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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
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Antipathes arborea. Natürliche Größe.

daß die langgestreckten Kelche eine fast glatte Außenwand haben. Am Durchschnitt (B) ergibt sich, wie tief die Fühler zurückgezogen werden (a), wie dick die Wand (b) ist und wie weit die Scheidewände gegen die Achse vorstehen. Wir sehen nun auch, daß der dem Munde entgegengesetzte Pol völlig verkalkt ist, das Fußblatt, und daß von diesem aus sich zu beträchtlicher Höhe eine Säule erhebt. Die Beschaffenheit derselben ist eine sehr verschiedene; sehr oft fehlt sie. Kleine stabartige Erhebungen, welche häufig im Kreise um die Säule stehen, heißen Pfähle. Nicht selten läßt sich von der eigentlichen Kelchmauer noch eine besonders dünne und glatte Hüllschicht, auch Epithek genannt, ablösen. Die mit einem so oder ähnlich beschaffenen Stocke versehenen Polypen kann man unter dem Namen der Stern: korallen (Astraeaceae) zusammenfassen. Die eine Gruppe von Familien, die Sternkorallen mit porösem Skelett (Lochkorallen), zeigt ein etwas lockeres Gefüge ihrer Hartteile, welche von mikroskopischen, oft auch mit unbewaffnetem Auge sichtbaren Gängen und Löchern durchbrochen sind.

Thecocyathus cylindraceus.

Natürliche Größe. Einer der am genauesten untersuchten Repräsentanten dieser Abteilung ist die im Mittelmeer an vielen Stellen äußerst gemeine Kelch-Sternkoralle, Astroides calycularis (Abbild. S. 591). Am bequemsten macht sich der Besucher des Aquariums der zoologischen Station in Neapel mit ihr bekannt, wo die Wände einer der großen Grotten mit diesem stockbildenden Polypen bedeckt sind. Die fleischigen Teile sind gelbrot und das weiche Vorderende der Einzeltiere kann sich ungewöhnlich hoch ausstrecken. Sie sind nur am Grunde ihrer schlanken, röhrenartig nebeneinander stehenden Kelche miteinander verbunden, ohne Zwischenmasse, und

gleichen dann der auch im Mittelmeer gemeinen Rasenkoralle, so daß der Stock keine besondere Festigkeit erlangt und mit geringer Gewalt zerbröckelt werden kann. Der Gesamteffekt, wenn die Sonne auf diese lebendigen Wände scheint, ist ein äußerst prachtvoller und gibt eine Ahnung von dem, was den Reisenden auf den Korallenriffen der südlichen Meere erwartet. Wer die Koralle bei Neapel an ihrem natürlichen Standpunkte aufsuchen will, muß sich um das steil abfallende Kap des Posilippo herum nach dem kleinen Eiland Nisita rudern lassen. Schon die Felsengewölbe des Kaps sind unter Wasser mit einer Fülle niederer Tiere, darunter unsere Koralle, bekleidet. In größerer Menge findet sie sich aber in dem langen, aus dem Tufffelsen gehauenen, verdeckten und halb

Thecocyathus cylindraceus. Natürliche Größe.

unter Wasser stehenden Kanal, dessen Offnung der Landungsstelle am Posilipp gegenüberliegt. Ein anderer Lieblingsaufenthalt ist die blaue Grotte in Capri sowie die übrigen Höhlungen, welche man bei einer Rundfahrt um die liebliche Insel besuchen kann.

Über das Vorkommen der Astroides-Koralle an der afrikanischen Küste berichtet Lacaze-Duthiers mit gewohnter Anschaulichkeit und Ausführlichkeit. Seine Beobachtungen über die Entwickelung der Jungen und die Entstehung des Stockes sind höchst wertvoll. Wir lassen uns daher abermals von dem französischen Naturforscher erzählen. „Als ich mit der Untersuchung des Vorkommens und des Wachstums der Edelkoralle in Algier beauftragt war, hatte ich meine Studien im Oktober begonnen und zwar zur Sicherheit des zu meiner Verfügung stehenden Küstenwachtschiffes in Fort Genois, westlich von Bona, wo der Ankergrund gut und verhältnismäßig sicher ist.

