Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
ziemlich dicke und stumpfe Schweinsborste (andere später eine feine Stecknadel) und fasse sie dergestalt, wie man eine Lanzette zum Aderlassen hält. Das dickste Ende halte ich an das Hinterende des Polypen und stoße es bis in den Magen hinein, welches desto leichter von statten geht, da er hier ledig und sehr erweitert ist. Hierauf drücke ich die Schweinsborste immer weiter fort. Je weiter solche nun hinein gehet, desto mehr kehret sich der Polyp um.“ Kurz, der Polyp sitzt zuletzt so auf der Schweinsborste, wie Münchhausens Bär auf der Deichsel, aber das Aus wendige ist zum Inwendigen geworden, und er wird nun, mit der Borste ins Wasser gehalten, mit dem Pinsel von der Borste abgeschoben. Da es oft vorkam, daß der umgewendete Polyp mit der Wandlung nicht zufrieden war und sich selbst wieder in sein natürliches Dasein zurückstülpte, kam der erfindungsreiche Trembley auf den Gedanken, ihn nach vollendeter Operation gleich einer Wurst zuzuspeilen. „Denn“, sagt Trembley, „es ist für einen Polypen nichts, aufgespießt zu werden.“
Die Trembleyschen Versuche wurden neuerdings von einem Japaner Ischikawa, einem Schüler Professor Weismanns in Freiburg, wiederholt, wobei der Forscher zu folgendem Resultat kam: „Die umgestülpten Hydren kehren sich wieder um, wenn die Umkehrung für die Tiere überhaupt möglich ist, und wenn dies nicht der Fall ist, so gehen sie zu Grunde. Die durchbohrende Borste ist kein Hindernis gegen das Zurückstülpen in die ursprüngliche Lage. Die Umstülpung geht aber oft in so kurzer Zeit vor sich, daß man sie leicht übersehen kann, falls man nicht kontinuierlich beobachtet. Will eine Hydra Nahrung zu sich nehmen, die so groß ist, daß ihr Maul sich über das gewöhnliche Maß ausdehnen muß, so stülpt sie sich um. Eine Hydra, welche sich so umgestülpt hat, kehrt sogleich in ihre normale Lage zurück. Diese Thatsache ist von Interesse, weil sie uns die Möglichkeit einer Erklärung gibt, weshalb eine künstlich umgestülpte Hydra gleich wieder umzukehren sucht.“
Dritte Ordnung.
Die Scheibenquallen (Discomedusae s. Acalephae).
Zahlreicher, durch zarte Farben ausgezeichnet, find die größeren charakteristischen For: men der nach ihrer Gestalt benannten Schirm- oder Scheibenquallen. Ich erinnere mich eines köstlichen, fast windstillen Tages, wo ich auf einem Kauffahrer in der Nähe der südnorwegischen Küste an Tausenden und Abertausenden der gelblichen und gelbrötlichen
Cyaneen und Chrysaoren (Chrysaora ocellata, s. Abbildung ©. 568) vorbeitrieb. Die westlichen Ostseehäfen werden bei anhaltenden nördlichen Winden oft mit ganzen Bänken der blauen Meduse (Aurelia aurita) angefüllt, und wenn ich auch ähnliche massenhafte Anhäufungen im Mittelländischen und Adriatischen Meere nicht erfahren, so habe ich selten da und dort eine Ausfahrt gemacht, ohne vielen oder wenigstens einigen der prächtigen Wurzelmäuler (Rhizostoma) zu begegnen. An schönen Frühlingstagen sieht man sie auch fast regelmäßig unmittelbar am Strande, wo denn diese und jene der großen lebendigen und rötlich blauen Halbkugeln scheitert und bald zu einem Nichts sich auflöst. Denn alle Quallen haben ein so wasserreiches Körpergewebe, daß, wenn man mäßig große scheibenförmige Exemplare auf Fließpapier legt, fie bis auf eine ihre Umrisse wiedergebende Zeichnung, einen der natürlichsten Naturselbstdrucke, verdunsten.
