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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
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im Gebiete der niederen Tierwelt geführt hat und in großartigster Weise bei den Fischen angewendet wird: der künstlichen Befruchtung. Was ihm diese selbst erzogenen nicht zeigten, konnte er durch Beobachtung der in den Kiemen sich aufhaltenden ergänzen. Für uns genügt es, hervorzuheben, daß auch nach diesen Entwickelungszuständen Teredo eine echte und unverkennbare Muschel ist. In dem spätesten Zustande, welcher beobachtet werden konnte, und den unsere Abbildung (S. 485) gibt, besitzt das hirsekorngroße Tierchen eine zweiklappige, fast kugelige Schale von brauner Farbe, aus welcher zwischen den Mantelfalten hervor ein beweglicher Fuß gestreckt werden kann. Auch ragt über die Schalen ein sehr entwickelter Segelwulst hervor, in dessen Mitte sich ein Wimperschopf befindet. Ferner ist das junge Weichtier auf dieser Stufe mit Augen und Ohren versehen. In diesem Ent-wickelungszustande wurden sie durch die obere Röhre aus der mütterlichen Kieme ausgeworfen und lebten in der Gefangenschaft noch länger als die erwachsenen Exemplare. Die Larven können nun, wie sich aus der Beschaffenheit ihrer Bewegungswerkzeuge entnehmen läßt, teils schwimmend, teils kriechend sich fortbewegen. „Wenn sie schwimmen, entfalten sie ihren Wimperapparat, der sich über die Schale legt und sie wenigstens zur Hälfte bedeckt. Einen sehr sonderbaren Anblick gewährt es, sie mit der Geschwindigkeit eines Rotifer oder einer Hydatina das Wasser durchschneiden zu sehen. Die Wimperbewegung macht, daß sie wie mit einem prächtigen Farbenkreis umgeben erscheinen, den man schon mit bloßen Augen wahrnimmt, der aber unter der Lupe und bei einer gewissen Beleuchtung von einem ganz außerordentlichen Glanze ist. Dieses Schwimmen ist nie von langer Dauer, und am häufigsten machen die Larven Gebrauch von ihrem Fuße.“

Weiter konnten die Larven in ihrer Entwickelung nicht beobachtet werden; es ist nicht unwahrscheinlich, daß sie sich kurze Zeit darauf am Holze festsetzen und, in dasselbe nach und nach eindringend, ihre letzte Umwandlung bestehen. Ihr Lebenslauf scheint übrigens ein auffallend kurzer zu sein. Die Holzstücke, welche Quatrefages im Oktober untersuchte, staken gewöhnlich ganz voll von Tieren. Später wurden diese seltener, und Ende Januar konnte sich der Forscher nur mit Mühe einzelne Individuen verschaffen. Man versicherte ihn auch, daß man nur im Sommer die „Würmer“ in großer Anzahl im Holzwerk träfe, und daß fie im Winter fast alle abstürben. Quatrefages will daraus schließen, daß bei Teredo, wie bei manchen Insekten, der Fortbestand der Art nur durch einige Individuen gesichert ist, welche den Unbilden der schlechten Jahreszeit widerstehen, und daß auch diese absterben, kurz nachdem sie Eier gelegt oder die Larven, welche die Mantelfalten einschließen, in Freiheit gesetzt haben.

Einen gefährlichen, seine Verbreitung und zerstörenden Wirkungen jedoch nicht hindernden Feind hat der Bohrwurm in einem Ringelwurm, der Nereis fucata. Die Larven dieser Raub⸗Annelide leben mit den Teredo-Larven zusammen, und die reife Form findet man in den Röhren des Teredo. Sie frißt sich unter die Haut des letzteren ein und zehrt ihn allmählich auf.

