Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
In der einleitenden Betrachtung über die Stachelhäuter wurde zwar hervorgehoben, daß die Grundzahl, nach welcher die Antimeren dieser Tiere auftreten, Fünf sei, und das ist gewiß als Regel anzusehen. Aber es kommen bei manchen Arten als mehr oder weniger häufige Zufälligkeiten, bei anderen als Regel Abweichungen von diesem Grundgesetz der Architektonik des Echinodermenleibes vor. So haben Luidia ciliaris, Linckia multifora und Asterias tenuispina oft oder meist 7, Ophiactis virens 6 Arme, und gerade sie neigen in hohem Grade zur Selbstverstümmelung, so daß Individuen mit 2, 3, 4, 5 Armen gefunden werden. Was geschieht, wenn ein Seestern einen oder mehrere seiner Arme ganz oder teilweise freiwillig in Verlust gegeben hat? — Nun, zunächst wächst mehr oder weniger rasch, je nach den Ernährungsverhältnissen des Tieres und nach der geringeren oder bedeutenderen Größe des verloren gegebenen Stückes, ein neuer Arm nach, der anfangs natürlich kleiner als die alten ist, aber nach und nach ihre Größe erreicht. Da nun die Wahrscheinlichkeit sehr groß ist, daß während dieses Regenerationsprozesses einer von diesen alten Armen bei irgend einer Gelegenheit auch wieder verloren geht und anfängt zu regenerieren, so kann es eben vorkommen, daß man Seesternindividuen mit Armen von sehr verschiedener Länge antrifft. Insoweit gleicht also die Selbstamputation oder Autotomie der Stachelhäuter derjenigen, die bei verschiedenen Krebsen vorkommt. Aber in einem anderen Punkte unterscheidet sie sich sehr wesentlich von ihr. Noch kein Mensch hat beobachtet, daß an einer abgeworfenen Schere oder einem verloren gegebenen Beine etwa wieder an der Bruchstelle eine neue Krabbe hervorgesproßt sei, und es wird das auch kein Mensch je beobachten. So weit geht das Regenerationsvermögen der Gliederfüßer doch nicht, wohl
aber das der Würmer, wie wir sahen, und der Echinodermen. An der Stelle, wo sich das Armstück vom Muttertiere löste, sproßt, und um so leichter, je größer es ist, häufig aber durchaus nicht unter allen Umständen, ein junger Seestern. Dieser ist anfangs selbstverständlich noch klein und das Ganze gewährt dann einen überraschenden Anblick: man hat einen winzigen Seestern mit einer Anzahl kleiner, der Größe entsprechenden Arme vor sich, während ein einzelner riesenhaft entwickelt erscheint. Haeckel hat solche Seestern⸗Individuen sehr passend als „Kometenformen“ bezeichnet. Je älter diese Kometen: form wird, desto mehr verliert sie ihre frappante Eigentümlichkeit, indem wahrscheinlich die Scheibe heranwächst und die Länge der Arme sich ausgleicht. Haeckel vermutet, daß dieser Ausgleich auf andere Weise zu stande kommen möchte, daß nämlich der ursprüngliche Arm, der Schweif des Kometen, nach Neubildung des kleinen Seesterns abfiele und an seiner Stelle von diesem her ein neuer Strahl hervorwüchse.
