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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
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Mit der Gattung Holothuria gehört Stichopus in eine Familie. Der Bauch dieser Sippe ist flach, meist mit drei deutlichen Längsreihen von Saugfüßchen. Wir führen sie hier an, weil wir durch Semper sehr interessante Nachrichten über Vorkommen, Lebensweise und Verbrauch mehrerer philippinischen Arten erhalten haben. In dem Prachtwerk „Reisen im Archipel der Philippinen“ erzählt er: „Bringt man die Stichopus-Arten an die Luft, so zerfließen sie inwenigen Minuten in formlosen Schleim. Hierdurch setzen sie den Bewohnern der Inseln große Schwierigkeit bei ihrer Zubereitung für den Handel entgegen, und es ist der hohe Preis, welchen der aus den Arten dieser Gattung gewonnene Trepang im Handel mit den Chinesen erzielt, nur ein schwaches Reizmittel für den indolenten Malayen, sich dem Fange und der mühsamen Zubereitung dieser meist in tiefem Wasser lebenden Tiere zu unterziehen. Um sie gegen das Zerfließen zu schützen, müssen die großen eisernen Schalen, in denen sie gekocht werden sollen, unter die Oberfläche des Meeres gehalten werden, so daß die Holothurien, ohne das Wasser zu verlassen, in die Kochschale gebracht werden können; und die erste Abkochung geschieht dann immer im Seewasser. Die Stichopus naso genannte Art ist außerdem noch durch eine große Beweglichkeit der Muskulatur ausgezeichnet, wie sie sonst den Holothurien nicht eigen zu sein pflegt. Auf starken Reiz mit Nadeln fing das Tier an, ganz nach der Art der Würmer sich heftig hin und her zu wenden; dabei schälte es sich allmählich aus der dicken Haut heraus, und nach wenigen Minuten hatte es eine Sackform angenommen und sich der eigentlichen Haut vollständig entledigt. Die Eingeweide waren unversehrt geblieben; wie denn überhaupt die Arten dieser Gattung nicht so übermütig sind, gleich bei dem geringsten Anlasse ihren Darmkanal auszuspeien.“ Von der berührten, ihr Einsammeln so erschwerenden Eigenschaft werden sie von den Malayen „hanginan“, das heißt die im Winde zerfließenden Holothurien, genannt. Eine riesenhafte Art erreicht eine Länge von fast 1 m bei 20 cm Dicke.

Da es vorzugsweise Arten der Sippen Holothuria und Stichopus find, welche als Nahrungsmittel in den Handel kommen, so mögen hier die von Semper an Ort und Stelle gesammelten Nachrichten Platz finden. „Unter dem Namen Trepang (Biche de mer, balate) werden die auf mannigfaltige Weise zubereiteten Holothurien nach China gebracht und dort mitunter zu hohen Preisen verwertet. In geringen Quantitäten werden sie durch die Kapitäne kleiner Küstenfahrzeuge, die selten mehr als 100— 120 Tonnen halten, von den Eingeborenen der Molukken, Philippinen, Neuguineas, ganz besonders aber der Inseln des Stillen Ozeans gegen allerlei Tauschartikel eingehandelt und dann an irgend einem Zwischenmarkte für den chinesischen Handel, Singapore, Batavia oder Manila meistens direkt an die dort ansässigen Chinesen verkauft. Natürlich hängt der Erfolg der Spekulation teilweise von der gerade dort herrschenden Nachfrage ab, teils aber auch von der geringeren oder besseren auf den Markt gebrachten Sorte und von ihrer Zubereitung. Die gewöhnlicheren Arten (Holothuria atra Jaeger, H. impatiens Forsk., H. vagabunda Sel.) werden gewöhnlich in Manila mit 6—8, oft nur 3—4 Dollars das Pikul bezahlt, während die Stichopus- und Bohadschia- Arten bei günstigem Markte oft 40 und mehr Dollars das Pikul kosten. Die Zahl der Sorten, welche im Handel unterschieden werden, ist eine ziemlich große. Ihre Namen sollen je nach der Mundart der chinesischen Stadt, wohin sie ausgeführt werden, wechseln, so daß die chinesischen, in Manila üblichen Benennungen von den in Singapore oder in Batavia gebrauchten gänzlich abweichen. Auch die Zubereitung an Ort und Stelle scheint eine sehr verschiedenartige zu sein. Auf den Palau-Inseln, den westlichsten der Karolinen, habe ich lange Monate hindurch den Fang und die Zubereitung dieser Tiere beobachten können. Die meisten Arten der Gattung Holothuria werden durcheinander in großen, bis 3 Fuß im Durchmesser haltenden eisernen Schalen aufgehäuft, so daß sie einen etwas

