Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Um die Art, wie die Comatula und überhaupt alle Haarsterne sich ernähren, zu begreifen, bedarf es einer genaueren Untersuchung der Mundseite. Auf unserer Abbildung des Tieres (S. 534), noch deutlicher auf derjenigen des Pentacrinus (b, S. 531), sieht man fünf vom Munde ausgehende Furchen, die sich alsbald nach den zehn Armen gabelig spalten. Es enthält also jeder Arm eine solche Rinne, welche sich bis an seine Spitze fortsetzt. Indem nun dieser Halbkanal mit Flimmern tapeziert ist, welche einen Wasserstrom nach dem Munde zu erzeugen, genügt die bloße Ausbreitung der Arme, um die an und in die Rinnen geratenden mikroskopischen Tierchen, welche zur Nahrung geeignet sind, dem Munde zuzutreiben. Je stiller die Komatel sitzt, um so sicherer und regelmäßiger geht die Nahrungsaufnahme vor sich. An Myriaden mit bloßem Auge unsichtbarer Tierchen und Tierlarven ist an den Stellen, wo die Krinoiden leben, nie Mangel, und daß ein solches unerschöpfliches mikroskopisches Leben sich auch in den reicher ausgestatteten Aquarien sehr bald einstellt, davon kann man sich überall, wo größere derartige Institute sind, überzeugen. Zur Kontrollierung der Nahrungszufuhr kommt unseren Tieren die außerordentliche Empfindlichkeit der Arme zu statten, indem die Tausende von Fiederfortsätzen oder Pinnulä, welche den Armschaft in zwei Reihen besetzen, Tastwerkzeuge feinster Art sind. Jede Pinnula trägt auf der Spitze einige Tasthärchen; sobald daher irgend ein dem Gemeingefühl fremdartiger Körper den Arm berührt oder ein gröberer Gast ins Gehege fährt, legen sich die Pinnulä über der Flimmerrinne zusammen, und der Arm rollt sich ein. Damit ist natürlich eine Austreibung der der Komatel unangenehmen Eindringlinge verbunden.
Über das Vorkommen der Comatula an ihren natürlichen Standorten hat Lacaze— Duthiers die ausführlichsten Mitteilungen gemacht. Er stellt uns den sammelnden und beobachtenden Zoologen und die Lebensverhältnisse der Strandzone wieder so anschaulich vor Augen, daß wir ihn, mit einigen notwendigen Kürzungen, selbst reden lassen. Wir befinden uns in Roscoff, an der Küste der Bretagne, Weymouth gegenüber, wo der sandige, allmählich abfallende Strand von größeren und kleineren granitischen Felsen und Inselchen durchbrochen wird. „Zwischen allen diesen Riffen und im Kanale kommen bei Ebbe ausgedehnte schöne Wiesen von Seegras (Zostera) und Sandbänke, mit Steinen bedeckt, zum Vorschein, welche beide von zahlreichen Tierarten bewohnt werden. Da gibt es alle möglichen einfachen und zusammengesetzten Ascidien, Moostiere, Sertularien (Quallenpolypen, siehe unten), Schwämme, besonders Kalkschwämme, Stachelhäuter, Sy: napten, Lucernarien (siehe unten), zahlreiche Aktinien (siehe unten), nackte und beschalte Mollusken, welche den Zoologen für die Mühe des Sammelns reichlich entschädigen. „Die beiden, gewöhnlich von den Algen eingenommenen Zonen, die obere mit dem
Blasen- und Sägetange (Fucus vesiculosus und F. serratus), die andere mit Laminaria, werden in Roscoff sehr scharf durch die Himanthalia lorea geschieden, jene Alge, welche man als Dünger für die Gemüse gebraucht. Ihr Gürtel wird zur Zeit der Gleichen bloßgelegt, ganz frei wird er aber nur bei den tiefsten Ebben, wenn auch die Laminarien dar: unter zugänglich sind. Man muß diese Dinge wissen, weil man sich keine Vorstellung machen kann von den Schwierigkeiten, die man hat, wenn man versucht, zwischen den Felsen zu sammeln, während diese unter Wasser sind, und man zwischen den langen Bündeln der klebrigen und schlüpfrigen Bänder der Himanthalie herumsteigt, welche die Höhlungen der Steine bedecken und sich einem um die Beine wickeln. Man findet dann fast nichts; das Sammeln ist nicht nur außerordentlich schwer, sondern auch gefährlich, weil man jeden Augenblick hinstürzt. Dagegen ist das Sammeln in der Laminarienzone sowohl leichter, als ergiebiger. Am wichtigsten aber hinsichtlich des Zieles, welches wir hier verfolgen, ist das Vorkommen von Sargassum in dieser Zone, einer Alge, die gewöhnlich auf tieferem Sandboden lebt, unter bestimmten Umständen aber ziemlich hoch heraufsteigt.
