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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
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Stachlige Herzmuſchel (Cardium echinatum). Natürliche Größe.

Plätzen, wie vor 100 Jahren. Auch ihren Ruf haben sie nicht eingebüßt; im Gegenteil sind sie in die Gunst mehr verfeinerter Gaumen aufgestiegen, indem die Landleute die wohlschmeckenden Muscheln für die vornehme Welt von Torquay sammeln, sich selbst aber mit der geringeren und kleineren eßbaren Herzmuschel (Cardium edule) begnügen, welche die Schlammbänke vor den Flußmündungen dem Sandstrande vorzieht, jedoch auch hier nicht selten ist. Diese letztere, obgleich der großen dornigen Art im Geschmacke sehr nachstehend, bildet doch einen viel wichtigeren Artikel unter den menschlichen Nahrungsmitteln, weil sie viel allgemeiner vorkommt, in ungeheuerer Menge, und leicht einzusammeln ist. Wo immer die Ebbe eine Schlammstrecke entblößt, kann man sicher sein, die gemeine Herzmuschel zu finden, kann man Hunderte von Männern, Weibern und Kindern über die stinkende Fläche treten sehen, wie sie sich bücken und die Muscheln zu Tausenden auflesen, um sie entweder zu sieden und selbst zu essen, oder auf den Gassen und Wegen der benachbarten Städte zu geringem Preise auszubieten. „Den größten Überfluß an ihnen haben jedoch die Nordwestküsten von Schottland. Dort bilden sie nicht einen Luxusgegenstand, sondern eine Lebensnotwendigkeit für die arme, halbbarbarische Bevölkerung. Die Bewohner dieser felsigen Gegenden stehen in dem nicht beneidenswerten Rufe, für gewöhnlich von diesem geringen Nahrungsmittel abhängig zu sein. Wo sich der Fluß bei Tongue in die See ergießt, sagt Mac Culloch, ist die Ebbe beträchtlich, und die langen Sandbänke enthalten einen ganz beispiellosen Überfluß an Herzmuscheln. Jetzt gerade, in einem teuren Jahre, bieten sie täglich beim Niederwasser ein eigentümliches Schauspiel, indem sich Männer, Weiber und Kinder dort drängen und so lange, als die Ebbe es erlaubt, nach diesen Muscheln suchen. Auch konnte man nicht selten 30— 40 Pferde aus der Umgegend jehen, um ganze Ladungen davon viele Meilen weit zu verfahren. Ohne diese Hilfe hätten, es ist nicht zu viel gesagt, viele Menschen Hungers sterben müssen. — Auch die hebridischen Inseln Barra und Nord-Uist besitzen ungeheuere Hilfsquellen dieser Art. Man kann die Anhäufung solcher Muschelbänke, sagt Wilson, nicht leicht berechnen, aber zu erwähnen ist, daß während einer ganzen, eine gute Reihe von Jahren dauernden Periode von Not alle Familien von Barra (damals gegen 200) um ihrer Ernährung willen zu den großen Küstensandbänken am Nordende der Insel ihre Zuflucht nahmen. Man hat berechnet, daß zur erwähnten Zeit während einiger Sommer täglich zur Zeit der niedrigsten Ebben während der Monate Mai bis August nicht weniger als 100— 200 Pferdeladungen gesammelt wurden. Die Bänke von Barra sind sehr alt. Ein alter Schriftsteller thut ihrer Erwähnung und sagt, es gäbe in der ganzen Welt keinen schöneren und nützlicheren Sand für Herzmuscheln. „Aber die ganze Zeit hindurch hat unsere schöne Muschel uns zu Füßen gelegen und geschnappt und geklafft und ihren großen roten Fuß vorwärts und abwärts gestreckt und gewartet, bis wir Muße finden würden, sie aufzuheben. Sie soll nicht länger vernachlässigt werden. Die zweischalige Muschel ist ein schönes, solides Gehäuse von Stein, massiv, stark und schwer, elegant mit vorstehenden Rippen ausgekehlt, welche regelmäßig von den gekrümmten Spitzen der beiden Schalen ausstrahlen und mit glatten Dornen besetzt sind. Die Farben der Muschel sind anziehend, aber durchaus nicht prächtig; sie bestehen aus reichen und warmen gelblich und rötlich braunen Tinten in konzentrischen Streifen. Gegen die Wirbel hin verlieren sie sich in ein Milchweiß. Das Tier, welches diese starke Festung bewohnt, ist hübscher, als Muscheltiere zu sein pflegen. Die Mantelblätter sind dick und, entsprechend den Schalenhälften, konvex. Die Ränder sind in der Nähe der Siphonen stark gefranst, und letztere sind kurze Röhren von beträchtlichem Durchmesser und miteinander verwachsen. Gegen die Ränder zu ist der Mantel von schwammiger Beschaffenheit, aber gegen die Wirbel, wo er die Schale auskleidet, ist er dünn und fast häutig.