hervorstehenden Haufen bilden. Bedeckt von einer mehrfachen Lage der großen Kukaublätter (Caladium esculentum), werden die Holothurien zuerst recht eigentlich gekocht; dann unter stetem Begießen mit einer sehr geringen Menge süßen Wassers gedämpft. Dabei schrumpfen sie gewaltig ein, und eine Holothurie, welche beim Fange 1 Fuß lang war, zieht sich bis auf wenige Zoll Länge zusammen. Nach der ersten Abkochung werden sie auf freistehenden hölzernen Gestellen an der Sonne getrocknet, und dann wechselweise zwei- oder dreimal gedämpft und getrocknet. In diesem Zustande werden sie dann dem Käufer nach Gewicht vertauscht. Sind sie endlich hinreichend trocken und des Meersalzes beraubt, so werden sie in großen, zu diesem Zweck eigens erbauten Schuppen auf Booten in dünnen Schichten ausgebreitet und monatelang dem Einfluß von Rauch und Feuerwärme ausgesetzt. Man pflegt sie erst ganz kurze Zeit vor der Abreise in Säcke zu verpacken und an Bord zu bringen, um sie sowenig als möglich der feuchten, im Schiffsraume herrschenden Atmosphäre auszusetzen. Beim Ankaufe selbst wird die Sonderung in die einzelnen Sorten vorgenommen; gemischte werden nie so gut bezahlt wie sortierte. Die Arten der Gattung Stichopus müssen, wie erwähnt, sorgfältiger behandelt werden. Die erste Abkochung derselben geschieht in Seewasser, da sie von der Luft gar nicht getroffen werden dürfen, wenn sie nicht gleich zerfließen sollen. Auf die erste Abkochung mit Seewasser folgt dann die zweite mit süßem Wasser, und dann die Dämpfung mit abwechselndem Trocknen. Es sind nur die Aspidochiroten (d. h. die Holothurien mit blatt- und schildförmigen Fühlern), welche zur Trepangkocherei benutzt werden, denn nur diese haben die eigentlich nährenden (und in der Meinung der Chinesen stark reizenden) Bestandteile in hinreichender Menge, um die Zubereitung zu ermöglichen. Sollen fie dann gegessen werden, jo reinigt man die Ober: fläche zunächst von anhängendem Schmutz, kratzt die obere kalkführende Schicht ab und weicht sie dann 24—48 Stunden lang in süßem Wasser ein. Dabei quellen sie auf und nehmen eine schmutziggraue Farbe an. Nach mehrmaligem Waschen und sorgfältiger Entfernung der Eingeweide und aller fremden Sandteilchen wird dann die aufgequollene Haut in kleine Stückchen geschnitten, die in stark gewürzten Suppen oder mit verschiedenen anderen Speisen gegessen werden. Sie haben so wenig, wie die eßbaren Vogelnester, einen eignen Geschmack; es sind weiche, milchig aussehende Gallertklumpen, welche von den Europäern nur wegen ihrer leichten Verdaulichkeit, von den üppigen Chinesen wegen der ihnen zu: geschriebenen reizenden Eigenschaft genossen werden.“

Marshall hat nach englischen und holländischen Quellen noch folgende Angaben zusammengestellt: „Ein früherer holländisch-indischer Beamter, welcher die Verhältnisse des Wundergebietes ‚Insulindaé genau kannte, Lion, behauptet, es gäbe kaum eine Insel im Indischen Archipel, in deren Nachbarschaft Trepang nicht gefunden würde, was ein Engländer, Jameson, bestätigt, der als die Heimat dieser Tiere das ganze Meer von Sumatra bis Neuguinea kennt. Hier kommt Trepang überall da vor, wo die Brandung nicht zu stark ist und meist in Tiefen von 6—9 Meter, auf flachen, mit Korallensand bedecktem, aber nie auf schlammigem Boden. Hier mästen sich die Tiere, wie uns das der Engländer Guppy beschreibt und vorrechnet. Ein Individium irgend einer Trepangart von 30— 35 em Länge frißt täglich /s Pfund des verwitternden Korallensandes, wie er sich von der Oberfläche der Riffe loslöst, — doch ‚freien‘ ist eigentlich nicht der richtige Ausdruck: es läßt die Masse, welche doch nur einen sehr geringen Bruchteil nährender Substanz enthält, das Darmrohr passieren. Es würden mithin 15—16 solcher Tiere innerhalb eines Jahres eine Tonne Sand, das ist etwa 18 Kubikfuß, verarbeiten. Guppy nennt das eine ‚organic denuda-tion‘, einen durch belebte Ursachen sich vollziehenden Verwitterungsprozeß der Korallenriffe. „Das himmlische Reich“, jagt der erwähnte Jameson, kann ohne Trepang und (indische) Vogelnester nicht eriftieren‘, daher ist die Nachfrage nach diesen Artikeln eine jo große, das eine

