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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
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Die Tentakeln dienen einer ganzen Reihe von physiologischen Leistungen, besonders aber der Atmung. In ihren inneren Hohlräumen herrscht eine außerordentlich lebhafte Zirkulation; fortdauernd sieht man in raschem Tempo die Blutkörperchen durch die Wimpern der Gefäßwandung von der Basis zu den Endspitzen der Tentakeln emporgewirbelt werden. „Ferner dienen die Tentakel dem Anheften, d. h. die Synaptide heftet den Tentakel an einen Körper und zieht sich entweder zu diesem, oder wenn derselbe klein ist, letzteren zu sich heran. In ersterem Falle entsteht Lokomotion, im zweiten Ergreifen von Sand und Nahrungsteilchen.“ Daß die Tentakeln auch beim Eingraben eine wesentliche Rolle spielen, wurde erwähnt. Der Tastsinn, der bei den Klettenholothurien recht gut entwickelt zu sein scheint, hat ebenfalls außer in der Haut seinen Sitz ganz besonders in den Spitzen der Tentakeln. Auch an ihrer Basis liegen kleine Organe, welche ihrem gröberen und feineren Baue nach als Geschmacks- oder Geruchsorgane anzusehen sein dürften.

Scharf von dem Anheftungsvermögen der Tentakeln ist das eigentliche „Kletten“ unserer Tiere, das Haftvermögen des Körpers, welches durch das Hervorstehen der Kalk-Anker bedingt wird, welche indessen die obersten Hautschichten nicht durchbrechen, sondern sie bloß hervorwölben. Dieses Vermögen erhält sich auch noch einige Zeit nach dem Tode des Tieres, hört aber sofort auf, wenn man dasselbe mit Säuren, welche den Kalk auflösen, überschüttet. Auch die wurmförmigen Bewegungen der Synapten beim Kriechen scheinen durch die Kalkkörperchen unterstützt zu werden, was Semper freilich bezweifelt.

Bis zu einem gewissen Grad scheint die Fähigkeit zu kletten vom Willen des Tieres abzuhängen, und wahrscheinlich wird sie durch Schleimabsonderungen der Haut je nach Bedürfnis aufgehoben, welche z. B. auch nach Reizen oder nach dem Tode der Klettenholothurien sofort aufhört. Nie bleiben sie hängen, wenn sie auf dem Sande oder über Artengenossen hinwegkriechen aber sofort nach einem Reiz durch unsanfte Berührung.

Einzelne Synaptenarten der südlichen Meere werden so groß, daß sie von den Inselbewohnern „Seeschlangen“ genannt werden. So sah Semper bei der Insel Bohol Exemplare der Synapta Besselii von über 2 m Länge. „Ihre Bewegungen sind äußerst langsam. In mehrfachen Windungen liegen sie zwischen den Steinen und im Sande der Riffe und bewegen sich teils durch die bekannten wellenförmig von vorn nach hinten fortschreitenden Kontraktionen ihres Leibes, wie ganz besonders mit Hilfe ihrer Mundtentakeln fort. Ihre Anker find ihnen entschieden keine Bewegungsorgane. Haben sie dieselben ein: mal irgendwo eingehakt, so können sie sich nur durch den Verlust derselben wieder befreien. Allerdings sind die Anker beweglich und hebeln auf dem Bügel der Ankerplatte, aber sie entbehren aller und jeder Muskeln, die ihre Bewegungen unter den Willen des Tieres

stellen könnten. Auch kletten die Synapten nur dann, wenn man sie unsanft berührt; im Gehen schieben sie sich an Steinen und Pflanzen vorbei, ohne hängen zu bleiben, und bei einer 3 Fuß langen neuen Art, meiner Synapta glabra, liegen diese Organe im Gehen so tief in die Haut eingebettet, daß ich sie wegen ihrer ganz glatten, schlüpfrigen Haut für ganz ankerlos hielt, so lange ich die Haut nicht mikroskopisch untersucht hatte.“

Über die Entwickelungs- und Verwandlungsgeschichte der Holothurien sind wir jetzt ziemlich genau unterrichtet. Schon Baur hat die gefingerte Klettenholothurie von Triest daraufhin auf das eingehendste untersucht, wenn auch erst in neuester Zeit die Deutung der ersten Entwickelungsvorgänge geglückt ist.

