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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
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Wandung (Durchschnitt in Fig. I) aus zwei Zellenschichten oder Keimblättern besteht, der äußeren oder Ektoderm und der inneren, dem Entoderm.

Monoxenia Darwinii. Stark vergrößert. Der Übergang der flachen Schüssel H in den Sack mit enger Mündung ist ohne weiteres klar. Es wird uns auch mit einem Male ein Licht über die Strukturverhältnisse der Coelenteraten aufgesteckt, wenn wir hören, daß in allen Abteilungen dieses formenreichen Stammes die spätere Entwickelung von dieser oder einer ganz ähnlichen Larve ausgeht, daß das komplizierteste Höhlensystem, der ganze sogenannte Gastrovaskular-Apparat, sich durch Ausweitungen und Aussenkungen aus dem jo einfachen Gastrulamagen entwickelt. Bei diesen Umwandlungen erhält sich das Entoderm durch Zellenvermehrung als eine ununterbrochene, den Magen und seine Anhänge auskleidende Schicht und gibt das Ektoderm die Bestandteile der Haut her. Auch spaltet sich gleich nach dem Ansetzen der Larve der Polypen oder dem Weiterwachsen der jungen Qualle vom Ektoderm, mitunter wohl auch vom inneren Blatte, ein mittleres, das Mesoderm,

Monoxenia Darwinii. Stark vergrößert.

ab, welches, teils zur Muskulatur, teils zur Bildung des Binde- und Füllgewebes verwendet wird. Aus solchem besteht die Hauptmasse des Schirmes der Scheibenquallen, und in und aus ihm entstehen jene Verkalkungen, die wir unten als die einfachen und zusammengesetzten Stöcke der Polypen näher kennen lernen werden.

Aber wir kehren zur Monoxenia und Haeckels Abbildungen derselben zurück. Ob: gleich uns die Beobachtungen über den Übergang ihrer Gastrulalarve in den fertigen Zustand nicht vorliegen, kann ein Zweifel über die Art der Umwandlung nicht aufkommen, da lückenlose Beobachtungsreihen von Kowalewsky, Lacaze-Duthiers und anderen über andere Arten vorliegen. Die Larve heftet sich mit dem der Mundöffnung entgegengesetzten Pole irgendwo an, die Wimpern verschwinden, und nachdem durch eine abermalige Einstülpung des Vorderrandes nach der Längsachse (L, a o, s. nebenstehende Abbild.) ein Mund⸗ und Schlundraum sich gebildet (p) und gegen den Magen (g) abgegrenzt hat, erheben sich im Umkreise um den Mund die acht hohlen Fühler als Aussackungen der Leibeshöhle oder unmittelbare Fortsetzungen des Magens. Gleich allen übrigen Korallen pflanzt sich die Monoxenia periodisch durch Eier fort, welche in den Magenscheidewänden und auf den freien Rändern derselben entstehen und natürlich durch den Mund entleert werden müssen, wenn nicht, wie in unserm Beispiel, die Entwickelung in der Magenhöhle der Mutter abläuft. In der Regel sind die Polypenpersonen streng männlichen oder weiblichen Geschlechtes. Die Individuen, welche einen Stock bilden, id 2 entweder alle männlich oder alle weiblich, oder es finden sich Männchen und Weibchen unter-mischt. Seltener ist das Vorkommen herma⸗ Monoxenia Darwinii. Vergrößert. phroditischer Personen. L) Längsschnitt, links durch ein Magenfach, rechts durch eine

In dieser Einfachheit ist die Monoxenia Scheidewand; M) Querschnitt durch die Linie mn; N) Quer: der Typus eines regelmäßig strahligen Po⸗ mitschnittder durchBasis dieder LinieArme;sbt;ab eo)0) Hauptachse,die achtlippigep) Schlundhöhle,Mundöffnung lypen, eines echten Strahltieres, wie es die g) Magenhöhle, k) Magenfächer, w) radiale Septa oder meisten Polypen sind. Haeckel hat die gleich⸗ Scheidewändeschnüre,derk) Magenfächer,Muskel- und e)Bindegewebemasse.Eierhaufen, u) Magen-wertigen Teilstücke eines Strahltierkörpers, die im Kreise um die Achse geordnet sind, Antimeren oder Gegenstücke genannt. Sie haben im Strahltier dieselbe Bedeutung, welche den einzelnen Ringen eines Wurmes oder Insektes als den Folgestücken oder Metameren zufällt. Die Einfachheit und leichtere Ver: ständlichkeit der Monoxenia und ihresgleichen beruht großenteils auf der gleichzeitigen und gleichmäßigen Entwickelung ihrer Antimeren und der beschränkten Anzahl derselben. In allen diesen Fällen pflegt die Mundöffnung vollkommen kreisförmig zu sein. Nicht wenige Polypen werden aber in die Quere gezogen, ja einige fast fächerförmig zusammengedrückt, wobei der Mund eine Querspalte bildet. Es zeigt sich dann, daß entweder schon die erste

