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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
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Andere Organe auf der Oberfläche der Seeigel sind in Bezug auf ihren Nutzen ziemlich rätselhaft. So liegen in fünf bestimmten Platten um den Rückenpol herum fünf rote punktförmige Organe, welche nach der Lage zu den Ambulacren und ihrem Verhältnis zum Nervensystem sicher den zweifellosen Augen der Seesterne entsprechen. Richtige, bilderzeugende Augen sind es indes gewiß nicht, und ihre Lage ist in der That fast komisch. Ich finde nicht, daß jemand sich die Frage ernstlich vorgelegt hat, was wohl dem Seeigel seine Augenpunkte nützen könnten. Sie sind den Richtungen, in welchen die Tiere sich fast ausnahmslos bewegen, so abgewendet, daß eine direkte Orientierung durch die obendrein zwischen den Stacheln und Pedicellarien versteckten Augen ganz unmöglich erscheint. Die Erklärung scheint mir die annehmbarste, daß die Seeigel-Augen rudimentäre Organe find, von Vorfahren herstammend, wo sie, ähnlich wie bei den Seesternen, eine vorteilhafte Lage einnahmen. Vielleicht genügen sie aber auch, eine dem Tier von obenher drohende Gefahr, den Schatten eines nahenden Gegners etwa, zu verraten, so daß es Zeit gewinnt, seine Stachelbewaffnung in geeigneter Art anordnen zu können.

Wahre Augen fanden Paul und Fritz Sarasin bei Diadematiden (Diadema setosum und Astropyga Freudenbergii), einer Familie der regelmäßigen Seeigel. Diadema setosum ist in allen wärmeren Meeren, auch um Ceylon verbreitet und ist äußerft empfindlich gegen Licht und Schatten. Nähert man sich einem Exemplar, ohne das Wasser oder das Gefäß, in dem es sich befindet, zu berühren, fo wendet es seine äußerst spitzen langen Stacheln, welche leicht abbrechen und in die Haut eingedrungen sehr lebhaft schmerzen, immer nach der Seite hin, von welcher sich ihm die Hand nähert; eine Reaktion, die nur in der Gegenwart von Augen ihre Erklärung finden kann. Und solche Augen sind auch in der That und in großer Anzahl vorhanden und zwar in Gestalt lebhaft glänzender, von der schwarzen Oberhaut des Tieres sich prachtvoll abhebender blauer 33*

Flecke von verschiedener Größe. Die größten liegen in den fünf interradiären Platten um den After und zwar in jeder Platte je eins. Von hier verläuft eine Reihe kleinerer entlang dem stachellosen Mittelteile des Zwischenstrahls. Dieser gabelt sich ungefähr in der Mitte der Schale, und ebenso gabelt sich auch die Reihe blauer Fleckchen, welche nach der Mundfläche des Seeigels an Glanz immer mehr abnehmen und immer einzelner auftreten. Weiter läuft um die Basis eines jeden Stachels des Interradius ein Kränzchen solcher kleinen Fleckchen, und ebenso verläuft eine Reihe entlang der Ambulacralrinne. Die nähere Untersuchung der Flecke lehrte, daß sie ganz regelrechte Augen waren, welche in ihrem Bau lebhaft an die der Insekten erinnerten, also zusammengesetzt waren. Sie bestanden je nach der Größe des Fleckes nur aus wenigen oder vielen Hunderten meist sechs-, seltener fünfseitiger Pyramiden einer durchsichtigen, stark lichtbrechenden Substanz, welche mit ihrem spitzen Ende in Bechern schwarzen Pigmentes saßen. Da eine jede solche Pyramide in gewissem Sinne einem einzelnen Auge entspricht, so ist die Gesamtzahl der bei Diadema setosum und ganz ähnlich bei Astropyga Freudenbergii vorhandenen eine ungeheure.