In der Familie der Gastrochänaceen werden noch einige teils durch Nesterbau, teils durch eigentümliche Kalkröhren ausgezeichnete Sippen vereinigt. So Gastrochaena. Das Tier hat einen dicken, bis auf eine enge vordere Offnung für den Austritt des Fußes ganz geschlossenen Mantel, der hinten in zwei, ihrer ganzen Länge nach verwachsene Siphonen verlängert ist. Der Fuß ist sehr klein, spitz und trägt einen Byssus. Das Gehäuse ist gleichschalig, beinahe keilförmig dünn, auf der Bauchseite, namentlich nach vorn hin, stark klaffend und reicht zum Schutze der Weichteile des Tieres nicht aus. Einige Arten, wie Gastrochaena modiolina (Abbild. umstehend) von der englischen Küste, leben

in Felsspalten und verbinden kleine Steinchen und Muscheltrümmer zu einer Art von flaschenförmigem Nest, welches die Schale gänzlich einschließt. Die Außenseite desselben ist rauh, die Innenseite glatt und besteht aus dünnen Lagen einer kalkigen Absonderung des Tieres. Das Nest ist ganz geschlossen bis auf die Mündung des Halses für die Siphonen. Mit dem Wachstum des Tieres wird auch das Nest vergrößert und dessen Hals verlängert. Dieselbe Art, von der hier die Rede, soll jedoch auch zugleich sich in weichere und härtere Felsen einbohren können, während andere Arten nur diese Gewohnheit haben und im Inneren von Muschelschalen, Korallen, Balanusmassen leben, wo fie sich mit einer unvollständigen Röhre umgeben.

Bei der anderen, ihr nahe stehenden Gattung Clavagella ist die eine Schalenhälfte ganz mit einer kalkigen keulenförmigen Röhre verwachsen, die andere ist frei in derselben. Diese Röhre steckt bald frei im Sande, bald ist sie in Korallen, Felsen, Balanusmassen festgewachsen. Das vordere Ende hat oft eine Spalte und offene kleine Röhrchen, das hintere Ende ist frei. Diese Röhrchen werden durch fleischige, in unbestimmter Anzahl aus dem Mantel hervorwachsende Fäden abgesondert. Diese Tiere, von denen zwei Arten im Mittelmeere, die anderen in den Meeren der heißen Zone leben, bilden den Übergang zur Siebmuschel (As— „ pergillum). Wir haben in A (s. Abbild., S. 491) dad aus der Röhre herausgenommene Tier, das von einem fast vollkommen geschlossenen, sackförmigen oder flaschenförmigen Mantel (a) eingehüllt ist. Unsere Figur zeigt denselben in einem sehr zusammengezogenen Zustande. Er geht vorn in eine Art Scheibe (b) über, in deren Mitte sich ein mit der Spalte des Gehäuses korre⸗ 925 u an e spondierender Schlitz (c) findet. Dicht dahinter ist eine ee b)Nestz natürliche Größe. punktförmige Offnung (d) für das entsprechende kleine Fußende. Die hintere Hälfte des Mantels ist quer gerunzelt und endigt mit den beiden Siphonalöffnungen (e). Die dem Gehäuse der übrigen Muscheln entsprechenden Schalen find bei Aspergillum sehr zurückgeblieben, ein Paar kleine Blätter, in eine lange cylindrische oder nach hinten enger werdende und daselbst offene Kalkröhre eingewachsen. Das vordere Ende (B) bildet eine Scheibe, welche eine Spalte in der Mitte und auf der Fläche und am Rande zahlreiche kleine, offene Röhrchen hat. Das nördlichste Vorkommen der Siebmuscheln ist das Rote Meer. Sie stecken mit ihrem Gehäuse senkrecht im Sande. Aus dem Vorhandensein der zweiklappigen Schale, welche, obgleich der Röhre eingewachsen, doch immer ganz deutlich bleibt, kann man mit Sicherheit schließen, daß die jungen Tiere sich von dem Aussehen der übrigen, normal gebauten Muscheln nicht entfernen werden.

Bei den folgenden Familien und Sippen fehlt die Mantelbucht. Wir beschränken uns jedoch auf die Bekanntschaft mit einer einzigen.