„Zur Zeit der tiefsten Ebben reißt das Meer, indem es sich zurückzieht, Gräben in den sandigen Boden und in die Tangwiesen. Es laufen alsdann in diesen Vertiefungen mehrere Bäche ab. In ihnen siedeln sich die Sargassen an und steigen höher hinan, und an ihnen findet man die jungen und alten Komateln. Da die Stämme von Sargassum sehr ästig sind, verflechten sich die Zweige miteinander und bilden eine Art von Strauchwerk, zwischen welchem die Comatula vorzugsweise lebt. Auch die Ascidien, Schwämme, Quallenpolypen und Moostiere find darin jo zahlreich, daß jeder Sargassumstamm eine ganze Sammlung an sich trägt. Die Komatel findet sich daran manchmal in solchen Mengen, daß sie die Aste fast völlig bedeckt.“
Diese Art, sich an wenigen Tagen des Jahres des Haarsternes mit der Hand zu bemächtigen, ist natürlich nur an Küsten mit hoher Flut und Ebbe ausführbar, also weder im Adriatischen noch im Mittelmeer.
Wir haben bisher nur das bescheidene Dasein der erwachsenen Komatel beobachtet. So blumenhaft sie auch aussieht, hält sie doch den näheren Vergleich mit einem Seegewächs nicht aus, der für die anderen, die gestielten Haarsterne, sich von selbst ergibt. Aber jede Komatel macht in ihrer Jugend die bleibende Stufe des Pentacrinus durch und verweist damit auf ihre Abstammung von gestielten Formen. Den Ausgang der Entwickelung hat sie mit ihren Klassengenossen gemein. Aber auf einer bestimmten Stufe, nachdem der Darmkanal entstanden, verlängert sich das Hinterende, und das Tierchen heftet sich mit demselben an irgend einen Gegenstand an. Sie haben zunächst das Aussehen einer kleinen kurzstieligen Keule, so winzig, daß sie kaum mit unbewaffnetem Auge zu entdecken sind. Man kann diese erste Zeit, wo noch die Arme nicht entstanden sind, mit der Stufe der Puppe des Schmetterlings vergleichen, da der anfänglich vorhanden gewesene Mund der jungen Komatel jetzt von einer Hautschicht überwachsen ist, unter welcher die uns bekannte Mund: scheibe des fertigen Tieres ihre definitive Gestalt annimmt. Allmählich brechen die Arme durch, unter fortschreitendem Wachstum des Stieles, welcher wesentlich dem Stiele des Pentacrinus gleicht. So gleich ist überhaupt jetzt die gestielte Komatel dem zeitlebens an seinen Stiel gefesselten Pentacrinus, daß die Vorstellung, die Komatel stamme von pentakrinusartigen Vorfahren ab, für den denkenden Naturforscher unabweisbar erscheint. Sie erhebt sich über den einst stabilen Zustand, indem sie zu freiem Leben vom Stiele sich ablöst, nachdem am Rücken die oben beschriebenen, mit Klauen versehenen Ranken r getreten sind. Man findet die gestielten jungen Komateln überall, wo die Erwachsenen in größerer Menge sich aufhalten. Ich entdeckte sie in unzählbaren Mengen auch im Aquarium der zoologischen Station in Neapel.
