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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
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Die Bohrmuschel (Pholas) führt uns in den Kreis derjenigen Muscheltiere, welche man häufig wegen ihrer auffallend gestreckten Gestalt und der zum Teil bis zur Unkenntlichkeit abweichenden Schalenform als eine besondere Ordnung, Röhrenmuscheln (Tubicolae), betrachtet hat. Das Tier von Pholas (in unserer Abbildung, S. 481; ohne Schale)

hat einen verlängerten Körper mit fast ganz geschlossenem Mantel. Wir sehen daran zwei vordere Zipfel (a), einen dünneren (b) und einen mit verschiedenen Muskeln (g, fk) aus: gestatteten Teil, in welchem auch die Muskeln (c) liegen, welche zum Zurückziehen der langen Röhre dienen. In dem runden, trommelförmigen, vorderen Mantelteile ist ein kreisrundes Loch, in welchem man den Fuß (h) bemerkt; derselbe ist sehr kräftig, kurz und breit und endigt mit einer Platte, welche unter anderem auch als Saugnapf verwendet werden zu können scheint. Der unregelmäßige Lappen e ist Oberhaut, welche den hinteren Teil der Muscheln verschließt. Diese, die Schale, ist länglich und klafft vorn und hinten. Die Verbindung der beiden Schalenhälften ist von der der normal gebauten Muscheln sehr abweichend. Ein innerlicher löffelförmiger Fortsatz in jeder Schale erinnert an den ähnlichen Teil bei Mya. Ein umgeschlagenes Kalkblatt jederseits in der Schloßgegend ist von einer Reihe Offnungen durchbohrt, durch welche einzelne Muskelpartien treten, die an ein Paar lose auf dem Rücken liegende Schalenstücke sich anlegen. Manche Pholaden, wie unsere gemeine Pholas dactylus, haben zwei, andere nur eine solche freie Rückenplatte. Der Nutzen dieser freien Platten besteht offenbar darin, zwar den Rückenverschluß der Schalen möglichst zu sichern, zugleich aber auch die Entfernung der vorderen Enden der beiden Schloßseiten voneinander zu ermöglichen, wie solches aus der gleich folgenden Beschreibung der Bohrmethode der Pholas hervorgeht. Bei allen Arten sind die immer weißen Schalen mit Reihen von kleinen Zacken und Zähnchen besetzt (s. Abbild., S. 482), welche der Oberfläche das Aussehen einer groben Raspel geben. Über das Bohren der Pholaden ist sehr viel beobachtet und geschrieben worden, ohne daß die Aufklärung darüber eine vollständige wäre. Unsere eigentlichen Pholas-Arten scheinen nur = im weicheren Gefteine und im weichen Holze zu bohren, wo — ihnen die zu Gebote stehenden gröberen mechanischen Werkzeuge ausreichen dürften. Mit genauerer Berücksichtigung der os Muskulatur hat Osler das Aushöhlen der Wohngänge be: f schrieben, wobei die Schale als Feile benutzt wird. Er sagt: emegc Gb „Die Pholas hat zwei Arten zu bohren. Bei der ersten befestigt sie sich mit dem Fuße und richtet sich fast senkrecht auf, indem sie den wirkenden Teil der Schale gegen den Gegenstand andrückt, an welchem sie anhängt. Nun beginnt sie eine Reihe von teilweisen Drehungen um ihre Achse, was durch eine wechselweise Zusammenziehung des rechten und linken Seitenmuskels bewirkt wird, wonach sie jedesmal wieder in ihre senkrechte Lage zurückkehrt. Diese Art wird fast ausschließlich nur von jungen Tieren angewendet und ist gewiß ganz wohl darauf berechnet, um in einer senkrechten Richtung vorzudringen, so daß sie hierdurch in der möglichst kürzesten Zeit vollständig eingegraben sind. Denn in der ersten Zeit ihres Lebens sind die Hinterenden ihrer Schalen viel weniger vollendet, als sie es später werden. Haben die Pholaden aber 2 oder höchstens 3 Linien Länge erreicht, so ändern sie ihre Richtung und arbeiten wagerecht; denn die veränderte Gestalt der Schale und die Zunahme des Gewichtes des hinter dem Schlosse gelegenen Teiles des Tieres hindern es, sich so senkrecht wie früher aufzurichten. Bei den zur Erweiterung der Wohnungen notwendigen Bewegungen übernehmen die Ziehmuskeln einen wesentlichen Anteil. Das auf seinem Fuße befestigte Tier bringt die vorderen Enden der Schale miteinander in Berührung. Dann ziehen sich die Reibemuskeln zusammen, richten den Hinterteil der

