Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Über die Art des Fischens der Perlenmuscheln in Böhmen teilt Franz Löw Folgendes mit: „Die Gewinnung dieser Perlen wird nun auf folgende zwei Arten betrieben. Ist das Wasser nicht zu kalt oder nicht tiefer, als daß es einem Manne höchstens bis zum Halse reicht, oder wohl auch nicht rein genug, um bis auf den Grund sehen zu können, so begibt sich der Perlenfischer in das Wasser, geht darin auf und ab und sucht zugleich mit ziemlicher Fertigkeit mit den Füßen die Muscheln. Hat er eine gefunden, so ergreift er sie mit den Zehen, hebt sie in die Höhe und bringt sie so an die Oberfläche. Hier besieht er nun zunächst bloß die äußere Fläche der Muschel und sucht darauf nach jenen Merkmalen, deren Vorhandensein oder Fehlen für ihn untrügliche Zeichen sind, daß sie reife Perlen enthält oder nicht. Vermißt er diese Kriterien, so wird die Muschel weiter nicht berücksichtigt, hat er diese aber daran entdeckt, so wird sie entweder ans Ufer geworfen oder in einen zu diesem Zwecke umgehängten Sack gesteckt. „Ist hingegen das Wasser zu tief oder zu kalt, zugleich aber auch rein genug, um bis auf den Grund sehen zu können, so werden zur Perlenfischerei auch Kähne benutzt. Die Fischer sind dabei mit langen Stangen versehen, an deren einem Ende ein Messer befestigt ist, welches in die klaffenden Muscheln hineingestoßen wird. Diese werden dadurch angespießt, aus dem Wasser gezogen und sodann auf die erwähnte Weise geprüft.“
Die andere Hauptgattung der Najaden, deren wir schon gelegentlich wiederholt Erwähnung gethan, Ano donta, ist, was das Tier angeht, nicht wohl von Unio zu unterscheiden. Das Gehäuse ist dünn und zerbrechlich; der Schloßrand ist linealisch, ohne Zähne, und unter dem Bande befindet sich nur eine stumpfe Längslamelle. Die Anodonten ziehen schlammige, stillstehende Gewässer den reinen, fließenden vor. Jedoch finden sich einzelne
Arten oder Abarten auch in großen, seltener in kleineren Flüssen an solchen Stellen, wo sie vor der Gewalt des Wassers etwas geschützt sind; besonders gern scheinen sie sich in den Ausflüssen großer Teiche aufzuhalten. Was oben über die Schwierigkeit der Unterscheidung der Arten der Unionen gesagt wurde, gilt in ganzer Ausdehnung auch für diese Sippe. Hier wie dort hat man an den Schalen keine Kennzeichen, daß ihr Wachstum vollendet ist. Den Namen Entenmuschel für alle Anodonten will Roßmäßler mehr von der schnabelförmigen Verlängerung des Hinterendes der Muschel herleiten, als davon, daß das Tier von den Enten als eine Lieblingsspeise aufgesucht würde, da zwar allerdings als sehr wahrscheinlich angenommen werden könne, daß das fleischige, schlüpferige Tier den Enten
Große Schwanen-Entenmuschel (Anodonta cygnea). Natürliche Größe.
wohl behagen würde, diese es aber schwerlich mit ihrem weichen Schnabel aus der harten Muschel hervorzulangen im stande sein dürften. Dem muß ich widersprechen. Meine Untersuchungen über die Entwickelung von Anodonta cygnea geschahen nach Exemplaren aus einem kleinen seichten, schlammigen Bache, in welchem ich wochenlang mit den Enten um die Wette gefischt habe. Ich bin oft unmittelbar dazu gekommen, wenn eine Ente trotz ihres weichen Schnabels den Schalenrand des Hinterendes so weit bearbeitet hatte, daß sie sich des Fleisches, namentlich der mit den Embryonen gefüllten Kiemen, bemächtigen konnte. Die beiden wichtigsten Formentypen der zahlreichen, über den größten Teil von Europa verbreiteten Anodonten find Anodonta cygnea, die große Schwanen-Entenmuschel oder Teichmuschel, und Anodonta cellensis. Jene ist eiförmig oder etwas rhombisch, der Oberrand gerade oder meist aufsteigend gebogen; der Unterrand gerundet und von dem Oberrande divergierend. Es kommen Exemplare von 20 cm Länge und 11 em Höhe vor. Diese, die Anodonta cellensis, hat eine verlängerte, sehr dünne, gefurchte Schale, deren Ober⸗ und Unterrand gerade und ziemlich parallel sind. Noch kein sich mit den Najaden
im speziellen beschäftigender Naturforscher hat den Versuch gemacht, nach anatomischen Merkmalen der Weichteile der Tiere Artunterscheidungen zu begründen, und in der That scheint wenig Aussicht vorhanden, diese Scheidung zu einem erquicklichen Ende zu bringen.