Die Farbe seiner vorderen Teile ist sehr reich, ein schönes, glänzendes Orange, die zottige Tentakeleinfassung aber blässer. Auch die Röhren sind orange, ihre Innenfläche aber weiß, mit einem perlenartigen Schimmer.“ Die etwas gar zu naive Beschreibung des Fußes, welchen unser englischer Schriftsteller unter anderem mit einer durch die geöffneten Thüren eines Gesellschaftszimmers tretenden Dame vergleicht, dürfen wir übergehen. Hören wir aber noch, wie ihn die Muschel gebraucht. „Sie streckt den langen, spitz zulaufenden Fuß soweit wie möglich (4 Zoll über den Muschelrand) hervor, welcher nach irgend einer Widerstand leistenden Oberfläche tastet, z. B. jenem halb im Sande begrabenen Stein. Kaum fühlt er ihn, so wird das hakig gebogene Ende ganz steif dagegen gestemmt, der ganze Fuß durch Muskelkontraktion (richtiger wohl durch die Schwellgefäße) starr gemacht und das ganze Geschöpf Hals über Kopf 2 Fuß und weiter fortgeschnellt. Gelegentlich kann die Herzmuschel noch stärker springen; schon manche hat sich vom Boden des Bootes aus über Bord hinweg aus dem Staube gemacht. Wir sehen also, daß einmal die hakige Spitze zur Verstärkung der Springbewegung dient. In noch direkterer Beziehung steht sie aber zur Gewohnheit des Tieres, zu graben. Wie alle übrigen Arten dieser schönen Sippe wohnt auch diese im Sande, wo hinein sie mit beträchtlicher Gewalt und Schnelligkeit dringen kann. Zu diesem Behufe wird der Fuß ausgestreckt und sein scharfes Ende senkrecht in den nassen Sand getrieben. Die angewendete Muskelkraft reicht hin, mit der ganzen Länge in den feuchten Boden einzudringen, indem die Spitze plötzlich seitwärts gebogen wurde und so einen starken Haltepunkt gibt. Nun wird das ganze Organ stark der Länge nach zusammengezogen und Tier und Schale kräftig gegen die Mündung der Höhlung angetrieben; die nach unten gerichteten Ränder der Schale werfen den Sand etwas zur Seite. Die vorgestreckte Spitze wird dann 1 oder 2 Zoll weiter getrieben, wiederum gekrümmt und ein zweiter Ruck gemacht. Die Muschel sinkt etwas tiefer in den nachgiebigen Sand, und dieselbe Reihenfolge von Bewegungen wiederholt sich, bis das Tier sich hinreichend tief vergraben hat. Die Verlängerungen und Zusammenziehungen des Fußes geschehen mit großer Geschwindigkeit.“

