murrays und Guppys bilden, übersichtlich zusammengestellt und gefunden, daß sie hauptsächlich in vier Punkten gipfeln: 1) „Das gleichzeitige Vorkommen von Atollen, Barriereriffen und Strandriffen in nahe benachbarten Gebieten läßt sich nicht mit der Senkungstheorie in Einklang bringen, ebensowenig wie das Auftreten der beiden ersten Riffformen in Gebieten, in welchen neuere Hebungen konstatiert find. 2) Die Entdeckung ausgedehnter submariner Sedimentbänke, gebildet aus den Kalk: gerüsten von Koraminiferen, Tiefseekorallen, Mollusken ꝛc., gewährt die Möglichkeit, die Bildung der Atolle und Barriereriffe auch ohne Zuhilfenahme der Senkung zu erklären; und diese Annahme erscheint wahrscheinlicher als diejenige jo ausgedehnter Senkungsfelder, wie man sie nach der Senkungstheorie vorauszusehen gezwungen ist. 3) Die ring: förmige Gestalt der Atolle erklärt sich lediglich durch das bessere Gedeihen der Korallen an dem der Brandung stärker ausgesetzten Teile des Riffes und durch die Fortführung des Korallenmaterials aus der Lagune durch die Thätigkeit der Meeresströmungen und die auflösende Wirkung der im Meereswasser enthaltenen Kohlensäure. In derselben Weise find die tiefen Kanäle gebildet, welche die Barriereriffe von dem benachbarten Festlande trennen. 4) Die auf die Senkungstheorie gegründete Berechnung der Mächtigkeit von Korallenriffen findet nirgends eine Bestätigung. Weder sind unter den modernen Riffen solche von derartiger Mächtigkeit bekannt, noch bieten die früheren geologischen Formationen irgend ein Analogon dazu.“ |
Wenn wir uns hier auch ganz auf den Standpunkt der Darwin-Danaschen Senkungstheorie stellen, so war es doch notwendig, gegenteilige Ansichten nicht einfach totzuschweigen.
Nach einer genaueren und im großen Maßstabe gezeichneten Karte des Fidschi-Archipels mag man die Eilande Goro, Ango, Nairai und Nanuku überblicken. Man wird bemerken, daß das Riff von Goro sich eng an das Land anlegt, auf dessen untermeerischer Küste es erbaut ist. Das Riff der zweiten der genannten Inseln ist von derselben Beschaffenheit, steht jedoch etwas von der Küste ab und bildet das, was wir ein Barriereriff genannt haben. Der Name bezeichnet eben nur eine Verschiedenheit der Lage, nicht der Beschaffenheit. Bei dem letzten der genannten Eilande umschließt das Barriereriff ein weites Stück Meer, und die Insel darin ist nichts als ein felsiger Berggipfel. Können wir nun diese Verschiedenheit in der Lage der Barriereriffe erklären? In der That gibt Darwins Annahme einen Schlüssel für diese Erscheinungen. Wenn z. B. die Insel Ango ganz allmählich versänke, würde zweierlei eintreten: die Binneninsel würde nach und nach verschwinden, während das immer nach aufwärts wachsende Riff sich an dem Wasserspiegel erhalten würde, sofern nur die Geschwindigkeit des Sinkens nicht einen gewissen Grad überschritte. Wenn diese Senkung so weit ginge, daß nur noch der letzte Berggipfel über Wasser geblieben, würde dann nicht eine Nanuku entstanden sein? Auch für die Zwischenstufe, die bei der Senkung erreicht wird, wo nur noch ein einzelner Bergrücken und einige isolierte Gipfel über dem Wasser hervorstehen, gibt ein Teil der Fidschigruppe, die Forschungsinseln (Exploring Islands), uns die Anschauung. Nach dieser Voraussetzung entsteht also ein Riff, das einen einzelnen Felsen in weitem Umkreise einschließt, durch allmähliche Senkung einer Insel, welche von einem einfachen Gürtelriff umgeben war.
Daß große Strecken von Ländern, wie Schweden und Grönland, in Senkung begriffen sind, ist eine bekannte Thatsache; es läßt sich aber auch der direkte Beweis führen, daß die Riffe mit ihren Inseln sich gesenkt haben. Die Tiefe der Riffe läßt sich in den meisten Fällen, wenn nicht direkt messen, doch annähernd abschätzen, und muß in manchen Fällen auf mindestens 300 m bestimmt werden. Da nun der lebendige Teil des Korallenriffes nicht unter 18— 20 Faden reicht, kann die Tiefe von 300 m, bis zu welcher das Riff sich erstreckt, nur durch allmähliche Senkung des Landes, auf welchem es steht, erklärt werden.
Schematischer Durchschnitt einer Insel mit Korallenriffen.
Es versteht sich von selbst, daß einmal gebildete Riffe durch spätere Hebungen wieder hoch über den Wasserspiegel heraussteigen können; man kennt deren von 100 m Höhe. Sie beweisen und verlangen eine vorangegangene Senkung, sobald ihr Höhendurchmesser das bekannte Maß der Tiefenzone der lebenden Korallen übersteigt. Die Annahme, daß viele Riffbildungen die Folge einfacher Senkungen sind, scheint daher vollkommen gerechtfertigt.