Der schwedische Zoolog Sven Lovén hat noch eine neue Art mikroskopischer Organe bei allen seeigelartigen Stachelhäutern entdeckt, welche er Sphäridien oder Kugelorgane nannte. Es sind ellipsoidische, kugelige Körperchen in der Nähe des Mundes und auf den unteren Ambulacralplatten. Sie nähern sich in ihrem feineren Baue den Stacheln, aber aus ihrer Stellung, oft in kleinen Grübchen und unter anderen Schutzvorrichtungen, sowie dem Umstande, daß sie mit besonderen Nerven ver— RS jehen find, läßt sich der Schluß ziehen, daß fie 9 Sinneswerkzeuge find. Loveèn möchte fie für £ ' eine Art von Geruchswerkzeugen halten.

Zahngerüst des Stein-Seeigels. Natürliche Größe. Unter allen Sippen der Ordnung sind die Echinen mit dem stärksten Kauapparate ausgestattet. Das Gerüst wird von dreiseitigen, fast pyramidalen Stücken mit mehreren Nebenknöchelchen zusammengesetzt, in deren jedem ein langer, am freien Ende recht fester Zahn enthalten ist. In der vorstehenden Abbildung ist a das Ganze, b eine isolierte Zahn: pyramide von der inneren Seite, „ dieselbe von oben. Der in d abgebildete, mit fünf Ohren versehene Kalkring befindet sich als Teil der Schale im Umkreise des Mundausschnittes am Gehäuse und dient zur Fixierung und Stütze des Gebisses.

Trotz des fürchterlichen Aussehens und des scharfen Gebisses find die Seeigel im allgemeinen sehr harmlose Tiere. Sie sind ungemein träge und scheinen sich wesentlich nur von den Seegräsern und Tangen und den daran angesiedelten Tieren zu nähren. Ich habe die Gewohnheiten des Stein-Seeigels (Echinus saxatilis oder Strongylocentrotus lividus) beobachtet, welcher im ganzen Mittelmeere gemein ist und auch längs der dalmatinischen Küste sich in unzählbaren Scharen in der Nähe des Strandes auf Felsengrund aufhält. Sie suchen teils natürliche Vertiefungen des Bodens auf, teils sind sie im stande, sich in dem Gestein kreisrunde Löcher auszuhöhlen, ja dieselben derart zu erweitern, daß sie aus dem selbst gegrabenen Gefängnis nicht wieder heraus können. Wie sie in diesem Falle mit ihrer großen Gefräßigkeit auskommen, weiß ich nicht. Sollten hier doch vielleicht die Pedicellarien als Handlanger dienen? Der neueste Untersucher des Bohrens der Seeigel, Georg John, faßt das Resultat seiner Beobachtungen dahin zusammen: „Die in den Gesteinen gefundenen und von Seeigeln bewohnten Höhlen rühren von diesen selbst her. Der Echinus erzeugt seine Wohnstätten mittelst seines Kauapparates und sekundär mit Hilfe der Stacheln durch rotierende Bewegung. Er bohrt sich solche Höhlungen,um einen

Zahngerüſt des Stein-Seeigels. Natürliche Größe.

Schutz gegen das brandende Meer zu haben. Die Kalkalgen, welche die von Seeigeln bewohnten Gesteine bedecken, lagern sich mechanisch auf das Gestein und haben keinen Einfluß auf die chemische Beschaffenheit der Oberfläche desselben, können daher auch nicht mit dem Entstehen der Echinus-Höhlen in Zusammenhang gebracht werden.“