Die eßbare Herzmuschel gehört mit anderen ihrer Gattung zu den zählebigen Weichtieren, welche sehr große Veränderungen der Salzprozente des Meeres aushalten und daher ihr Vorkommen weit über die Grenzen ausdehnen, welche den für den Salzgehalt ihrer Umgebung empfindlicheren Tieren gesetzt sind. Dies gilt namentlich für ihre Verbreitung in der Ostsee und im Finnischen und Bottnischen Meerbusen. Bei Gelegenheit einer klassischen Untersuchung über die Lebensbedingungen der Auster kommt L. E. von Baer darauf zu sprechen. Er sagt: „Cardium edule, das in der Nordsee die Größe eines kleinen Apfels erreicht, fand ich an der Küste von Schweden, südlich von Stockholm, außer dem Bereiche des süßen Wassers aus dem Mälar und der Strömung aus dem Bottnischen Busen, noch bis zur Größe einer Walnuß, aber nur in bedeutender Tiefe; in der Nähe des Ufers waren die ausgeworfenen alle kleiner. Bei Königsberg pflegen sie nur die Größe von guten Haselnüssen zu erreichen, bei Reval aber kann man sie nur mit kleinen Haselnüssen oder mit grauen Erbsen vergleichen, die größer als die gewöhnlichen gelben Erbsen zu sein pflegen.“ Auch die eßbare Miesmuschel findet sich noch dort, aber so verkümmert und klein, daß sie nicht mehr zum Genusse einladet. Zu diesen und anderen, dem eigentlichen wohlgesalzenen Meere entstammenden Muscheln gesellen sich dann, sich in umgekehrter Richtung akkommodierend, Süßwassertiere, namentlich Limnaeen und Paludinen. Was aber die Herzmuscheln betrifft, so gibt das Kaspische Meer weitere Belege für ihre Fähigkeit, sich zu akkommodieren und umzuformen.

Die Stachelhäuker.

Die Stachelhäuter (Eehinodermata).

Die Tiere, welche wir bis jetzt zu betrachten Gelegenheit genommen haben, waren entweder bilateral-symmetrisch, d. h. ihr Körper konnte durch eine bestimmte Schnittfläche in zwei Hälften zerlegt werden, die wenigstens äußerlich spiegelbildlich gleich waren, oder er war, wie bei den meisten Weichtieren und sonst noch hin und wieder, in den meisten oder in allen Teilen asymmetrisch.

Die beiden jetzt sich anschließenden Tierkreise, derjenige der Stachelhäuter und der der Hohltiere, verhalten sich in dieser Beziehung anders. Indem sich hier mehr als zwei spiegelbildlich gleiche Körperstücke oder Antimeren um eine zentrale Achse herum gruppieren, wird der Bau der Tiere strahlig.

In den meisten Werken über Tierkunde, wissenschaftlichen und populären, welche seit 1819 bis in die neuere Zeit erschienen, werden denn auch neben den großen Kreisen der Wirbel— Glieder⸗, Weichtiere und Würmer die beiden zunächst übrigbleibenden als die sogenannten Strahltiere zusammengefaßt. Abgesehen davon, daß man, wie Cuvier, der Schöpfer dieses Kreises, genötigt war, ganze Scharen von Tieren hier unterzubringen, welche nichts weniger als „strahlig“ oder sternförmig gebaut sind, mußte man sich doch auch sagen, daß alle die Tiere, die man mit Recht mit jenem Namen bezeichnen konnte, nicht einen Gegensatz zu den einzelnen vier anderen Kreisen, sondern zu ihrer Gesamtheit bilden, insofern nämlich jene einem nach rechts und links symmetrischen Grundplane des Baues folgen. Die Cuvierschen Strahltiere sind also ebensowenig an sich als natürliche Abteilung zusammengehörig, als man dies von einer die Wirbel-, Glieder-, Weichtiere und Würmer in sich aufnehmenden Abteilung sagen könnte. Die neuere wissenschaftliche Tierkunde hat daher mit Recht fast allgemein von jener Benennung abgesehen oder sie nur aus Rücksicht der bequemeren äußerlichen systematischen Handhabung beibehalten. Dem bloß ordnenden und sichtenden Auge und Verstande will es allerdings nicht recht einleuchten, daß die auf etwa viertehalbtausend fossile und lebende Arten sich belaufenden Stachelhäuter denselben Rang einnehmen sollen wie die nach einigen Hunderttausend zählenden Gliedertiere oder die wenigstens nach Zehntausenden zählenden Weichtiere. Allein wir müssen immer unserer höchst lückenhaften Kenntnisse der Vorwelt eingedenk bleiben, und außerdem finden wir, daß innerhalb der Tausende von Arten der Stachelhäuter solche Verschiedenheiten auftreten, welche die Gruppen nicht minder voneinander entfernen als innerhalb der Weichtiere etwa die Schnecken von den Muscheln, innerhalb der Gliedertiere die Spinnen von den Insekten.

