Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Die meisten Aktinien sind mit mehreren Kreisen gleich aussehender cylindrischer Fühler versehen. Von besonderer Schönheit sind diejenigen Arten, welche außer den gewöhnlich gestalteten Fühlern entweder innerhalb oder außerhalb derselben gelappte blattförmige Tast⸗ und Greifwerkzeuge besitzen. Sie bilden die Unterfamilie der Blattaktinien. Eine schöne Form derselben (Crambactis, s. untenstehende Abbild.) hat Haeckel seiner Zeit im Roten Meere entdeckt und in seinem prächtig ausgestatteten Werke: „Arabische Korallen“, abgebildet. Seiner Beschreibung entnehmen wir, daß die auf den Korallenbänken von Tur gefundene Gattung sich dadurch auszeichnet, daß oben zunächst um den Mund herum ein mehrfacher Kranz von zahlreichen zarten Fangarmen sich befindet, welche die Gestalt von
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Blattaktinie (Crambactis arabica). Etwas verkleinert.
dünnen, krausenartig gefalteten Kohl- oder Endivienblättern besitzen. Darunter steht ein Kranz von zahlreichen dicken Fangarmen, welche von den ersteren ganz verschieden, derbhäutig, nicht gefaltet und von einfach spindelförmiger Gestalt sind. Der eigentliche Körper ist eine niedrige cylindrische Scheibe.
Die Aktinien der Tiefsee sind teilweise von sehr hohem Interesse. Eine Anzahl von ihnen zeigt, wie wir durch die ausgezeichneten Untersuchungen Richard Hertwigs wissen, ganz merkwürdige Umbildungserscheinungen. Bei allen Aktinien sind die Fühler hohl und haben oben an der Spitze eine feine Offnung, durch die beim Zufammenziehen des Tieres das den inneren Hohlraum einnehmende Wasser ausgestoßen wird. Bei den Tiefseeaktinien treten nun sehr sonderbare Modifikationen dieser Organe auf. Bei der Gattung Polysiphonia (Abbild. S. 586) sind dieselben kurz und zum Ergreifen und Halten der Beute gar nicht geeignet, aber die Offnung an ihrem freien Ende ist groß und durch sie strömt Wasser und mit diesem organischer Detritus als Nahrung ein. Sicyonis hat 64 in einem Doppelkranze um den Mund stehende warzenförmige, weitgeöffnete Tentakeln, und bei Liponema multiporum ist die Körperwand von mehreren hundert Löchern durchsetzt, die in den Magenraum führen und den Fühlern entsprechen.
Wir haben die Aktinien als Einzeltiere kennen gelernt, wie fie aus dem Ei hervorgehen. Dies ist allerdings die am häufigsten vorkommende Fortpflanzungsweise. Aber einige Arten vervielfältigen sich mit der größten Leichtigkeit durch kleine von der Fußscheibe sich ablösende Teilstücke. Der Pariser Zoolog Fischer beobachtete diesen Prozeß bei der an den französischen Küsten lebenden Sagartia pellucida. Die am 23. August vom Fuße abgefallenen Stückchen hatten sich bis zum 7. September schon zu kleinen Aktinien mit 15—16 Fühlern entwickelt. Vermehrung durch Spaltung scheint bei manchen Arten, z. B. Sagartia ignea, gewöhnlich zu sein; das Ende dieser Fortpflanzungsweise ist jedoch immer die völlige Abtrennung der Individuen.