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. X. 37

Monoxenia Darwinii. Vergrößert.

Anlage der Fühler eine ungleichmäßige war, oder daß nach regelmäßigem Beginne des Wachstums gewisse Antimeren nebst den zugehörigen Fühlern zurückbleiben oder den übrigen vorauseilen. Das betrifft vorzugsweise die Polypen mit zahlreichen und in mehreren Kreisen die Mundöffnung umgebenden Fühlern.

So bekannt nun auch seit einigen Jahrzehnten, besonders durch die Aquarien, diejenigen Polypen geworden sind, welche gleich der Monoxenia keine harten Teile absondern, nämlich die Aktinien, so werden doch die meisten Leser mit dem Worte Polyp oder Korallentier die Vorstellung des entweder dem Einzeltier oder der Kolonie angehörigen Stockes verbinden. Wir haben daher das Verhältnis dieses Skelettes zu den Weichtieren im allgemeinen zu besprechen, um uns bei der systematischen Übersicht darauf berufen zu können, und wir werden, um uns dies Verhältnis klar zu machen, in derselben Weise verfahren wie oben (S. 292), wo es sich um die Erklärung des Schneckengehäuses handelte. Vergleichen wir also den Polypenstock mit dem Schneckengehäuse und dem Skelett der Wirbeltiere. Wir wissen schon, daß alle Verhärtungen oder Skelettbildungen des Polypenkörpers dem mittleren Blatte angehören, und schon damit ist ein wichtiger Unterschied zwischen dem Polypenstock und der Muschelschale oder dem Schneckenhause gegeben. Die Schneckenschale ist eine Ausscheidung, welche den sonst weichen Körper zwar umhüllt, mit ihm aber nur in einem sehr beschränkten Zusammenhange steht und nicht eigentlich zu den lebendigen, d. h. organisierten, mit Blut und Nerven versehenen Teilen des Tieres gehört. Es ist in der That nur ein zum Schutze dienendes Haus, welches über der Haut liegt. Die festen Teile der Polypen bilden aber kein Haus in diesem Sinne, sondern sind ganz eigentliche Teile des Korallentieres, sie sind wie die Knochen belebt, empfindlich, organisiert. Die Knochen der höheren Tiere hält niemand für bloße Ausscheidungen, die damit einen gewissen Gegensatz zum übrigen Körper bildeten. Man weiß vielmehr allgemein, daß die Knochen sehr empfindliche organische Bestandteile des Körpers sind, daß in ihnen Adern und Nerven verlaufen. Ein Hauptkennzeichen, daß sie gleich den Muskeln oder Nerven nur eine besondere Gattung von sogenanntem Körpergewebe sind, besteht darin, daß sie gerade so wie jene wachsen. Die Knochen des Ochsen sind nicht dieselben wie die des Kalbes, ihr Stoff ist wiederholt ausgewechselt worden. Das Lebendigsein des Skelettes ist der„Stoffwechsel“, während das Schneckenhaus eine tote Absonderung bleibt, an der nur alljährlich neues Material auf- und abgelagert wird. Das Wort „Stoff: wechsel“ ist uns ein bekannter Klang. Jedes einzelne Organ befindet sich wohl, wenn in ihm der Stoffwechsel in Richtigkeit ist; Krankheit ist in den meisten Fällen gestörter Stoff: wechsel. Wenn wir daher sagen, daß die untere Hälfte des Korallentieres, auch wenn sie erhärtet oder zum Stocke wird, dennoch vollständig am Stoffwechsel teilnimmt, so ist damit die Natur dieser Bildung bezeichnet. Solange das Korallentier lebt, ist sein Stock keine tote Ausscheidung, kein Haus, in welches es sich, gleich der Schnecke, zurückzieht. Es ist vollkommen falsch, zu meinen, der Polyp bewohnte seinen Stock oder seine gekammerte Zelle; dagegen kann ich sagen: der untere Teil des Korallentieres ist das Etui, in welches der obere Teil sich einzustülpen vermag. Am lebenden Korallentiere ist also auch der Stock in fortwährender Auflösung und Wiederergänzung begriffen, und der Stock eines erwachsenen Polypen verhält sich zu dem seiner Jünglingsjahre wie das Skelett des Ochsen zu dem des Kalbes. Dennoch kommen wir bei diesem Vergleiche zu einem Punkte, wo er nicht mehr paßt. Sehr häufig, indem der Polyp nach oben hin wächst, stirbt sein verkalkter Fuß ab, ohne sich aufzulösen. Der Polyp haftet alsdann auf seiner Vergangenheit, sie ist sein Piedestal; er zieht sich gleichsam aus sich selbst in die Höhe und gipfelt auf den Schlacken seiner Jugend. Dabei ist er in der Regel im stande, so mit der Vergangenheit abzuschließen,

