Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
das Leben der Süßwasserpolypen lesen, dient noch heute zur angenehmen Bereicherung unserer Kenntnisse. Wir sind in der Mitteilung alter Beobachtungen sehr sparsam gewesen. Hier dürfen wir uns eine Ausnahme erlauben.
Trembley schreibt (nach der etwas ungelenken Übersetzung von Pastor Goeze in Quedlinburg): „Im Sommer 1740, den ich auf dem Landgute des Grafen Bentink, eine Viertelmeile von Haag, zubrachte, fand ich daselbst die Polypen. Als ich an den aus einem Wassergraben gezogenen Pflanzen verschiedene kleine Tiere bemerkte, so that ich einige dieser Pflanzen in ein großes Glas mit Wasser, welches ich inwendig aufs Fensterbrett setzte, und hierauf fing ich an, die darin enthaltenen Insekten! näher zu betrachten. Sogleich fand ich viele, die zwar gemein sind, mir aber größtenteils unbekannt waren. Ein so neues Schauspiel, als mir diese Tierchen zeigten, erregte meine ganze Neubegierde. Da ich nun dies mit Insekten bevölkerte Glas mit den Augen durchlief, erblickte ich zum ersten Male einen Polypen, der an dem Stengel eines Wasserpflänzchens hing. Anfänglich achtete ich darauf nicht viel. Vielmehr verfolgte ich gewisse andere kleine Insekten, die wegen ihrer Lebhaftigkeit meine Aufmerksamkeit stärker als ein unbewegliches Objekt an sich zogen, das, so man's nur im Vorbeigehen ansah, für nichts anderes als für eine Pflanze, vornehmlich von jemand konnte gehalten werden, der noch keinen Begriff von Tieren hatte, deren Gestalt den Süßwasserpolypen, wie etwa die Seepolypen, nahe käme. „Die Polypen, welche ich zuerst entdeckte, sind von einer sehr schönen grünen Farbe. Es waren ihrer verschiedene in dem gedachten großen Glase. Die ersten Male, als ich diese Körperchen betrachtete, hielt ich sie für Schmarotzerpflanzen, die auf anderen Pflanzen wachsen. Ihre Gestalt, ihre grüne Farbe und Unbeweglichkeit brachten mich auf den Gedanken, daß es Pflanzen wären. Und dies ist auch bei vielen Personen, die sie in ihrer gewöhnlichen Stellung zum ersten Male gesehen haben, der erste Gedanke gewesen. „Das erste, was ich an den Polypen bemerkt habe, war die Bewegung der Arme. Sie krümmten und drehten sie ganz langsam nach verschiedenen Seiten. Der vorgefaßten Meinung zufolge, die ich einmal im Kopfe hatte, die Polypen wären Pflanzen, konnte ich mir nicht vorstellen, daß ihnen die Bewegung, die ich oben am Ende der dünnen Fäden bemerkte, selbst eigen wäre. Indessen schien sie es doch, und je mehr ich in der Folge die Bewegung dieser Arme betrachtete, je mehr schien mir solche von einer inneren Ursache und nicht von einer äußeren Stoßkraft auf die Polypen herzurühren. Einsmals bewegte ich das Glas, worin sie waren, ganz sachte, um zu sehen, was diese Bewegung des Wassers für eine Wirkung auf die Arme haben würde. Hier war ich mir nun dergleichen, als sie hervorbrachte, im mindesten nicht gewärtig. Anstatt, daß ich erwartete, es würden die Arme und Körper der Polypen bloß im Wasser mitbewegt werden und also der Bewegung des Wassers folgen, so wurde ich gewahr, daß sie sich plötzlich und so stark zusammenzogen, daß der Körper der Polypen nicht anders als ein grünes Körnchen aussahe und die Arme ganz aus meinem Gesichte verschwanden. Hierüber erstaunte ichs. Meine Neubegierde wurde desto mehr gereizt und meine Aufmerksamkeit verdoppelt. Da ich nun mit dem Auge vermittelst eines Handvergrößerungsglases verschiedene Polypen,
ı Mit „Insekten“ bezeichnete man die verschiedenartigsten niederen Tiere. 2 Der vortreffliche Goeze macht hierzu folgende Bemerkung: „Ich wundere mich gar nicht über die Verwunderung eines Trembleys. Man setze sich in seine Stelle. Ich weiß es aus der Erfahrung, wie es mir ergangen, da ich die so sehnlich gewünschten Polypen, von denen ich Begriff, Gestalt, Bewegung und Eigenschaften wußte, die ich hundertmal schon in Kupfer gesehen, zum ersten Male erblickte. Und ich glaube, es werden alle die, welche sie zum ersten Male zu Gesichte bekommen, gleiche Empfindungen haben. Was muß nun nicht ihr erster Erfinder empfunden haben, da er merkte, daß es wahrhafte Tiere wären? Tiere, mit denen er gleichsam auf der Stufe stand, wo die Natur aus dem Tier- zum Pflanzenreiche übergehen will!“ 36*
