Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Die Ordnung der echten Schlangensterne (Ophiurae) hat einfache Arme und ist viel artenreicher als die folgende und hat Vertreter in allen Tiefen des Meeres vom nördlichen bis zum südlichen Eismeer. Noch unter 1800 m fischte der „Challenger“ 69 Arten, von denen 50 in geringeren Tiefen nicht gefunden wurden. Es ist merkwürdig, daß die
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Tiefen des Stillen Ozeans ungefähr von seiner Mitte bis zur Westküste Amerikas sehr arm an Schlangensternen zu sein scheinen. Der „Challenger“ erbeutete bloß ein einziges Exemplar und das dürfte kaum zufällig sein. Die Ophiuren der Tiefsee zeichnen sich vor denen des seichten Wassers durch eine Reihe von Eigentümlichkeiten aus, vor denen nicht die geringste ihre Färbung ist. Alle sind nämlich lebhaft orange oder rot, aber diese Farben verschwinden in Spiritus stärker und rascher, als die oft auch recht bunten Farben der in weniger tiefen Gewässern hausenden.
Neben den zahlreichen Arten der echten Schlangensterne finden sich einige wenige, deren Arme sich entweder am Ende oder gleich über der Wurzel verzweigen. Sie bilden die Ordnung der Medusensterne. Man hat berechnet, daß bei Individuen mit stark verzweigten Strahlen die Zahl der Glieder gegen 80,000 beträgt. Bei allen diesen besitzen die Arme und ihre Zweige die Fähigkeit, sich gegen die Mundseite hin einzurollen, und wahrscheinlich vermögen sie nicht bloß direkt sich anzuklammern, sondern auch die ergriffene Beute dem Munde zuzuführen. Die Medusensterne lieben ausnahmslos größere Meerestiefen. Von mehreren im hohen Norden gefischten Exemplaren der Euryale verrucosa weiß ich aus eigner Überzeugung, daß sie mit zufällig an die Tiefangeln geratenen Stauden der Hornkoralle heraufkamen. Die Euryaliden find die einzigen Schlangensterne, welche gelegentlich frei schwimmen.
Auf die Entwickelungserscheinungen der Seesterne und Schlangensterne gehen wir nicht näher ein, da der Verlauf im wesentlichen mit dem übereinstimmt, den die Seeigel zeigen. Auch die Larve des Schlangensternes stellt sich, mit dem fertigen Tiere verglichen, als eine gänzlich andere Gestalt dar, welche wegen ihrer entschiedenen Zweiseitigkeit und Symmetrie eher in die Kreise der symmetrischen Tiere als in einen der Strahltiere passen will.
Jünfte Klasse. Die Haarsterne (Crinoidea).
Der in diesem Werke eingeschlagene Weg, von den höheren zu den niederen Formen absteigend, läßt sich in vieler Beziehung rechtfertigen, hat aber, wir wiederholen diese Bemerkung, überhaupt und namentlich im Bereiche der niederen Tierwelt das Unbequeme, daß die auf den inneren natürlichen Zusammenhang der Formenreihen hinweisende Darstellung gerade in diesem Punkte gehemmt ist. Das Leben der einzelnen ist da, wo mit der Größe sich ein gewisses Maß von Intelligenz und Kraftäußerung verbindet, sehr an: ziehend. Das Leben des Einzeltieres führt aber über sich hinaus auf das Leben und Werden der Art, auf den, wenn auch noch vielfach rätselhaften Gestaltungsprozeß der Tierklassen und Kreise; es lenkt den Blick mit Notwendigkeit in die Vorwelt und auf die Reste der Vorgänger der heutigen Lebewesen. Und da muß es uns denn gehen wie demjenigen, der in der Völkergeschichte mit den neuesten Perioden beginnen und sich allmählich bis zum Altertum nach rückwärts durchschlagen wollte. Auch die Tiergeschichte verlangt jene entwickelnde, pragmatische Behandlung und um so mehr in den Regionen, wo das Leben der Individuen an Interesse ganz zurücksteht gegen das Leben, d. h. das Auftauchen, Umändern und Verschwinden der Formenreihen, welche die Systematik als Arten verzeichnet.
