Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Übrigens scheinen, wenn wir nach Darwinistischer Weise den Stammbaum der in Rede stehenden Familien zu zeichnen versuchen, weder die Pennatuliden von den Gorgoniden noch umgekehrt abzustammen. Beide weisen vielmehr auf die Seekorke als gemeinschaftliche Wurzel. Alle Gorgoniden wachsen fest. I
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Warzenkoralle (Gorgonia verrucosa), daran ein Haifischei. Natürliche Größe.
Die Verästelung der Gorgonienstöcke erzeugt die verschiedenartigsten Formen: unregelmäßige Bäume mit Asten nach allen Richtungen hin, Verästelung in einer Ebene, einfache, sich nicht verzweigende Aste winkelförmig oder spiralförmig gestellt, Fächer und Netze ꝛc.
Bei den meisten Gorgoniden ist die Achse hornartig biegsam; man kann sie Hornkorallen nennen. Trotz dieser biegsam bleibenden und aus der Verhärtung und
Konsolidierung organischer Substanz hervorgehenden Achsenbildung ist auch diesen Polypen die Kalkabscheidung nicht fremd. Schon von der Achse werden einzelne en umschlossen, und die Rinde ist mit ihnen dicht angefüllt. Sie e find von großer Wichtigkeit für die systematische Beftimmung, S. da die einzelnen Sippen und Arten eigne Formen erzeugen. Eine der häufigstenist die Warzenkoralle (Gorgonia verrucosa) des Mittelmeeres. Unsere Abbildung (S. 604), nach einem bei Neapel gefischten Exemplare, zeigt zugleich ein Haifischei, das mittels seiner fadenförmigen, im Wasser sich spiralig einrollenden Anhänge sich an den Asten befestigt hat. Die Rinde unserer Gorgonia ist von weißlicher Farbe. Die Stellung, welche diese und die anderen Hornkorallen im Haushalte der Natur einnehmen, ist keine einflußreiche. An sich völlig harmlos, bieten sie auch anderen Tieren keinen besonderen Vorteil und sind im Kampfe ums Dasein ziemlich unbehelligt. Einzelne Schnecken scheinen den Polypenkelchen nachzugehen, auch findet man nicht selten Schlangensterne gewandt auf ihrem Geäste klettern, ohne Zweifel nach Nahrung suchend.
Eine reizende Form ist Isidigorgia Pourtalesii, welche auf der Expedition des amerikanischen Schiffes „Blake“ entdeckt wurde. Diese hat das Ansehen eines weitwindigen Korkziehers und gibt im rechten Winkel zu ihrer Hauptachse dicht bei einander stehende zarte Nebenästchen ab, so daß das ganze den Eindruck einer aus feinstem Draht konstruierten Zweigwendeltreppe macht. Ahnlich ist der nebenstehend dargestellte Streptocaulus pulcherrimus. Die Goldgorgoniden (Chrysogorgonidae) find bis jetzt nur im westlichen Atlantischen Ozean gefunden. Sie bilden pferdehaardünne, unverzweigteinfache oder verästelte Kolonien, und ihre zarten Achsen schillern prachtvoll goldig und in den schönsten Farben. Sehr interessant ist auch eine auf der Challenger-Expedition aufgefundene Tiefseegorgonide (Bathygorgia profunda), die in unferer Abbildung auf S. 606 ziemlich stark vergrößert dargestellt ist.