die ich hatte zusammenfahren sehen, überlief, so sahe ich bald, wie sie wieder anfingen, sich auszustrecken. Ihre Arme kamen aufs neue zum Vorschein, und es nahmen diese Polypen ihre erste Gestalt wieder an. Dies Zusammenziehen der Polypen, samt allen Bewegungen, die ich sie machen sahe, wenn sie sich von neuem ausstreckten, erweckte in mir den lebhaften Gedanken: daß es wirkliche Tiere wären.“
Trembleys Zweifel an der Tierheit der vor ihm schon von Leeuwenhoek entdeckten, aber wieder in Vergessenheit geratenen Geschöpfe waren jedoch noch nicht beseitigt. Es konnten ja „empfindsame“ Pflanzen sein. Erst als er sie nach Art der Spannraupen durch abwechselndes Aufsetzen der Arme und des Fußendes sich bewegen sah, hatte er die volle Überzeugung gewonnen, und nun entdeckte er auch, daß sie Licht und Dunkel unterschieden und sich regelmäßig an derjenigen Stelle des sonst verdunkelten Glases versammelten, wo er den Lichtstrahlen Zugang gestattet hatte.
In das höchste Erstaunen versetzte ihn aber die Beobachtung, daß in Stücke zer: schnittene Polypen nicht zu Grunde gingen, sondern daß die Teile sich zu neuen Polypen entwickelten. Er hatte folgende Probe machen wollen. Sind die Geschöpfe Pflanzen, so werden davon abgeschnittene Stücke gleich Reisern weiterwachsen. Unterdessen hatte er sich von der Tierheit überzeugt, und es war nun nach den damaligen Ansichten über das Wesen des Tieres etwas Unerhörtes, daß aus den Stücken dennoch neue Individuen erwuchsen. Von hier an schreiben sich die berühmten Teilungsversuche, mit denen er in der ganzen Naturforscherwelt und weit darüber hinaus das ungeheuerste Aufsehen erregte.
Unter Trembleys Nachfolgern verdient besonders der liebenswürdige Nürnberger Rösel hervorgehoben zu werden, der 1755 im dritten Teile der „monatlich herausgegebenen Insektenbelustigung“ in seiner naiven und anziehenden Weise seine Beobachtungen mitgeteilt hat. Er unterschied in der Umgebung von Nürnberg vier Arten von Hydren, welche, wie wir gestehen müssen, heute noch nicht besser unterschieden worden sind, als es ihm damals möglich war. Nur zwei scheinen fest begründet: die große langarmige und knospenreiche braune und die kleinere kurzarmige grüne. Die beiden anderen von Rösel unterschiedenen find möglicherweise Abarten. Die Lebensweise der Süßwasserpolypen ist von Rösel sehr sorgfältig und richtig beobachtet worden. Er beschreibt die Art, wie sie sich der Beute, mikroskopischer Krebse und Naiden, bemächtigen, wobei ihm allerdings die Wirkung der Nesselzellen verborgen blieb. „So viel ich bemerkt habe“, sagt er, „so geschieht solches auf dreierlei Art. Denn manchmalen hat der Polyp seine Arme nicht völlig ausgestrecket, und wenn sodann ein kleines Insekt oder ein Wasserfloh nahe bei ihm vor: bei schwimmt, bieget er sich wohl nach ihm und ergreift solches mit allen seinen Armen zugleich sehr behende, so, wie eine Spinne mit ihren Füßen eine Mücke zu ergreifen pfleget. Hernachen sitzen die Polypen manchmalen mit ihren sehr lang ausgestreckten Armen ganz stille; fähret nun aber ein Wasserfloh etwanen zu nahe bei ihnen vorbei, so machen sie mit dem Arme, denen solcher am nächsten ist, eine geringe Bewegung, ohne daß sie ihn, wie sie auch manchmalen zu thun pflegen, damit umfassen, sondern sie dürfen nur den Wasserfloh damit berühren, so bleibet solcher gleich daran behangen, wie ein Vogel an der Leimruten hangen bleibt, und dieses geschiehet sowohl am äußersten Ende des Armes, als auch in der Mitte und nahe am Kopfe. Wenn aber das Insekt gefangen ist, so ziehet es der Polyp ganz ruhig zum Munde und verschluckt solches. Doch habe ich auch manchmalen gesehen, daß sich die Wasserflöhe, wenn sie gefangen wurden, wieder mit vieler Mühe loszumachen gesuchet und losgerissen haben, ohne daß sich der Polyp derselben wieder habhaft zu werden im geringsten bemühet hätte.“ Als dritte Art, mit der Beute fertig zu werden, wenn dieselbe größer ist, beschreibt Rösel den Fang einer Naide, die mit einem oder zwei Armen gefaßt, alsdann aber auch von den übrigen Armen umstrickt wird.
