All public Sources
Public document

Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
AskTalkView media
Reading progressPage 142 of 170

Korkpolyp (Alcyonium). Natürliche Größe.

Nahrung aufgenommen, der sonst so wichtige Wasserwechsel, die gemeinsame Ernährung des Stockes findet nicht statt. Hat dieser Zustand seine Zeit gedauert, so fängt der Stock an durch unsichtbare Poren oder mittels Hautaufsaugung Wasser aufzunehmen, die Ober: fläche glättet sich, einzelne Individuen kommen zum Vorschein, und in dem Maße, als sie sich erheben und ausstülpen, wird die Färbung des Ganzen lebhafter und zarter. Der

Korkpolyp (Alcyonium). Natürliche Größe.

Stock hat sich endlich um das Zwei-, ja Dreifache verlängert und verdickt, von dem Rot der Leiber und des gemeinschaftlichen Stammes stechen die weißen Tentakelkronen prächtig ab; der Fuß ist zwiebelig angeschwollen und durchscheinend, und, als ob ein gemeinsamer Wille ihn beherrschte, er hat sich gekrümmt, in den Sand gesenkt und den Stock, der in der Periode der Unthätigkeit wagerecht auf dem Boden lag, aufgerichtet. Dieses Vermögen, Lage und Stellung zu wechseln, ist nicht nur diesen, den Seekorken am nächsten verwandten Formen eigen, sondern auch den meisten anderen Mitgliedern der Familie.

Bei diesen, besonders ausgeprägt bei der Seefeder (Pennatula, Pteroides und andere Gattungen mehr), kann man am Körper ungefähr dieselben Teile wie an einer Feder unterscheiden. Der Stock ist zweiseitig symmetrisch, sowohl an der Bauch- wie an der Rückenfläche findet sich eine polypenfreie Region, man spricht von rechter und linker Seite, oberem und unterem Ende. Auch sitzen bei diesen fo regelmäßig ausgebildeten Formen die einzelnen Polypen auf blätterartigen Seitenteilen des Kieles. Sehr merkwürdig ist die Entdeckung Köllikers, daß auf den Stöcken aller Pennatuliden zwei Formen der Per: sonen auftreten. Die Hauptrolle spielen die Geschlechtstiere. Sie sind mit allen Organen, die ein rechter Polyp gebraucht, wohl ausgeitattet, fie nehmen Nahrung auf und sorgen für die Vermehrung. Die andere Art von Individuen, Zooidien genannt, besteht aus verkümmerten, sitzengebliebenen Wesen, die im allgemeinen zwar auch den Bau jener bevorzugten Genossen erkennen lassen, sich aber durch den gänzlichen Mangel der Fühler und der Fortpflanzungsorgane sowie durch ihre Kleinheit unterscheiden. Sie scheinen nur geeignet, Wasser in den großen gemeinschaftlichen Stockleib mit seinen vielen Familien und Gängen aufzunehmen und wieder auszupumpen, eine Verrichtung, welche natürlich auch von den vollkommenen Stockgenossen vollführt wird, bei den Seekorken und den meisten Polypen von diesen allein. Indem aber bei den N Pennatuliden eine Teilung der Arbeit eingeleitet ist, wird / nat. Größe; a) etwas vergr. Kelch. damit ein höheres Gesamtwesen vorbereitet. Die Regelmäßigkeit und Symmetrie der meisten Seefedern ist Beweis dafür.

Die Hartgebilde der Seefedern bestehen in einer verkalkten, oft biegsamen Achse, ganz in den Stock eingeschlossen und an beiden Enden zugespitzt, sowie in kleineren isolierten Kalkkörpern.

