Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Außer den zur Bewegung und zum Anheften dienenden Ambulacralbläschen sehen wir einige Büschel mit Scheiben versehener Bläschen als W sehr empfindliche Tastwerkzeuge arbeiten. Die meisten Herzigel leben in größeren Tiefen, etwa von 20 Faden an, auf Schlamm und vorzugsweise auf Sandgrund. Etwas eingegraben, ziehen sie in demselben ihre Furchen, wobei sie vermittelst der schöpfkellenartig vorgebogenen Unterlippe sich ununterbrochen mit Sand füllen. Sie nähren sich nämlich nur von den organischen Bestandteilen und mikroskopischen Organismen, welche zufällig oder infolge ihrer Lebensweise im Sande sich finden. Da nun die Darmwände sehr dünn und zerreißlich und der Darmkanal immer prall mit Sand gefüllt ist, erfordert die Zergliederung der Tiere große Vorsicht.
Eine der interessantesten Familien der Herzigel sind die Pourtalesien (s. Abbild. S. 525 unten u. S. 526), von A. Agassiz zu Ehren des Grafen Pourtalés benannt. Sie haben eine sehr eigentümliche, an Steinhämmer erinnernde Gestalt und leben sämtlich in großen Tiefen.
Manche, vielleicht sehr viele Herzigel graben sich vollständig in den Sand ein, wie solches von Robertson und Giard an dem in der Nordsee häufigen Amphidetus
cordatus beobachtet wurde. Dieser dringt 15—20 em tief in den Sandgrund ein und tapeziert sich seine Wohnung, eine Höhle mit einem federkieldicken Eingange und einer eben solchen Ausführungsröhre, mit einer schleimigen Absonderung aus. Die erste der Röhren
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ERS AURNARG
Herzigel (Perinopsis iyrifera). Natürliche Größe.
führt auf die Mitte des Rückens, da, wo die Blätter der Fühlerrosette zusammenstoßen, und dient zur Wasser- und Nahrungszufuhr. Der Herzigel vermag ein Büschel langer, wurmähnlicher Saugfüßchen durch die Röhre und noch mehrere Zentimeter darüber hin—
Pourtalesia phiale, nach Entfernung der Stacheln. 4mal vergrößert.
aus zu strecken; diese Saugfüßchen, mit feinem Tastvermögen begabt, befördern Sandkörner und andere, namentlich organische Gegenstände in die Röhre. Dieselben werden, auf dem Rücken des Tieres angelangt, von Wimpern und kurzen Stacheln in Empfang genommen und nach der Mundöffnung geleitet. So füllt sich der Darm, um das durchpassierte Material in die zweite Röhre auszustoßen. Es scheint, als ob das Tier auch das
reichlich und ununterbrochen in den Darmkanal aufgenommene Wasser gewaltsam durch die Kanalöffnung auspressen könnte. Nur so nämlich erklärt sich die starke Strömung in der hinteren Röhre, durch welche der verbrauchte Sand wieder an die Oberfläche befördert wird. Wie lange der Amphidetus an einer Stelle bleibt, ist unbekannt; es ist auch möglich, daß er, gleich den in Felsen eingegrabenen Seeigeln, in seiner Wohnung sich stabil auf: hält und auf die zufällige Nahrungszufuhr angewiesen ist. Fast regelmäßig finden sich in dem mit Schleim ausgekleideten Wohnraume des Herzigels einige kleine Amphipoden⸗ Krebse (Urothoe).