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. X. g 31

Schale auf und drücken den wirkenden Teil derselben gegen den Boden der Höhlung; einen Augenblick nachher bringt die Thätigkeit des hinteren Zieh- (d. h. Schließ-) Muskels die Rückenränder der Schale miteinander in Berührung, so daß die starken feilenartigen Teile plötzlich getrennt werden und rasch und kräftig über den Körper hinkratzen, worauf sie drücken. Sobald dies geschehen ist, sinkt das Hinterende nieder, und unmittelbar darauf wird dieselbe Arbeit mittels Zusammenziehung des vorderen Schließ-, des Seiten- und des hinteren Schließmuskels der Reihe nach wiederholt.“ In der That kann man sich an allen Exemplaren mit dem bloßen Auge und noch besser mit der Lupe überzeugen, daß die Raspelzähne an dem ganzen vorderen Teile der Schale der Pholaden abgenutzt und durch Reiben abgerundet sind. Ihre Masse ist von ziemlich fester Beschaffenheit und sicher weicheren Substanzen gegenüber wirksam. Der englische Naturforscher Hancock, um die Naturgeschichte der Weichtiere hoch verdient, wollte bei mehreren bohrenden Muscheln, auch in Pholas, im vorderen Mantelrande und Fuße kleine mikroskopische Kieselkörper gefunden haben, durch welche bei Bewegung jener Körperteile Holz und Stein abgescheuert und ausgehöhlt werden sollten. Es sind schon von anderer Seite e Zweifel gegen das Vor: Zu % handensein dieser Kör-e Bes Größe perchen erhoben, die ich, soweit fie Pholas be: treffen, nach soeben wiederholter Untersuchung vollkommen beftätigen muß. Ich finde im Fuße und Mantel von Pholas dactylus aus dem Adriatischen Meere zwar einzelne scharfe Kieselsplitter und kleine kristallinische Körperchen, aber so unregelmäßig, so wenig zahlreich und in so unbestimmter Lage, daß es sicher fremde Eindringlinge sind. Auch ein anderer Beobachter tritt für das Abraspeln durch die Schale ein. „Ich hatte“, sagt John Robertson, „während meines Aufenthaltes zu Brighton Gelegenheit, Pholas dactylus zu studieren; ich unterhielt wenigstens 3 Monate lang 20 bis 30 von diesen Geschöpfen, die in Kreidestücken thätig waren, in einem Glase und einem Gefäße mit Seewasser unter meinem Fenster; die Pholas macht ihre Höhle, indem sie die Kreide mit ihrer feilenartigen Schale abreibt, sie gepulvert mit ihrem Fuße aufleckt, durch ihren Sipho treibt und in länglichen Knötchen ausspritzt.“ In sehr weichen Substanzen scheint aber die Fußscheibe das Geschäft des Aushöhlens ganz allein übernehmen zu können. Mettenheimer beobachtete eine Pholas, die erst mit dem vorderen Ende einige Linien tief in einem Stücke Meertorf steckte, aber nach 3 Tagen schon ganz im Inneren des Torfes verschwunden war. Nur sehr selten machte sie eine leichte, kaum wahrnehmbare Bewegung um ihre Achse, die aber durchaus nicht als Ursache des Bohrens angesehen