Leider kennt man von der Entwickelungsgeschichte der Pennatuliden so gut wie nichts. Nach Kölliker „macht sich die Entwickelung wahrscheinlich so, daß sich der jüngste Polyp durch eine wiederholte Längsteilung in zwei und vier Individuen teilt, durch welchen Vorgang ein kleiner Stock, unten mit zwei und oben mit vier Längskanälen, entstehen könnte. Durch die Annahme wiederholter seitlicher Sprossenbildungen, wie sie an den Polypen mancher Gattungen leicht nachzuweisen sind, ließe sich aus einem solchen leicht ein größerer Stock ableiten, an dem die Polypen in dieser oder jener Form befestigt gedacht werden könnten. Sehr viele Pennatulidenstöcke tragen am untersten Ende des Leibes die jüngsten Individuen, und scheint hieraus hervorzugehen, daß das weitere Wachstum der Stöcke, das heißt der Ansatz neuer Individuen, an der Grenze von Kiel und Stiel vor sich geht.“

Die oben abgebildete Seefeder (Pteroides spinosa) gehört der Sippe Pteroides an, deren polypentragende Blätter durch eine Anzahl stärkerer, über den Rand als Stacheln vorragende Kalkstrahlen gestützt werden.

Von ihr ist die Gattung Pennatula und andere durch den Mangel dieser Kalkstrahlen unterschieden. Am bekanntesten ist die leuchtende Seefeder (Pennatula phosphorea) aus dem Mittelländischen und Atlantischen Meere, über deren Leuchterscheinungen wir dem Professor Panceri in Neapel sehr genaue und schöne Nachweise verdanken. Man war früher im unklaren darüber, wo eigentlich der Sitz des Leuchtens der Seefedern sei, war aber geneigt, der schleimigen Oberfläche sowohl der einzelnen Polypen wie des Stockes überhaupt die Leuchtkraft zuzuschreiben. Panceri hat zunächst nachgewiesen, daß nur ganz bestimmte Teile der Polypen diese Fähigkeit besitzen, nämlich acht bandförmige Organe, welche mit ihren oberen Enden wie Papillen die Mundöffnung umgeben und sich längs des Magens hinab erstrecken. Sie sind erfüllt mit Fettkügelchen haltenden Zellen und Fettkörperchen, und diese allein leuchten. Da die Bänder sehr leicht verletzlich sind und bei dem leisesten Drucke ihren Inhalt ausfließen lassen, so erklärt es sich daraus, wenn man bis jetzt die. Substanz an den verschiedensten Stellen des Stockes fand. Um die Erscheinung des Leuchtens zu verfolgen und wissenschaftlich zu beobachten, bedarf es leidlich gesunder Seefedern. Sie dürfen weder zu lange in einem kleinen Wasserbehälter gelegen haben, wodurch sie wassersüchtig aufschwellen, noch dürfen sie durch vorausgegangenes Strapezieren und Drücken im Netze sich in einem Zustande völliger Entleerung und krampfhafter Zusammenziehung befinden. Nur an frisch gefangenen und möglichst wenig beunruhigten Exemplaren lassen sich die Experimente wiederholen und die Leuchtströme hervorrufen. Das Leuchten geschieht nur auf Reizungen; es genügt, mit dem Finger an die Wand des Aquariums zu klopfen, um Funken zum Vorschein kommen zu sehen. Nimmt man die Feder in die Hand, entweder unter Wasser oder außerhalb desselben, so wird das Auftreten von Lichtpunkten und leuchtenden Streifen lebendiger, und man überzeugt sich bei planmäßiger Wiederholung der Reizung, daß es sich um eine bestimmte Folge der Lichterscheinungen handelt, um Ströme von gesetzmäßigem Laufe, welche darum von höchstem physiologischen Interesse werden. Als Grundphänomen stellt sich das Vorhandensein von zwei Arten von Lichtströmungen heraus, wovon die eine an die eigentlichen Polypen gebunden und auf der Rückseite der ganzen Fahne sichtbar ist, während die andere an den Zooidien (s. oben) haftet und an der Unterseite auftritt. Beide Ströme pflegen zugleich zu erscheinen, können aber auch jeder ohne den anderen entstehen und verlaufen, ohne daß die Ursache davon klar geworden ist.