daß er sie mit einem soliden Schleier bedeckt. Indem nämlich die weichen Auskleidungen des gekammerten unteren Endes sich allesamt lockern und zu gleicher Zeit etwas heben, wird eine horizontale Scheidewand abgesondert. Es ist nun klar, daß bei den Korallen ein großer Teil des Materials, welches im Skelettstoffwechsel der höheren Tiere verloren geht, hier konserviert wird, als tote Vergangenheit in unmittelbarem Zusammenhange mit den noch belebten Hartteilen des Individuums bleibt und mit denselben den sogen. Stock bildet.

Es ist bisher von den Korallentieren nur die Rede gewesen als vollständig isolierte, für sich bestehende Individuen; fast alle Gattungen der Aktinien und der Pilzkorallen gehören hierher. Bei den allermeisten Arten bleibt es aber nicht bei der Ausbildung der Einzelindividuen; vielmehr gibt das Einzeltier seine Individualität in geringerem oder höherem Grade auf, und es entstehen die zusammengesetzten Stöcke. Sie sind ein Resultat der Vermehrung durch Teilung oder Knospung. Alle Polypen legen wenigstens zu einer gewissen Zeit Eier. Die diesen Eiern entschlüpfenden jungen Wesen schwärmen eine kurze Periode frei im Meere um: her, und es entfaltet sich nun erst der Bau, von dem bisher die Rede gewesen. Bei den meisten ist aber hiermit der Grund gelegt zu einer Kolonie, indem jene seßhaft gewordenen Individuen sich durch Teilung oder Knospenbildung vermehren. Wie die Teilung vor sich geht, ist aus nebenstehendem Umriß der Caulastraea furcata zu ersehen. Was jetzt als der einfache Stiel des gabeligen Stockes erscheint, war einst das Gründerindividuum. An der Grenze des derart eigentümlichen Höhenwachstums angekommen, zog sich der beim Einzeltier runde Mund in die Quere, das ganze Tier wurde breiter und eine allmählich auftretende Längsfurche zeigte an, daß auch im Inneren während des fortschreitenden Längenwachstums tief eingreifende Veränderungen vor sich gingen. Gewöhnlich aber pflegt die Mundbewegung 1 der beiden Teilsprößlinge den anderen Umbildungen vorauszu⸗ ß Ja rn Ork e eilen, wie wir das an dem linken Teile des Stockes der Caulastraea sehen, wo zwei Mundöffnungen von einem Tentakelkranz umgeben sind. Noch ist die Wirtschaft in der Hauptsache eine gemeinschaftliche; eine kurze Zeit, und die Zweieinigkeit hat sich, wie der rechte Teil des Bildes veranschaulicht, in eine Zweiheit aufgelöst. Unser Beispiel zeigt auch, welche Formenveränderungen durch geringe Unregelmäßigkeiten hervorgerufen werden können, die in letzter Linie immer von den zufälligen Abweichungen in der Ernährung der einzelnen Individuen abhängen. Die erste Teilung der Caulastraea war eine gleichmäßige Gabelung. Die zweite Gabelung sollte eigentlich vier Teile in gleicher Höhe bringen; statt dessen schreitet das eine Individuum später zur Teilung. So kommt es, daß kein Stock einem anderen derselben Art völlig gleicht.