Überfüllung des Marktes nicht leicht zu befürchten ist. Das haben sich die findigen Yankees zu nutze gemacht. Sie fischen die Holothurien bei den Bermudas sowie in Westindien und exportieren sie besonders von Boston nach China. Wahrscheinlich werden sie dieselben aber hier nicht als Heimbürgerinnen der atlantischen Gestade der Neuen Welt verkaufen, sondern unter echte indische gemischt an den Mann zu bringen versuchen. Seit etwa 80 Jahren wird auch bei Ceylon und Isle de France gefangener Trepang von diesen Inseln nach China in den Handel gebracht und hier auch gern genommen, aber er rangiert, weil er nach chinesischem Geschmack nicht gut genug zubereitet ist, unter der geringsten Qualität von den Molukken. „Die hauptsächlichsten Trepangfischer sind die Buginesen und die Bewohner der Insel Goram. Es thun sich Flottillen von 30—40 kleinen, zerbrechlich aussehenden, aber doch sehr seetüchtigen Fahrzeugen zusammen, welche man in Ostindien Prauwen nennt, mit einer Besatzung von etwa 1000 Mann. Die Fischer erhalten keinen Lohn, es wird ihnen vielmehr von holländischen und chinesischen Händlern alles zur Expedition Nötige, Lebensmittel ꝛc., vorgeschossen; diese haben dann aber das Eigentumsrecht an dem ganzen Fang zu einem vorher ausbedungenen, nachzuzahlenden Preis, an dem jeder Teilnehmer der Fahrt, wie im Mittelmeer die Korallenfischer, seinen Anteil hat. Die Gefahren, welche mit einer solchen Expedition verbunden sind, scheinen nicht gering zu sein. So erzählt der berühmte Reisende und Naturforscher Wallace von einer Gesellschaft von 20 Fischern, welche von den Goraminseln auf den Trepangfang mit zwei Prauwen nach Neuguinea ausgefahren war. Nur sechs von ihnen kamen in einem jammervollen Zustande, halbverhungert in einem kleinen Boot wieder, die andern vierzehn waren von den wilden Papuanern erschlagen und die Fahrzeuge bis auf das eine Boot geraubt worden. Das Geschäft muß aber immerhin ein lohnendes sein. Wenn wir das auch nicht den Malayen und Chinesen nachrechnen können, so haben wir dafür doch einen anderen Beweis. Nämlich Kapitän Eagleston, selbstredend auch wieder ein Yankee, der von den guten ‚busi-nesses‘ Wind bekommen hatte, faßte den Entschluß, sich die Geschmacksrichtung der Chinesen auch zu nutze zu machen. Er rüstete also hintereinander fünf Expeditionen aus, von denen er 4467 Pikul (à 61,5 Kg) Trepang, das find ca. 4,913,700 Stück (man rechnet durchschnittlich 1100 Stück auf das Pikul), mit heimbrachte. Die Sache hatte ihm 10,337 Dollars gekostet, aber sein Reingewinn waren 67,924 Dollars. „Sind die Fischer an Ort und Stelle angelangt, so beginnt der Fang, der im allgemeinen noch auf etwas primitive Art und Weise betrieben zu werden scheint. Große Exemplare im flachen Wasser werden einfach gespießt, kleinere aber durch Taucher heraufgeholt, und auf diese Art werden die meisten gefangen. In tieferem Wasser bedient man sich auch äußerst einfacher Schleppnetze, welche an langen Bambusstäben befestigt sind. „Hat man eine entsprechende Menge von Trepang erbeutet, so begibt man sich auf eine benachbarte Insel, um ihn zu bereiten. Hiervon hängt sehr viel ab. Zuerst werden die Seewalzen aufgeschlitzt und ausgenommen, dann drückt man das Wasser heraus und reibt sie außen und innen mit trockenem Kalk, von den malayischen Fischern tsilumam genannt, ein. Dann werden sie getrocknet und zwar entweder an der Sonne (indeljen ist diese Sorte minderwertig) oder aber in besonderen Hürden, unter denen aus den Zweigen und Blättern gewisser Bäume ein schmauchendes Feuer erhalten ist. Das gibt erst den wahren haut-gout. Schließlich wird der Trepang in Säcke gepackt, und die Sache ist soweit fertig. Von dem Aussehen dieses Leckerbissens gibt Wallace keine gerade sehr verlockende Beschreibung: ‚Trepang‘, jagt er, ‚fieht aus wie Würste, die, nachdem fie im Schlamm gewälzt worden waren, durch einen rußigen Schornstein gezogen wurden.“ Die Sorte, von der ich gelegentlich Proben in Delikatessengeschäften bei uns zu Lande bewundert habe, sah nicht ganz so schlimm aus, war aber wahrscheinlich auch nicht eine von den besten.