Kelch-Sternkoralle (Astroides calyeularis). Natürliche Größe.

„Fast einen Monat hindurch untersuchte ich die Edelkoralle, und bei den häufigen Exkursionen längs der Küste hatte ich etwa einen Fuß unter dem Wasserspiegel Bänke eines orangeroten Polypen beobachtet, welche die Felsen bedeckten, und deren vom Meere gerollte und gebleichte Stöcke ich an den kurzen sandigen Uferstrecken hier und da in den kleineren Buchten gefunden hatte. Wiederholt hatte ich auch beim Baden Gruppen dieser schönen Tiere abgebrochen und bewundert. Obwohl ich damals und später, im April und Mai, diese Polypenrasen anschnitt, konnte ich nichts auf die Fortpflanzung Bezügliches entdecken. Erst im Juni, als zufällig einer meiner Matrosen ein Stück von dem Gebilde abtrennte, welches ihnen allen unter dem Namen „Polyp“ bekannt war, und als dabei einige Tiere auseinander gerissen wurden, sah ich kleine, orangerot gefärbte Körperchen im Wasser schwimmen. Ich sah mir die Polypen näher an und überzeugte mich, daß sie in voller Fortpflanzungsthätigkeit begriffen seien.“ Dies war der Ausgangspunkt der Studien von Lacaze-Duthiers über Astroides, welche er mehrere Jahre hindurch fortsetzte, und aus denen hervorging, daß die Zeit der Vermehrung zwischen April und August fällt, vorzugsweise aber auf den Juni.

Über die besonderen Verhältnisse des Vorkommens und Lebens unseres Polypen an jenen Küsten erfahren wir folgendes: „Gleich vielen anderen Polypen pflegt auch er sich

Kelch-Sternkoralle (Astroides calyeularis). Natürliche Größe.

etwas unter den Felsen anzusiedeln; das direkte Sonnenlicht vermeidet er. In Fort Genois, Bona, auf den Riffen halbwegs zwischen Bona und Fort Genois, in Lacalle, im Hafen von Algier, sieht man in geringer Tiefe an den Abhängen der Felsen schöne orangerote Streifen mitten unter den dicht und haufenweise wachsenden Organismen, wie Korallinen, Melobesien, Schwämmen, Wurmschnecken, Moostieren 2c., kurz, unter jener Fülle verschiedener Wesen, welche sich unter der Strandzone entwickeln, in dieser lufthaltigen Schicht den Kampf um das Dasein kämpfen und jene flächenhaften Anhäufungen bilden, welche de Quatrefages in seinen reizenden „Erinnerungen eines Naturforschers“ („Souvenirs d'un Naturaliste“) und seiner „Sizilianischen Reife” („Voyage en Sicile“) geschildert hat. Wo sie am besten gedeihen und am dichtesten stehen, in einigen kleinen Buchten, entblößt sich bei jedem Zurückrollen einer Welle ein roter Streifen. Die beste Unterlage für das Ansetzen und die Ausbreitung der Polypen bilden harte Gesteine, Gneiße und Glimmerschiefer, wie sie sich bei Fort Genois und Bona finden. Ganz anders ist es bei Lacalle, wo die Küste aus einem bröckeligen Sandstein besteht. In diesem höhlt das nimmer ruhige Meer senkrechte, schornsteinähnliche Löcher aus, oft so weit, daß ein Mensch in ihnen Platz findet. Aus diesem Material besteht auch die kleine vor Lacalle liegende Insel Maudite. Ihre Ufer sind ganz von diesen Höhlungen und Röhren durchsetzt, aber auch in denen, welche, unten geschlossen, am günstigsten zur Aufnahme der Polypen zu sein schienen, fand Lacaze-Duthiers dieselben nur sparsam und von geringerer Größe, während in den an beiden Enden offenen, durch welche das Wasser bei einigem Wogengang mit Gewalt getrieben wird, gar keine Ansiedelung von Polypen und anderen Tieren sich halten kann. Dieselbe Erscheinung kann man in den festeren vulkanischen Felsen des kleinen Hafens der Westküste von Capri, der sogenannten piccola marina, beobachten, wo die anbrausenden, sich in die Höhlungen pressenden Wogen dicke Strahlen oben hinaustreiben und tierisches Leben nicht aufkommt.