Mit der Gattung Isis, deren Stock aus miteinander abwechselnden Stücken von horniger und rein kalkiger Beschaffenheit besteht, ist der Übergang zu der wichtigen, nur eine Art aufweisenden Edelkoralle (Corallium rubrum) gegeben. Der Stamm oder die Korallenachse besteht aus zahlreichen feinen Kalkschichten von so bestimmter mikroskopischer Struktur, daß der Kenner dieser Verhältnisse leicht an jedem Stückchen die Echtheit oder den Betrug nachweisen kann. Die noch frische, weder künstlich geglättete noch im Meere abge— 5 riebene Achse ist mit feinen Längsfurchen bedeckt, in welchen die — unterste Schicht der oben berührten, Nahrungssaft führenden 8 Kanäle verläuft. Die Naturgeschichte und Anatomie der Edelkoralle ist in erschöpfender Weise bei einem wiederholten Aufenthalte an der afrikanischen Nordküste von Lacaze— Duthiers studiert worden. Er fand, daß die Stöcke in der Regel entweder bloß
männliche oder bloß weibliche Individuen enthalten, daß aber mitunter beiderlei Polypen auf einem Stock gemischt vorkommen, ja daß sogar hermaphroditische Individuen unter: laufen. Unsere Abbildung (1) auf S. 607 zeigt mäßig vergrößert einen Zweig eines Stockes mit mehreren geschlossenen und zwei aufgeschnittenen Kelchen. In dem oberen sieht man Eier, o, in dem unteren, t, eine größere Samenkapsel, und daneben ein Ei, o. kit Besiegung vieler Hindernisse gelang es dem französischen Forscher, das Ausschlüpfen der Larven sowie deren Festsetzen und die weitere Entwickelung des Stockes Schritt für Schritt zu verfolgen. Die 1—2 mm langen gewimperten Larven verlassen das Ei in der gefächerten Leibeshöhle, Fig. 2, B, ihrer Mutter. Sie sind länglich wurmförmig, und wir
Bathygorgia profunda. Stark vergrößert.
sehen in unserem Bilde in dem Polypen mit eingezogenen Fühlern zwei solcher Larven, k g, durch die zarten Körperwandungen. Die mittlere Polypenzelle ist abgeschnitten; auch fie enthält zwei Larven. Aus der Mundöffnung der oberen, b, ist eine Larve, a, sich zu entwinden im Begriffe.
Das Vorkommen der Edelkoralle ist auf das Mittelmeer und Adriatische Meer beschränkt. Im letzteren reicht sie bis oberhalb Sebenico und wird an einigen Stellen der albanesischen Küste und zwischen den Jonischen Inseln schon häufiger gefunden. In diesem ganzen Gebiete wird sie bis jetzt nur von den Bewohnern der Insel Zlarin bei Sebenico gesucht. Ihre ziemlich starken, halbgedeckten Barken gehen bis zu den Jonischen Inseln und kehren nach mehrmonatiger Abwesenheit im September heim. Der Ertrag ist im Verhältnis zu dem der Korallenfischerei an der tunesischen und algerischen Küste unbes deutend. An diesen letztgenannten Gestaden, auf Bänken, die sich bis auf einige Seemeilen vom Ufer entfernt hinziehen, und bei einer Tiefe zwischen 40 und 100 Faden,