Wir lassen nun einige der Familien oder wenigstens Sippen als Familien-Repräsentanten folgen, deren Mantel hinten in zwei mehr oder minder lange Röhren oder Siphonen ausgeht und deren Schale die Mantelbucht zeigt. Man sehe die Abbildung S. 424.
Eine der umfangreichsten Muschelfamilien ist diejenige der Tellinaceen (Tellinacea). Das Tier hat den Mantel in seiner ganzen Länge geteilt. Der Fuß ist zusammengedrückt und erzeugt nie einen Bart. Die Kiemen sind blattartig. Die Schale ist ziemlich gleichschalig. Die hierher gehörigen Arten, über alle Zonen der Erde verbreitet, leben frei im Sande. Sie find teils Meer-, teils Süißwasserbewohner. Unter jenen finden sich viele eßbare Muscheln, namentlich aus der Sippe Venus, welche zugleich viele durch Schönheit der Farben und mancherlei stachlige Auswüchse ausgezeichnete, von den Muschelsammlern sehr gesuchte und ehemals hoch bezahlte Arten enthält. Seit einigen Jahren hat man angefangen, auch manche dieser im Sand und Schlamm sich vergrabenden Muscheln in den Aquarien zu halten, nachdem man die Scheu überwunden, den Boden mit einigen Zoll hoch Schlamm zu bedecken. Der feinst verteilte Schlamm setzt sich bald, und aus ihm strecken alsdann die Muscheln ihre After- und Atemröhre in das klare Wasser heraus.
Nächst Venus ist Tellina die artenreichste Gattung, indem über 200 bekannt sind. Ihre Schalen find flach und meist sehr zart gefärbt. Manche Tellinen und Donax- Arten sind im stande, sich springend fortzubewegen. Sie suchen sich zuerst durch passende Manöver des Fußes auf den Rücken zu legen, strecken dann den sehr dehnbaren, geknieten Fuß vorn um die Schale herum und lassen ihn dann, gleich einer Feder, gegen den Sand anschnellen.
Die Beobachtung und wissenschaftliche Untersuchung hat sich mit Vorliebe mit einigen dem süßen Wasser angehörigen Tellinaceen beschäftigt, namentlich der ziemlich viele Arten enthaltenden und weit verbreiteten Gattung Cyclas. Sie graben sich seltener ein, halten sich sogar lieber zwischen den Stengeln der Pflanzen auf, wo sie mit einer für eine Muschel ganz anständigen Beweglichkeit einhersteigen. Sie sollen auch, was ich jedoch nicht gesehen, gleich den Süßwasserschnecken an dem Wasserspiegel hängen und kriechen können. Die größte der einheimischen, Cyelas rivicola, wird 2 em lang, die übrigen kaum halb jo lang, darunter die gemeinste, C. cornea, jo genannt von dem gräulich hornfarbenen Aussehen ihrer Schale. Auch bei den Cykladen gelangen die Eier, um sich zu entwickeln, nicht ins Freie, sondern in eigentümliche, an der Innenseite der Kiemenblätter zur Brutzeit auf: tretende Bruttaschen. Wir haben neuerlich durch Stepanoff erfahren, daß die Entstehung dieser Bruttaschen große Analogie bietet mit den Wulsten, welche sich bei der Krötengattung Pipa um die auf den Rücken des Weibchens gebrachten Eier legen. Stepanoff fand gewöhnlich an einem Kiemenblatt eine ganze Reihe von Bruttaschen in verschiedenen Entwickelungsstadien. „In den einzelnen Bruttaschen findet sich eine wechselnde Anzahl von Embryos, die allerjüngsten enthalten deren immer nur einen oder zwei, die ausgebildeten Bruttaschen dagegen gewöhnlich bis zu sieben. Außerdem ist hervorzuheben, daß man in den kleinen Säcken immer nur Embryos gleicher Entwickelung findet, während die ausgewachsenen Taschen immer mit einer Brut von verschiedener Reife erfüllt sind. Diese Thatsache ist damit zu erklären, daß die einzelnen aneinander gelegenen Säcke mit der Zeit verwachsen. In den ersten Phasen der Entwickelung bewegen sich die jungen Cykladen lebhaft in den Bruttaschen, indem fie durch die Thätigkeit ihrer Flimmerhaare in dem flüssigen Inhalt derselben umherschwimmen. Später, wenn die Tiere größer und schwerer
werden, tritt für sie eine Ruhezeit ein, die durch die Ausbildung des Mantels und der Schalen, wie auch durch wichtige innere Bildungsprozesse ausgefüllt wird. — Was die Nahrung der Embryos während ihres Aufenthaltes in den Bruttaschen anbetrifft, so besteht diese aus denselben Schleimhautzellen, durch die sie umwuchert sind. Die Cykladen verhalten sich in dieser Hinsicht abweichend von den bekannten übrigen Lamellibranchiaten, die während des Aufenthaltes in den Kiemen ihrer Mutter sämtlich ihre Eihüllen behalten und sich von dem darin enthaltenen Eiweiß nähren“, mithin sich ähnlich wie jene Schnecken (Purpura, Buceinum, Nerita) verhalten, wo einzelne sich entwickelnde Junge sich auf Kosten der nicht zur Entwickelung kommenden Eier mästen.