Von besonderem Interesse sind die Verhältnisse der Verbreitung, besonders der vertikalen der drei Seeigelordnungen im Meere. A. Agassiz nimmt für dieselbe drei Zonen an: die litorale in der Nähe der Küsten bis zu einer Tiefe von 270 m, die kontinentale, in der die Veränderungen, welche die Kontinente während ihrer geologischen Entwickelung gefunden haben, bis zu 900 m, und die abyssische, welche, seit sie überhaupt vorhanden ist, wenige oder gar keine Veränderungen erfahren hat. Sie reicht bis in die größte Tiefe, in der Seeigel überhaupt noch vorkommen. Als solche kennen wir vorläufig 5300 m, wo Pourtalesia laguncula gefunden wurde. Ein für die meisten See: tiere geltendes Gesetz, daß fie nämlich um jo einför- Peurtalesia ceratopyga. Natürliche Größe. miger werden und horizontal um so weiter verbreitet sind, je tiefer die Zone ihres Vorkommens im Meere ist, finden wir auch bei den Seeigeln bestätigt. Die Verhältnisse an der Küste sind weit mannigfacher als in der Tiefsee: die Unterschiede der Temperaturen und des Untergrundes sind viel bedeutender dort als hier und die Bewegung des Wassers, ein die Tierwelt mächtig umgestaltender Faktor, kommt in der Tiefe in Wegfall. Auch ein anderes Gesetz, welches sich aus der vertikalen Verbreitung der Meeresbewohner ableiten läßt, tritt uns bei Betrachtung des Vorkommens der Seeigel entgegen: daß nämlich Arten, welche eine sehr große horizontale Verbreitung haben, sehr häufig auch in vertikaler Richtung die verschiedensten Tiefen bewohnen. Ein paar Beispiele mögen zur Erläuterung genügen. Echinus acutus ist von Norwegen bis Ascension und vom Mittelmeere bis zur Ostküste Amerikas (also zwischen 70 Breiten- und 70 Längsgraden) und von der litoralen Zone bis zu 2500 m beobachtet worden, Echinus elegans geht von der Nachbar: schaft der Küste bis zu 1800 m Tiefe und bewohnt den ganzen Atlantischen Ozean vom hohen Norden bis Tristan d'Acunha, ja, ist sogar aus den Gewässern um Neu-Guinea bekannt.
Die vertikale Verbreitung der drei Seeigelordnungen ist durchaus nicht die gleiche. Die echten regelmäßigen Seeigel nehmen mit der Tiefe an Artenzahl ziemlich harmonisch ab, gehen aber in einer Art, wie wir sahen, doch bis 5300 m hinab. Die Clypeastriden finden sich in zwei Arten noch bei 1800 m, gehen aber, soweit bekannt, nicht tiefer, während die Spatangiden eine merkwürdig gleichmäßige Verteilung in vertikaler Richtung zeigen: noch zwischen 2500 und 5000 m kommen etwa 10 Proz. der bekannten Arten vor.
Das ist sehr merkwürdig und zwar um deswillen, weil die Spatangiden die jüngste der drei Seeigelordnungen ist und wir sonst von wirbellosen Seetieren meist die älteren und altertümlichen Formen in der Tiefsee vertreten finden. Die Ursache dieser über: raschenden Erscheinung ist in den Ernährungsverhältnissen der drei Echinidengruppen zu suchen. Marshall bemerkt hierzu: „Cideriden (die regelmäßigen Seeigel) und Clypeastriden füllen sich den Darm zwar auch mit Schlamm, sind aber mit ihrem Kauapparat doch auch auf frische animalische und vegetabilische Nahrung angewiesen, während die Spatangiden wie die Holothurien ausschließlich maritime Sedimente fressen. Ihnen war daher wohler auf dem Boden des Meeres als ihren Vettern; vielleicht könnte sogar jemand die Behauptung aufstellen, daß die Spatangiden aus den Clypeastriden gerade in den größeren Meerestiefen hervorgingen, und in die seichteren Gewässer erst einwanderten.“
Dritte Klasse. Die Seesterne (Asteridae).
Die Seesterne sind in ihrer natürlichen Stellung, gleich den Seeigeln, mit dem Munde nach unten gerichtet, zeigen aber eine sehr verschiedenartige Ausbildung dieser Bauch- und der Rückenseite. An jener verlaufen vom Munde aus die Rinnen mit den Saugfüßchen, diese ist gewölbter, und sowohl der mittlere jeden nn _ — förmige Teil als die Stra ZZ, len des Körpers find in an- 8 N = = — derer Weise getäfelt, ge g. körnt, bestachelt und in der == Regel lebhafter oder dunk⸗ HiIHNrum ler gefärbt. Reichliche innere und äußere Kalkbildungen treten skelettartig zusammen, allein immer verbleibt dem Körper we: nigstens ein gewisser Grad der Biegsamkeit, welche in der Abteilung der Schlangensterne sogar einer außerordentlichen Gelenkigkeit der Armstrahlen Platz macht.