Zu dieser kurzen Betrachtung (ähnliche haben wir bei früheren Gelegenheiten angestellt) drängt uns die Ordnung der Haarsterne, mögen wir sie nun in ihrer Isolierung oder mit Bezug auf die übrigen Abteilungen der Echinodermenklasse auffassen. Bis vor 20 Jahren waren nur einige wenige Arten von Haarsternen bekannt und diese meist nur in einzelnen Exemplaren. Durch die modernen Tiefseeuntersuchungen ist die Artenzahl auf etwa 60 gestiegen, welche am häufigsten zwischen 500 und 900 m auftreten; zwischen 3600 und 4500 m sind bloß zwei Arten gefunden worden. H. Filhol, ein ausgezeichneter französischer Forscher, gibt von dem Boden des östlichen Atlantischen Ozeans bei einer Tiefe von etwa 1500 m folgende begeifterte Schilderung: „Individuen von Pentacrinus Wyville Thomsoni bedeckten den Boden in be: trächtlicher Menge und bildeten eine Art von Wiese, auf der ansehnliche Korallenstämmchen (Mopseen) sich erhoben. Der felsige Untergrund war übersäet mit sehr zierlichen Polypen, welche in der That Blumen mit geöffneten Kelchen glichen. Die Aktynometren, freie Haarsterne, schwammen durch das Wasser oder umklammerten mit ihren Cirren wie mit Ankern die Aste der Mopseen. Die Pentakrinen und Aktynometren hatten eine schöne grasgrüne Farbe, die Mopseen waren orange, die Polypen tiefviolett, die Krebse perlweiß. Diese Üppigfeit des Lebens, diese Verschwendung von Farben in einer. — 2 Tiefe von 1500 m unter der Oberfläche des Meeres bildet sicher eine der merkwürdigsten Erscheinungen, welche den Naturforschern zu entdecken aufbewahrt worden war.“
Die nebenstehende Abbildung läßt in a den Körper und das obere Ende eines in den westindischen Meeren auf steinigem Grunde lebenden Tieres, des Pentacri- a)desselbenenvon oben,caput dieMedusae.Arme abgeschnitten.½ natürl. GrößeNatürlicheb) KelchscheibeGröße. nus caput Medusae, sehen und in b die Scheibe, welche nach aufwärts gekehrt und von den gespaltenen und rankenförmigen Armen umstellt ist. Der eigentliche Körper gleicht also einem Kelche, wie er auch wissenschaftlich genannt wird. Die dem Stiele zugewendete Seite ist getäfelt und entspricht dem Rücken der Seesterne, die Bauchseite, die wir in b haben, ist von einer weichen biegsamen Haut bedeckt, in deren Mitte sich die Mundöffnung befindet. Die Ausgangsöffnung des Darmkanals liegt seitlich. Die den Ambulakren entsprechenden Rinnen sind deutlich. Dieser Körper mit seinen verzweigten Armen ruht nun auf einem längeren, im Rückenpole angesetzten Stiele, der sehr vielgliederig und daher biegsam und in regelmäßigen Abständen mit Quirlen von Ranken geziert ist. Es dürften kaum einige Dutzend dieses Pentacrinus gefischt und in den größeren Museen erhalten sein. Der Preis war noch im Jahre 1876 sehr hoch. Für ein Exemplar habe ich dem Naturalienhändler Damon in Weymouth 220 Mark bezahlt.
Lange Zeit schienen der westindische Haarstern und eine bisher nur in zwei Exemplaren an der amerikanischen Küste gefundene Sippe Holopus (von Brasilien und 34*
Barbados) die einzigen noch lebenden Repräsentanten der gestielten Krinoiden zu sein. Aber die Tiefseeforschungen haben unsere Kenntnisse auch hinsichtlich dieser Ordnung gründlich geändert. Pentakrinusartige Tiere leben, so hat es sich gezeigt, auf vielen Stellen des Meeresgrundes, so daß sie nicht einmal mehr zu den seltenen Vorkommnissen gezählt werden können. Der bekannte englische Zoolog Gwyn Jeffreys erbeutete mit einem Netzzug südlich von Kap St. Vincent aus einer Tiefe von 1095 Faden 20 Stück einer Art Pentacrinus (Pentacrinus Wyville Thomsoni). Der Boden, auf dem sie lebten, war ein weicher Schlamm, in welchem sie lose gesteckt hatten, ohne fest an- und eingewurzelt zu sein. Das bewies auch das glatt abgerundete Stielende, woraus Jeffreys sogar schließen wollte, daß die Tiere sich zeitweise mittels ihrer Arme schwimmend bewegen.
