Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Alle bisher erwähnten Holothurien sind Mitglieder der Ordnung Füßchen- oder Lungenholothurien. Das Organ, welches man Lunge nennt, ist zweiästig baumförmig und entspringt aus der sogenannten Kloake, in welche auch der Enddarm einmündet. Die Holothurien sind im stande, in diese Lunge, welche richtiger eine innere Kieme genannt wird, vermittelst der muskelreichen Wandungen der Kloake Wasser ein- und auszupumpen, was mit ziemlicher Regelmäßigkeit geschieht, jedoch so, daß, nach Sempers Beobachtungen, auf eine Reihe rasch aufeinander folgender Einatmungen eine große, einen dicken Wasserstrahl in wenigen Sekunden aussendende Ausatmung eintritt, wobei die Kloake weit ge: öffnet wird. Dieser natürliche Zugang ladet verschiedene Tiere ein, sich in die Lunge von Holothurien zu begeben und sich dort als zeitweilige oder bleibende Schmarotzer aufzuhalten. Die merkwürdigsten dieser Gäste sind Arten der Fischgattungen Fierasfer und Cachelyophis, welche häufig von den Lungen aus sich in die Leibeshöhle ihrer Wirte durch: fressen, und an deren Mageninhalt sich Semper überzeugte, daß sie als echte Schmarotzer
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zu betrachten sind, welche von den Säften und den Geweben der von ihnen heimgesuchten Tiere leben. Von Krebsen fand Semper in den Lungenholothurien unter anderen zwei Arten des Muschelwächters (Pinnotheres, s. Seite 29). „Merkwürdigerweise“, sagt unser Gewährsmann, „fanden sich beide Arten in derselben Holothurie, nämlich in Holothuria scabra, und zwar immer im rechten, nicht mit den Darmgefäßen verbundenen Lungenast.“ Hier saßen sie bald in Paaren, bald vereinzelt oder in großen cystenartigen Säcken am Stamme oder an den feineren Asten der Lunge. Selten fanden sich mehr als zwei zusammen. Sie scheinen einzuwandern, wenn sie noch sehr jung sind. Teils wohl durch ihr Wachstum, teils durch den beständigen Reiz bildet sich dann jene Cyste um sie herum, in deren Nähe immer alle Lungenästchen atrophieren (verkümmern); ja, einigemal habe ich sogar beobachtet, daß die Lunge, in welcher ein solcher Pinnotheres saß, ganz rudimentär geworden war, statt derselben sich aber eine neue an einer anderen außergewöhnlichen Stelle gebildet hatte. Dann saßen die Krebse immer sehr dicht an der Kloake, und es liegt die Vermutung nahe, daß sie, den Eingang zu der rechten Lunge verstopfend, die Atrophie der letzteren veranlaßt hatten, wodurch dann wieder das Tier angeregt wurde, sich eine neue Lunge zu bilden.“
Was diese Fähigkeit, verloren gegangene Teile wieder zu bilden, betrifft, so fehlen uns für die Holothurien ausgedehnte Beobachtungen. Bei einzelnen ist die Reproduktionskraft jedenfalls eine außerordentliche. So beobachtete Dalyell, daß Holothuria fusus den abgeworfenen Tentakelapparat und die ausgestoßenen Eierstöcke und Darmteile innerhalb einiger Monate vollständig wiederersetzte, und Semper, daß bei einer Holothuria scabra, welche sich gewaltsam ihres Darmkanales, der Geschlechtsorgane, Gefäße und linken Lunge entledigt hatte, die Atembewegungen der erhaltenen Lungenhälfte sehr bald wieder begannen, und daß nach 9 Tagen die Eingeweide wieder ersetzt waren. Der oben genannte Dalyell berichtet weiter, daß Holothuria Bodotriae gelegentlich ohne irgend welche wahr: nehmbare Veranlassung in zwei und mehr Stücke zerfalle und ist geneigt zu glauben, daß diese einzelnen Teilstücke zu neuen Tieren auswachsen könnten. Auch Rymer Jones ist der gleichen Ansicht.