Obwohl die Zahl der überhaupt bekannten Arten sich Porzellanstern (Porcellanaster caeruleus). Natürliche Größe. nicht viel über 500 beläuft (gegen 1600—1700 lebende und fossile Seeigel), jo gehören fie doch wegen der enormen Individuenmenge mancher Arten zu den allbekanntesten Küstentieren, denen man entweder ihrer auffallenden Gestalt halber den neugierigen Blick schenkt, oder die von Fischern als völlig unbrauchbare, aber desto gefährlichere Feinde des wertvollen Inhaltes ihrer Netze, der an den Senkleinen befindlichen Köder, der Schnecken, der Austernbänke mit Haß und Vernichtung verfolgt werden.
Die Tiefsee birgt zahlreiche Formen von Seesternen. Unter 1000 Faden wurden noch Vertreter von 26 Gattungen gefunden. Besonders charakteristisch find die Borzellan-sterne (Porcellanasteridae), von denen die umstehende Abbildung eine Vorstellung gibt.
Bei den Seesternen erscheinen die Strahlen als unmittelbare Fortsätze und Zipfel der Scheibe, sind hohl und enthalten einen Teil der Eingeweide, und wechseln von solchen Formen, welche sozusagen nur aus den Strahlen, fast ohne vereinigende Scheibe, bestehen, zu solchen, welche reine fünfseitige Scheiben sind. Die meisten Seesterne haben nur eine Madreporenplatte. Ihre Zahl kann im äußersten Falle auf fünf steigen. Für die systematische Begrenzung der Sippen ist auch noch auf die An- oder Abwesenheit der kleinen Afteröffnung im Mittelpunkte der Rückens zu achten.
Jedem Beobachter wird es sogleich auffallen, daß das Ende der Strahlen eines kriechenden Seesternes, und besonders die gerade vorwärts gerichteten etwas aufgebogen gehalten werden. Dabei werden die Saugfüßchen der gelüfteten Spitzen als Taster ausgestreckt; auf die übrigen wird die Arbeit des Ziehens verteilt. Auf der Spitze eines jeden Strahles befindet sich aber auch ein Auge, welches man an großen Seesternen als ein feines rotes Pünktchen wahrnimmt. Durch das Mikroskop ist ein Bau dieser Organe sichergestellt, welcher sie als wirkliche Sinnes- und zwar Gesichtswerkzeuge erscheinen läßt.
Am liebsten gehen die Seesterne auf Schnecken und Muscheln. Sie legen ihre Bauch: scheibe mit den Saugfüßchen und dem Munde um die Beute, welche zwar anfänglich Deckel und Schalen fest anziehen und verschließen, allein wohl infolge des Ausscheidens eines betäubenden Saftes bald in ihrem Widerstande nachlassen, so daß eine Art von häutigem Rüssel, welchen der Seestern ausstülpt, in das Weichtiergehäuse eindringt oder es umfaßt und dessen Inhalt aufsaugt. Seesterne, wie Asterias arenicola an der nordamerikanischen Küste, sind mithin die gefährlichsten Feinde der Austernbänke. Das einzige Mittel gegen sie ist, sie mit dem Dredschnetz zu fangen und dann am Lande absterben zu lassen. Sie in Stücke schneiden und wieder ins Wasser werfen, würde nichts anderes heißen, als sie künstlich vermehren. Man findet nicht selten mehrere Seesterne um eine Muschel geballt, und oft bin ich von dem Arger der Fischer Zeuge gewesen, wenn sie an den über Nacht gelegenen Tiefangeln statt der gehofften Dorsche und Kabeljaus die auf der Jagd nach den Ködern sich angehakt habenden Seesterne aufzogen. Für den Naturforscher fällt dabei nicht selten gute Beute ab. Das einzige Exemplar des seltenen Asteronyx Loveni, eines Schlangensternes, welches ich auf meiner norwegischen Reife erbeutete, bekam ich am Orfjord von einem Fisch-Lappen, der es noch an der langen Angelschnur hatte.
