Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Über den wichtigsten Dienst, den diese ——2 a= = nn Apparate den Cölenteraten im allgemeinen leisten, sagt Möbius, dem wir die speziellsten Untersuchungen verdanken: „Sobald ein vorbeigehendes Tier die Fangarme berührt, so fahren aus den Nesselkapseln lange, feine Fäden hervor, hängen sich an demselben fest und halten es zurück. Und ist es nicht stärker als der lauernde Räuber, der jene Fäden auswirft, so vermag es sich nicht wieder loszuwinden. Denn immer mehr Nesselfäden bedecken das umstrickte Tier, während es in den Mund hineingezogen wird; ja selbst im Syn: neren der Leibeshöhle sind noch Vorräte der Kapseln in der Haut langer Schnüre vorhanden. Je heftiger der Kampf, je mehr Nesselkapseln entladet der Polyp, um seinen Gefangenen festzuhalten, gleichwie eine Spinne Hunderte von feinen Fäden mit einem Male aus ihren Spinnröhrchen strömen läßt, wenn fie ein kräftiges Insekt bewältigen und festschnüren will. „Daß hierbei an eine Erschöpfung der vorrätigen Nesselkapseln nicht im mindesten zu denken ist, mögen einige Zahlen beweisen. Die in der Nordsee gemeine rote Seerose (Actinia mesembryanthemum, eine Abart der Actinia equina) hat in einem Fangarme von mittlerer Größe mehr als 4 Millionen reifer Nesselkapseln und in all ihren Fang: armen zusammen wenigstens 500 Millionen. Ein Fangarm der prachtvollen samtgrünen 8 EURE e
Seerose (Anthea cereus) enthält iber 43 Mil. „ellen ein: J dan, g Se e lionen Nesselkapseln: also besitzt ein Tier mit 150 Fangarmen den ungeheuern Vorrat von 6450 Millionen. Und unter den reifen, zum Fange bereit liegenden ist überall ein junger Nachwuchs vorhanden, der die verbrauchten Kapseln schnell wieder ersetzen kann.“ Möbius berührte eine große Anthea cereus mit
der Zunge und empfand augenblicklich das heftigste Brennen, das erst nach 24 Stunden ganz nachgelassen hatte. Eine andere hübsche Beobachtung zeigt, daß eine Aktinie im stande ist, eine Schnecke durch leise Berührung zurückzuschrecken. Er sagt: „Einer Actinia mesembryanthemum hatte ich Fleisch gegeben. Während fie es mit den Tentakeln langsam in den Mund hineindrückte, kroch eine Nassa retieulata (aus der Familie der Bucciniden, S. 381) heran, die es gewittert hatte, und tastete danach. Aber in dem Augenblicke, wo ihre Atemröhre mit den Tentakeln der Aktinie zusammenstieß, schrak sie heftig zusammen, zog die Röhre ein und wandte sich ab. Ich kenne keine anderen Dinge in der Aktinie, als die plötzlich ausgestülpten Nesselschläuche, durch welche das Benehmen der Schnecke erklärt werden könnte.“
Wir werden bei der Betrachtung der Hydren sehen, daß die Nesselzellen nicht immer die Bedeutung von Angriffs- oder Verteidigungswaffen zu haben brauchen, sondern daß fie gar wohl einem weit davon abliegenden Zwecke dienstbar sein können.
Erste Klasse. Die Volypquallen (Polypomedusae).
Erste Ordnung. Die Schwimmpolypen (Siphonophora).
Wer zu dem Glauben neigt, daß die Natur, diefe undefinierbare Macht, oder die schöpferische Gottheit zur Veränderung auch mitunter Schnörkeleien hervorbringen müsse, wird gewiß zu den Schwimmpolypen oder Röhrenquallen greifen, einem so bizarren belebten Spielwerk, wie es die Phantasie kaum zu erdenken vermöchte. Ist es doch den Forschern schwer genug geworden, der Natur, um mit Herder und Goethe zu reden, den Gedanken nachzudenken, der ihr (so drückte die alte Schule sich aus) bei Schaffung dieser Tiere vorschwebte.