Die ebenfalls im süßen Wasser lebende Gattung Pisidium, die Erbsenmuschel, unterscheidet sich von Oyclas durch ihre ganz kurzen und verwachsenen Siphonen und die mehr ungleichseitige schiefe Gestalt des Gehäuses. Die hierher gehörigen Arten sind durchschnittlich viel kleiner. |
Die Familie der Steinbohrer hat in unseren Meeren eine Reihe von Vertretern, am häufigsten die Saxicava rugosa. Alle Saxicaven haben den Mantel vorn so weit gespalten, daß der kleine, kegelförmige und mit einem Barte versehene Fuß bequem hindurch gelangen kann. Hinten ist er in zwei ziemlich lange, fast ganz miteinander verwachsene Röhren verlängert, von denen die Atemröhre länger als die Afterröhre ist. Das Gehäuse ist nicht selten, und namentlich bei unserer Saxicava rugosa etwas unregelmäßig, eigentlich gleichschalig, ungleichseitig, vorn und am Bauchrande etwas klaffend, länglich eiförmig, mit einer sehr dünnen, aber auffallenden Oberhaut überzogen. Es sind meist kleine, 1—2/ em lange Tiere, welche teils in Steinen in selbstgebohrten Löchern, teils auch bloß eingeklemmt in Spalten und zwischen Balanen oder auch zwischen den Wurzeln verschiedener Tange und Algen leben. Sie bohren nämlich gleich den Pholaden, zu denen wir bald kommen, nur in den weicheren Gesteinen und behelfen sich, wo sie diese nicht finden, wie z. B. überall an der dalmatinischen Küste, mit bloßen Schlupfwinkeln oder schon vorhandenen, zum Teil mit Schlamm ausgefüllten Höhlen. So scheint es mir wenigstens nach dem, was ich selbst gesehen. Gosse gibt jedoch ausdrücklich an, daß an der englischen Küste lange Strecken eines Kalksteines, welcher härter sei als der von den Pholaden zerfressene, durch tausend und aber tausend Saxicaven durchlöchert sei. Von den gefärbten Enden der Siphonen, welche etwas über den Stein herausragen und bei der Berührung einen Wasserstrahl ausspritzen, um schnell zu verschwinden, werden sie von den Fischern Rotnasen genannt. Wenn ihre Bohrgänge aufeinander treffen, so durchschneiden auch die Tiere einander. Herausgenommen aus den Höhlen leben sie ziemlich lange im Aquarium.