Die Cardiaceen umfassen unter den lebenden Muscheln fast nur die allerdings sehr artenreiche und von den Konchyliologen wieder in mehrere Unterabteilungen gebrachte Sippe Herzmuschel (Cardium), davon benannt, daß das Gehäuse von hinten oder vorn herzförmig aussieht. Es hat hervorragende, eingerollte Wirbel, von welchen aus strahlenartig Rippen nach dem Rande sich erstrecken. Das Tier hat den Mantel vorn bis über die Hälfte der Länge gespalten. Hinten ist er mit zahlreichen langen Fransen

besetzt und läuft in zwei kurze, ebenfalls mit Fransen besetzte Röhren aus. Der Fuß ist sehr groß, rund und mit einem Knie gebogen. Eine, wenn auch mit manchen Ungehörigkeiten ausgeschmückte Schilderung einer englischen Küstenstrecke mit ihren Herzmuscheln gibt Gosse: „Wollen wir heute den Sand untersuchen? Eine breite, der See gut aus⸗— gesetzte Sandfläche ist für den Naturforscher kein ungünstiger Jagdgrund, so leer er scheint und so sprichwörtlich seine Unfruchtbarkeit, — leer wie der Sand an der Seeküste. Dann besonders kann man auf Beute rechnen, wenn, wie es oft der Fall ist, die weite Fläche gelben Sandes von einer oder mehreren Stellen rauher Felsen unterbrochen wird. Der Goodrington-Sand in der Bai von Torquay (Südküste von Devonshire) erfüllt gerade diese Bedingungen; und dahin wollen wir am heutigen Aprilmorgen unsere Schritte lenken. „Wir verfolgen unseren Weg auf der staubigen Hauptstraße, welche der Küste entlang von Torquay südwärts führt, indem wir dann und wann auf die Felsen und die zurückweichende Ebbe unsere Blicke werfen. Wilde Hyazinthen schauen zwischen dem üppigen Blattwerke der Arums und Nesseln hervor; überall Farnkräuter und Schlüsselblumen, die entweder in zusammenhängenden Massen sprossen oder nur wie einzelne Sterne die grüne Fläche besetzt halten; das lichte Himmelsröschen lächelt, und der immer liebliche Gamander— Ehrenpreis, die lichteste, süßeste aller Frühlingsblumen, erfreut uns da und dort, gleich

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A) Siebmuschel, Tier (Aspergillum vaginiferum). B) Vorderende der Schale der javanischen Siebmuschel. Natürliche Größe.

Engelsaugen, wie unsere Landleute poetisch diese schön hellblauen Blumen nennen. Nachdem wir uns nochmals nach den amphitheatralischen Hügeln von Torquay umgesehen, gelangen wir zu dem lang hingestreckten Dorfe Paington, das malerisch mitten in Obstgärten steckt. Die Häuser sind so in den Apfelbäumen begraben, daß nur die braunen, vom Alter gefleckten Strohdächer hier und dort hervorragen wie Inseln in einem Meere rötlicher Blüten. Auf der anderen Seite aber dehnen sich Weidedickichte aus, wo die jungen zartgrünen Schößlinge, die Hoffnung des Herbstes, dicht von den ungeschlacht abgekappten Stumpfen sich erheben, während das stille Wasser rings um ihre Wurzeln erglänzt. Wir biegen durch eine enge Gasse zur Linken ab und befinden uns nach einem Augenblicke auf einer moosigen, blumigen, mit Farn bedeckten Fläche. Durch das offene Thor einer Villa sehen wir wieder auf einen schönen Garten, dessen zahlreiche alte Tamarisken, die über und über mit ihren gefiederten Blättern beladen sind, den Seewall bedecken. Endlich eröffnet sich uns die ganze Ausdehnung von Küste und See, und die Wagenräder sinken plötzlich 6 Zoll tief in den feuchten Sand ein. Wie glänzt und flimmert die weite Silbersee unter der aufsteigenden Sonne. Kaum kräuselt ein leichter Wind ihre Spiegelfläche. Doch weiter draußen in der offenen See lassen tiefblaue Linien und Streifen erkennen, daß ab: » und zukommende Windstöße das Wasser erregen. „Wir sind am Goodrington-Sand. Denn hier zur Linken befindet sich der vorgestreckte steile Abfall von rotem, horizontal geschichtetem Sandstein, bekannt unter dem Namen „Roundham Kopf‘; jenseit desselben sehen wir „‚Hope's Naje‘ und die beiden fie be: wachenden Inselchen. Auf der anderen Seite erstreckt sich der lange mit dem „Berry