An vielen Stellen ist der Grund des Meeres entlang der dalmatinischen Küste ganz dunkel von Exemplaren des Stein-Seeigels. Die meisten der regungslos sich verhaltenden Tiere tragen einige Muschelfragmente, Steine und dergleichen auf dem Rücken, wo sie durch die zunächst befindlichen Saugfüßchen festgehalten werden. Ich nahm ein Exemplar mit auf mein Zimmer, entfernte seine Bürde vom Rücken und setzte ihn in ein weißes mit Meerwasser gefülltes Becken. Er fühlte sich offenbar sehr unbehaglich, suchte sich zu verbergen und bedeckte sich alsbald mit Stücken der Lattich-Ulve und Algen, die ich mit in das Becken gethan. In einer Viertelstunde hatte er sich vollkommen eingehüllt und auch die Muschel, die ich ihm abgenommen, wieder auf seinen Rücken gebracht. Entfernte ich ein größeres Stück der Ulve, so setzte er sich inBewegung, aber nur, um das verlorene Mantelstück zu suchen, wobei er sehr bedacht war, das, was er sich sonst umgehangen hatte, nicht zu verlieren. Ich nahm ihm nun die Muschelschale, die er als ein so wertvolles Gut auf dem Rücken trug, und legte sie ihm in den Weg. Daran angekommen, setzte er die Scheiben einiger Saugfüßchen an und stellte die Schale nach einigen vergeblichen Versuchen, da ihm die Stacheln hinderlich waren, auf die Kante. Nun aber, als dies gelungen, benutzte er mit großer Geschicklichkeit die Stacheln und hob mit ihnen und zog mit den sich ablösenden Saugröhren seinen Besitz binnen wenigen Minuten auf den Rücken.

Beim Kriechen werden, wie gesagt, die Stacheln als Stelzen benutzt, die Saugröhrchen zum Ziehen. Sie können über die Stacheln hervorgestreckt werden, und ein mit vielen Saugröhren vor Anker liegender Seeigel gleicht dem von den Lilliputanern gefesselten und angestrickten Gulliver. Mein Bootsmann in Lesina, der seit Jahren mich auf meinen dortigen Exkursionen begleitete, konnte vom Boote aus die Männchen und Weibchen des Echinus saxatilis unter: scheiden. Die ersteren sind etwas kleiner, dunkler und kugeliger, die Weibchen platter und mehr ins Rötliche violett. Mir wurde die Unterscheidung sehr schwer, mein Gehilfe täuschte sich jedoch nie. Es scheint mir dies die erste Notiz über die äußere Verschiedenheit der Geschlechter zu sein. Eine andere Behauptung meines Fischers begleitete ich zuerst mit dem ungläubigsten Lächeln. Er sagte nämlich, nie würden von den Männchen die Steine und Muschelfragmente auf den Rücken genommen, und richtig, alle die mir vom Boote aus als Männchen bezeichneten Tiere ohne jene Bürde erwiesen sich als Männchen, während ausnahmslos die zahlreichen Stein- und Muschelträger, welche ich aufbrach, dem anderen Geschlechte angehörten. Es ist nämlich sehr leicht, während der Fortpflanzungszeit, die fast das ganze Jahr hindurch zu dauern scheint, an den geöffneten Tieren das Geschlecht zu erkennen. Die Weibchen haben fünf schöne gelbe traubenförmige Eierstöcke, und diese gewähren als eine. sehr schmackhafte Speise den einzigen Nutzen, den man den Seeigeln nachrühmen kann. Ich bekam den Stein-Seeigel zum ersten Male auf einem französischen Dampfer beim Diner vorgesetzt, und ein regelmäßiger Konsum scheint sich auch nur auf die französischen Mittelmeeküsten zu beschränken, doch werden sie auch auf Korfu sehr gern gegessen. In Marseille allein sollen jährlich 100,000 Dutzend auf den Markt gebracht und das Dutzend zu 20—60 Centimes verkauft werden. Auch die Kabeljaus und 7 1 ern De wie Agassiz jagt.!