Wir wählen, um wenigstens eine weitere fruchtbare Betrachtung bei etwaiger Begegnung am Strande anzubahnen, zunächst eine der noch minder komplizierten Formen und beschreiben sie gleich nach ihren Einzelheiten, weil Allgemeines ohne solche spezielle Anschauung völlig unverständlich wäre. Der zweireihige Blasenträger (Physophora pisticha, Abbild. S. 551) steht als ein Gebilde vor uns, für dessen verschiedene Teile und Anhänge eine oben mit einer Blase beginnende Röhre die zentrale Achse bildet. Die Blase enthält Luft und erhält daher das Ganze in aufrechter oder schräger Stellung. Der ganze obere Teil der Röhre wird von zwei Reihen Schwimmglocken eingenommen, denen die Fortbewegung des Ganzen übertragen ist. Sie besitzen in Form und Thätigkeit, indem sie durch ruckweises Zusammenziehen das Wasser aus ihrer Höhlung ausstoßen, eine unverkennbare Ahnlichkeit mit Schirmquallen. Unter ihnen folgt zunächst ein Kranz äußerst beweglicher Fühler, und zwischen diesen erblickt man zwei ebenfalls hohle, aber auch am Ende offene Teile, Ernährungspolypen, Saugröhren oder Magen, deren jeder für sich zu be: wältigen und zu verdauen trachtet, was durch die langen Senkfäden mit ihren Behängen und Nesselorganen namentlich an kleinen Krustern ihnen zugeführt wird. Was sie an farblosem Blut und Nahrungssaft bereiten, kommt ebenfalls dem Ganzen zu gute. Das Ergebnis der Verdauung gelangt in jene Röhre, von der wir ausgingen, und von da in die verschiedenen Anhänge zu deren Ernährung. In unserer Abbildung, welche wir der verhältnismäßigen Einfachheit halber gewählt haben, sieht man keine Fortpflanzungsorgane.
Wir fügen aber hinzu, daß fie bei der Sippe Physophora in Form von Trauben vor: handen sind, in anderen als Kapseln, gleich denen der Quallenpolypen, in noch anderen endlich, und das ist für die Auffassung dieses so komplizierten Organismus von höchster Wichtigkeit, in Gestalt wirklicher Scheibenquallen, die sich sogar loslösen und ein selbständiges Leben führen können.; 4 N.’
Ist die beschriebene Physophora ein Einzeltier oder eine Kolonie, ein Tierstock? Es vertrüge sich an ihr alles übrige mit dem Wesen eines Einzeltieres, außer den zwei, in anderen Fällen drei, vier und mehr mit selbständigen Mundöffnungen und überhaupt selbständiger Thätigkeit begabten Magen. Dieselben sind denn auch von älteren Beobachtern kurz „Polypen“ genannt worden, zum Zeichen, daß man zwar den anderen Teilen der Physophora und anderer Sippen nicht den Wert von Individuen beilegen wolle, jedenfalls aber sich des Eindruckes nicht erwehren könne, wenigstens in diesen Magen oder Saugröhren unvollständige Individualitäten vor sich zu sehen. Nimmt man nun hierzu jene Fälle, wo die Fortpflanzung durch die sich ablösenden Quallenindividuen besorgt wird, so muß man R. Leuckart beistimmen, der die Röhrenquallen für polymorphe Kolonien erklärt hat.