Die Richtung der Ströme hängt von der Stelle des Reizes ab. Drückt man das Ende des Stieles, so beginnt das Leuchten in den untersten Strahlen, läuft vom Schafte aus nach den Strahlenenden und geht allmählich auf die oberen und äußersten Strahlen über. Das Umgekehrte erfolgt, wenn man den Reiz an der Spitze der Fahne anbringt. Setzt man den Reiz in der Mitte des Fahnenschaftes ein, so verlaufen gleichzeitig die Ströme nach oben und nach unten, nach der örtlichen Aufeinanderfolge der Strahlen vom gereizten Punkte aus. Reizt man gleichzeitig beide Enden des Fahnenschaftes, so nähern sich die Ströme bis zum Zusammentreffen. Nur selten überspringen sie dabei einander, so daß die Erscheinung dann zusammengesetzt ist aus dem ganzen Stromverlauf des ersten und zweiten Reizungsfalles. Endlich, wenn man das Strahlenende reizt, so geht zuerst von dem gereizten Ende der Leuchtstrom strahlabwärts auf den Schaft über und von da auf alle übrigen Strahlen in der gewöhnlichen Richtung. Auch das wurde noch erhärtet, daß ein Kreisschnitt des Kieles bis auf die feste Achse die Fortpflanzung der Stromerregung hemmt. Zur Erschöpfung des Thatsächlichen gehört die Bestimmung der Geschwindigkeit der Lichtströme. Sie gebrauchen im Mittel 2 Sekunden, um die ein Zehntelmeter lange Bahn der Seefeder zu durchlaufen, also 20 Sekunden für das Meter. Die Geschwindigkeit

der Fortpflanzung der Nervenerregung im Frosche beträgt 30 m, im Menschen 33 m in der Sekunde, ist also 600: und 660 mal so groß als die der Leuchtströme der Seefedern.

Panceri macht mit Recht darauf aufmerksam, wie wichtig die Seefedern für das Studium der Fortpflanzung der Erregung im tierischen Körper werden könnten, sofern nur nicht ihr Fang und ihre Erhaltung mit besonderen Schwierigkeiten verbunden wären. Selbst das große Aquarium der maritimen Ausstellung in Neapel, von 13 m Länge und Im Breite und Tiefe, erwies sich noch als unzureichend und ungeeignet. Doch ist unterdessen in der zoologischen Station zu Neapel unseren Seefedern ein Heim geschaffen, in welchem ich sie mehrere Monate anscheinend sich ganz wohl befinden sah. Wendet man fi aber nun zur Er: hwäauägung, welche Art Organe zur Fortpflanzung und Bildung des sich in Lichterscheinung auslösenden Reizes in den Seefedern dienen, so ist die Thätigkeit von Nerven von vornherein so gut wie ausgeschlossen. Man hat bisher bei den Seefedern 5 Verwandten keine Nerven gefunden, sie haben auch höchst wahrscheinlich keine; ebenso spricht die Thatsache, daß die Leuchterregung sich in denselben Teilen in entgegengesetzter Richtung fortpflanzen kann, gegen die Vermittelung durch nervöse Apparate; denn von diesen wissen wir, daß sie die Erregung nur nach einer Richtung zu leiten im stande sind. Es bleibt daher nichts anderes übrig, als an eine Molekularerregung zu denken, welche von Zelle zu Zelle überspringt und infolge der zu überwindenden Widerstände um so viel langsamer als die an den Nervenfasern verlaufenden, die Bewegung und die Empfindung vermittelnden Ströme ist. Das Wesen der Lichterscheinung vieler anderen tierischen Körper sowohl im lebenden wie im toten Zustande scheint auf einen langsamen Verbrennungsprozeß von Fettsubstanz hinauszulaufen, und auch für die Seefedern dürfte die Annahme einer langsamen Oxydation der in den Leuchtbändern enthaltenen Fettkügelchen am richtigsten sein. Die höheren Formen der Seefedern, die eigent= lich federförmigen, gehen nicht in sehr beträchtliche Tiefen, keine ist unterhalb 1100 Meter gefunden worden.