Erst im Sommer 1875 hat Dohrn eine thatsächliche Erklärung jenes Eifers mancher Seeigel, sich mit verschiedenen Gegenständen zuzudecken, versucht, indem er von ähnlichen Erscheinungen bei den höheren Krebsen ausging (s. S. 35). Er beobachtete den im Mittelmeere ebenfalls sehr häufig vorkommenden kurzstachligen Seeigel (Toxopneustes brevispinosus). Er jagt: „Man wird selten ein Exemplar dieses Seeigels im Aquarium finden, das nicht auf der aboralen (Rücken-) Seite eine Anzahl von Muschelschalen mittels seiner Saugfüßchen festhielte. Das geht sogar so weit, daß ich mehrfach Toxopneustes mit jo viel Muschelschalen besetzt fand, daß von dem Tiere selbst gar nichts mehr zu sehen war. Ich zählte auf einem Exemplare von 2 Zoll Durchmesser 26 Muschelschalen, jede von etwa einem Zoll Länge und einem halben Zoll Breite. Bei der Fortbewegung des Tieres wird also der Eindruck hervorgerufen, als käme ein Haufen Muscheln näher. Diese, an „mimiery“ erinnernde Thatsache, scheint mir auch in der That die Explikation derselben zu sein. Ich habe mehrfach Beobachtungen und Experimente über die Ernährungsweise dieser Seeigel gemacht und habe gefunden, daß sie gefährliche Räuber sind. Am auffallendsten war es mir, daß sie besonders gern Squilla mantis (Heuschreckenkrebs) fressen. Man sollte meinen, diesem großen Krebse müßte es ein Leichtes sein, dem kleinen und langsam sich bewegenden Echinoderm aus dem Wege zu gehen. Es ist aber Thatsache, daß, wenn ich ein Dutzend Squilla in dasselbe Bassin setzte, in welchem ebensoviel Toxopneustes sich befanden, in 8— 10 Tagen sämtliche Squilla von den Seeigeln aufgefressen waren. Ich habe oft gesehen, wie die Seeigel ihre Beute ergriffen. Indem sie sich fortbewegen, setzen sie einige Saugfüßchen auf irgend einen Körperteil des Krebses. Der Krebs fühlt es und will entrinnen, aber rasch entsendet der Seeigel weitere Hilfstruppen, und aus allen benachbarten Bezirken spannen sich die Ambulacralfüßchen in weiten Bögen, bis sie die Squilla erreichen. Nun läßt der Echinus all die Füßchen los, die ihn zu weit vom Krebse entfernt halten, und rückt dem Opfer näher, das ver: gebliche Anstrengungen macht, zu fliehen. Indem der Echinus sich mit dem einen Teile der Saugfüßchen an einem Felsen oder an der Glasscheibe des Bassins festhält, schiebt er den Krebs mittels der übrigen Füßchen langsam um seinen Körper herum, bis er in den Bereich des Mundes kommt. Dann fängt er an, ihn aufzufressen. Das dauert gewöhnlich mehrere Tage. Sehr häufig gesellen sich noch 1 oder 2 andere Toxopneustes hinzu, und die Mahlzeit wird gemeinsam gehalten. Ich habe öfters beobachtet, daß ein Toxopneustes im ftande ist, eine Squilla von 6 Zoll Länge zu fangen, indem er mittels der Saugfüßchen die breite Platte der äußeren Antennen ergriff. Der Krebs machte große Anstrengungen durch Körperbewegungen, besonders durch Umbeugen des Hinterleibes sich plötzlich loszureißen, aber meist brachte er seinen Körper durch sein Ungestüm in größere Nähe des Feindes, und die weit ausgespannten Saugfüßchen hefteten sich sofort auch auf andere Körperteile fest. „Es ist begreiflich, daß einem so furchtbaren Feinde, gegen den es kaum eine andere Verteidigung als Flucht gibt, vor allen Dingen aus dem Wege gegangen werden muß. Ebenso begreiflich scheint es dann auch, daß der Angreifer sich zu verstecken sucht, — und auf diese Tendenz schiebe ich die sonderbare Neigung der Echinen, sich mit Muschelschalen zu bedecken, die sehr viel harmloser aussehen als der Stachelpanzer des gefürchteten Echinoderms.“

Wir müssen zugeben, daß für die von Dohrn beobachtete Art die Erklärung des Muscheltragens etwas Verlockendes hat. Allein kein anderer Beobachter hat bisher von einem fleischfressenden Seeigel berichtet, während von Agassiz eine ganze Reihe von Arten namhaft gemacht worden sind, welche immer oder gelegentlich sich Löcher in Felsen aushöhlen und damit unbedingt, wie unser Stein-Seeigel, auf größere Tiere als Nahrung verzichten müssen. Auch Simroth, der auf den Azoren oft genug Seeigel beobachtete,

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