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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
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Sehr auffallende und eigentümliche Teile unserer Ordnung sind die von Pol zu Pol reichenden oder nur eine Strecke dieser Meridiane einnehmenden Rippen. Dieselben bestehen aus kurzen, kammförmigen Querreihen von Wimpern und folgen in ihrer Lage und Richtung, wie gesagt, den unmittelbar unter ihnen befindlichen Kanälen. Die auf diesen Kämmen nebeneinander stehenden einzelnen Wimpern sind am Grunde miteinander verwachsen und bilden, obgleich sie gewöhnlich wellenartig nacheinander sich bewegen, doch je eine Gesamtheit, die man als Schwimm- oder Ruderplättchen bezeichnet. Ihre Thätigkeit ist von der Willkür des Tieres abhängig, und so können sowohl einzelne Rippen als alle zusammen gleichzeitig arbeiten, in welch letzterem Falle ein langsames Forttreiben in der Richtung des Trichterpoles das Resultat ist. ' Die anderen Wirkungen müssen sich mehr auf Drehungen und Schwenkungen des Körpers beschränken, welche in der That oft rasch, leicht und zierlich sind und unter der Mitwirkung der übrigen äußeren Anhänge stehen, unter welchen die Bewegungen der Mundschirme, der aufrichtbaren Seitenteile und der haarförmigen Armzweige hervorzuheben sind. Die abgebildete Cydippe ist nur mit letzteren, den Armen und ihren Zweigen versehen. Sie find Fangwerkzeuge und werden außerdem aber auch zur Vermittelung von Bewegungen und zur Steuerung verwendet. In anderen Sippen stehen vom Körper senkrechte ruderartige Hautfalten und von dem erweiterten Munde größere wagerechte Platten ab, durch deren Beihilfe die Bewegungen entsprechend energischer und rascher werden. Die Eucharis-Arten z. B. geben sich 3 durch Zuklappen der Mundschirme Stöße, mo: Cydippe pileus. Natürliche Größe durch sie 15— 25 em weit fortgetrieben werden, und bei rasch wiederholten Stößen zu schnellerer Fortbewegung sind die Arme in ihre Taschen eingezogen oder, einem Steuer gleich, nach hinten ausgestreckt.

Nesselzellen von der Art, wie sie bei dem nächstfolgenden Unterkreis der Cölenteraten vorkommen, sind bis jetzt bloß bei einer Art (Haeckelia rubra) aufgefunden worden und auch hier nur in geringer Entwickelung. Statt ihrer finden sich „Greifzellen“, halbkugelförmige kleine Hervorragungen der Fangfäden mit einem elastischen, spiralig aufgerollten Stiele, aber ohne Giftapparat. „Wie verwertet nun“, fragt unser Gewährsmann Chun, „die Ctenophore ihre Greifzellen, um kleinere pelagische Tiere einzufangen? In erster Linie haben wir zu berücksichtigen, daß die halbkugelförmigen Hervorragungen mit stark klebenden Körnchen besät sind, an denen leicht kleinere Krustaceen werden kleben bleiben. Machen dieselben nun Fluchtversuche, so ziehen sich die halbkugelförmigen Hervorragungen lang aus; der Spiralfaden wird gerade gestreckt. Indem nun letzterer zurückzuschnellen strebt, wird er sich ein wenig um die gefangene Beute schlagen und (da sie jedenfalls von einer größeren Zahl von Klebkugeln gefaßt ist) ein Entweichen unmöglich machen. — Mit der Aktion der Nesselkapseln haben diese Bildungen durchaus nichts gemein. Während eine Nesselkapsel für das Tier wertlos wird, sobald sie einmal in Funktion trat, so kann eine Greifzelle unzählige Male fungieren, da sie ja jedesmal nach dem Ergreifen durch den Spiralfaden wieder auf das frühere Niveau zurückgeschnellt wird.“

