Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Gruppe aus einem weiblichen Etode von H dractinia echinat ae Rn Be uni ze a) Hlährindividuen, b)weibliche Indie ae N möglichen ihr Leben und Wachstum. In einem solchen Stocke sind nur immer zweierlei Personen vereinigt. Immer finden sich Nährindividuen vor (a), welche sich durch ihre Länge und stark entwickelten Fühler, Mund und Verdauungshöhle auszeichnen. Sie sind selbstverständlich ihre eignen und des Stockes Ernährer. Sie versorgen vermittelst des Kanalsystems des Stockes auch ihre mundlosen Koloniegenossen, welche entweder nur Männchen oder nur Weibchen (b) sind. Diese tragen am Vorderende statt der Fühler einen Gürtel von Nesselknöpfen und in einiger Entfernung davon einen dichten Kranz einfacher Kapseln mit Eiern. Die aus dem Ei kommende flimmerhaarige Larve setzt sich fest und ist Gründerin einer neuen Kolonie. Die Kapseln tragen nie solche
Merkmale an sich, welche an Quallen erinnern könnten, aber alle Quallen, welche sich nach Art der oben beschriebenen an polypenförmigen Zwischenstufen entwickeln, befinden sich einmal auf dem Stadium der Kapsel, welche bei der Hydractinia echinata unzweifelhaft ein bloßes bleibendes Organ ist.
Den Schlüssel dieses höchst interessanten Befundes gibt nur die Abstammungslehre. Es gab eine Zeit, wo gar keine Quallen, sondern nur unsere Polypenformen mit den kapselartigen Fortpflanzungsorganen in den Urmeeren lebten. Erst einzelne, dann mehrere, schließlich viele errangen dadurch einen ihr Dasein begünstigenden Vorteil, daß die Ernährung und mit ihr die Entwickelung der Kapseln durch stärkere Entwickelung der Nährkanäle dieser Organe gefördert wurde. So wurden diese Organe in einzelnen Sippen und Grup: pen immer vollendeter, bis ganz allmählich die Teile zu sich ablösenden neuen Individuen geworden sind, und zur Polypengeneration die Quallengeneration sich gesellt hat.
Stock von Hydractinia echinata auf einem vom Einsiedlerkrebs bewohnten Buceinum-Gehäuse. Natürliche Größe.
Man hört von den Gegnern der Abstammungslehre, der einzigen mit der Vernunft sich vertragenden Erklärung der Lebewelt, oft den Einwurf, warum, wenn es so vorteilhaft wäre, nicht alle Quallenpolypen die Umwandlung durchgemacht hätten. Darauf ist zu antworten, daß gerade der Umstand, daß es fo sei, wie es ist, gegen ein allgemeines jo: genanntes Entwickelungsgesetz spreche. Denn wäre ein solches vorhanden, so würde absolut unverständlich bleiben, warum nur eine Anzahl von Quallenpolypen zur höheren Entwickelung aufgestiegen seien. Nur dadurch, daß man den sogenannten Zufall in seine Rechte einsetzt, der dem zu Gute kommt und jenem nicht, ist diese außerordentlich bunte, scheinbar widerspruchsvolle und doch harmonische Welt zu verstehen.