Nun ist aber in der Natur nichts ohne Übergang, und so gibt es auch stockbildende Aktinien, die der Systematiker aber nicht mehr Aktinien nennt, sondern unter dem Familien⸗ 0 namen der Zoantharien (Zoan-
UT, ER Sul tharia) zusammenfaßt. Ihre 7 SLAn 18 N Zahl ist nicht bedeutend, doch hält 2 5 N A WIe N a FA 13 = nn — es nicht schwer, sie auch an unseren
Ss Küften zu finden. Man unterscheidet die Gattung Zoanthus, bei welcher die Individuen einzeln durch einen sich verästelnden, kriechenden Wurzelstock miteinander verbunden sind, von Palythoa, wo gewöhnlich der vereinigende Stock eine wurzelmäßige Kruste bildet und die Polypen in kleineren oder größeren unregelmäßigen Haufen beisammen sitzen. Beide Gattungen haben noch die gemeinschaftliche Eigentümlichkeit, daß sie fremde RL. feste Körper des verschiedenartigsten
e tuberosa. Natürliche Größe. Ursprunges, Sand, Schwammnadeln, Bruchstücke von Muscheln und Korallen, in großer Menge in ihre Leibeswandungen aufnehmen. Diese erlangen dadurch eine solche Festigkeit, daß beim Eintrocknen die Form des Polypen vollständig erhalten bleibt. Die Thatsache ist bei näherer Erwägung eine erstaunliche, da das ganze Leben dieser Tiere aus einer ununterbrochenen Kette von Verwundungen und bleibenden Beschädigungen des Körpers besteht. Ich kenne in der ganzen übrigen Tierwelt kein annähernd ähnliches Beispiel. Nur einzelne Schwammarten lassen sich entfernt damit vergleichen; doch ist man gewohnt, die Empfindlichkeit der Schwämme für sehr gering anzuschlagen, wogegen die Zoantharien die so empfindlichen Aktinien zu nächsten Verwandten haben. Man muß jedoch beachten, daß nur das Hinterende von diesen Verwundungen betroffen wird, der Teil, der dem sich einstülpenden Vorderende als Kapsel dient und also gerade durch die Aufnahme der fremden Körper zu dieser Rolle besonders geeignet wird. So unansehnlich die in Spiritus aufbewahrten Palythoen erscheinen, ebenso schön und lieblich sehen die lebendigen und voll: kommen entfalteten Tiere in ihrer schwefelgelben Farbe aus.
Am interessantesten sind diejenigen Arten von Palythoa, welche auf bestimmten Arten von Schwämmen sich ansiedeln. Am meisten wieder unter diesen hat die Palythoa fatua von sich reden gemacht, der unausbleibliche Gesellschafter eines der merkwürdigsten Schwämme, nämlich des japanischen Glasschopfes (Hyalonema mirabile). Über
den letzteren haben wir an seinem Orte zu sprechen. Hier zeigen wir an einer ungefähr auf ein Drittel der natürlichen Größe verkleinerten Abbildung, wie die Palythoa in Gestalt einer warzigen Rinde den Teil des im Schlamme wurzelnden Stieles des Schwammes überzieht, welcher über den Boden hervorragt. Um 1860 waren in die europäischen Museen nur einzelne Exemplare des bei den Japanern als Nippes sehr beliebten Glasschwammes gelangt, alle mit ihrem Aufwohner, der Palythoa. Die berühmtesten Mikroskopiker stritten sich darüber, ob das Ganze ein Polypenstock mit ihm angehörigen Kieselnadeln, oder ein Polypenstock, der sich auf einem künstlich zu einem Spielwerke zusammengefügten Bündel Schwammnadeln angesiedelt habe, oder endlich, ob das Ganze ein Schwamm sei, zu dem die vermeintlichen Polypen als Teile gehörten. Es bedurfte der genauesten Zergliederung durch den berühmten Mikroskopiker Max Schultze, um alle drei Annahmen als irrig zu erweisen und das Verhältnis der Palythoa zum Schwamme als „Kommensalismus“ oder „Tischgenossenschaft“, wie van Beneden der Altere es genannt hat, aufzuklären.