Auch die erwachsenen Komateln, welche in Meerestiefen bis gegen 5000 m vorkommen, leben meist gesellig. So fingen die französischen Forscher an Bord des Schiffes „Talisman“ einmal auf einem einzigen Fischzuge bei 130 m Tausende von Comatula phalangium und die Amerikaner bei Gelegenheit einer der Expeditionen der „U. S. Fishcomission“ an der Küste von Neuengland über 10,000 Exemplare der gemeinen Comatula rosacea.
Wir müssen noch einiger Lebenserscheinungen gedenken, welche bei Schlangen-, Seeund Haarsternen in gleicher oder ähnlicher Weise auftreten. Es sind das die Erscheinungen der Bewegung, der Selbstverstümmelung und der ungeschlechtlichen Vermehrung, die auch bis zu einem gewissen Grade miteinander im Zusammenhange stehen.
Über die Bewegungen dieser Tiere verdanken wir Romanes, ganz besonders aber Preyer, ausführliche und höchst interessante Beobachtungen, und da der erste Forscher
dieselben an der englischen Küste, der zweite aber in Neapel anstellte, so betreffen sie meist verschiedene Arten. Über die Lokomotion der genannten Stachelhäuter überhaupt spricht sich Preyer folgendermaßen aus: „Durch die große Anzahl, das Haftvermögen und die Beweglichkeit ihrer Ambulakralfüßchen find die Asteriden befähigt, in verschiedener Richtung auf horizon: taler Fläche zu kriechen und vertikale Flächen hinaufzuklettern, falls der Saugmechanismus der Füßchen nicht rudimentär geworden oder die Füßchen der Radien überhaupt zurückgebildet sind. In diesem Falle, bei Ophiuren, vermitteln die Strahlen als solche die Lokomotion, was auch für die Krinoiden gilt, während bei den Asteriden den Ambulakralfüßchen die lokomotorische Funktion zufällt. Die Art der Vorwärtsbewegung ist demnach bei den eigentlichen Seesternen eine ganz andere als bei den Schlangen- und Haarsternen. Jene kriechen und klettern ohne Unterstützung vertikale Glaswände hinauf, schwimmen und springen aber niemals, obwohl sie vielerlei an akrobatische Kunststücke erinnernde äquilibrierende Bewegungen ausführen; die Ophiuren dagegen können nicht ohne Unterstützung und dann nur schlecht klettern, auch nicht schwimmen, aber viel schneller als die Asteriden durch Anstemmen, Vorschieben und Nachziehen ihrer Radien sprungweise vorwärts gehen, während die Krinoiden durch alternierendes Heben und Beugen, Senken und Strecken ihrer Radien nach oben oder unten, ohne Raddrehung oder Wälzung nach links, rechts, vorwärts und rückwärts horizontal schwimmen können. Sie vermögen aber ebensowenig wie die Ophiuren ohne Unterstützung eine ganz glatte Fläche vertikal emporzuklettern, so leicht es ihnen ist, an rauhen Felswänden hinaufzusteigen und sich an langen Zweigen im Wasser zu halten.“
Beim Kriechen strecken die Seesterne und die übrigen mit Füßchen versehenen Echinodermen dieselben in der Richtung der Ortsveränderung aus, fixieren sie an den Boden und ziehen den Körper nach. Obwohl das Marschieren der Seesterne dadurch ein ziemlich langwieriger Vorgang wird, bewegen sich manche auf flachem horizontalen Terrain doch ziemlich rasch fort. So legt Uraster rubens im Wasser in der Minute bis 8 cm, Astropecten aurantiacus aber 60 em zurück, und Luidia ist noch schneller. Auch abgeschnittene Strahlen bewegen sich tagelang vor- und rückwärts, aber es ist kein Plan in den Be: wegungen, es sei denn, daß ein zentrale Nervenmasse enthaltender Teil der Scheibe mit abgeschnitten wurde. Die Bewegung der Schlangensterne, die ihre Pedicellen dabei nicht benutzen können, ist eine andere, mehr und besonders bei Ophioglypha sprungweise. „Zuerst wird ein Radius in der Progressivrichtung geradeaus vorgestreckt, während die beiden Nachbarradien gleichzeitig sich ebenfalls vorschieben, aber nur um sogleich wieder, mit den Spitzen an den Boden sich stemmend und die Scheibe hebend, nach hinten umzubiegen, dann strecken sie sich wieder vor u. s. f. Nicht selten sieht man aber bei Ophioglypha gleichzeitig zwei Radienpaare vorgeschoben werden und sich gleichzeitig nach hinten umbiegen und gegen den Boden stemmen. Dann wird der fünfte Strahl allein nachgeschleppt.“ Andere Schlangensterne mit im Verhältnis zum Scheibendurchmesser längeren Strahlen scheinen überwiegend oder ausschließlich durch die Schlangenwindungen dieser und die dadurch herbeigeführte Reibung am Boden vorwärts zu kriechen. Sie bewegen sich weit rascher als die Seesterne; eine Ophioglypha legt in der Minute etwa 2 m zurück.