e Bes Größe

werden konnte. Dagegen zog sie die hinten vorragenden Siphonen von Zeit zu Zeit kräftig zusammen, wobei sie sich ein wenig tiefer in die Höhle hineinschob. Solange das Tier in Thätigkeit war, sah man den noch freien Raum im Bohrloche neben der Schale sich ganz allmählich mit feinem Torfstaube füllen, bis er endlich zur Mündung der Höhle herausfiel. Die Losscheuerung des Torfes konnte Mettenheimer nur dem Fuße zuschreiben. Wenn daher nach diesen nicht wohl anzutastenden Zeugnissen über die verschiedene mechanische Thätigkeit der Pholaden beim Bohren kein Zweifel erhoben werden kann, ist natürlich keineswegs die Möglichkeit ausgeschlossen, daß außerdem immer, oder wo es ein härterer Kalkstein erfordert, irgend ein Sekret der Muschel eine auflösende, das Raspeln und Reiben erleichternde Wirkung ausübt. Eine andere Eigentümlichkeit der Pholaden ist das Leuchten. Über den Vorgang und die Natur dieser Erscheinung hat uns Panceri Aufschluß gegeben. Läßt man die aus ihren Bohrlöchern herausgenommenen Tiere ruhig in einem Gefäße mit Meerwasser stehen und beobachtet sie in der Dunkelheit, so leuchten sie nicht. Sie verhalten sich damit wie die anderen Leuchttiere des Meeres, welche alle gereizt werden müssen, ehe sie ihr Licht anstecken. Faßt man sie an und bewegt sie, so ergießen sich von ihnen leuchtende Wölkchen ins Wasser, das nach und nach ganz leuchtend wird. Es ist ein Schleim, welcher sich vom Tiere ablöst, und der sich allem anhängt, was mit ihm in Berührung kommt. Das Leuchten der Masse verliert sich, nachdem sie sich ausgebreitet und zur Ruhe gekommen ist, erscheint aber wieder bei Erneuerung der Reizung und Bewegung. Obgleich sehr bald nach Anstellung der Reizversuche sich die ganze weiche Körperoberfläche der Muschel mit dem leuchtenden Schleime bedeckt, so wird derselbe doch nur aus bestimmten, nicht sehr umfangreichen Or— UmrißStreifender sindBohrmuschel.die Leuchtorgane.Die weißenNatürlicheFleckenGröße.und ganen ausgeschieden. Sie liegen am oberen Mantelrande, am vorderen Eingange der Mantelröhre und in Form zweier paralleler Streifen im Atemsipho. Sie sind Anhäufungen von Zellen mit fettigem Inhalte.

Die bisher genannten bohrenden Muscheln können kaum unter die schädlichen Tiere gezählt werden. An Pholas reiht sich aber ein Tier von äußerster Schädlichkeit an, der Schiffswurm (Teredo), über den wir vorerst einige geschichtliche Nachweise nach Johnstons Zusammenstellung bringen. „Die Zerstörungen, welche dieses wurmförmige Tier bewirkt, sind ansehnlich genug, um sowohl die Verhaßtheit, welche ihm zu teil geworden, als auch den strengen Ausdruck Linnés zu rechtfertigen, welcher ihn calamitas navium al

Umriß der Bohrmuſchel. Die weißen Flecken und Streifen ſind die Leuchtorgane. Natürliche Größe.