Die größeren 1 bis über 18 em im Durchmesser habenden Medusen find denn auch die allen Küstenbewohnern sehr bekannten Repräsentanten dieser Coelenteraten— Gruppe. In ihnen hat sie die höchste Entwickelung erreicht. Den größten Teil des Körpers bildet der nach oben abgerundete Schirm, dessen Rand gewöhnlich mit 4—8
und mehr augenartigen, gefärbten Punkten, mit einem guirlandenförmigen Besatze oder einer zusammenhängenden aus- und einftülpbaren Schwimmhaut sowie mit dehnbaren Fäden versehen ist. In der Mitte der Unterseite der Scheibe ist der Mund, bei einigen Formen am Ende eines hervortretenden Stieles, und fast immer von einigen dickeren Fangarmen mit gefalteten Rändern umstellt. Aus dem Magen verlaufen Kanäle oder sackförmige Räume nach dem Umkreise der Scheibe, wo fie in einen Ringkanal ein: münden. Letzterer ist nicht selten mit Offnungen versehen. Die Übereinstimmung dieses Magengefäßapparates mit der Einrichtung bei den Rippenquallen ist klar. Die Fortpflanzungswerkzeuge liegen entweder in besonderen Taschen um den Magen herum oder in bloßen Erweiterungen jener Gefäße. So aus: gerüstet, ausgerüstet namentlich auch über die ganze Körperoberfläche mit unzähligen mikroskopischen Nesselkapseln, schweben die Tiere in dem Element, welches die meisten Arten an spezifischem Gewicht um ein Minimum übertreffen. Über die Bewegungen der Schirmquallen hat uns neuerdings Eimer ausführliche Beobachtungen mitgeteilt. „Man hat meines Wissens“, sagt er, „bis jetzt allgemein bei den Zusammenziehungen des Medusenschirmes nur an willkürliche Bewegungen gedacht, hervorgerufen durch die Kontraktionen seiner Muskulatur, dienstbar in erster Linie der Ortsveränderung und zugleich der Atmung und Zirkulation. An der vollgültigen Richtigkeit dieser Auffassung dürften schon die folgenden Thatsachen Zweifel erregen, welche uns die Beobachtung des lebenden unverletzten Tieres an die Hand gibt. „Die Kontraktionen der Scheibe der unverletzten Aurelia (Medusa) aurita finden bei Tage beständig statt und, wie es scheint, ebenso bei Nacht. So oft MR ich wenigstens zur Nachtzeit meine Tiere besuchte, traf
Chrysaora ocellata, Natürliche Größe. ich ihren Schirm in Thätigkeit. Auch wenn die Tiere sich nicht von der Stelle bewegen, dauert diese Thätigkeit fort. Sie kann unterbrochen werden, aber nur auf kurze Zeit. Geschieht dies, so steigt das Tier unter regungsloser Haltung langsam nach oben, bis es unmittelbar unter der Oberfläche des Wassers angelangt ist, wo es gerne einige Augenblicke unbeweglich verweilt. „Die Kontraktionen treten unter übrigens gleichen Verhältnissen beim ruhig im Wasser schwebenden Tiere in gleichmäßigem Rhythmus nacheinander auf, oft so regelmäßig, daß man im stande ist, ihnen während längerer Zeit zählend zu folgen, ohne daß man das Tier ansieht, nachdem man sich einmal die Größe des zwischen je zweien derselben gelegenen Zeitintervalles gemerkt hat. Nur von Zeit zu Zeit findet eine Beschleunigung oder eine Verlangsamung der Zusammenziehungen statt, und immer setzen dieselben von Zeit zu Zeit einen Augenblick aus, so daß Pausen in der Bewegung entstehen.“ Wir können hier unserem Gewährsmanne nicht weiter folgen in seinen Experimenten über die Natur dieser Bewegungen, wie weit sie freiwillig oder unwillkürlich und wie sie von den Umgebungen der sogenannten Randkörperchen ausgehen. Aus Eimers Versuchen und Beobachtungen
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erhellt, daß die blaue gemeine Schirmqualle um ein Geringes leichter ist als das Wasser. Die meisten Quallen sind entschieden etwas schwerer und sinken in den Ruhepausen, wie man sich an einigen anderen gemeinen Arten der europäischen Meere, der Haarqualle (Cyanea capillata) und der untenstehend abgebildeten Wurzelmundqualle (Rhizostoma Cuvieri), überzeugen kann. Es ist kaum möglich, die eine oder andere Art der Schirmquallen als besonders schön und zierlich zu bezeichnen, sie alle sind reizende Ge—
Wurzelmundqualle (Rhizostoma Cuvieri). Kleines Exemplar.