A) Siebmuſchel, Tier (Aspergillum vaginiferum). B) Vorderende der Schale der javaniſchen Siebmuſchel. Natürliche Größe.

Kopf‘ endigende Landwall ebensoweit vor, und wir befinden uns am Rande der tiefen Bucht ungefähr gleich weit von beiden Landspitzen. Unmittelbar vor der Mündung des grünen Heckenganges, der in einiger Entfernung vom Strande beginnt und sich bis zur See erstreckt, liegt eine niedrige schwarze Felsmasse, besetzt mit Meereicheln (Balanus). Sie ist sehr zerrissen, und enge, gewundene, mit Sand bedeckte Gänge durchschneiden sie in allen Richtungen, und überall sind in den Höhlungen seichte, ruhige Wassertümpel zurückgeblieben. Das sind kleine, niedliche Seegärten, diese Tümpel. Hellgrüne Blätter von Ulva schwimmen im Wasser; Knorpeltangbüschel erglänzen in stahlblauem, edelsteinähnlichem Widerschein; lange und breite Blätter des gesättigt dunkelroten Tanges geben einen schönen Kontrast zum grünen Seelattich; und alle zusammen geben Tausenden von wachsamen, unruhigen, vergnügten Lebewesen ein geräumiges Obdach. Man hat schwer Gehen; der Boden ist sehr uneben, und der Widerschein der Sonne auf dem Wasser erschwert

Stachlige Herzmuschel (Cardium echinatum). Natürliche Größe.

einem zu sehen, wohin man treten soll, während das Kommen und Gehen der kleinen Wellen auf dem Sande dazwischen dem verwirrten Gehirne den Eindruck macht, als ob unter dem Fuße alles in Bewegung sei. „Was für ein Ding liegt dort auf jener Sandstrecke, worüber das seichte Wasser rieselt, indem es den Sand darum fortspült und jenes eben trocken setzt. Es sieht wie ein Stein aus; aber ein schöner scharlachroter Anhang ift daran, der in diesem Augenblicke wieder verschwunden ist. Wir wollen den Moment abwarten, wo die Welle zurückgeht, und dann hinlaufen. Es ist ein schönes Exemplar der großen dornigen oder stachlichen Herzmuschel (Cardium rusticum oder echinatum), wegen welcher alle diese sandigen Küstenstrecken, welche die große Bucht von Torquay einfassen, berühmt sind. In der That ist die Art kaum anderswo bekannt, jo daß fie in den Büchern oft als die Paington— Herzmuschel bezeichnet wird. Mit gehöriger Kochkunst zubereitet ist sie ein wahrer Leckerbissen. Die Umwohner um Paington kennen die,Rotnasen“ wie fie diese großen Herzmuscheln nennen, so wohl und suchen sie zur Zeit der tiefen Ebbe, wenn man sie im Sande liegen sieht, sobald sie mit den gefransten Röhren gerade an der Oberfläche erscheinen. Sie sammeln dieselben in Körben, und nachdem man sie einige Stunden im kalten Quellwasser gereinigt hat, bratet man sie in einem Teige aus Brotkrume. So berichtet ein alter Kenner der Muscheln und ihrer Tiere aus dem vorigen Jahrhundert. Nun, die Tiere haben ihre Gewohnheiten und Standorte nicht verändert; noch heute finden sie sich auf denselben

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