Trotz alledem gab es an der Insel Maudite noch so viele Astroides, daß im Monat Juni täglich frisches Material in die Gefäße zur Untersuchung gesetzt werden konnte und daß Lacaze-Duthiers wiederholt, mit einer Hand schwimmend, mit der anderen die in dem kristallhellen Wasser leicht erkennbaren Larven direkt in das Glas schöpfen konnte. Die auf diese Weise ohne die mindeste Verletzung und Störung gefangenen Tierchen setzten sich am schnellsten an den Wandungen des Gefäßes fest. Die einfachste Weise, die Larven zu sammeln, ist, ganze Stöcke in ein größeres Gefäß zu bringen, wo dann, indem man die einzelnen Kelche drückt oder öffnet, die Jungen sehr bald und in Mengen zum Vorschein kommen und sich mit einer kleineren Schale von der Oberfläche gleichsam abnehmen lassen. Unter Beobachtung der allen Wassertiere untersuchenden Zoologen bekannten Vorsichtsmaßregeln, öftere tägliche Erneuerung des Wassers, Durchlüftung desselben und anderes, ließen sich inden Sommermonaten die Larven an der afrikanischen Küste trotz der Hitze mehrere Tage bis 2 Monate lebendig erhalten, und konnte ihr Übergang in den seßhaften Zustand genau beobachtet werden. Die Jungen kriechen in der großen gefam-merten Magen- und Leibeshöhle der Mutter aus dem Ei und schwimmen eine Zeitlang in den mütterlichen Räumen munter umher, bis sie entweder zufällig oder freiwilligden Ausweg durch den Mund finden oder durch Pressen und Zusammenziehungen der Mutter zur Selbständigkeit entlassen werden. Die länglichen, kleinen Würmchen gleichenden Larven haben ein etwas verdicktes Hinterende, das beim Schwimmen aber vorangeht. Am anderen Ende hat sich sehr bald nach dem Auskriechen der Mund bemerklich gemacht. Sie können übrigens ihre Gestalt außerordentlich verändern und schwimmen vermittelst ihres Wimperkleides sehr gewandt und lebendig. Bei einigen dauerte dieser freie Zustand, wie gesagt, über 2 Monate; die gewöhnliche Zeit, welche sie nach der gewaltsamen Geburt bis zur

Fixierung im Aquarium zubrachten, betrug 30—40 Tage. Unter den natürlichen Bedingungen scheint das Schwärmen im freien Meere dadurch abgekürzt zu werden, daß sie länger in der Leibeshöhle der Mutter zurückgehalten werden; auch übte ein einfallender starker Sirocco den Einfluß auf die Larven aus, daß sie sich unter dem Anschein von Ermattung zusammenzogen und festsetzten.

Der Übergang der wurmförmigen Larve in den Polypen geschieht wie bei den Aktinien. Die Larve preßt das dicke vorausgehende Ende gegen einen harten Körper und kann sich in kürzester Zeit zu einer kuchenförmigen Scheibe zusammenziehen. Längsfurchen zeigen sich am oberen Pol, wo der Mund sich tiefer versenkt. Am Ende der Furchen sprossen die zweimal sechs Fühler hervor. Unsere folgenden drei Abbildungen, in einer 24 fachen Vergrößerung, zeigen die schnell aufeinander folgenden Veränderungen, mit denen das Tier eine Gestalt und Beschaffenheit angenommen hat, in der es von einer jungen Aktinie kaum zu unterscheiden ist. Nur die schon begonnene Ablagerung von Kalkteilen zeigt die Zukunft an.