Im Jahre 1853 beschrieb J. E.Gray unter dem Namen Rhopalodina lageniformis ein merkwürdiges kleines Echinoderm von Flaschenform mit abgerundetem Bauch, über welchen zehn Doppelreihen von Füßchen verliefen, während der Hals der Flasche oben die Mund: und Afteröffnung nebeneinander trug. Man machte später aus diesem Tier eine be: sondere Klasse der Stachelhäuter, dann eine neue Ordnung der Seewalzen, aber H. Ludwig wies nach, daß wir es mit diesem, übrigens von Westafrika stammenden Wesen nur mit dem Vertreter einer neuen Familie der Lungenholothurien, welche er Rhopalodinidae nennt und die man deutsch als Flaschenholothurien bezeichnen könnte, zu thun hat. Man stelle sich vor, der mittlere Rückenzwischenstrahl einer gewöhnlichen Seewalze habe sich bis zum Verschwinden verkürzt, dann werden Mund und After des Tieres unmittelbar nebeneinander zu liegen kommen, und über den übrigen Körper werden scheinbar zehn Reihen von Füßchen statt fünf verlaufen, indem nämlich eine jede von diesen auf ihrem Wege vom Munde zum After gebogen wird. Verkürzungen des mittleren Rückenradius kommen bei Holothurien thatsächlich auch sonst vor, so bei gewissen Kletterholothurien, welche dadurch halbmondförmig gekrümmt erscheinen und Ein- und Ausführungsöffnung des Darmes an den Hörnern des Halbmondes haben. Ludwig mußte bei seiner Ableitung der Rhopalodina-Form von einem der Cucumaria ähnlichen Wesen seine Zuflucht zur Konstruktion einer hypothetischen Form mit noch stärker verkürztem mittleren Rückeninterradius nehmen, bei welchem Mund und After schon dicht nebeneinander standen. Derartige, 1877 noch hypothetische Geschöpfe haben wir in der Zwischenzeit als thatsächlich lebend kennen gelernt.
Stachelhäuter. Erste Klasse: Seewalzen. Die Franzosen erbeuteten sie auf der Expedition des Schiffes „Talisman“ im Jahre 1883, und Perrier hat sie unter den Gattungsnamen Siphothuria und Ypsilothuria beschrieben. Die eine der nebenstehenden Abbildungen (b) stellt Ypsilothuria attenuata aus einer Tiefe von 800 m in 11/2 facher Vergrößerung dar. Die andere Figur (a) gibt uns ein Bild einer neuen, auch von den Franzosen aufgefundenen Flaschenholothurie (Rhopalodina Neurtali) aus untiefem Wasser der Westküste Afrikas. a) Ypsilothuria attenuata, 1 ½ mal vergrößert; b) Rhopalodina Neurtali. Natürliche Größe. Den modernen wissenschaftlichen Seereisen verdanken wir weiter die Kenntnis einer ganz neuen, merkwürdigen, 55 Arten umfassenden Ordnung der Seewalzen, die der Tiefseeholothurien oder Elasipoden. Diese Tiere gehören mit zu den interessantesten Entdeckungen der Neu⸗ Scotoplana globosa. Natürliche Größe. zeit auf zoologischem Gebiet, und wenn sie einerseits altertümliche Organisationsverhältnisse teilweise gewahrt haben, so weichen sie anderseits am weitesten vom Echinodermentypus ab. Diese Elasipoden sehen kaum aus wie Holothurien, sondern erinnern in ihrer äußeren
Erscheinung mehr an Schmetterlingsraupen oder Seenacktschnecken, manche wieder sind ganz flach gedrückt wie Plattwürmer. Die Elasipoden find in sehr hohem Grade bilateral: symmetrisch; das Maul, das sonst bei Seewalzen an dem einen Körperende zu stehen pflegt, ist wie der After auf die meist stark abgeplattete Bauchseite gerückt und bisweilen erscheint das vordere Körperende noch kopfartig abgesetzt. Die Fühler sind schildförmig oder gefiedert, aber immer nur kurz und können nicht als Greif- und Ernährungsorgane dienen. Sehr eigentümlich ist die Beschaffenheit der Füßchen. Nicht selten ist die Mittelreihe auf der Bauchseite oder Kriechfläche verschwunden und stehen