(das Elend, Verderben der Schiffe) nennt. Er ist mit dem Vermögen begabt, sich in Holz einzubohren, zerstört Schiffswracke, durchwühlt Bauwerke zur Einengerung des Ozeans, durch—⸗ löchert Schiffe, Brückenpfeiler und Bollwerke in allen Richtungen, jo daß fie bald, unfähig, der Gewalt der Wogen länger zu widerstehen, ihnen erliegen müssen. Der Betrag des Schadens, welchen der Schiffswurm auf diese Weise jährlich verübt, ist schwer zu berechnen. Daß er aber sehr beträchtlich sei, geht aus den Klagen, welche über dieses Tier in fast allen Meeren erhoben werden, und aus den vielen kostspieligen Vorkehrungen zur Abwendung seiner Angriffe hervor. „Da gibt es“, sagt ein ungenannter Reisender, „in den indischen Meeren eine kleine Wurmart, welche in das Bauholz der Schiffe eindringt und dasselbe so durchbohrt, daß sie überall Wasser ziehen; und wenn sie es auch nicht sogleich ganz durchbohrt, so greift sie dasselbe doch so an, daß es meistens unmöglich wird, es wieder herzustellen. Zwar wenden einige Teer, Haare und Kalk als Überzug der Schiffe an, welche indessen sämtlich nicht nur nicht genügen, um den Wurm zu vertreiben, sondern auch das Schiff in seinem Laufe aufhalten. Die Portugiesen brennen ihre Schiffe (es ist die Rede vom Jahre 1666), jo daß fie ganz von einer zolldicken Kohlenrinde über: zogen werden. Wenn dieses Verfahren aber einerseits gefährlich ist, da es nicht selten geschieht, daß das ganze Schiff verbrennt, so beruht anderseits die Ursache, weshalb der Wurm die portugiesischen Schiffe nicht durchfrißt, nur in der außerordentlichen Härte des angewendeten Bauholzes.“ Im Westen ist der Teredo ebenso thätig. Die ersten englischen Schiffahrer sind in ihren kühnen Unternehmungen oft gekreuzt und aufgehalten worden durch das Unbrauchbarwerden ihrer Schiffe; und bei weiterer Ausdehnung des englischen Handels wurde das Übel so fühlbar, daß man sich entschloß, den Boden der Schiffe mit Blei und Kupfer zu überziehen. Gewöhnlich nimmt man an, daß der Schiffswurm nach der Mitte des 17. Jahrhunderts von den tropischen Meeren aus in Europa eingeführt worden sei; da man aber genügende Beweise hat, daß mehrere Arten daselbst wirklich heimisch sind, so verschwindet die Hoffnung, sie einmal alle in einem ungewöhnlich strengen Winter oder durch eine ihrer Natur nachteilige Witterung vertilgt zu sehen, sofern der Schiffswurm nämlich meistens in der Nähe der Oberfläche und oft an Stellen verweilt, welche bei der Ebbe trocken werden und notwendig den Einflüssen aller atmosphärischen Veränderungen ausgesetzt sind. In den Jahren 1731 und 1732 befanden sich die vereinigten Niederlande in einer schreckenvollen Aufregung, als man entdeckte, daß diese Tiere solche Zerstörungen in dem Pfahlwerke der Eindämmungen von Seeland und Friesland angerichtet hatten, daß sie mit einer gänzlichen Vernichtung desselben drohten und dem Menschen wieder entreißen zu wollen schienen, was er mit beispielloser Anstrengung dem Ozean abgerungen hatte. Glücklicherweise verließen sie einige Jahre später diese Dämme wieder; aber in der Furcht vor der Wiederkehr eines Feindes, fürchterlicher als der Großtürke selbst, den fie sich bloß mit Spaten und Schaufeln zu vertilgen vermessen hatten, setzten die Holländer eine große Belohnung für denjenigen aus, der ein Mi tel angeben könnte, um die Angriffe dieser Tiere abzuwenden. Salben, Firnisse und giftige Flüssigkeiten wurden sofort hundertweise anempfohlen. Es dürfte schwer sein, den Betrag des Schadens zu schätzen, welchen diese Heimsuchung verursacht hat, die nach der Meinung von Sellius (welcher 1733 eine Naturgeschichte des Teredo herausgab), da er keine natürliche Veranlassung dazu entdecken konnte, von Gott verfügt war, um den wachsenden Hochmut der Holländer zu züchtigen. Die Schriftsteller jener Zeit bezeichnen ihn im allgemeinen als sehr groß, und Dr. Tobias Baster führt den Teredo als ein Tier an, welches in jenen Gegenden für viele Millionen Schaden verursacht habe. Auch England hat er mit mannigfachem Unheil heimgesucht und thut es noch. „Der gesundeste und härteste Eichenstamm kann diesen verderblichen Geschöpfen nicht widerstehen; denn schon in 4—5 Jahren durchbohren

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