Die frühere Systematik vereinigte eine Unterordnung von Cölenteraten mit den später zu behandelnden Blumenpolypen, die sich durch die Untersuchungen von Al. Agassiz und ganz besonders Moseleys als echte Hydroidpolypen entpuppt haben. Das sind die Hydrokorallien mit den beiden Familien der Milleporiden und Stylasteriden. In jenen Irrtum war man verfallen, weil man nur das Skelett nicht aber die eigentlichen Tiere der Hydrokorallien kannte, und er war verzeihlich genug, da das Skelett ganz anders wie bei den übrigen Hydroidpolypen, aber ganz ähnlich dem mancher sechsstrahligen Polypen ist. Es ist nämlich nicht hornig und bildet keine zierlich verzweigten oder gefiederten Bäumchen,
es besteht vielmehr im wesentlichen aus kohlensaurem Kalk (bis 97 Proz.) und formt derbe Massen mit lappigen oder buckelartigen Fortsätzen (Milleporiden, s. untenstehende Abbildung) oder sie sind ähnlich wie etwa Edelkorallen verzweigt (Stylasteriden). Schon mit bloßem Auge, besser natürlich mit der Lupe, sieht man, daß die ganze Oberfläche dicht mit kleinen Porenöffnungen übersät ist. Bei näherem Zusehen bemerkt man, daß dieselben von zweierlei 1 Größe find. Um eine größere zentral ge-
N legene stehen in einem unregelmäßigen Kreis 5—8 kleinere. Sonst ist die Masse des Stockes von einem unregelmäßigen System mannigfach zusammentretender größerer und kleinerer Kanäle durchzogen und zeigt auf vertikalen Querschliffen undeutliche, der Außenseite einigermaßen parallel laufende Schichten, welche in den Kelchen, die mit den Poren nach außen münden, als deutliche Querböden auftreten. Nur in der obersten Schicht herrscht Leben, die anderen sind abgestorben. Auf jener aber findet sich ein unregelmäßig Anastomosen bildendes, engmaschiges Netz von aus weicher Substanz bestehenden Röhren und weiter die kleinen Polypen, deren Basalteile durch jenes Netz miteinander in Verbindung stehen. Sie sitzen in den Kelchen und ragen, wenn die Umgebung ruhig und sicher ist, aus den Poren nach außen hervor, um bei der geringsten Beunruhigung sich blitzschnell zurückzuziehen. Wie nun die Poren von zweierlei Art sind, so sind es auch die Polypen. In der großen Pore steckt ein kurzer und breiter Polyp mit vier kurzen, gestielte Kugeln darstellenden Tentakeln und mitten zwischen denselben mit einem Se verhältnismäßig geräumigen Munde. In qq 2 den kleineren Poren, die in größerer An: co. zahl um die zentrale herumstehen, stecken
Polypen; schwach vergrößert. 2) Fünf peripherische Nährtiere 1 e e a a m (b) um ein genirales Seebtier (a); ftarf Deuter lose, oben mit einem einfachen Knopf endigende, und von Stelle zu Stelle, meist alternierend nach der einen und nach der anderen Seite, kurze einfache Astchen abgebende Polypen. Während der zentrale Polyp ganz ruhig bleibt, führen die peripheren fortwährend schlängelnde Bewegungen aus, biegen sich auch manchmal zum Munde des zentralen herab, und es sieht aus, als ob sie diesem Futter zusteckten.
Wir haben es auch hier mit einer Arbeitsteilung in einer Tierkolonie zu thun: die größeren mit einem Munde versehenen Zentralpolypen sind die Freßtiere (a), die um ihn stehenden mundlosen Nährtiere (b) fangen die Beute und füttern ihren anders
gestalteten Mitbruder. Wahrscheinlich werden sie auch als Verteidiger wirken, da sie weit besser mit Waffen (Nesselkapseln) ausgestattet find als der Freßpolyp. Die Knöpfchen der Tentakeln sind nämlich Nesselbatterien.
Über die Fortpflanzung der Hydrokorallien, welche zwischen den Wendekreisen hausen und sich auch an dem Aufbau der später zu erwähnenden Koralleninseln beteiligen, weiß man noch nichts. Sie wachsen auf Felsen, abgestorbenen Korallen, überziehen gern die Ste: lette von Gorgoniden, ja sind namentlich bei den Bermudasinseln auf alten, ins Meer weggeworfenen Flaschen öfters gefunden worden. In diesem Falle ist die Unterseite des Stockes ganz platt, wie poliert, und bildet einen genauen Ausguß der Oberfläche des Glases mit seinen Schrammen und Rissen.
Wir müssen zum Schluß dieses Kapitels noch einiger Polypenformen des süßen Wassers gedenken.