die beiden anderen an deren Rande oder aber, sie stehen in der ersteren doppelt und erscheinen an den Seiten als nicht zurückziehbare Fortsätze. Zu ähnlichen, öfters sehr ansehnlichen Fortsätzen sind die Füßchen der beiden Rückenreihen entwickelt, welche wahrscheinlich besonders die Atmung vermitteln, aber, da sie sehr nervenreich sind, zugleich auch zum Tasten dienen werden. Die meisten Arten leben in großen Tiefen zwischen 1800 und 3600 m, wo sie, wahrscheinlich ziemlich rasch, auf dem Boden einher kriechen und mit ihrem Maule fortwährend Schlamm und Sand aufnehmen; da diese Substanzen sehr arm an organischen Beimischungen sind, werden sie wohl große Massen davon in rascher Folge verschlingen müssen, und in der That erscheint ihr Darmrohr ganz voll solcher Stoffe. Unsere Abbildungen zeigen uns zwei Vertreterinnen dieser Ordnung. Die nebenstehende ist Psychropotes longicauda, ein ohne den breiten Schwanzanhang bis 150 mm lang werdendes, im Leben dunkelviolettes Tier, das sich im Indischen und südlichen Stillen Ozean zwischen 3000 und 4000 m findet. Das andere seltsame Wesen (s. untere Figur, S. 508) ist ein nicht weniger merkwürdiges, das wie eine Nacktschnecke des Meeres mit langen Rückenkiemen aussieht. Das ist Scotoplana globosa, ein graues Tier, das in einer Tiefe von 4000 m gefunden wurde.
Die dritte Ordnung umfaßt die fußlosen Holothurien (Apoda), welche in der Regel Zwitter sind und teilweise Lungen haben, teilweise aber auch derselben entbehren. Ihr Wassergefäßsystem ist einfach, indem es nämlich, wie bei den jungen füßigen Seewalzen auf einer gewissen Stufe der Entwickelung, nur aus einem den Mund umfassenden Ring mit blasenförmigen Anhängen und den Mundtentakeln besteht. |
Die Hauptsippe ift die Klettenholothurie (Synapta, Abbildung S. 510), jo genannt von sehr charakteristischen zweizähnigen Psychropotespots longi-Lon. Kalk⸗Ankern in ihrer Haut. Der Anker steckt mit dem Schafte ade. ( natürb Lroße in einer durchlöcherten Platte, worin er durch einen Endknopf festgehalten wird. Abbildung e gibt beide Teile inVerbindung, während fie in b und c auseinander gelegt find. d ist das noch etwas mehr vergrößerte Schaftende von der Seite. Diese klettenden Organe sind so groß, daß sie mit gutem Auge recht wohl erkannt werden. Von den drei europäischen Arten ist die abgebildete Synapta inhaerens an der französischen Nordwestküste und im
Mittelmeer heimisch. Eine zweite Art (Synapta hispida) wurde, wie die dritte (Synapta digitata), aber weit seltener, nur im Adriatischen und Mittelländischen Meer gefunden. Auf
jene dritte hat uns schon oben (S. 409) die wunderbare Parasitenschnecke geführt. Wir mußten schon dort uns damit bekannt machen, wie und wo die gefingerte Synapte lebt und wie man sich ihrer bemächtigen kann, und haben nun gehört, daß die Selbstverstümmelung, unter der Form des Ausstoßens der Eingeweide, welche sie an sich ausübt, und zwar so regelmäßig, daß noch nie jemand ein ganzes Exemplar zu sehen bekommen hat, eine Eigenheit aller Holothurien ist. Baur sagt darüber: „Die für die Synapten charakteristische Zerstückelung besteht darin, daß durch heftige Muskelkontraktion ein größerer oder kleinerer Rumpfteil von dem Vorderteil, an welchem der Mund mit den Tentakeln ist, abgeschnürt und getrennt wird. Die getrennten Rumpfstücke bewegen sich noch eine Zeitlang, es ist aber unwahrscheinlich, daß sie noch dauernd 7 . lebensfähig sind, weil sie ohne Mund sich nicht en05 | ernähren können und anderseits für eine etwa 0N 922 stattfindende Reproduktion des Kopfes an diesen Stücken nichts spricht. Ein Rumpfstück ohne Kopfende kann sich nicht weiter zerstückeln. Jedes Kopfstück kann dagegen die Zerstückelung 1 7 197%N) “ 11)