schöpfe, jedenfalls ist die zuletzt genannte wegen ihrer Größe und köstlichen blauen und violetten Schattierungen eine der angenehmsten Formen für das Auge.
Auch die Tiefsee birgt Schirmquallen. Eine sehr schöne wurde auf der Challenger-Expedition in der Nähe von Neuseeland in einer Tiefe von 2000 m gedredscht. Es ist die auf S. 570 von der Unterseite abgebildete Periphylia mirabilis, deren Durchmesser 16 cm beträgt, und die von zarter violetter Farbe mit dunkleren Tentakeln ist.
Die Quallen sind so ruhige, schöne Erscheinungen, daß man weder ihnen selbst Böses zutraut, noch ihr harmloses Auftreten von Neidern und Feinden gefährdet glaubt. Dennoch sind sie im Kampfe um das Dasein nicht verschont geblieben. In den Quallen siedeln sich nicht selten kleinere Krebse aus den Ordnungen der Asseln und Amphipoden an. Manche Gattungen, z. B. Cassiopea, haben von einem kleinen Fische, dem Schedophilus medu-sophagus, zu leiden. Er wird 3 — 10 cm lang und pflegt sich in kleinen Trupps in
der Nähe oder sogar unter dem Schirme der Qualle aufzuhalten, der er die Arme und vorzugsweise die daran befindlichen Nesselkolben, ohne daß sie ihn zu brennen scheinen, abfrißt.
Die Zusammengehörigkeit der Schirmquallen und der Polypen spricht sich nicht nur durch ihren Leibesbau im allgemeinen, sondern auch im besonderen sowohl durch ihre Entwickelung als durch einige verbindende Formen aus.
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Periphylia mirabilis. / natürl. Größe.
Die Entwickelung der Schirmquallen vollzieht sich, abgesehen von den sehr seltenen Ausnahmen einer direkten, abgelegten, mit Generationswechsel. Aus den Eiern der meist getrennt geschlechtlichen Tiere entwickelt sich eine ovale, hohle, etwas flachgedrückte, einem Damenmedaillon ähnliche Flimmerlarve, eine sogen. Planula. Nachdem diese einige Zeit herumgeschwommegn ist, setzt fie fich mit dem einen Ende fest und nimmt eine Birnengestalt an, wobei sich der Stiel mit dem Boden verbindet und auf feiner Oberfläche eine Chitinhülle abscheidet. Darauf bricht am anderen Ende die zentrale Höhlung nach außen durch, und neben dem so entstandenen Munde legen sich Tentakeln an und zwar in folgender Ordnung: erst an einer beliebigen Stelle einer, kurz darauf diesem genau gegenüber ein zweiter, dann erscheint das junge Wesen bilateral symmetrisch. Aber bald entspringt zwischen den beiden ersten Tentakeln ein dritter und ihm direkt gegenüber ein vierter. Jetzt stellt das Wesen einen vierarmigen Polyp dar und heißt ein Scyphistoma. Darauf bilden sich zwischen
den vier vorhandenen Tentakeln in nicht regelmäßiger Folge vier weitere und zwischen diesen acht abermals acht neue. Dieser Polyp kann nun zunächst durch Sprossung an seiner Basis eine Anzahl junger Töchterscyphistomen produzieren, die sich ihrerseits wieder wie das Mutterscyphistom durch Teilung vermehren. Das Scyphistoma erhält zunächst dabei eine Reihe von oben nach unten sich anlegender Einschnürungen, die sich immer mehr vertiefen und scharfe