Von den 150—160 Arten und Artvarietäten von Pennatuliden, e e ee welche ihr Monograph, Professor Kölliker, unterscheiden zu können

Natürliche Größe. glaubt, hat seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts eine durch ihr Vorkommen in großer Tiefe eine gewisse Berühmtheit erlangt, die Umbellula grönlandica. Im Sommer 1752, also zu einer Zeit, wo man von der Verbreitung der Tiere am Meeresgrunde noch gar keine Ahnung hatte, zog ein englischer Grönlandfahrer 20 deutsche Meilen von der Küste von Grönland zwei Exemplare des merkwürdigen Tieres mit der Sondierleine aus einer Tiefe von 1416 Fuß empor. Die Naturforscher Mylius und Ellis gaben von den trocken aufbewahrten Exemplaren, wenn auch mangelhafte, doch so weit ausreichende Beschreibungen und Abbildungen, daß die Natur der Umbellula als einer zu den Seefedern gehörigen Gattung festgestellt war. Der Polypenstock besteht aus einem langen, dünnen Stiele, an dessen oberem Ende ein Büschel Polypen sich befindet. Das größte der

beiden grönländischen Exemplare hatte eine Länge von 1865 mm, und beide sind, bald nachdem sie für die Wissenschaft beschrieben waren, verloren gegangen. Sehr ähnlich istdieauf der Challenger-Expedition entdeckte und auf S. 602 abgebildete Umbellula Thomsoni.

Um fo intereffanter find nun die durch die planmäßigen Tiefseeforschungen gemachten Funde der neueren Zeit, durch welche entdeckt wurde, daß verschiedene Arten von Umbellula in großen Tiefen des Atlantischen Ozeans und seiner Anhänge sowie im südlichen Ozean leben. Im Jahre 1871 fand Lindahl, der die Expedition der schwedischen Schiffe „Ingeborg“ und „Gladan“ unter Kapitän von Otter begleitete, ein Exemplar dieser Gattung in der Baffinbai in 400 Faden (2400 Fuß) Tiefe. Es ist die schlanke, etwa!ım Länge erreichende Umbellula miniacea. Eine zweite Art bekam derselbe Naturforscher am Eingang des Omanakfjordes in Nordgrönland. Wir verfolgen das merkwürdige Tier aber nun weiter nach Süden, wohin es teils mit den kalten Tiefenströmen vordringt, teils auf den ausgedehnten Tiefseegründen - lebt. So wurde 25 Meilen von der norwegischen Küste, von Christiansund nach Island zu, mit anderen arktischen Tieren auch die Umbellula gefunden; zwei andere Exemplare von Umbellula erlangte Thomson auf der Expedition des „Challenger“ zwischen Portugal und Madeira in 2120 Faden Tiefe und ein drittes in fast 1500 Faden Tiefe in der Nähe von Kerguelenland. Damit ist die Umbellula ihres bisherigen Geheimnisses entkleidet und in die ansehnliche Reihe jener die Tiefe liebenden und meist durch ihre weite geographische Verbreitung sich auszeichnenden Weltbürger aufgenommen.

Von allen Arten scheint aber Umbellula leptocaulis in die größten Tiefen zu gehen, da sie im Indischen Ozean noch bis gegen 4500 m Tiefe gefunden wurden. Die hierneben abgebildete, sehr zierliche Umbellula encrinus stammt aus den nordischen Gewässern.

Eine in den Naturaliensammlungen gewöhnlich reich vertretene Familie ist die der Gorgoniden (Gorgonidae). Sie werden oft mit den Pennatuliden als eine Gruppe unter dem Namen Rindenkorallen zusammengefaßt, weil in beiden der harte Achsenteil des Stockes von einer weicheren Rinde überzogen ist. Letztere besteht aus den Polypen und der sie verbindenden Zwischensubstanz. Die Achse besteht aus verschmelzenden Kalkkörperchen, auch hornartigen Bestandteilen, die in größeren Massen im Hinterteil der Indi— Umbellula enerinus. Natürl Größe. viduen abgesondert werden, und deren Wachstum später durch die Zufuhr von Nährstoffen vermittelst der über das Bereich der Individuen hinauslaufenden Kanäle vermittelt wird.

Continue reading
Page 142 of 170