Auch Gabelungen der Arme sind bei Seesternen beobachtet worden. Meist sind dieselben einfach, doch gibt es auch kompliziertere Fälle. Der interessanteste ist von den beiden Sarasins beschrieben und abgebildet worden. Er betrifft eine fünfstrahlige Linckia multifora, deren einer Arm sich an der Spitze in vier kleine Strahlen auflöst. Die einfachen Gabelungen kommen vielleicht dadurch zu stande, daß der Arm eines Seesterns sich nicht völlig ablöst, sondern nur eingerissen wird, und daß dann an der Stelle der Verletzung der neue Seitenarm hervorsproßt. Ahnlich entstehen in der Regel die regenerierten Doppelschwänze der Eidechsen. Den Fall, daß das Ende eines Armes sich in vier Spitzen auflöst, deuten Paul und Fritz Sarasin dahin, daß an der Spitze ein junger Seestern hervorsprosse, der sich eventuell später mit einem Stück des Mutterarmes losgelöst und einen neuen Seestern gebildet haben würde. Die genannten Forscher, welche das einzige Exemplar dieser merkwürdigen Mißbildung nicht vernichten wollten, bleiben indessen den anatomischen Nachweis für die Richtigkeit ihrer Mutmaßung schuldig, und es lassen sich schwere Bedenken gegen dieselbe geltend machen. Sehr allgemein läßt sich nämlich bei Regenerationserscheinungen eine bestimmte Polarität beob: achten. Die durch künstliche Teilung einer Magnetnadel entstandenen Stücke orientieren nämlich immer ihre Pole so, wie dieselben in jener lagen, d. h. wenn man die Südhälfte der Nadel ablöst, so wird das Ablösungsende das Nordende, während das Südende das Südende bleibt, und an der Nordhälfte wird das Ablösungsende das Südende und Nordende bleibt Nordende. Ebenso wird bei einem durchschnittenen Ringelwurm das kopfwärts gelegene Ende der Schwanzhälfte zum Kopf und das schwanzwärts gelegene Ende der Kopfhälfte zum Schwanz. Bei einem Seestern nun entspricht dem Kopfe, soweit bei einem Strahltier überhaupt davon die Rede sein kann, doch jedenfalls die Körperregion, wo sich der Mund befindet, also die Scheibe. Wird nun ein Arm von der Scheibe abgeworfen, so wird nach obigem Gesetze der Polarität an der Scheibenseite der Bruchstelle ein neuer Arm und an der Bruchstelle des Armes ein neuer Seestern sprossen.
Es ist höchst wahrscheinlich, daß wenigstens manche See- und Schlangensterne gelegentlich den einen oder den anderen ihrer Arme ohne äußere Veranlassung abwerfen, so wie sich gewisse Ringelwürmer spontan teilen. Hierdurch wird das Abwerfen der Strahlen mit darauffolgender Regeneration zu einer Art der Fortpflanzung.
Außerdem wurden bei See- und Schlangensternen Knospung und Teilung beobachtet. Die beiden Sarasin fanden unter ihrem überaus reichen Material von Linckien einmal eine, auf deren Rücken ein junger vierarmiger Seestern hervorsproßte.
Die Teilung kam häufiger zu Beobachtungen, und zwar sind besonders die Untersuchungen von Heinrich Simroth über diesen Vorgang bei Ophiactis virens hervor: zuheben.
Das auf unserem Bilde gegebene Exemplar A besteht aus zwei fast gleichen Hälften, doch erkennt man an der etwas geringeren Länge der drei nach unten liegenden Arme a', daß diese Hälfte die neu zugewachsene ist. Das zweite Tier, B, vom Rücken gesehen, hat sich kaum erst von seiner anderen Hälfte getrennt. Wo sonst im Tierreich eine Ber: mehrung durch Teilung vorkommt, pflegt sich dieser Vorgang durch eine Einschnürung vorzubereiten und allmählich vorzuschreiten. Bei der Ophiactis sieht die Teilung wie eine gewaltsame Zerreißung aus, ja, sie ist es sogar, indem Simroth erkannte, daß der Magen aufgerissen, die Nerven und Gefäße zersprengt, die Zahnplatten und andere Hartteile zerbrochen werden. Man kann sich schwer vorstellen, daß das ein naturgemäßer Verlauf im Leben des Individuums sein solle, allein es gibt ähnliche Erscheinungen in der Klasse der Stachelhäuter, welche die vorliegende erläutern. Die Arme aller Schlangen- und vieler Seesterne, auch die der Haarsterne, brechen außerordentlich leicht ab, wenn die Tiere aus dem Wasser genommen oder im Wasser beunruhigt werden Sind die Tiere sich selbst überlassen und in gewohnter Umgebung, so vollführen fie, wie schon erwähnt, mit den Armen und Strahlen alle möglichen, oft die überraschendsten Biegungen. Will man aber die Biegungen an einem eben aus dem Meere genommenen Seestern mit vorsichtiger Gewalt ausführen, jo brechen die ge-fteiften Arme wie Glas ab. Es ift dann offenbar eine gewisse Nervenerregung vorhanden, welche die Muskeln zu krampfhaften, den Bruch der Teile verursachenden Zusammenziehungen veranlaßt. Der Zusammenhang dieser Nervenerregung mit den Kontraktionen der Holothurien, wobei sie ihre eignen Eingeweide ausspeien, ist nachgewiesen. Unter einer solchen physiologischen, ihrer Entstehung nach aller⸗
Grünlicher e Schlangen stern (Ophiactis virens). dings unerklärten Erregung mag die mal vergrößert. x R 0 gewaltsame Teilung der Ophiactis vor sich gehen. Die Wunde schließt sich zunächst durch eine Art von Verklebung, indem sich die Rißränder des Magens und die der Körperbedeckungen aneinander legen, worauf die weitere Vernarbung und der Ersatz der verlorenen Hälfte eintreten. Dabei sprossen zuerst die zwei äußeren neuen Arme, dann der mittlere.