Schlangensterne, welche man auf den Rücken gelegt hat, drehen sich in wenigen Sekunden um, wobei sie einen einfachen Purzelbaum schlagen. Bei den Seesternen geht das Geschäft nicht so rasch vor sich. Zunächst dehnen sie sämtliche Saugfüßchen stark aus, strecken sie nach allen Richtungen aus und bewegen dieselben lebhaft hin und her. Diese Bewegungen sind namentlich an der Spitze der Strahlen, welche auch bald anfangen, sich
um sich selbst zu drehen, sehr lebhaft. „Da werden auch gewöhnlich die Füßchen zuerst an den Boden geheftet, und nach und nach geht dieses Ansaugen zentripetal vorwärts, gleichzeitig bei 2, 3 oder auch manchmal 4 Strahlen, seltener bei allen 5. Sind 2 oder 3 genügend festgeheftet, dann werden die übrigen übergeschlagen.“ Preyer fand, daß je größer ein Seestern war, desto länger im allgemeinen die Zeit war, welche er zur Selbstumwendung braucht: Exemplare von 12 em Durchmesser verwandten manchmal eine Stunde darauf, andere Formen indessen nur eine halbe bis eine ganze Minute.
Preyer experimentierte nun mit den Tieren in der verschiedensten Weise und brachte sie in Zwangslagen, in welchen vorher gewiß nie eins ihrer Sippe gewesen war, aus denen sie sich aber, und ganz besonders die Schlangensterne, auf eine Art und Weise zu befreien wußten, welche auf eine nicht geringe Intelligenz dieser Wesen zu schließen berechtigte.
Sehr häufig indessen reagieren See-, Schlangen- und Haarsterne auch auf andere Weise gegen Experimente, die ihnen lästig sind, nämlich durch Selbstverstümmelung. Wenn man einen Schlangenstern bei einem seiner Arme einigermaßen hart zu fassen bekommt, so löst er denselben im Augenblick ab, und man hat mit dem sich krümmenden und windenden Strahl in den Händen verdutzt das Nachsehen, denn die heroische Ophiure ist mittlerweile in das Meer zurückgeplumpst und längst untergesunken. Eine Comatula, die man in süßes Wasser versetzt, zerfällt inwenigen Sekunden in eine Anzahl kleiner Stücke, und die Seesterne Asterias tenuispina und Luidia ciliaris opfern leicht einen oder mehrere ihrer Arme, besonders wird von der letzteren wie auch von der schönen und seltenen Brisinga kaum ein Exemplar aufgefunden, daß nicht an irgend einem seiner Arme die Spur einer früheren Selbstverstümmelung zeigt. Das Vorteilhafte dieser überraschenden Erscheinung liegt auf der Hand: es steht den Tieren, wie es früher schon von den sich selbst amputierenden Krebsen hervorgehoben war, dadurch eine größere Möglichkeit des Entschlüpfens offen. Aber bei den Echinodermen kommt, ähnlich wie bei den sich freiwillig teilenden oder künstlich geteilten Ringelwürmern, noch ein weiterer Punkt hinzu.