Umriß der Insel Aiva, mit projiziertem Durchschnitt.
Wir können uns an dem obenstehenden schematischen Durchschnitt einer Insel und ihrer Riffe die Wirkung einer allmählichen Senkung vergegenwärtigen. Bei der Wasserlinie I hat die Insel, z. B. Goro, ein einfaches Strandriff, k f, eine schmale Felsenterrasse am Wasserspiegel, welche außen zuerst unter sehr schiefem Winkel, dann steiler abfällt. Angenommen, die Insel hätte sich bis zur Wasserlinie II gesenkt, was würde geschehen sein? Das Riff hat sich im Verhältnis zur Senkung gehoben, und sein Aussehen an der Oberfläche wird durch b’ f b“ f“ bezeichnet. Man sieht ein Strand- und ein Barriereriff mit einem schmalen Kanal dazwischen. b“ ist der Durchschnitt der Barriere, e“ des Kanals und f“ des Strandriffes. Bei einer weiteren Senkung bis zu III hat sich der Kanal e“
sehr verbreitert. Auf der einen Seite, k“, ist das Strandriff erhalten, auf der anderen ist es verschwunden, wozu verschiedene Verhältnisse, wie Strömungen, beigetragen haben können. Bei der Wasserlinie IV endlich sieht man zwei kleine Felseneilande in einer weiten Lagune mit zwei Riffinselchen,!“ 1“, da, wo eben zwei andere Bergspitzen unter den Spiegel tauchen. Der Korallenrifffelsen hat eine große Mächtigkeit erreicht und bedeckt fast die ganze frühere Insel.
Die Übereinstimmung solcher idealen Durchschnitte mit wirklichen Inseln und ihren Riffen ist eine vollständige. Der auf S. 623 stehende Umriß gibt die Insel Aiva aus der Fidschigruppe. In der Lagune befinden sich zwei Berggipfeln gleichende Inselchen, genau wie oben; und obschon wir keine Messungen der Gipfel oder Sondierungen der umgebenden Gewässer besitzen, geben doch die anderwärts gemachten Beobachtungen die Sicherheit, daß der senkrechte, durch die Linie b b b“ b“ gelegte Durchschnitt der Wirklichkeit vollkommen entspricht. Er bedarf keiner weiteren Erklärung. 8
Man hat gegen die Theorie geltend gemacht, daß sie nicht erkläre, wie es komme, daß die Binnenkanäle entständen, da man vielmehr erwarten sollte, ihr Raum würde beim allmählichen Sinken von Riffmaterial ausgefüllt. Man darf aber nicht die Frage so stellen, sondern muß von der unbestrittenen Thatsache ausgehen, daß die Senkung stattfindet, und daß bei den sinkenden Inseln jene Eigentümlichkeit hervortritt. Die Kanäle hinter den Barriereriffen sind eine Folge der Senkung, und man muß den Ursachen dieser Erscheinung nachspüren. Es bieten sich dann auch Erklärungen dar, welche den beobachteten Thatsachen sich so anschließen, daß das Vorhandensein der Binnenpassagen als eine notwendige Eigentümlichkeit der Korallenbauten erscheint. |
Es ließ sich zeigen, daß das Meer an dem Aufbau der Riffe einen bedeutenden Anteil hat, und daß die seiner Bewegungen und seines reinen Wassers teilhaftigen Außenriffe schneller wachsen als die inneren, auf welche Meer- und Süßwasserströmungen und das von denselben mitgeführte Geröll und der Absatz einwirken. Sobald ferner das Barriereriff sich abgelöst hat, ist es auf beiden Rändern mit lebenden, wachsenden Korallen bedeckt, während das Gürtelriff nur auf einer Seite wächst. Auch wird ein großer Teil des Gerölles und der Trümmer der Außenriffe vom Meere her und von innen auf ihnen selbst abgesetzt, wogegen ein großer Teil des Materials der inneren Riffe zur Ausfüllung der weiten Kanäle beiträgt. Jedenfalls ist dieser Beitrag von seiten der Binnenriffe verhältnismäßig größer als von den Barriereriffen. Und die Ausdehnung von Riffboden innerhalb einer Barriere, welche sich zu gleicher Zeit mit den Riffen erhoben hat, ist oft 50mal so groß, als die Oberfläche der Barriere selbst. Bei solchen Wachstumsverhältnissen kann schließlich das Barriereriff zweimal so schnell wachsen wie die Binnenriffe. Die letzteren werden unter Umständen schneller sinken, als sie nachwachsen können, und müssen schließlich verschwinden. Aus dem Vorhandensein von Kanälen und weiten offenen Wasserstrecken hinter den Riffen läßt sich also nicht nur kein Einwurf gegen die Theorie begründen, sie sind im Gegenteil unzertrennbar von der Annahme und ein Beweis mehr für die Theorie. Aus diesen und ähnlichen Erwägungen ergibt sich, daß ein Barriereriff ungefähr die ehemaligen Grenzen des umschlossenen Landes bezeichnet.