Fast um dieselbe Zeit hatte ich im Adriatischen Meere eine der japanischen Art sehr nahe stehende Palythoa gefunden und zwar ausschließlich ebenfalls auf Schwämmen, zwei nahe verwandten Arten, Axinella verrucosa und cin-namomea. Unter vielen Hunderten von Exemplaren dieser Schwämme, welche damals und später durch meine Hände gegangen sind, ist kein einziges ohne seine Palythoa gewesen. Der Polyp pflanzt sich natürlich zu gewissen Zeiten durch Eier fort, die ausschlüpfenden Larven gehen aber offenbar zu Grunde, wenn sie nicht ihren Schwamm auffinden. Daß sie auf den Strecken des Meeresbodens, wo die Axinellen gedeihen, z. B. in der schönen Hafenbucht von Sebenico, massenhaft schwärmen, zeigt ihre Anwesenheit auf allen Schwammexemplaren. Wie aber finden fie dieselben und woran erkennen sie den ihrem Wohle freundlichen, gleich einer Pflanze festgewurzelten Genossen? Man wird geneigt sein, zu antworten: durch den Instinkt. Damit kommt man aber um kein Haar weiter, wenn man nicht einen bestimmten faßlichen Begriff davon sich erworben hat. Auch paßt, selbst wenn man unter Instinkt vererbte, in der Vererbung allmählich befestigte und von den Nachkommen unbewußt ausgeführte Gewohnheitsthätigkeiten versteht, eine solche Erklärung auf unseren Fall nicht. Das Auffinden und Erkennen der Ari: nellen durch die schwärmenden Palythoa-Larven ist nur durch Palythoaangesiedelt.fatua,/ natürl.auf HyalonemaGröße. ein unseren Sinnesthätigkeiten ähnliches Empfindungsvermögen erklärbar, da der Zufall aus offen daliegenden Gründen rundweg ausgeschlossen ist. Für unsere Nasen sind gerade jene beiden Axinellen sehr kenntlich, sie geben frisch, und selbst längere Zeit, nachdem man sie hat eintrocknen lassen, einen ausnahmsweise guten, würzigen Geruch von sich. Hätten die jungen Palythoen etwas einem Geruchsorgane
Vergleichbares, so würden sie sich davon leiten lassen. Ein Etwas, das, wenn es auch weder Geruchs-, noch Geschmacks-, noch Gefühlswerkzeug nach unseren, aus der Beschaffenheit der höheren Tiere gebildeten Begriffen ist, doch inWirkung und Nutzen mit allen diesen verglichen werden kann, müssen die Larven besitzen. Wir haben es in den Hautzellen zu suchen, welche nicht bloß den schützenden Überzug bilden, sondern bei den niedrigsten Tieren auch die Empfindung im allgemeinsten und unbestimmtesten Sinne des Wortes vermitteln.
Die Palythoa ist kein eigentlicher Parasit, ich möchte sogar zurücknehmen, was ich oben von der Tischgenossenschaft gejagt. Sie nährt sich weder von den Säften und Weichteilen des Schwammes, noch zehrt sie von dessen Nahrung. Sie verlangt von ihm nur Grund und Boden auf seinem Leibe und verspeist, was ihr von auswärts das Glück zuführt. Ob dem Polypen ein reeller Nutzen daraus erwächst, daß er von den Schwammnadeln in so unglaublicher Weise durchspickt wird, oder ob er sich nur, nach vielen Leiden seiner Vorfahren, welche anderer Vorteile willen mit ertragen wurden, daran gewöhnt hat, getraue ich mich nicht zu entscheiden. Einige Arten von Palythoa (Epizoanthus) siedeln sich auf den von Eremitenkrebsen bewohnten Schneckenhäusern an. Sie kommen zwar nicht an den europäischen, wohl aber längs den nordamerikanischen Küsten vor, auch habe ich jüngst dergleichen von Kerguelen erhalten. Sie überziehen nach und nach das Gehäuse als eine un: unterbrochene, mehrere Linien dicke Masse, über welche die einzelnen Polypen noch ebenso hoch sich erheben können. Das Schneckenhaus löst sich unter dieser Decke ganz auf, und dann bildet der Polypenstock allein das Futteral für den Krebs. Der Dienst ist ein gegenseitiger; es sind nach van Beneden Mutualisten. Der Krebs wird durch den Polypen mit einem schützenden Mantel ver: sehen, und der Polyp wird von jenem umhergefahren und mit frischem Wasser und neuer Nahrung versorgt. Ein höchst wunderliches, den Zoantharien wohl noch am nächsten f verwandtes Wesen hat Korotneff unter dem Namen Polyparium