seltener darunter oder darüber, ist die Korallenfischerei am lohnendsten. Sie wird vorzugsweise von Fahrzeugen mit italienischer Bemannung, weniger von Spaniern und Franzosen betrieben und ist ein hartes Gewerbe. Die Fahrzeuge variieren von 6 bis etwa 16 Tonnen Gehalt und 4 — 12 Mann Besatzung, und danach richtet sich auch die Größe und Schwere des Gestelles und Netzes, womit die Korallen vom Grunde abgelöst werden. Ersteres besteht aus zwei über Kreuz gelegten und stark verfesteten Balken, bei den großen Fahrzeugen gegen 3 Meter lang und an der Kreuzung mit einem Steine, besser mit einem Eisen beschwert. Daran hängen 34— 38 Bündel grobmaschiger Netze in Form von Beuteln oder Wischern, wie sie auf Schiffen zum Reinigen des Bodens gebraucht werden. Dieser an einem starken Seile befestigte Apparat wird nun geschleppt und je nach der Größe mit einer auf dem Hinterteile des Fahrzeuges befindlichen Winde oder mit der Hand aufgezogen und auf den Grund gelassen. Da die Korallen nur auf unebenem Felsenboden leben, am liebsten gedeckt unter Vorsprüngen, unter welche die Arme des Kreuzes eindringen sollen, so gehört das Festsitzen des Schleppapparates zu den täglichen und stündlichen Ereignissen und das fortwährende Flott— 1 9 machen desselben zu den anstrengendsten und ee aufreibendsten Arbeiten, zumal die Fischerei unausgesetzt während der heißen Jahreszeit betrieben wird. Die gewonnenen Korallen variieren als Rohmaterial ungemein an Güte und Wert. Von den von den Felsen abgerissenen, oft von Würmern und Schwämmen durchbohrten Korallenwurzeln kostet das Kilo (2 Zollpfund) N A, NNN)8 N V „ 5 — 20 Frank. Der Preis der regelmäßig Edeltoralle. 1) Vergrößertes Stück eines Stockes mit guten Ware schwankt zwischen 45 und 70 Frank w ge re z sschlapfen derLarven zeig. das Kilo. Für das Kilo ausgewählter dicker und besonders rosenrot (peau d'ange) gefärbter Stücke werden 400, ja 500 und mehr Franken gezahlt. Die Stücke, welche entweder nur bis zu einer gewissen Tiefe oder durch und durch schwarz sind und als „schwarze Korallen“ gesondert zu 12 — 15 Frank das Kilo verkauft werden, kommen nicht etwa von einer besonderen Art, sondern waren längere Zeit vom Schlamme bedeckt und haben durch eine Art von Verwesungsprozeß und noch unbekannte chemische Einwirkungen die Farbe geändert. Die obigen Angaben von Lacaze-Duthiers ergänzen wir durch eine statistische Überficht der Korallengewinnung aus dem Jahre 1875. Es liefen in diesem Jahre aus den Häfen des Marinebezirks von Neapel 416 Barken aus, wovon 264 an den italienischen Küsten ihrem Gewerbe oblagen, die übrigen sich nach den anderen Korallengründen des Mittelmeeres begaben. Sie fischten 23,000 kg erster Sorte, das Kilogramm zu 120 Frank, 20,000 kg zweiter Sorte zu 75 Frank und 67,436 kg zu 6 Frank, was im ganzen ein Erträgnis von 4,664,616 Frank gibt. Zieht man davon an Ausrüstung, Löhnen und Verköstigung 1,966,800 Frank ab, so bleibt ein Reingewinn von 2,697,816 Frank, welcher hauptsächlich den Korallenfischern von Torre del Greco zufällt. Die Verarbeitung zu Bijouterien und Schmuck geschieht zu Paris und Marseille, besonders aber in Neapel, Livorno und Genua.
Durchschnittlich gehen alle Jahre ungefähr 500 Fahrzeuge von Italien aus auf den Korallenfang mit einer Besatzung von über 4000 Seeleuten und Fischern, und zwar entsendet Torre del Greco allein an 300 Schiffe. Die jährliche Menge der seitens Italien gewonnenen Korallen wird von ministerieller Seite aus neuerdings auf 56,000 kg im Werte von 3,760,000 Mark geschätzt. Die Spanier sollen außerdem noch 12,000 kg gewinnen.