Der Keulenpolyp (Cordylophora lacustris) bildet 4—8 em hohe, zierlich verästelte Bäumchen, die mit einem Wurzelgeflecht auf Steinen, Holz, Muschelschalen ꝛc. aufgewachsen sind. Der ganze Stock ist mit Ausnahme der keulenartigen, mit einem Rüsselmund und unregelmäßig verteilten fadenförmigen Armen versehenen Köpfchen von einer zarten Chitinhülle bedeckt. Die Stöckchen sind getrennt geschlechtlich und von rötlichgrauer Farbe.
Bis in die Mitte unseres Jahrhunderts hinein kannte man die Cordylophora nur aus dem Brackwasser der europäischen und nordamerikanischen Küsten. Da tauchte sie hier und da in dem unteren Laufe der Flüsse, der Themse, Elbe ꝛc., auf, und jetzt ist fie sowohl in der Alten wie in der Neuen Welt weit in das Binnenland eingedrungen. In der Saale bei Halle findet sie sich, und in dem sogenannten jetzt auf dem Aussterbeetat stehenden, zur Zeit kaum noch salzigen Salzigen See bei Eisleben gedeiht sie besonders üppig. In Hamburg ist sie stellenweise in die Röhren der Wasserleitung eingedrungen und hat sich hier so massenhaft entwickelt, daß dieselben auf ganze Strecken thatsächlich verstopft sind.
Die Einwanderungsgeschichte der Cordylophora ist sehr lehrreich für das Verständnis der Entstehung wenigstens eines Teiles der Tierwelt des Süßwassers. Hier hat sich zu unserer Zeit und unter unseren Augen ein Brackwassertier an das süße Wasser in wenig Jahren so angepaßt, daß es völlig ein Süßwassertier und zwar ohne die geringste Veränderung seiner Organisation geworden ist. Ob nicht im Laufe langer Jahre eine solche doch noch nach und nach stattfinden wird, ist freilich eine andere, vorläufig unlösbare Frage.
Weit bekanntere Süßwasser-Coelenteraten als die Cordylophora und viel besonderer an ihren Aufenthaltsort angepaßt find die Hydren — die Süßwasserpolypen par excellence. Bei einer Länge von 1—6 und 8 mm gleichen fie in Gestalt fast vollständig dem mit dem Fühlerkranz versehenen Tiere der Hydraktinie. Man wird in dem Wasser stehender, pflanzenbewachsener Tümpel und Teiche in der Regel nicht vergeblich nach einer der drei Arten der Süßwasserpolypen, der grünen, grauen oder gemeinen (Hydra viridis, H. grisea und H. vulgaris), suchen, wenn man eine mäßige Menge der den: selben entnommenen Pflanzen sich ruhig in einem Glase ausbreiten läßt und dann mit der Lupe mustert. Sobald sie in Ruhe gekommen, fangen die Polypen an, sich zu strecken und ihre 6—8 Fühler zu feinen Fäden auszudehnen. An sie anstreifende kleine Tierchen sehen wir wie gelähmt daran hängen bleiben, worauf die Fühlfäden sich zusammenziehen und die Beute dem begierig sich öffnenden und großer Erweiterung fähigen Munde zuführen. Was aber den nach der natürlichen Verwandtschaft forschenden Zoologen dazu bewegt, unsere Hydra unter die Quallen zu versetzen, ist ihre innigste Beziehung zu den von den
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eigentlichen Quallen nicht zu trennenden Quallenpolypen. Die Hydra vermehrt sich gewöhnlich durch Knospen, welche am Rumpfe hervorsprossen. Oft bleibt die Tochter so lange an der Mutter, bis letztere eine oder ein paar weitere Tochterknospen getrieben hat. Zuzeiten aber entwickeln sich in den Körperwandungen unter kapselförmigen oder warzenförmigen Hervorragungen einzelne Eier oder Samenmassen, wodurch das verwandtschaftliche Band mit den Hydraktinien und den übrigen Hydroidpolypen vollends fest geknüpft wird.