Entwickelungszustände von Astroides calycularis. 24 mal vergrößert.

Wir können Astroides calycularis nicht verlassen, ohne uns die Bildungsweise seines Stockes erklärt zu haben, da, was für diese Art gilt, mit geringen Abweichungen für alle übrigen stockbildenden Polypen seine Anwendung findet und uns in stand setzt, eine der wichtigsten und mächtigsten Erscheinungen in dieser Tierklasse zu begreifen.

Man könnte sich denken, wenn man von dem fertigen Stocke auf den Vorgang seiner Entstehung schließen wollte, daß er in allen seinen Teilen zugleich als ein zusammenhängendes Ganzes gebildet würde. Weit gefehlt. Die ersten Spuren des Stockes zeigen sich als kleine knotige oder längliche mikroskopische Kalkkörperchen, von den Franzosen mit einem recht passenden, diese Bildungen von anderen ähnlichen in anderen Tierklassen unterscheidenden Namen, Skleriten, benannt. Sie werden bei Astroides ungefähr zu der Zeit abgelagert, in welcher die Entwickelung der Fächer und Scheidewände beginnt. Sie entstehen, wie schon oben gesagt, in der mittleren Leibesschicht. Die zuerst erscheinenden Hartteile gehören also den Scheidewänden oder Septa an, nicht, wie man doch eher vermuten möchte, der Mauer. Diese entsteht in zweiter Linie, dann folgt das Fußblatt und zuletzt die Säule. Überall geschieht die Verdickung und Verkalkung durch Anhäufung einzelner Kalkkörperchen, welche einander näher rücken, sich berühren und endlich miteinander zum festen, aber immer noch veränderlichen Stocke verschmelzen.

Außer unserem schönen Astroides lebt im Mittelmeer nur noch ein Repräsentant der Abteilung der Perforaten, der Polypen mit porösen Scheidewänden, nämlich die früher

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. X. 38

Entwickelungszuſtände von Astroides calycularis. 24 mal vergrößert.

(S. 590) abgebildete und nach ihrem Stocke näher charakterisierte Dendrophyllia ramea, die ästige Baumkoralle. Ihre bis daumendicken Aste werden vom Adriatischen Meere an nicht selten mit den Schleppnetzen ans Tageslicht gebracht, sie kommt jedoch nirgends in größeren Mengen vor. Um in das Bereich massenhaft wachsender Lochkorallen zu gelangen, muß man die Landenge von Suez hinter sich haben und sich auf die Korallenbänke des Roten Meeres begeben. Dort wuchert eine der wichtigsten und am häufigsten genannten Sippen, die Madrepora, mit welchem Namen der „Madreporen“ man oft alle riffbildenden Polypen umfassen hört. Die Stöcke bilden bald große unregelmäßige Lappen, bald sind sie baumförmig, und die einzelnen Kelche treten, meist voneinander geschieden, als kurze, oben kegelförmig sich verengernde Röhren über die gemeinsame Bindemasse hervor. An jedem Stock findet man oben Stellen, wo die Polypenkelche sich kaum aus dem Bindeskelett erheben, und man wird bei näherer Betrachtung bemerken, daß diese Individuen entweder von dem sich anhäufenden, den Stock verdickenden Bindematerial überwuchert werden, oder daß sie einen für die Nahrungszufuhr ungünstigen Platz einnehmen. Am gleichmäßigsten und besten sind alle die Tiere entwickelt, welche die dünneren, am weitesten vorgestreckten Aste bilden, und an den lappenförmigen Stöcken die Individuen auf den welligen Erhöhungen. Die Madreporen liefern die schönsten und größten Schaustücke für die Museen. Lohnender für die mikroskopische Betrachtung sind die mehr massigen oder schwach verästelten Arten von Porites, z. B. die auf S. 595 abgebildete Porites furcatus.

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