Die Hohl- oder Oackkiere.
Die Hohl- oder Sacktiere (Coelenterata).
„Nicht jedem blüht das Glück, Korinth zu sehen“, hieß es im Altertum, um den zu trösten, der mit bescheideneren Ansprüchen es sich im Kreise kleinerer Anschauungen genügen lassen sollte. Nur Auserwählte dürfen sich an der lieblichen Pracht jener südlichen Eilande weiden, welche ihr Dasein und ihre gegenwärtige Gestalt der vieltausendjährigen Lebensthätigkeit der Korallentierchen verdanken, dürfen innerhalb der Lagune den wißbegierigen Blick auf die in Farben glühende Tierwelt senken. Solche korinthische Üppig-keit bieten unsere europäischen Meere nicht, aber doch haben dich vielleicht schon auf stiller Meerfahrt jene schwankenden, mit Guirlanden und langen Fransen behangenen Glocken entzückt, deren Körper wie zart violett, rötlich oder gelblich gefärbte Glasgebilde aussehen. Wie unser Boot an ihnen vorübertreibt, blähen sie sich abwechselnd auf und ziehen den Glocken- oder Scheibenrand zusammen, um durch diese Stöße sich nahe an der Oberfläche zu halten. Bei längerem Aufenthalt in Seebädern hat auch wohl jeder Gast noch intimere und zwar unliebsame Bekanntschaft mit diesen Quallen gemacht, die als Farben-Sirenen zur Berührung verlockten und dieselbe mit dem empfindlichsten Nesseln vergalten. Die vielen Tausende unserer Leser aber, welche nicht in vollen Zügen die Eindrücke des offenen Seestrandes in sich aufnehmen, aber doch ein Miniaturbild durch Vermittelung eines Aquariums genießen konnten, lernten als die größte Zierde dieser mühsam und schwierig zu unterhaltenden Seewasserkäfige die Seerosen oder Seeanemonen, die Aktinien kennen, welche Polypen sind, gleich den Erbauern der Riffe, Strahltiere gleich den Quallen, und mit ihnen und vielen anderen gleich und ähnlich gebauten Formen den Kreis der Cölenteraten bilden.
Als Cölenteraten unterschied R. Leuckart von den Stachelhäutern solche Tiere mit strahligem Bau, deren dem Darmkanal der anderen Tiere entsprechende innere Höhlung nicht in sich abgeschlossen sei, sondern in offener Verbindung mit denjenigen Räumen steht, welche der Leibeshöhle der Wirbeltiere, Insekten ꝛc. entsprächen.