Ebenso sorgsam beobachteten unser Kollege Rösel und seine Zeitgenossen die Knospenbildung, wobei ihnen nicht entging, daß die jungen, an verschiedenen Stellen des Muttertieres hervorwachsenden Polypen auch noch dann, wenn fie schon mit eignem Munde und eignen Armen für sich sorgen können, dennoch mit der Verdauungshöhle der Mutter in offenem Zusammenhange stehen. „Ehe noch der junge Polyp seine Arme erhalten und sich derselben, um Beute zu machen, bedienen kann, bekommt er seine Nahrung aus dem Leibe der Mutter, mit welchem er, wie ein Ast eines Blutgefäßes mit seinem Stamme, zusammenhanget, so daß er sich in den hohlen Kanal desselben öffnet. Wenn er aber seine Arme gebrauchen und ausstrecken kann, so suchet er sich durch solche, ob er gleich noch an der Mutter hänget, bereits seine Nahrung selbst zu verschaffen, indem er,wie ich vielmals gesehen habe, bald hie bald da mit solchen ein kleines Insekt erhaschet und verschlucket. Ist aber der junge Polyp zeitig und reif, so kann man auch bei einer geringen Vergrößerung wahrnehmen, daß er sich nun bald losmachen werde. Denn der dunklere Kanal des Jungen wird am hinteren Ende, wo er mit der Mutter einen sichtbaren Zusammenhang hat, immer dünner und endlich so zart, daß man zwischen ihm und der Mutter, auch mit der stärksten Vergrößerung, keine Verbindung mehr wahrnehmen kann, ob er gleich noch mit seiner äußeren und helleren Rinde an solcher hanget, welches aber nicht lange währet: denn wenn es einmal so weit gekommen ist, so fängt der junge Polyp an, sowohl seinen Leib als seine Arme stark auszustrecken, bis er sich endlich durch seine Bewegung losreißet. Ist dieses geschehen, so setzt er sich, gleich der Mutter, mit seinem hinteren Teil irgendwo veste, und versorget sich alsdann selbsten.“
Auch der Erkenntnis, daß die Hydren sich periodisch durch Eier fortpflanzen, welche einzeln ungefähr in der Mitte des Leibes in besonderen, sich über die Oberfläche erhebenden beulenartigen Kapseln sich entwickeln und dann die weitere Entwickelung durchmachen, nachdem die Kapsel geborsten ist, war Rösel ganz nahe. Er beschreibt diese Eier, die er im Herbst fand, vollkommen richtig und vergleicht sie „einem Meerigel oder Seeapfel“, da sie ringsherum gleichsam mit vielen zarten, aber sowohl an Länge als an Steife ungleichen Stachelspitzen dicht besetzt seien. Die von ihm gesammelten undurchsichtigen braunen Körper gingen jedoch zu Grunde, und so hielt er sie für krankhafte Bildungen. Dagegen beschreibt er sehr anschaulich eine wirkliche Plage unserer Polypen, die Pein, welche ihnen durch ein Infusionstier, die Polypenlaus (Trichodina pediculus), verursacht wird. „Was nun aber die Läuse anbetrifft, von welchen jetzt die Rede ist, und welche die Polypen bis auf den Tod zu quälen pflegen, auch allezeit von selbigen von ungleicher Größe angetroffen werden, so sind sie hell und durchsichtig, in ihrem Leibe entdecket man aber dennoch einige dunkle Punkte. Wenn sie im Wasser schwimmen, sind sie von ovalrunder Form, und da bewegen sie sich bald nach einer Schlangenlinie, bald nach einer Schneckenlinie. Ihre Bewegung selbst ist gar geschwind, wie sie denn sehr schnell im Wasser hin und her fahren. Wenn sie sich an einem Polyp oder auch an einem anderen Körper ansetzen, so ändern sie ihre ovalrunde Form und werden spulenförmig, so daß sie hinten und vornen zugespitzt erscheinen. Alsdann aber siehet man nicht ohne Verwunderung durch ein zusammengesetztes Mikroskopium, wie schnell sie an dem Polyp hin und her laufen, ohne daß man an selbigem einen, will geschweigen viele Füße wahrnehmen sollte. (Hier reicht Rösels Mikroskop nicht aus.) Anfangs gibt sich zwar der Polyp viele Mühe, sich dieser verdrießlichen Gäste zu entledigen, wie er sie denn nicht nur mit seinen Armen abzustreifen suchet, sondern auch durch wiederholtes Ausstrecken und Zusammenziehen sich ihrer loszumachen trachtet. Alleine er richtet damit wenig aus, indem sie sich an die Arme, mit welchen er sie wegschaffen will, sogleich ansetzen und an selbigen auf und ab kriechen. Ja ich habe auch öfter gesehen, daß sie von der Stelle, wo sie sitzen, gleich einem Blitze