Fal ele. ambulans beschrieben. Er fand das Tier in der Straße, welche die Insel Mendano von der Insel Billiton trennt. „Es ist“, schreibt Korotneff, „eine Kolonie von 7 em Länge und 15 mm Breite, die von oben nach unten abgeflacht ist und deswegen bandartig aussieht. Ein vorderes und ein hinteres Ende sind nicht zu unterscheiden. Die obere Fläche der Kolonie ist von ganz eigenartigen Polypen, die schornsteinartig aussehen, bedeckt; die Basis jedes Polypen ist viel breiter als der Gipfel, welcher eine runde Offnung trägt.“ Jeder Polyp ist etwa 1 mm breit und hat keine Tentakeln. Sie stehen zu 5—8 in unregelmäßigen Querreihen und find von verschiedenem Alter, daher auch von verschiedener Größe. Die Unterseite, mit der die Kolonie aufsitzt, ist von knopfförmigen Saugnäpfen besetzt. Die Größe derselben ist zwar auch sehr verschieden, aber sie steht in ganz regelmäßigen, durch Furchen voneinander getrennten Reihen. Sie dienen zum Fixieren der Kolonie, vermitteln aber auch deren Kriechen. „Wie war ich erstaunt“, ruft Korotneff aus, „als ich bemerkte, daß die Kolonie fähig war, den Platz zu verlassen und leise an kleinen Steinchen auf- und abkletterte.“ Die Polypen besitzen keine Magenscheidewände, ihre Innenseite ist vielmehr vollkommen glatt. Unten sind die Polypen nicht abgeschlossen, ihr Binnenraum öffnet sich vielmehr in eine große Höhlung, welche die ganze Kolonie innerlich durchzieht. Dieselbe ist durch quere, in gleichen Abständen stehende Scheidewände getrennt.
Die Familie der Antipathaceen mit der Hauptgattung Antipathes will insofern in das systematische Gerippe nicht passen, als es sich hier nicht um vielkreisige, sondern um einkreisige Polypen handelt. Jedoch ist Sechs die Grundzahl, und die meisten Arten von Antipathes haben sechs Fühler. Sie bilden zusammengesetzte Stöcke, welche das Aussehen zarter Stauden mit langen Asten haben (s. untenstehende Abbild.). Diese bekommen ihren Halt durch eine hornartige biegsame Achse, über deren Absonderung wir uns unten bei Beschreibung der Rinden- und Hornkorallen belehren wollen. Die Höhe eines von Da na bei den Fidschi⸗Inseln gefundenen Stockes betrug 3 Fuß, die Dicke des Stammes einen halben Zoll. Die ganze Gestalt ist unschön, und auch die roTmiK, bräunliche Farbe und die * plumpen Fühler der kleinen Polypen machen die Tiere nicht anziehend.
Wir kommen nun zu denjenigen Familien unserer Ordnung der vielkreisigen Polypen, welche als Einzeltiere einen kalkigen Stock absondern. Bilden sie zusammengesetzte Stöcke,so pflegen die Einzelstöcke durch feste Füllmasse (Cönenchym) verbunden zu sein. Wir haben das Verhältnis der Hartteile zu den weich bleibenden Organen schon oben im allgemeinen geschildert, müssen aber noch etwas näher auf die von 1
der Systematik zu be⸗ Antipathes arborea. Natürliche Größe. rücksichtigenden und zum Verständnis der Korallentiere gehörigen Verhältnisse eingehen. Das auf S. 590 oben abge: bildete Skelett des Thecocyathus cylindraceus läßt uns oben in den Kelch sehen, die Ver: tiefung, in welche unter Austreibung von Wasser und wässerigem Inhalt der Leibeshöhle der immer weich bleibende Vorderteil des Polypen sich einsenken kann. Die Seitenwand oder Mauer ist glatt. Von ihr aus erstrecken sich die senkrechten Scheidewände oder Septa nach innen. Sie entsprechen nach Größe, Stellung und Reihenfolge den Fühlern und den weichen Scheidewänden, zwischen deren Blättern sie ausgeschieden werden. Bei vielen Polypen treten über die Außenseite der Wand, gleichsam als Fortsetzungen der inneren Scheidewände, schmale glattrandige oder gezackte und gezähnelte Rippen hervor. Andere wichtige Teile des Stockes lassen sich zwar auch sehen, wenn man von oben in den Kelch blickt, kommen aber erst an senkrechten Durchschnitten klar zum Vorschein. An dem unversehrten Endzweig der Dendrophyllia ramea (A, untere Abbildung S. 590) können wir uns nun davon überzeugen,