Man fängt die mikroskopisch kleinen Larven der Holothurien und der meisten anderen Echinodermen vorzüglich mit einem feinen Gazenetz bei ruhigem Wetter an der Oberfläche des Meeres. 5 späteren Stufen der e verschaffte sich Baur, indem er ein eben: falls sehr engmaschiges Schleppnetz über den Wohngrund der Tiere hinzog und den reichlich gewonnenen Schlamm ausspülte. Die zarten Wesen blieben dann im Netz zurück. Die nicht ganz 1 mm lange Larve hat ein von dem ausgewachsenen Echinoderm völlig abweichendes Aussehen, ist nicht strahlenförmig, sondern symmetrisch gebaut und hat ungefähr die Gestalt eines ganz flachen Bootes mit deckartig übergebogenem Vorder: und Hinterende und welligen Rändern. Dieser ununterbrochene

Alettenhöterhiete, 1) 1 5 2) Puppe. 50mal vergrößert. Rand ist mit einer Wimperschnur besetzt, durch deren Thätigkeit das kleine Wesen mit dem pyramidalen Vorderende voran spiralig sich drehend schwimmt. Das wichtigste innere Organ der Larve (s. obenstehende Abbildung, Fig. 1) ist der Darmkanal (a Mundöffnung, b Magen, e Afteröffnung). Außerdem erblicken wir in der Larve ein paar wurstförmige Körper (d), welche allmählich den Darm umwachsen und sich zur Leibeswand der Synapte ausbilden. Aus einem anderen Teile (e) entwickelt sich das Gefäßsystem. Im Hinterende sind ein Paar Kalkrädchen sichtbar, welche im ausgewachsenen Tiere zwar verschwunden find, aber sich ausgezeichnet zur Kontrollierung der zusammengehörigen Ent-wickelungsstadien bewährt haben. Unsere Larve geht nun in einen Puppenzustand (Fig. 2) über, welcher ungefähr das Aussehen einer Tonne hat. Statt des früheren zusammenhängenden Saumes finden wir nun Wimperreifen. In diesem Tönnchen wächst aus den schon oben sichtbaren Keimen der eigentliche Körper der Synapta heran; wir sehen die Fühler (i), den blasenförmigen Anhang des Gefäßringes (T) und die Längsmuskeln (J). Später noch öffnet sich das Vorderende der Tonne, und es wachsen die Fühler hervor, die Wimperreifen der Tonne verschwinden, aber die Tonnenwand legt sich als äußerste Hautschicht um den Körper der Synapta. Noch längere Zeit, nachdem die Tierchen schon die Wimperreifen verloren haben und nur im Schlamm herumzukriechen vermögen, verraten sie ihre Herkunft durch die Kalkrädchen. Sie sind dann auch nicht länger als 1 mm, wachsen aber ziemlich rasch.

Alettenhöterhiete, 1) 1 5 2) Puppe. 50 mal vergrößert.

Viele, vielleicht alle jungen Holothurien machen eine Periode durch, während welcher ihr Ambulacralsystem (die Saugfüßchen) lediglich auf die Kiemententakeln allein oder auf diese nebst einigen noch im Umkreise des Mundes stehenden eigentlichen Saugfüßchen beschränkt ist. In diesem Zustande kriechen sie, den Mund nach unten gekehrt, dieselbe Lage einnehmend, welche die Seeigel, Seesterne und Schlangensterne zeitlebens beibehalten. Dann, wenn sie sich strecken und die Ambulacra hervorkommen, legen sie sich auf die Seite. Unter diesem, dem richtigen, durch die Entwickelungsgeschichte gegebenen Gesichtspunkte, ist die Klettenholothurie nicht eine extreme Bildung, sondern, wie wir oben bemerkten, eine auf einem embryonalen Stadium verharrende Form.

Die Artenzahl der drei Seewalzenordnungen stellt sich gegenwärtig auf etwa 500.

Zweite Klasse. Die Seeigel (Echinoidea).