Erst im Anfange des 16. Jahrhunderts lenkte sich die allgemeinere Aufmerksamkeit auf die Edelkoralle, und zwar zunächst in Frankreich. Unter der Regierung Karls IX. (1560—74) erwarben, wie uns Léon Renard erzählt, zwei Kaufherren zu Marseille, Thomas Linches und Carlin Didier, das Privilegium, an einem Punkte der algerischen Küste Korallenfischerei zu betreiben. Da das Geschäft sich als gewinnreich erwies, so wußte sich ein anderes französisches Geschäftshaus ein gleiches Privilegium zu verschaffen. Im Jahre 1604 sicherte der französische Geschäftsträger in Algerien, de Breves, den Franzosen das Recht, von Kap Roux bis zum Kap de Feu an der nordafrikanischen Küste ausschließlich auf Korallen fischen zu dürfen. Im Jahre 1619 war der Herzog von Guise, Gouverneur der Provence, Inhaber der Konzession. Richelieu gründete 1640 zu Stowa eine neue Station für Korallenfischerei, wofür die algerische Regierung etwa 8000 Thaler erhielt. Vierunddreißig Jahre später ging das Privilegium in die Hände einer Gesellschaft über, die zwar einen jährlichen Zuschuß von 40,000 NI Livres von Staats wegen er— 1 hielt, aber ihrerseits 105,000 Livres an Algerien bezahlen mußte. So blieb die Sache bis 1719, wo die Ostindische Kom: panie das Privilegium übernahm. Ostindien und Kleinalien waren die Hauptabsatzgebietefür Edelkorallen. Lange blieb die Ostindische Kompanie nicht im Besitze dieses Privilegs, bald sehen wir es in Händen eines Konsortiums, Aurial, in Marseille und 1741 in denen der Afrikanischen Kompanie. Die von
Orgelkoralle (Tubipora Hemprichii). Natürliche Größe. dieser erzielte Einnahme betrug 1750: 43,360 und 1790: 60,000 Frank. Die Republik dachte über das Monopol der Korallenfischerei keineswegs günstig, und die Konvention löste 1794 die Etablissements auf und bewilligte auch Fremden das Recht, auf Korallen zu fischen. Das war für das französische Interesse ein schwerer Schlag, von dem es sich noch nicht völlig erholt hat.
Nach und nach bemächtigten sich nun die Italiener dieses Geschäftszweiges, und auch die französischen Unternehmer haben bei ihren Fischereien entlang der algerischen und tunesischen Küsten meist italienische Fischer im Dienst. Neben den Italienern und Frans zosen fischen auch die Spanier an den Balearen und Kap Verdischen Inseln auf Edelkorallen.
Unsere Schilderung und Formenübersicht der Polypen schließt mit Vorführung der Familie der Orgelkorallen, Tubiporidae, aus den nicht zahlreichen und wenig voneinander abweichenden Arten der einen Gattung Tubipora bestehend. Die Einzeltiere schließen sich in der Gestaltung und der Grundzahl ihrer zierlichen Fühler und des weichen
Vorderleibes durchaus an die übrigen jetzt lebenden Achtstrahler an. Hinsichtlich ihrer Skeletbildung aber stehen sie in der heutigen Welt ganz isoliert und schließen sich den alten ausgestorbenen Pfeifenkorallen (Syringopora und anderen) an. Das Einzeltier sondert eine
EDELKORALLE.
glattwandige Röhre ab, ohne Verkalkung der senkrechten Scheidewände. Die Vereinigung im Stocke, wo sie gleich Orgelpfeifen fast parallel nebeneinander stehen, geschieht durch quere Wände. Dieselben entsprechen jedoch nicht den nach unten ausgebauchten inneren Querwänden, womit sich der obere lebende Teil der Röhre von Strecke zu Strecke nach hinten gegen den tiefer im Stocke liegenden toten Teil abkapselt. Die queren äußeren Brücken, welche den Stock in Etagen teilen, sind zwar nicht regelmäßig parallel und konzentrisch und nicht ununterbrochen, bezeichnen aber doch im allgemeinen die Wachstumsstufen. Sie sind sehr reichlich von den Nährkanälen durchzogen und für das Ganze dadurch von besonderer Wichtigkeit, daß von ihrer Fläche aus die jungen Individuen hervorknospen. Die Röhren der älteren Tiere weichen nämlich, indem sie sich verlängern, etwas auseinander, und überall, wo nun der Raum für das Dazwischentreten neuer Röhren geschaffen wird, sprossen dieselben aus den Querbrücken, welche die Stelle der für die Vermehrung jo wichtigen Wurzel: ausläufer versehen. Eine Teilung der Individuen oder eine Knospenbildung aus den Röhren selbst findet bei den Orgelkorallen nicht statt.