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„Der gewonnene und zubereitete Trepang wird nun an bestimmte Plätze gebracht, wo zu gewissen Zeiten eine Art Messe stattfindet. Ein solcher Platz ist für die Buginesen, die eifrigsten Trepangfischer, die kleine Insel Kilwaru zwischen Ceram-Laut und Geßir, eigentlich nur eine Sandbank von 50 Ellen Breite und Länge, 3— 4 Fuß über dem Meeresspiegel und rings von Korallenriffen umgeben. Andere solche Plätze befinden sich auf den Aru⸗Inseln und sonst noch hin und wieder im Australasiatischen Archipel. Sehr viel wird nach dem Hauptstapelplatz Makassar gebracht. Neuerdings hat übrigens Java angefangen, diesem Eiland bezüglich des Trepanghandels starke Konkurrenz zu machen. „Der Marktpreis dieses köstlichen Leckerbissens hängt nun durchaus nicht von der Größe der einzelnen Individuen ab, sondern von andern Eigenschaften, welche für jeden, der nicht ein ganz gewiegter Kenner ist, geheimnisvoll und mysteriös sind. Das verstehen nur die chinesischen Händler und Sortierer, auch die eingeborenen Fischer haben keine Ahnung davon. Crawford unterscheidet 30 verschiedene Qualitäten, als die beste gilt, Takker Itam“, welche an Ort und Stelle 300 Mark das Pikul kostet, als die geringste ‚Ruafja‘ oder ‚Peku goreng‘, von der man sich das Pikul schon für 20 Mark anschaffen kann. Als sehr gut gilt auch eine von den Mariannen kommende Sorte mit dem melodischen Namen ‚Guam‘. „Von den Aru-Inseln werden jährlich durchschnittlich 1510 Pikul (Wert an Ort und Stelle 108,000 Mark), von Java etwa 6000 und von Makassar etwa 8000-9000 nach China ausgeführt. Die Gesamtmenge, welche das himmlische Reich jährlich verbraucht, beträgt 90,000 Pikul, aber die Nachfrage ist immer weit stärker als das Angebot, und ein Volksnahrungsmittel ist Trepang in China noch lange nicht. Denn, ist die Zahl von Seewalzenindividuen, welche jährlich dort verzehrt werden, immerhin auch auf 99 Mill. anzuschlagen, so darf man doch nicht vergessen, daß China mindestens 380 Mill. Einwohner hat, mithin kommt noch nicht auf jeden vierten Chinesen jährlich eine Holothurie. Der Markt: preis in China selbst beträgt von 85 bis zu 500 Mark der Pikul, je nach der Qualität, und nehmen wir als Durchschnitt den Preis von 200 Mark an, so geben die sonst so sparsamen mongolischen Söhne des Himmels jährlich 18 Mill. Mark für jenes Seegewürm aus! „Über die Art der Zubereitung dieser Delikatesse habe ich leider nichts Genaues in Erfahrung bringen können, wahrscheinlich wird aber gerade hierin das Hauptkunststück zu suchen sein. Chinesisch zu lernen, bloß um chinesische Kochbücher zu studieren, dazu habe ich mich doch noch nicht entschließen können; ich kann meinen Lesern nur so viel verraten, daß Jameson versichert, jene Zopfträger verstünden sehr kräftige und wohlschmeckende Suppen sowie verschiedenartige Frikassees daraus zu bereiten.“

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