Die Seeigel bilden die an lebenden und fossilen Formen und Arten reichste Abteilung der Stachelhäuter, indem sie sich nach Bronns durch die Entdeckungen der Neuzeit, besonders durch die Tiefseeexpeditionen der Engländer, Franzosen und Amerikaner allerdings bedeutend überschrittener Zählung auf 1650 belaufen, auch machen sie dem Namen der Klasse die meiste Ehre. Unter allen aber zeichnet sich als eigentlicher Seeigel die Sippe Echinus aus, an welche wir zunächst unsere Mitteilungen zu knüpfen gedenken. Alle Mitglieder der Ordnung haben ein aus vier⸗, fünf⸗ oder sechsseitigen Platten zusammengefügtes gehäuseartiges Hautskelett, an welchem sich in der Familie der eigentlichen Seeigel ein größerer Ausschnitt im Zentrum des nach unten gekehrten Poles befindet. Dieser Ausschnitt aber ist bis auf die Mundöffnung mit einer weichen Haut überspannt. Bei den anderen Familien ist der für dieMundöffnung bestimmte Schalen- 5 ausschnitt bedeutend kleiner. Gehäuse des N 29 75von den Stacheln

Die Echinen oder Seeigel im engeren | Sinne (Echini) find diejenigen von regelmäßiger Apfel- oder Laibform, an denen die Afteröffnung dem Mundpole gegenüberliegt, während die Saugfüßchenreihen von einem Pole zum anderen verlaufen. Man erblickt die paarigen Löcher für die Saugfüßchen und Bläschen natürlich am deutlichsten an Gehäusen, welche ganz oder teilweise der Stacheln beraubt sind. Diese sogenannten Ambulacralplatten wechseln mit Reihen solcher Platten ab, welche mit durchbohrten oder nicht durchbohrten Höckern und Buckeln versehen sind. Auf diesen sitzen die Stacheln, an ihrer Basis über dem Buckel von einer mit vielen Muskelfasern versehenen Scheide umgeben und daher nach allen Richtungen beweglich. Am lebenden, in seinem Element sich befindlichen Seeigel bemerkt man sehr bald, daß die Stacheln keineswegs bloße Verteidigungsorgane sind; sie dienen auch als Stützen und als Stelzen und Füße, ja sie können sogar, wie ich unten zeigen werde, als Arme zum

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. X. 33

n- 5 Gehäuſe des N 29 75 von den Stacheln

Erfassen und Weitergeben von Gegenständen dienen. Höchst eigentümliche Organe sind die sogenannten Pedicellarien, welche als kleine, aber mit bloßem Auge erkennbare zweioder dreischenkelige Zangen auf beweglichen Stielen zwischen den Stacheln über die ganze Körperoberfläche verbreitet sind. Diese, gleich den Stacheln in außerordentlicher Mannigfaltigkeit vorkommenden Organe sind, wie ihre Entstehung und Entwickelung lehrt, nichts anderes als modifizierte Stacheln. Schon O. F. Müller entdeckte sie im vorigen Jahrhundert, was eben nicht schwer war, da sie ein scharfes Auge recht gut sieht. Aber wegen der sonderbaren schnappenden Bewegungen, die jede einzelne Pedicellarie ausführt, wurden sie von Müller für polypenartige Schmarotzer der Seeigel gehalten. Erst der neapolitanische Zoolog delle Chiaje (1825) erkannte sie als Teile der Hautbedeckungen und hielt sie für Haft⸗ und Greifwerkzeuge, welche besonders dazu dienen sollten, kleine Nahrungsteilchen zu erhaschen und sich einander bis zum Munde zuzureichen. Aber das ist unrichtig, und erst neuerdings haben uns die Beobachtungen von A. Agassiz Aufschluß über die eigentümlichen Dienste der Pedicellarien gegeben. Wir führten an, daß die Afteröffnung sich gerade oben auf dem Scheitel des kugeligen Körpers befindet. Die Lage ist, muß man eingestehen, für die Reinlichkeit eine sehr ungünstige, wenn — die Pedicellarien nicht wären. Diese nämlich fassen die in kleinen Brocken erscheinenden Exkremente und geben sie ihren Nachbarn bis über die Wölbung des Gehäuses hinaus, wo die Exkremente ohne weitere Gefahr der Verunreinigung ins Wasser fallen können. „Nichts ist merkwürdiger und unterhaltender“, sagt A. Agassiz, „als die Geschicklichkeit und Ordnung zu beobachten, womit dieses Geschäft verrichtet wird. Man kann sehen, wie die ausgeworfenen Teile sehr schnell die Streifen passieren, wo die Pedicellarien am dich: Pedicellarien. a) eine zweizinkige; b)dieselbe testen stehen, als ob es ebenso vieleAbfuhrstraßen wären;geöffnet; c) eine dreizinkige. 20mal vergrößert. auch stellen die Zangen ihre Arbeit nicht eher ein, als bis die ganze Oberfläche des Tieres durchaus gereinigt ist. Diese kleinen merkwürdigen Organe haben jedoch noch andere, als diese löblichen und nützlichen Geschäfte von Gassenkehrern. Sie sind über den ganzen Körper verteilt, während sie die Exkremente nur längs bestimmter Wege fortschaffen. Besonders zahlreich finden sie sich um den Mund herum, wo sie kürzer und fester sind. „Bei genauer Beobachtung der Bewegungen der Pedicellarien bemerken wir, daß sie außerordentlich thätig sind, indem sie ihre Zangen unaufhörlich öffnen und schließen, sich nach allen Richtungen hin ausstreckend; da die Biegsamkeit der Stielscheide ihnen gestattet, sich nach allen Winkeln und Ecken zwischen den Stacheln zu bewegen, so gelingt es ihnen gelegentlich auch, irgend eine unglückliche kleine Krustacee, einen Wurm oder ein Weichtier zu packen, die sich zwischen den Stacheln verwickelt haben. Doch scheinen sie ihre Beute nicht zum Munde zu führen (wenigstens habe ich nie Seeigel auf diese Weise erfaßte Nahrung fressen sehen), sondern nur von der Körperoberfläche zu entfernen, wie andere schlechte Stoffe. Ihre Art zu fressen (sie weiden gewissermaßen mit ihren scharfen Zähnen die Oberfläche der Felsen ab) scheint auch nicht die Annahme zu begünstigen, daß die Pedicellarien als Eßzangen benutzt werden.“