Das soll so viel bedeuten: die Teile, aus welchen jene zusammengesetzt sind, haben insofern die Bedeutung von Teilen eines Organismus, als sie sich durch ihre Gegenseitigkeit und die Verschiedenartigkeit ihrer Leistungen bedingen. Alle zusammen bilden in physiologischem Sinne ein Ganzes, sie gehören eES 2.— zu einem Leben. Jedenfalls sind aber einzelne dieser sogenannten Organe so selbständig und im Falle sie Quallenform annehmen, so hoch entwickelt, daß sie fast den Rang von Einzelwesen, von Individuen einnehmen. Und hiervon ausgehend läßt sich die Röhrenqualle als eine Kolonie von unvollständigen Individuen betrachten, verschieden ausgeprägt an Form und Leistung; denn NN S177— UNE——-
— 777.ö== = N—NWRdies ist die Bedeutung von „polymorph“. „Wie mithin sonst“, FE22.=DESeSEEA„ ‘eo *1— oUN=NN ALLAPeI IN sagt Bronn, „in der aufsteigenden Tierreihe zum Zweck der Arbeitsteilung die Organe sich immer zahlreicher und vollständiger differenzieren (scheiden und ausbilden), so thun es hier die verschiedenen zu einer Familie gehörigen und unter sich zufammen U 5 hängenden Individuen, analog den Verhältnissen in den Ameisen⸗ re en) mn und Bienenstöcken, wo diese Individuen jedoch nicht miteinander verwachsen sind. Aber die Differenzierung ist so weit und die Arbeitsteilung so ausschließlich gediehen, daß diese Individuen in der Regel nicht genügende Organe zur selbständigen Fortdauer besitzen, obwohl sie oft rasch durch Knospung einen Verlust oder Mangel zu ersetzen im stande sind.“ Eine weitere Durchführung dieser geistreichen Auffassung von seiten Vogts und Leuckarts gehört einer strengeren, von Sippe zu Sippe fortschreitenden Behandlung an. Man darf jedoch auch hier, wie bei den Quallenpolypen, nie aus den Augen verlieren, daß, wenn es auf das wirkliche Verständnis und die Erklärung der Entstehung der höheren Selbständigkeit ankommt, die niedrigen Formen als die Ausgangsformen zu betrachten sind und die höheren von ähnlichen niedrigen Vorfahren abstammen. Sicher waren
Quallenpolypen ohne sich loslösende Knospen die leiblichen Vorgänger der Sippen, welche freie Scheibenquallen erzeugen; und aus Schwimmpolypen, welche aus bloßen Organen zusammengesetzt erscheinen, gingen, meiner Meinung nach, erst im Verlaufe ganzer Erdperioden solche hervor, wo einzelne jener Organe durch Vorteile in der Ernährung, Anpassung und andere Umstände sich zum Range minder oder mehr vollkommener Individuen aufschwingen konnten. 5
Eine der schönsten und merkwürdigsten aber auch gefährlichsten Gattungen der Hohltiere gehört in die Ordnung der Schwimmpolypen, die der sog. Seeblasen oder portugiesischen Galeeren (Physalia), welche in mehreren Arten die wärmeren Meere bewohnt. Bei dieser Kolonie erweitert sich der Stamm oben zu einer großen, fast horizontal liegenden, ovalen, an den Polen zipfelartig ausgezogenen Blase mit ansehnlicher, durch eine Offnung nach außen kommunizierender Luftkammer. Oben auf der Blase verläuft etwas schräg der Länge nach ein Kamm. Unten an der Blase hängen nebeneinander Ernährungspolypen, Taster, an welchen sich die Geschlechtsorgane entwickeln, und sehr lange
Senkfäden. Die von uns in der beigegebenen Tafel vorgeführte Art (Physalia pelagica) bewohnt das Mittelmeer. | Von der Schönheit dieser Tiere entwirft uns Lesson folgende Beschreibung: „Die Galeeren schimmern im Schmuck der prächtigsten Farben. Die Luftblase und ihr Kamm erscheinen wie getriebenes Silber, verziert mit Hellblau, Violett und Purpur. Ein lebhaftes Karminrot färbt kleine Verdickungen am Kiel des Kammes und ein wundervoll zartes Ultramarinblau alle Anhänge.“