Eine sehr interessante Gruppe von Seesternen bilden die Brisin giden, welche einen ähnlichen Bau wie die Schlangensterne zeigen, indem sie eine runde Körperscheibe besitzen, gegen die sich die zahlreichen langen runden Arme scharf absetzen. Jedoch verläuft auf der Unterseite dieser Arme, wenn auch nicht bis zum Munde hin, eine Furche für die Füßchen. Der Entdecker dieser Seesternordnung ist der norwegische Naturforscher und
Dichter Peter Kirsten Asbjörnson, der eine elfstrahlige Art (Brisinga endecacnemos) aus dem seiner landschaftlichen Reize halber berühmten Hardangerfjord aus einer Tiefe von 350 m fischte. Dieses Tier hat sehr bewegliche, bis 30 em lange Arme und eine prächtige rote Farbe. Man kennt jetzt eine ganze Reihe von Arten dieser und einiger verwandter Gattungen, welche sämtlich die Tiefsee bewohnen und sich von allen Stachelhäutern dadurch auszeichnen, daß sie wundervoll leuchten.
STACHELHAUTER
Brisingiden. — Echte Schlangensterne. 1 de)
Vierte Klasse. Die Schlangensterne (Ophiuridae).
Diese Klasse wurde früher als eine Unterordnung der Seesterne aufgefaßt, aber sie bietet so viel Eigentümliches, daß eine solche Auffassung doch nicht recht zulässig erscheint. Die 700 Arten, welche sich auf zwei Ordnungen verteilen, zeichnen sich durch eine außerordentliche Gelenkigkeit und Beweglichkeit der Arme aus, welche nicht als unmittelbare Fortsätze der Scheibe erscheinen, sondern derselben an der Unterseite gleichsam eingefügt und eingesetzt find. Sie haben auf der Mundseite keine Längsfurche, wie die Seesterne, N ER nr 1 W Nun,|sondern sind mit einer kontinuierlichen Reihe NNN 7%le0 z sich deckender Schüppchen versehen, zwischen e?7 00 NN 2 s denen die mehr oder weniger rudimentären Füßchen an den Seiten hervortreten. Sie sind auch nicht hohl, sondern gänzlich von einer Reihe wirbelartiger Kalkscheiben ausgefüllt, welche den anderen Seesternen zwar auch nicht fehlten, dort aber, wie oben be: merkt, noch hinlänglichen Raum für ver: schiedene Eingeweide über sich lassen. Die Madreporenplatte befindet sich an der Mundfläche und eine Afteröffnung fehlt.
Die Schlangensterne find ebenso verbreitet wie die Seesterne, eine ganze Reihe durch Verschiedenheit der Schuppen und Stacheln und andere kleinere Merkmale auseinander gehender Formen bevölkert unsere Küsten und ganz besonders deren felsigen und bewachsenen Strecken. Allein, wenn man sie nicht aufzusuchen versteht, bekommt man die Schlangensterne nur selten zu Gesicht. Sie sind schlau und furchtsam und klettern und schlüpfen mit äußerster Gewandtheit in Felsritzen zwischen Korallenästen, Wurmröhren, Wurzelwerk, kurz, auf dem unwegsamsten Boden umher. Sie gebrauchen dabei die Saugfüßchen nur beiläufig, befestigen sich dagegen mit den Armen, welche sie um dünne und dicke Gegenstände wie ebenso viele Wickelschwänze schlingen. Das wichtigste Geschäft, dem sie so gewandt obliegen, ist natürlich das Suchen nach Nahrung. Wie sie aber überhaupt sich weit zierlicher und eleganter tragen, als ihre etwas plumpen Genossen der Sippe Asterias, erscheinen sie auch weit weniger gefräßig. Das kommt daher, weil sie mit allerlei kleinem Getier vorlieb nehmen. Die in der Tiefe wohnenden Arten klettern am liebsten auf den ästigen und netzförmigen Hornkorallen umher, deren Weichteile sie abfressen.