Der strahlige Bau, von dem auch sonst im Tierreiche hin und wieder noch Spuren auftreten, kann allein keinen Grund abgeben, die Stachelhäuter mit den Hohltieren zu vereinigen oder auch nur nähere verwandtschaftliche Beziehungen zwischen beiden Tierkreisen

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. X. 32

zu vermuten. Es konnte sehr wohl innerhalb zweier Tierstämme ein derartiges Organisationsverhältnis selbständig und unabhängig erworben werden, wobei freilich zugegeben werden muß, daß es, wie wir aus entwickelungsgeschichtlichen Thatsachen entnehmen können, höchst wahrscheinlich ist, daß die Vorfahren sowohl der Hohltiere als der Stachelhäuter bilateral-symmetrische Geschöpfe gewesen find. Die bilaterale Symmetrie, welche uns sowohl bei Quallen und Polypen als bei Seesternen und Seewalzen in erwachsenem Zustande entgegentritt, hat mit jener alten ursprünglichen nichts zu thun, sie ist eine neue Errungenschaft, das Resultat einer sekundären Anpassung ursprünglich strahliger Formen.

Bei den Hohltieren ist die Zahl der Antimeren, welche sich um die Polachse anordnen, normalerweise 4 oder 6 oder ein Mehrfaches dieser beiden Zahlen, bei den Stachelhäutern ist aber die typische Grundzahl 5. Teilen wir nun eine Antimere eines Hohltieres genau in eine rechte Hälfte und verlängern die halbierende Schnittfläche über die Mittelachse hinaus, so werden wir finden, daß wir durch ihre Fortführung die gegenüberliegende Antimere gleichfalls teilen; das verhält sich bei den Stachelhäutern anders. Nehmen wir an, wir hätten die charakteristischste Form, einen Seestern, vor uns und halbierten auch eine der fünf Antimeren, die hier Radius oder Strahl heißen, so würden wir sehen, daß der Schnitt, wenn wir ihn über die Polachse verlängerten, nicht wieder einen Strahl, sondern den Zwischenraum zwischen zwei Strahlen oder einen Zwischenstrahl (Interradius) teilen würde. Auch würden wir bei Seesternen und Seeigeln, sie mögen sonst so regulär gebaut sein wie sie wollen, einige weitere Unregelmäßigkeiten im äußeren Bau bemerken. Wäre derselbe ganz streng regelmäßig, dann müßten in der Einzahl vorhandene Organe genau zentral liegen, wie es der Mund bei den ganz regulären Formen auch thut; mit dem After aber und mit der später näher zu erwähnenden Madreporenplatte ist das nicht der Fall, sie liegen beide dezentral.

Die Gestalt der Echinodermen oder Stachelhäuter ist sehr mannigfach: sternförmig, oft mit sehr langen Strahlen oder fünfeckig mit geraden Seiten, kugelig bis kegelförmig einer⸗ und platt kuchenförmig anderseits; manche Formen sind von eleganter Herzform, andere häßlich wurmartig verlängert, und die Formen einer Klasse sitzen zeitlebens oder doch in der Jugend mittels eines Stieles auf Steinen, im Sande oder an anderen Gegenständen festgeheftet.

Den Namen Echinodermen verdanken unsere Tiere dem Danziger Arzt und Gegner Linnés, Jakob Theodor Klein, und er paßt auf die Seeigel, allenfalls noch auf eine Reihe von Seesternen, aber nicht auf die Seewalzen, Schlangensterne und Haarsterne, welche nichts weniger als stachlig sind. Kalkgebilde finden sich zwar in der Haut aller Stachelhäuter, aber in außerordentlich verschiedenem Umfang, bisweilen nur als mikroskopisch kleine Einlagerungen, während sie in anderen Fällen große, ziemlich dickwandige und fast allseitig geschlossene Kapseln bilden. In keinem Falle haben wir es jedoch bei den Echinodermen mit solchen Gehäusen zu thun, welche als Ausscheidungen sich mit den Muschelschalen und Schneckenhäusern vergleichen ließen, vielmehr sind es immer wahre Verkalkungen der Haut selbst.

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