Sogar die rohen Matrosen bewundern diese prachtvollen Geschöpfe, deren Blase wie ein Kinderkopf groß sein kann und deren Fangfäden tief in das Wasser hinabhängen, aber ihre Bewunderung ist mit achtungsvoller Furcht gepaart. Die Seefahrer der meisten Nationen haben bezeichnende Namen für die Physalien: die Franzosen nennen sie unter anderem la petite Galere oder Vaisseau de guerre Portugais, die Engländer Portuguese man of war. Der Name „Portugiesisches Kriegsschiff“ ist besonders glücklich gewählt, weil er drei Dinge zugleich meldet. Erstens, daß die von Europa kommenden Seefahrer den Tieren zuerst auf der Breite von Portugal begegnen, zweitens, daß die Physalien wie ein Schiff auf der Oberfläche des Wassers, ihren Kamm wie ein Segel benutzend, vor dem Winde treiben, und daß sie drittens gut bewaffnete Schiffe sind. Ihre Fangfäden starren von Batterien von Nesselkapseln, und man hüte sich, mit ihnen in Berührung zu kommen; wer leichtsinnig genug ist, hat es bitter zu bereuen. Meyen erzählt uns, wie auf der ersten Weltumsegelung des Schiffes „Prinzeß Luise“ eine prächtige Physalie am Schiffe vorbeigeschwommen sei. Ein junger, kecker Matrose sprang in das Meer, um sich des Tieres zu bemächtigen, schwamm auf dasselbe zu und faßte es an. Da schlang das Tier seine langen Fangfäden um seinen verwegenen Widersacher. Den jungen Mann durchzuckte ein fürchterlicher Schmerz, verzweifelt schrie er um Hilfe, kaum konnte er schwimmend das Schiff erreichen, um sich an Bord hißen zu lassen. Hier erkrankte er so schwer an Entzündungen und Fieber, daß man geraume Zeit um sein Leben besorgt war.
Leblond, ein französischer Forschungsreisender, machte die persönliche Bekanntschaft einer Physalie auf den Antillen. Er erzählt über dieses Abenteuer folgendes: „Eines schönen Tages badete ich mich mit einigen Bekannten in einer großen Bucht, dicht bei unserer Wohnung. Während Fische zum Frühstück gefangen wurden, amüsierte ich mich damit, nach Art der eingeborenen Karaiben in die Brandung zu tauchen, wenn dieselbe im Begriff war, sich zu überstürzen. Wenn ich sie durchschwommen hatte, wandte ich mich in das offene Meer hinaus und ließ mich von einer anderen Welle an den Strand zurücktragen. Dieses
SEEBLASE (Physalia pelagica).
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verwegene Spiel, das die anderen zu versuchen nicht wagten, hätte mir fast das Leben gekostet. Eine Galeere, deren mehrere auf dem Sande des Ufers angespült lagen, blieb an meiner linken Schulter in dem Augenblick hängen, wo die Welle mich auf den Strand trug. Ich entfernte sie sofort, aber mehrere ihrer Senkfäden blieben an meiner Haut bis zum Arme herabhängen. Alsbald empfand ich an meiner Achsel einen so heftigen Schmerz, daß ich fast ohnmächtig wurde. Ich ergriff aber eine Flasche mit Ol vom Frühstückstisch und trank sie halb aus, während man mir mit dem Rest des Oles die Schulter frottierte. Als ich wieder völlig zu mir kam, fühlte ich mich wohl genug, allein nach Hause zu gehen, wo 2 Stunden Ruhe mich von den Brandschmerzen, die aber gänzlich erst im Verlauf der Nacht verschwanden, einigermaßen wieder herstellten.“
In Westindien geht die Sage, die Neger benutzten getrocknete und pulverisierte Physalien, um Giftmorde auszuführen. Ein Arzt zu Guadeloupe, Dr. Ricord Mediana, hat eine Reihe von Experimenten angestellt mit dem Verfüttern dieser Substanz an verschiedene Tiere, von der Ameise bis zum Hund, aber mit durchaus negativem Erfolg, keins der Tiere starb oder erkrankte auch nur. Auch ist es nach den Untersuchungen desselben Arztes ein Märchen, daß das Fleisch von Fischen, welche Galeeren gefressen hätten, dadurch giftig geworden sei.