In manchen Fällen sind mit den Pedicellarien kleine Giftdrüschen verbunden, deren Sekret durch jene abfließt. Am stärksten entwickelt sind besondere Giftapparate bei

Pedicellarien. a) eine zweizinkige; b) dieſelbe geöffnet; c) eine dreizinkige. 20mal vergrößert.

Asthenosoma und hier von den Vettern Paul und Fritz Sarasin am gründlichsten untersucht worden. Als diese Forscher sich behufs zoologischer Untersuchungen in Ceylon aufhielten, brachten ihnen ihre Fischer eines Tages einen prachtvollen, ziemlich flachen, regelmäßigen Seeigel mit weicher lederartiger Haut, einen ganz nahen Verwandten des auf S. 519 abgebildeten Asthenosoma hystrix. Das Tier hat kurze, schön rotbraune Stacheln, und entlang der Zwischenstrahlen verliefen Reihen herrlich blauer, wie Atlas glänzender Knöpfchen. „Als wir das Tier angreifen wollten, warnten uns die Leute eindringlich; sie sagten, es schmerze heftig und mache Fieber; der Taucher, der es gefunden, habe es nicht angefaßt, sondern mit einer Kokosnußschale aus der Tiefe geholt. So berührten wir es vorsichtig mit der Fingerspitze, fühlten aber sofort sehr heftig brennende Schmerzen, wie von mehreren Immenstichen, die sich aber nach einigen Minuten ohne weitere Folgen wieder verloren.“ Nähere Untersuchung des wegen seiner Fähigkeit, nesselnd zu brennen, von unseren Zoologen Asthenosoma ureus genannten Tieres lehrte, daß jene schönen blauen Knöpfchen der Sitz der unliebsamen Eigenschaften seien. Dieselben befinden sich nicht allein auf den Interradien, sondern auch sonst überall zwischen den Stacheln zerstreut, dort allerdings weit dichter, hier viel einzelner stehend. Sie sind wie die Pedicellarien nichts als umgebildete Stacheln mit außerordentlich scharfer Spitze, welche in einer Hülle stecken, die sich am freien Ende knospenförmig verbreitert und im Inneren einen Hohlraum hat, in welchem die Stachelspitze liegt. Die Wandungen der Knospe sind unten und an den Seiten muskulös, oberhalb der Nadelspitze aber von einem feinen Loche durchsetzt. Der innere Hohlraum enthält eine giftige Feuchtigkeit, welche in die Poren des vorderen Nadelendes eindringt. Sobald man nun ein solches Knöspchen berührt, so ziehen sich die Muskeln der Wandung nach hinten zusammen, die Stachelspitze dringt mit Gift imprägniert aus dem Loch vorn am Giftbeutel heraus und in die Haut des Berührenden ein.

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