Ränder erhalten, an denen 16 kurze tentakelartige Fortsätze, je zwei nebeneinander, auftreten. Auch nach innen springen in den Magenraum, entsprechend den einzelnen Einschnürungen, Querwände vor, die nur in der Mitte ein Loch behalten. Die 16 Tentakeln des ursprünglichen Scyphistuma verkürzen sich und treten auch zu je zwei und zwei zu— Es sammen. Diese Form des Polyps nennt man die Stro- % U bila und den ganzen bei ihrer Bildung stattfindenden Vorgang die Strobilation. Endlich geht die Einschnürung so weit, daß sie zur Abschnürung wird und so zur Vermehrung durch Querteilung führt. Es lösen sich, von oben nach unten aufeinander folgend, kleine Scheiben ab mit acht langgestreckten, in der Mitte tief eingekerbten Randfortsätzen, von denen ein jeder zwei ursprünglichen Tentakeln entspricht. Diese Scheiben drehen sich um und schwimmen mit dem Scheitelloch, dem Reste der Magenhöhle der Strobila, nach oben, als junge Quallen, Ephyren, von dannen, um nach
und nach die Gestalt vollendeter Schirmquallen anzunehmen. Wir haben es also bei der Vermehrung dieser Coelenteraten mit einem Generationswechsel zu thun, * %% e e d,. te bei dem auf eine geschlechtliche Quallengeneration eine /, e e ungeschlechtlich sich vermehrende Polypen- und auf diese wieder eine Quallengeneration folgt.
Jene ausgebildeten Formen, durch welche die Schirmquallen und Polypen verbunden werden, sind die Becherquallen (Calycozoa), frei schwimmende oder mit dem Scheitel festsitzende Quallen von Becher- fessera princeps. 20 mal vergrößert. form mit 8—16 armförmigen Armen am Rande des festen und dicken Gallertschirmes, der am Scheitel seine größte Dicke erreicht. Die freien Enden der Arme sind bei den festsitzenden Formen (Lucernarien) mit kurzen Tentakeln, die bisweilen scheibenförmig verbreitert sind und zum Anheften benutzt werden, sowie mit Nesselkapseln versehen. Die Tiere können die Stelle, auf der sie sitzen, verlassen und für kurze Zeit schwimmen, wobei sie sich umkehren. Bald aber legen sie sich vor Anker. Noch in Tiefen von 1100 m wurden Lucernarien aufgefunden, wenn sie auch im allgemeinen seichteres Wasser als Aufenthaltsorte vorzuziehen scheinen.
Die nächsten Verwandten der Lucernarien find die Vierlingsquallen (Tesseridae), von denen uns die obenstehende Abbildung (Tessera princeps) eine Vorstellung gibt. Sie sind nur klein, schwimmen frei und haben eine hohe elegante Glockengestalt. Ihr Rand ist in 8 oder 16 Arme ausgezogen, welche abwechselnd von ungleicher Länge sind.
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Die Blumenpolypen (Anthozoa).
Nehmen die Quallen unser ästhetisches Interesse in Anspruch und beschäftigen die verschlungenen Wege ihrer Entwickelung den ernsteren Forscher, so ist das Heer der Polypen, in den Grundzügen des Baues jenen eng angereiht, die Phantasie weit mächtiger zu erregen geeignet und uns in Staunen zu versetzen über die ungeheure Macht des Kleinen, wo es den Wahlspruch verkörpert: Viribus unitis — Mit vereinten Kräften!