Die Entwickelungsgeschichte hat uns belehrt, daß das Höhlensystem des Cölenteratenkörpers, welches man der Leibeshöhle vergleicht, wie wir unten an einem Polypen zeigen werden, aus nichts anderem besteht, als den regelmäßigen strahligen Aussackungen des kurzen Darmes und gleich diesem aus dem sogenannten Urdarm der Larve hervorgeht. Das Resultat dieser embryonalen und larvalen Entwickelung ist allerdings ein in der ganzen übrigen Tierwelt nicht wieder vorkommendes, eine Verquickung des Verdauungs-, Blutgefäß⸗ und Atmungsapparates, wofür wir höchstens bei den Weichtieren in der unmittelbaren Wasseraufnahme in das Blutgefäßsystem eine Hinweisung finden. War bei den Stachelhäutern Fünf die Grundzahl der Strahlen, so steht hier die strahlige Einteilung
des Baues unter der Herrschaft der Vier- und Sechszahl und ihrer Mehrheiten. War dort die Haut fast ausnahmslos skelettmäßig und lederartig verdickt, jo find hier die lederhäutigen Sippen die Ausnahmen. Auch im Falle der Verkalkung eines oder des größten Teiles der Leibeswände bleibt sehr oft das mit einem oder mehreren Fühlerkränzen gekrönte Vorderende zart und blumenhaft, und die höchst entwickelten freieren Formen ziehen das Auge durch die Zartheit und Zierlichkeit ihres ganzen Wesens an.
In ihrer Entwickelungsfähigkeit zum Höheren vertreten fie trotz großer Mannigfaltigkeit das Prinzip der Stabilität fast ebenso wie die Echinodermen. An dem mächtigen Streben der übrigen Tierwelt, in dem großen Kampfe um das Dasein auf dem Festlande oder wenigstens im Süßwasser sich einzubürgern und die Vorteile dieses veränderten Aufenthaltes der Veredelung der Organisation zu gute kommen zu lassen, haben fie ebenjo-wenig wie die Stachelhäuter mit Erfolg teilgenommen. Denn ein Erfolg kann es kaum genannt werden, daß einige wenige Quallen, kümmerliche Polypen und degenerierte Schwämme als vorgeschobene Posten in die süßen Gewässer eingedrungen sind.
Es hat nicht an Versuchen gefehlt, die verwandtschaftlichen Beziehungen der Hohltiere mit anderen Tieren festzustellen, und es haben zu diesem Behufe besonders die Rippenquallen herhalten müssen, zwischen denen und den Echinodermen man früher zunächst einen gene: tischen Zusammenhang zu finden glaubte. Weit besser ist der neuerdings von Selenka, Lang und Chun angestellte Vergleich jener merkwürdigen Hohltiere mit den Plattwürmern gelungen.
Wir teilen den Kreis der Hohltiere in drei Unterkreise, nämlich in den der Rippenquallen, der Nesseltiere und der Schwämme.
Erster Anterkreis.
Die Rippengqnallen (Ctenophora s. Costifera).
In Gestalt glasheller Apfel, Melonen, persischer Mützen, auch wohl 1-1) m langer Bänder mit einem verdickten Mittelteil schwimmen die Rippen- oder Kammquallen, über welche wir Karl Chun eine glänzende Monographie verdanken, auf offenem Meere oder werden von Strömungen und Winden in die Nähe der Küsten und in die Häfen getrieben. Ihre Lage im Wasser ist gewöhnlich eine mehr oder weniger senkrechte, mit nach unten gekehrter Mundöffnung. Dieselbe führt in einen entweder röhrenförmigen oder ermwei-terten Magen, in welchem die Verdauung geschieht, und aus welchem die unverdaulichen Teile der aufgenommenen Nahrung mit reichlich abgesonderten Schleimmassen wieder durch den Mund entleert werden. Das obere Ende dieses Magens kann zwar zugeschnürt werden, steht aber doch in direkter Kommunikation mit einem engeren oder weiteren trichterförmigen Raume, aus welchem wiederum andere Kanäle entspringen, welche unter der Körperoberfläche längs der gleich näher zu berührenden sogenannten Rippen verlaufen. Jener Trichter besitzt eine dem Munde entgegengesetzte Offnung. Er ist ein Rerservoir für Blut und willkürlich aufgenommenes Wasser; auch Teilchen des Speisebreies geraten aus dem Magen mit hinein, und diese sonderbar zusammengesetzte, wesentlich aber aus Wasser bestehende Flüssigkeit wird durch Wimperorgane in den erwähnten Kanälen in Bewegung gesetzt. Auch durch die Trichteröffnung kann das Wasser aufgenommen werden, dieselbe scheint jedoch vorzugsweise zum Ablassen der schon in Zirkulation gewesenen und mit verschiedenartigen Ab- und Aussonderungen versetzten Leibesflüssigkeit zu dienen.