AdI wiederholen und durch Abtrennung immer kleine— , AU \ rer Rumpffragmente sich so lange verkleinern, UÄNI 7iN. \ |N bis hinter dem (ganz vorne den Schlund um— EN IN III cnce 1 WN % gebenden) Kalkringe vom Rumpfe fast nichts 97 il0 1070 mehr vorhanden ist.“ Baur machte die inter: I* U27 essante Entdeckung, daß jedem Kopfstück, es mag lang oder kurz sein, die Fähigkeit der Ber: jtüdelung genommen werden kann, wenn man durch einen kleinen Scherenschnitt von der Mundöffnung aus jenen Kalkring an einer beliebigen Stelle trennt. Nicht aber dieser, sondern der ihm anliegende und zugleich durchschnittene Nervenring beeinflußt die Verstümmelung. Sehr interessante, die früheren von Quatrefages bestätigende und vielfach erweiternde Be—
Klettenholothurie (Synapta inhaerens). 2% natürl. obachtungen über die Lebensweise der Kletten— Erbe. dn Senate Hesse, Bergrbbett holothurien des Golfes von Neapel hat in neuerer Zeit R. Semon angestellt. Unser Forscher bezweifelt zunächst die Richtigkeit der verbreiteten Ansicht, daß diese Tiere vorwiegend in Sand und Schlamm vergraben ein unterirdisches Leben führten. Daß sie das sehr oft thun, ist zweifellos, aber wahrscheinlich werden sie sich noch häufiger auf dem Boden des Meeres kriechend bewegen, denn nur so gewinnt die Erscheinung Bedeutung, daß die Seite des Körpers, welche bei dieser Art der Bewegung normalerweise nach oben gekehrt ist, eine der Farbe des umgebenden Bodens ähnliche und daher schützende Färbung zeigt. Und diese Färbung er weist sich als recht nützlich für die Tiere, denn es ist ein Aberglaube, daß sie der Kalkkörper ihrer Haut wegen allgemein von anderen Geschöpfen als Nahrung verschmäht würden. Seesternarten, von denen manche recht gut sehen, fressen sie mit großem Behagen. Auch in der Zerstückelung sieht Semon ein Schutzmittel. „Wird das Tier an einer beliebigen Körperstelle fest ergriffen, so löst es das Hinterende bis vor dem ergriffenen Punkte ab, was ungemein rasch geschehen kann, und das freigewordene Kopfstück vergräbt sich eilig im Sande.“
Beim Eingraben wird zunächst Sand mittels der Tentakeln beiseite geschafft, dann wird das Vorderende des Körpers verdünnt und in das gebildete Loch hineingeschoben,
hier verdickt es sich und erweitert damit dieses und so wiederholt sich der Vorgang, bis das Tier sich ganz eingegraben hat, was ziemlich hurtig vor sich geht: eine etwa 100 mm lange Synapta inhaerens ist in weniger als 1 Minute im Boden verschwunden. Die Klettenholothurien sind übrigens sehr wählerisch und graben sich nicht in jeden beliebigen Schlamm ein. Solcher, in dem Ringelwürmer sich noch sofort verkrochen, und der nicht im mindesten stank, war ihnen zuwider und anstatt sich in ihm einzubohren, krochen sie mit allen Zeichen des Unbehagens umher, offenbar einen anderen Aufenthaltsort suchend. Die Wandungen des gegrabenen Kanals fallen nicht zusammen, wenn ihn das Tier verläßt, was auf einer Schleimabsonderung auf dessen Körperoberfläche beruht. In diesen Löchern sitzen die Tiere im Meere mit dem hinteren Ende voran, während das vordere, wenn alles sicher erscheint, herausschaut und seine Tentakeln spielen läßt. Bei der geringsten Erschütterung des umgebenden Wassers und des Bodens aber zieht sich die Synapte zurück. Beim Eintritt der Ebbe, welche sie oft genug an den Gestaden des Atlantischen Ozeans überrascht, drehen sie sich indem Loche um, so daß der Kopf nach unten gerichtet ist.