Mit Mya, der Klaffmuschel, treten wir zu einer anderen Familie, deren Kennzeichen so ziemlich mit denjenigen dieser Gattung zusammenfallen. Das Tier hat einen fast vollkommen geschlossenen Mantel, welcher vorn eine kleine Spalte zum Durchtritt des kleinen, kegelförmigen Fußes läßt und sich hinten in zwei lange, dicke, vollständig miteinander verwachsene Röhren verlängert. Dieser also scheinbar einfache Sipho hat einen starken Oberhautüberzug. Die Lippentaster sind sehr klein. Von den Kiemen ist die äußere kurz, die innere mit der der entgegengesetzten Seite verwachsen. Das eiförmige Gehäuse klafft an beiden Enden. Die linke Schale hat unter dem Wirbel einen großen, zusammengedrückten, löffelförmigen, fast senkrecht auf der Schale stehenden Zahn, die rechte eine entsprechende Grube. Unter den wenigen bekannten Arten ist Mya arenaria im ganzen nördlichen Ozean
sehr gemein. Sie lebt im sandigen Strande so weit vergraben, daß, wenn sie ungestört ist, das gefranste Ende der Mantelröhren etwas hervorragt. So wie sie durch Erschütterung oder Berührung beunruhigt wird, fährt sie mit größter Gewandtheit in die Höhle hinab. Auch sollen die Myen, auf den flachen Boden gelegt, sich dadurch rückwärts fortbewegen können, daß sie den Fuß krümmen und sich, ihn wieder ausstreckend, damit fortschieben. Die Klaffmuscheln werden wohl hier und da von der ärmeren Volksklasse auch gegessen, vor: zugsweise aber als Köder verwendet. |
Von wissenschaftlicher Wichtigkeit find verschiedene fossile Gattungen der Klaffmuscheln, teils ganz ausgestorbene, teils noch in einigen oder einzelnen Repräsentanten vorhandene. Beispielsweise mag Pholadomya angeführt werden, von der man bloß eine sehr seltene westindische Art kennt, deren Beschaffenheit für die Deutung der fossilen, an sich sehr schwer zu enträtselnden Arten namentlich aus der Kreide und dem Jura einen sehr willkommenen Schlüssel gab.
Die Scheidenmuscheln (Solen) haben in ihren Lebensgewohnheiten große Ahnlichkeit mit den Klaffmuscheln, denen sie sich insofern anschließen, als ihre Schale ebenfalls vorn und hinten klafft. Die Schale ist scheidenartig verlängert; die Wirbel, kleine, oft fast unbemerkbare Höcker, stehen bei mehreren Arten fast unmittelbar am steilen Vorderrande. Meist ist das Gehäuse von einer starken braunen, nur in der Wirbelgegend oft abgeriebenen Oberhaut bekleidet. Der dicke cylindrische, am Ende keulenförmige Fuß tritt durch den vorderen Mantelschlitz und ist im leichten Ufersande ein sehr wirksames Bohrinstrument. Übrigens verfahren alle im feuchten Sande grabenden Muscheln so ziemlich nach einer Manier. Aus ihrer Höhlung genommen, beginnen sie damit, den ausgestreckten Fuß zu krümmen und ihn so weit in den Sand oder Schlamm zu versenken, daß sie daran die Schale in einer senkrechten oder schiefen Stellung aufrichten können. Die Muscheln, welche, wie Mya, ein unverhältnismäßigere Dicke zum Fuße haben als Solen, müssen das vom Fuße vorgebohrte Loch mühsamer durch Hin- und Herdrehen der Schale erweitern. Bei Solen aber tritt die Fußkeule fast in derselben Dicke hervor, wie die ganze Muschel ist; das Eingraben geht daher sehr schnell vor sich. Man bemächtigt sich der Tiere, welche an den Mittelmeerküsten von den ärmeren Leuten als Capa lunga und Capa di Deo verspeist werden, indem man sich ihnen entweder vorsichtig nähert und sie gleich dem grabenden Maulwurf mit dem Spaten auswirft, oder indem man in ihre Löcher, in welche fie behende 1—2 Fuß hinabschlüpfen, einen dünnen, mit einem Knopfe versehenen Eisenstab ein: führt, an welchem man sie, nachdem man ihn ins Gehäuse gestoßen, heraufzieht. An den europäischen Küsten find besonders drei Arten gemein: die Messerscheide (Solen vagina), die schwertförmige Scheidenmuschel (Solen ensis) und die hülsenförmige (Solen siliqua). Von einer afrikanischen Scheidenmuschel (Solen marginatus) erzählt Deshayes, wie sie sich, auf einen steinigen, zum Einbohren nicht geeigneten Grund geraten, zu helfen weiß. Sie füllt die Mantelhöhle mit Wasser, schließt die Röhrenmündungen und zieht dann mit einem Rucke den ausgestreckten Fuß so ein, daß das Wasser mit Gewalt aus den Siphonen ausgetrieben wird und sein Stoß den Körper 1 oder 2 Fuß weit vorwärts treibt. Dies wird wiederholt, bis das Tier einen günstigen Boden erreicht hat. 5