Noch reicher ist das Vorkommen von Pentakrinen in gewissen Teilen der Südsee, wo die „Challenger“-Erpedition in der Nähe der Meangis-Inseln auf einen einzigen Schleppnetzzug in 500 Faden 50 Stück erhielt. Sehr häufig findet man an den Armen der Krinoiden gallenartige Mißbildungen (s. nebenstehende Abbildungen); dieselben rühren, wie früher (S. 137) hervorgehoben wurde, von eigentümlichen, parasitischen Würmern her. Eine höchst interessante Entdeckung war
Gallenartige Mißbildungen an Krinoiden. 2mal vergrößert. schon 1864 von dem um die nordische Zoologie hochverdienten Sars gemacht worden. Er fand in 300 Faden Tiefe bei den %o-foten⸗Inseln eine etwa 14 cm lange, zarte Krinoide, die er nach den reichlich entwickelten feinen Wurzeln, mit welchen der Stamm sich befestigt, den Wurzelhaarstern (Rhizocrinus, s. Abbild. S. 533) nannte. Dasselbe Tier wurde von allen späteren Expeditionen, welche sich mit der Untersuchung des Atlantischen Ozeans abgaben, bis zur Küste von Florida gefischt. Für den Zoologen und Paläontologen ist es nebst anderen, von uns zum Teil schon erwähnten Genossen, die mit ihm die Tiefen teilen, von hohem Interesse, weil es einer Familie angehört, die man seit der Kreideformation für ausgestorben hielt. Das sind die Apiokriniten. Unserem Rhizocrinus steht die Kreidesippe Bourguetticrinus am nächsten, und auch diese zeigt schon verschiedene Merkmale, welche auf einen Verfall, ein Aussterben der Familie deuten. Der Körper ist klein, die Arme schmal und kurz, der Stamm unver: hältnismäßig lang, ein Mißverhältnis, das auf gestörter Ernährung zu beruhen scheint. Diese Erscheinungen wiederholen sich nun bei dem Wurzelhaarstern, der geradezu ein weiter verkümmerter Bourguetticrinus genannt werden kann, eines jener ziemlich zahlreichen Wahrzeichen, daß die Meere aus den Zeiten der Kreidebildung sich ununterbrochen und nur mit allmählicher Anderung und Umformung ihrer Tierwelt in unsere heutigen Meere fortgesetzt haben. So eröffnen uns diese an sich sehr armseligen, ihr Leben im Verborgenen fristenden Wesen einen Einblick in die Geschichte der Erdbildung, indem sie die Gegenwart mit den Millionen von Jahren hinter uns liegenden Perioden verbinden und uns die Beschaffenheit
der damaligen Meere und die Bildung und das Aussehen des Meeresbodens thatsächlich vor Augen rücken. Es ist anzunehmen, daß die meisten jener Tiere, die wir als lebende Repräsentanten entschwundener Urzeiten auf die Tiefen der Ozeane zurückgezogen finden, sonst zur Blütezeit ihrer Sippen und Familien der Oberfläche näher angesiedelt waren.