herabfahren, in dem Wasser nach einer krummen Linien herumschwimmen, bald darauf aber wieder mit gleicher Geschwindigkeit auf den Polyp zurück kommen. Endlich aber scheinet es, als würde der Polyp müde, sich ihnen zu widersetzen; und da wird er öfters so voll dieser Läuse, daß man ihn kaum mehr für das, was er doch wirklich ist, halten sollte; bald darauf aber verliert er seine Arme und mit selbigen auch das Leben.“
Als größte Merkwürdigkeit aber erschien jenen alten Naturforschern die Eigenschaft der Süßwasserpolypen, daß man sie künstlich zerteilen und aus den entweder noch zusammenhängenden oder gänzlich abgetrennten Stücken neue Tiere oder neue Köpfe, Schwänze, Arme heranwachsen lassen könnte. Es wurden Tausende von Polypen auf alle mögliche Weise angeschnitten, gespalten, kreuz und quer geteilt und die tollsten Monstren und Mißgeburten erzogen und viel hundertfach abgebildet. Trembley brachte es dahin, eine Hydra in 50 Stücke zu zerschneiden und alle 50 zu neuen Polypen zu erziehen. Rösel berichtet, daß er einen Polypen nach allen Richtungen aufs Geratewohl zerstückelt und ebenfalls eine ganz neue Brut erhalten habe. Die künstlichen Mißgeburten mit vielen Köpfen und vielen Schwänzen wurden den teilnehmenden Naturfreunden gezeigt, und die Philosophen, wie Bonnet und Crusius, bemächtigten sich der Versuche, um daran über die Einheit, Vielheit oder Teilbarkeit der Seele Spekulationen anzuknüpfen. Fast noch größeres Erstaunen rief aber Trembleys im Jahre 1742 angestellter und, wenn man e den Berichten glauben darf, gelungener Versuch her: ef, FA vor, den Polypen umzukehren oder umzukrempeln, e, J wie man an einem Handschuhfinger das Innere nach außen bringt. Die Operation wollte ihm anfänglich, wo er sie an Polypen mit leerem Magen vornahm, nicht gelingen; sie hatte aber den schönsten Erfolg polypen. 5mal vergrößert. nach einer tüchtigen Mahlzeit des Tieres; wir werden a gleich sehen, warum. Es ist höchst wünschenswert, daß diese Versuche, die in unserem Jahrhundert, wie es scheint, gar nicht wiederholt und kontrolliert wurden, von neuem sorgfältig angestellt werden, und deshalb mag uns Trembley sein Vorgehen erzählen. „Den Anfang mache ich so, daß ich dem Polypen, den ich umkehren will, einen Wurm (Naide) zu fressen gebe. Hat er den verschluckt, so schreite ich selbst zur Operation. Ich habe nicht nötig, die völlige Verdauung des Wurmes abzuwarten, sondern ich thue gleich den Polypen, dessen Magen recht voll ist, mit etwas Wasser in meine hohle linke Hand. Hierauf drücke ich ihn mit einem kleinen Pinsel mehr am Hinter- als am Vorderteile. Auf solche Art treibe ich den Wurm aus dem Magen nach des Polypen Maule zu. Dadurch muß sich solches aufthun, und indem ich den Polypen wieder mit dem Pinsel etwas drücke, so kommt ein Teil des Wurmes aus dem Maule heraus, und solchergestalt wird der Magen desto lediger, je weiter der Wurm vorn heraustritt. Dadurch, daß der Wurm aus des Polypen Maule gedrückt wird, muß sich solches ziemlich weit aufthun. Ist nun der Polyp in diesem Zustande, so bringe ich ihn sehr behutsam auf den Rand meiner Hand, der bloß etwas angefeuchtet ist, damit der Polyp nicht zu stark anklebe. Ich nötige ihn alsdann, sich immer mehr zusammen zu ziehen, und eben dadurch wird auch Maul und Magen desto mehr erweitert. Hierauf nehme ich in die rechte Hand eine