Als echte Nesseltiere oder Knidarier haben die Hydren natürlich auch Nesselapparate und zwar von verschiedener Art: kleine Kapseln mit kurzen, glatten und größere Kapseln mit langen, durch Spiralrippchen, Wärzchen ꝛc. ausgerüsteten Fäden. Diese Verhältnisse sind von Karl Jickeli sehr gründlich untersucht worden, welcher hierüber folgendes bemerkt: „Wird eine Hydra gereizt, so ist es immer eine Nesselkapsel der zweiten (größeren) Art, welche zuerst herausgeschleudert wird. Die ganz kleinen Nesselkapseln werden bei Insulten des Tieres sehr selten entladen, so selten, daß ich lange vergeblich nach solchen suchte und schon geneigt war, diesen Gebilden eine andere Funktion als diejenige von Nesselkapseln zuzuschreiben. Die Bedeutung dieser Nesselkapseln ist mir erst näher gebracht worden, als ich einmal eine Hydra in dem Augenblicke unter das Mikroskop brachte, als dieselbe eben einen eingefangenen Krebs in das Hypostom (Mund) einzuführen im Begriffe stand. Zu meinem Erstaunen fand ich den Krebs ganz bespickt mit solchen kleinen Nefjel-kapseln. Wohl an 100 mochten denselben bedecken. Dieses überraschte mich um so mehr, weil ich mich wiederholt davon überzeugt hatte, daß schon einige der größeren Nesselkapseln genügten, um die Beute zu immobilisieren und man ja eben aus diesem Grunde den Nesselkapseln einen giftigen Inhalt zuschrieb, welcher, indem er aus der Kapsel nach Abbrechen des Fadens ausfloß, die tödliche Wirkung auf die eingefangene Beute ausüben sollte. Wozu dienen nun diese kleinen Nesselkapseln? Zum Einfangen der Beute können sie nicht gebraucht werden, dazu sind ihre Nesselfäden zu kurz, und ist die Beute durch die großen Kapseln eingefangen, hätte es keinen Zweck, sie noch weiter mit kleinen Nesselkapseln zu belasten. — Ich betrachte diese kleinen Nesselkapseln jetzt als Gebilde, dazu bestimmt, indem sie dem gefangenen Tiere in großer Menge angehängt werden, dessen Gewicht zu erleichtern. Diese Ansicht ist nicht so uneben, wenn man sich überzeugt, daß die ausgeschnellten Nesselkapseln auf dem Wasser schwimmen, und nicht zu Boden sinken, und wenn man das im Vergleich zu einer Hydra große Gewicht eines der als Nahrung dienenden Kruster vergleicht. Ist also die Beute durch die großen Nesselkapseln gefangen und immobilisiert, so wird sie mit diesen kleineren zur Erleichterung ihres Gewichtes bespickt und dann erst in die Mundöffnung eingeführt.“ |
Über das jo auffallende vereinzelte Vorkommen der Coelenteraten im süßen Wasser läßt sich weiter nicht philosophieren. Es ist nur eine Thatsache, daß diesem Kreise, wie wir oben bemerkten, die Anpassungsfähigkeit an die Süßwasserexistenz fast vollkommen mangelt. Aber eben deswegen verdienen die wenigen Süßwasserformen unser besonderes Interesse. Dieses wurde den Hydren im vorigen Jahrhundert in solchem Maße zu teil, daß sich an ihre Beobachtung eine ganze Litteratur knüpfte und die berühmtesten Naturforscher und Naturfreunde, wie Trembley, Baker, Réaumur, Schäffer, Rösel, Pallas und andere, sich mit ihnen beschäftigten. Die auch jetzt noch nicht erledigten Fragen über den Wiederersatz verlorener und verstümmelter Organe, die Teilbarkeit der Organismen, den Grad der Beseelung und ähnliche wurden auf das lebhafteste dabei verhandelt; und die Art, wie das alles getrieben wurde, läßt uns einen sehr anziehenden Blick auf dieses Gebiet des damaligen Kulturlebens thun. Auch find die Beobachtungen jener liebenswürdigen Naturforscher in ihrer Art ganz vollendet. Das Mikroskop hat uns ja in der feineren Anatomie viel weiter gebracht, allein, was wir bei Trembley und Rösel über