Von den die Urmeere einst in größter Mannigfaltigkeit bevölkernden Krinoiden haben nur einige Gattungen mit fast 400 Arten sich sozusagen modernisiert, nur in ihrer Entwickelung und Verwandlung ein Stückchen vom alten Zopfe an sich tragend. Das find Actinometra und besonders Comatula, der Haarstern im engeren Sinne, von dem gegen 40 Arten aus allen Meeren bekannt sind. Im Atlantischen Ozean lebt Comatula rosacea (auch Antedon rosaceus genannt), im Mittelmeer die Comatula mediterranea. Ein Blid auf das Tier zeigt die nahe Verwandtschaft mit Pentacrinus; hier wie dort ein kelchförmiger Körper, dessen Wand aus mehreren Kreisen von Kalkplatten besteht und dessen Deckel von weicher Beschaffenheit ist. Die Mundöffnung nimmt die Mitte dieses Deckels ein; exzentrisch auf dem Gipfel einer schornsteinförmigen Erhebung befindet sich der After. Fünf sich gleich nach ihrem Ursprung gabelnde Arme gehen von der Rückenseite aus, so daß man von der Mundseite her zehn Arme erblickt. Diese sind mit zwei Reihen einander gegenüber und abwechselnd gestellten Fortsätzen versehen, die sogenannten Pinnulä, und gleichen zierlichen gefiederten Ranken, indem sie schön gebogen oder spiralig eingerollt getragen werden. Bis hierher und noch in weiteren Einzelheiten stimmt die Beschreibung fast genau mit der des Pentacrinus überein; aber da, wo am Rücken des letzteren sich der Stiel anfügt, findet sich bei der Komatel ein Knopf, umgeben von einem Kreise feiner Ranken, deren jede mit einer kalkigen Klaue endigt. Die Beobachtung des lebenden Tieres lehrt sogleich, wozu diese Rückenranken mit ihren Haken dienen.
Man hatte, ehe man die schön rot, karmoisin, braun, blau oder gelb gefärbten Komateln in den Aquarien hielt und ehe englische und französische Naturforscher sie lebend beobachteten, von ihrer Lebensweise eine ganz verkehrte Vorstellung; man meinte, daß sie auf dem Schlamm säßen und kröchen, den Mund nach Wurzelhaarstern1½ natürl.(RhizocrinusGröße. loffotensis) abwärts gekehrt, gleich den Seesternen. Da ich in der Nähe von Zara an der dalmatinischen Küste mit dem Schleppnetz Hunderte vom schlammigen Grunde gehoben, wo nur spärlich Tange und Schwämme zu finden sind, war auch ich in diesem Irrtum befangen und meinte, daß sie sich von den im Schlamm enthaltenen
organischen Stoffen nährten. Ich hatte eben nicht erkennen können, daß das Netz sie in einer Tiefe von 12 —20 Faden von den Seegewächsen abstreifte. Unterdessen schon von
Mittelländischer Haarstern (Comatula mediterranea), auf Sabella unispira sitzend. Natürliche Größe. anderer Seite eines Besseren belehrt, sah ich sie endlich selbst im Aquarium der zoologischen Station zu Neapel als vollendete Kletterer, welche, in Massen sich auf den verschiedensten Gegenständen anheftend, einen entzückenden Anblick gewähren. In Gefäße gethan, wo die Gelegenheit fehlt, sich so anzusetzen, daß sie rings von Wasser umspült sind und die Arme ganz frei ausstrecken zu können, versuchen sie wiederholt, durch höchst zierliches Rudern mit je fünf Armen, sich zu erheben, sinken jedoch, da sie keinen Vorsprung oder Ast erfassen können, immer wieder zu Boden und verharren dann so in zusammengekrümmter Lage, die ihnen aber unnatürlich ist und ihr Absterben beschleunigt. Thut man mehrere in einen glatten Behälter, so klammern sie sich aneinander an und brechen sich gegenseitig die leicht abspringenden Arme ab. Ihr Rudern und Schwimmen bezweckt also nur das Auffinden eines Gegenstandes, an welchem sie sich festhalten können. Dies geschieht vermittelst jener klauentragenden Ranken des Rückens, die ihnen Füße und Klammerwerkzeuge ersetzen. Von der Fähigkeit, schwimmend oder kletternd den Ort zu wechseln, machen sie jedoch nur geringen Gebrauch, nachdem sie einmal einen bequemen Platz gefunden, wo sie, die Mundfläche nach der Seite oder nach oben gewendet und die Arme leicht gebogen, der Nahrung harren.