Die Sonderung der Kelche und der ganzen Individuen ist bei dem von uns gewählten Beispiel eine so vollständige, daß die einzelnen Individuen ganz auseinander gerückt sind und jedes mit einer gesamten Lebensökonomie auf dem gemeinsamen abgestorbenen Stocke isoliert ist. Das ist aber nicht die Regel. Wir wollen das jedoch erst dann erklären, wenn wir uns über die Knospung verständigt haben. Beispiele dieser Vermehrungsweise haben uns schon verschiedene Tiergruppen, namentlich die Moos- und die Manteltiere, gegeben. Auch bei den Polypen tritt, wo eine Knospe sich erheben soll, ein erhöhter Stoffwechsel ein, es erhebt sich eine starke Anschwellung, und die ganze Knospe ist in allen ihren Teilen eine Neubildung. Indem nun jede Gattung und Art ihre Besonderheiten der Knospung bewahrt, die Knospen bald oben am Kelche, bald in der Mitte, bald mehr nach unten 37*

sprossen, mehr oder weniger hervortreten, bald rings an dem Stamme, bald nur an einer Seite oder auch abwechselnd rechts und links, wird schon durch diesen Wechsel der Stellung eine außerordentliche Mannigfaltigkeit der Polypenstöcke hervorgebracht. Weit wichtiger aber für das Aussehen des zusammengesetzten Stockes ist die Form und Ausdehnung des einfachen Stockes, d. h. des Skelettes des Einzeltieres. Es kombinieren sich also mit jener rein äußerlichen Stellung der Knospen die vielen Möglichkeiten, unter denen an den Einzelindividuen der Stock erscheint. Und um eine noch größere Menge von Polypenstockformen hervorzubringen, kommt sowohl bei der Teilung als bei der Knospung die Abscheidung von Skelettmasse in Anschlag, welche zwischen den einzelnen Individuen abgelagert wird.

Wenn nämlich ein zusammengesetzter Polypenstock hervorwächst, so bleiben die an ihm befindlichen Individuen gewöhnlich in einem organischen Zusammenhange. Jedes kommuniziert mit allen seinen Nachbarn, jedes sorgt zwar zunächst und am meisten für sich, teilt aber durch ein von Polyp zu Polyp sich fortsetzendes, netzartiges Gefäßsystem von seinem Überflusse auch den entferntesten Stockgenossen mit. Und so leben die Mitglieder eines zusammengesetzten Stockes dem Prinzip nach in einem wohl eingerichteten Kommunismus. Die Vermittelung von Tier zu Tier geschieht nun in der Regel durch eine organisierte, d. h. am Stoffwechsel teilnehmende Masse, mag dieselbe weich bleiben oder verkalken. Diese Zwischenmasse empfängt ihre Nährkanäle aus den nächsten Individuen und diese, den Lebenssaft leitenden Adern sichern dem zusammengesetzten Polypenstock bis zu einem gewissen Grade ein einheitliches Wachstum. Die Vielheit wird hierin zur physiologischen Einheit. Was jeder Polyp ist und ißt, kommt unweigerlich der ganzen Gesellschaft zu gute, und aus dem Überschuß der Arbeit des Einzelnen werden gemeinschaftliche Anlagen bestritten. Zu diesen gehören die Stiele und Stämme, diejenigen Teile der zusammengesetzten Stöcke, auf denen keine Einzeltiere sich befinden, und deren Wachstum und Größenzunahme uns unbegreiflich bliebe, wenn wir nicht die Nährkanäle auch in sie hineintreten sähen. Aber überall berühren sich Leben und Tod, wenigstens bei den massigen und bei den meisten baumförmigen Stöcken. Indem der Stock durch Knospung und Teilung sich ausdehnt, stirbt er inwendig ab. Die Nährkanäle, welche von neuer, von neuen Adern durchzogener Substanz bedeckt werden, versiegen, ihre nächste Umgebung kann nicht weiter am Stoffwechsel teilnehmen. 8

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