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. X. 35

Die Rippenquallen ernähren sich von sämtlichen kleineren pelagischen Tieren, besonders aber von Krebschen. Chun ist der Meinung, daß unversehrte Individuen das ganze Leben hindurch wachsen. Da nun ihrem Dasein wesentlich durch Stürme ein Ende gemacht wird, so wird man die größten Exemplare in solchen Gewässern finden, die gegen starken Einfluß der Winde geschützt sind. Die Tiere finden sich zwar das ganze Jahr, doch sind sie während der Frühlingsmonate am häufigsten, werden gegen den Sommer seltener und seltener, ja, manche Arten, wie der von uns (s. die beigegebene Tafel, Fig. 3) verkleinert abgebildete Venusgürtel, verschwinden fast völlig, aber bei dem Beginn des Herbstes zeigt sich wieder regeres Leben, und besonders Cestus und Bero& erscheinen in Schwärmen. Chun hegt die sehr plausibele und durch andere bei anderen Tieren beobachtete That: sachen stark gestützte Vermutung, „daß nach einer Frühjahrsperiode reger Fruchtbarkeit die Larven bei Beginn der heißen Monate in die Tiefe wandern, zu ausgebildeten Tieren heranwachsen und bei Beginn des Herbstes in Masse aufsteigen.“

Die Ctenophoren find Zwitter, und von manchen Arten trifft man das ganze Jahr hin: durch geschlechtsreife Individuen, von anderen bloß im Sommer oder im Frühjahr oder im Winter. Die Jungen durchlaufen eine Verwandlung, fie haben Larvenstadien durchzumachen, bevor sie ihre definitive Gestalt erlangen. Interessant ist die Thatsache, daß bei einer Art (Eucharis multicornis), soviel wir wissen, auch geschlechtsreife Larven auftreten, welche sich in diesem Zustande fortpflanzen, dann völlig auswachsen und noch einmal fortpflanzungsfähig werden, — eine Art der Vermehrung, welche Chun als „Disso HR,BewW gonie“ bezeichnet. | | Die interessantesten, wenn auch nicht schönsten Formen der Ctenophoren find die Mützenquallen (Beroé), von Gestalt etwa einer persischen Mütze, mit ovalem Querschnitt, sehr weitem Maul und ohne Senkfäden, folglich auch ohne Klebzellen. Die Farbe der bis 20 em groß werdenden Tiere ist ein zartes Rosa und erscheint dadurch, daß seitliche Fort: sätze der acht Hauptkanäle das Gallertgewebe, Maschen bildend, durchsetzen, wie marmoriert. Die von uns auf der Tafel (Fig. 1) abgebildete Bero& Forskäli bewohnt das Mittelmeer.

Die Mützenquallen sind gefräßige Räuber. Chun erzählt von ihnen in dieser Beziehung: „Begnügen sich fast alle Rippenquallen mit kleineren Geschöpfen, so repräsentieren die Beroen hingegen gefräßige Räuber, und das um jo mehr, als es gerade ihresgleichen find, von denen fie sich ernähren. Bereits Will (ein Zoolog, der vor fast 50 Jahren diese Tiere untersuchte) wußte, daß die Lieblingsspeise dieser gewandtesten und (wenn ich mich so ausdrücken darf) psychisch am höchsten stehenden Rippenquallen die Lobaten (z. B. Bolina hydafina aus dem Mittelmeer, s. Tafel, Fig. 2) ist, obwohl sie auch keine der übrigen Arten verschonen. — Ganz gewaltige Bissen vermag eine Beros zu bewältigen. So hatte ich einmal eine der größten Eucharis in ein geräumiges Bassin gesetzt, um eine Skizze entwerfen zu können. Ich achtete nicht eher auf eine halb jo große Bero& Fors-kälii, die schon längere Zeit gehungert hatte, als bis dieselbe, offenbar von ihrem Geruchsvermögen geleitet, in großen Kreisen mit weit geöffnetem Maule umherzuschwimmen begann. In der Nähe der Eucharis angelangt, schoß sie mit gewandter Wendung auf dieselbe los, faßte sie mit ihrem breiten Maule und begann das lebhaft mit den Schwimmplatten schlagende wehrlose Tier hinabzuwürgen. Ich rief mehrere der zufällig anwesenden Herren herbei, die es alle für kaum möglich hielten, daß solch ein voluminöser Bissen bewältigt werden könnte; doch nach kaum einer Viertelstunde hatte sich die Bero& vollständig über die Zucharis weggezogen und lag, zu einem Ballon aufgedunsen, verdauend am Boden.“

Die Cydippen haben eine kugelige bis walzige Gestalt und ihre Rippen sind gleich artig entwickelt. Außerdem besitzen sie zwei einander gegenüberstehende Senkfäden. Die auf unserer Tafel dargestellte Art (Fig. 4) ist Hormiphora plumosa aus dem Mittelmeer.

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[illegible artist signature] Flegel

CTENOPHOREN.

  1. Beroë Forskalii. 2. Bolina hydatina. 3. Cestus Veneris. 4. Hormiphora plumosa.

Der Körper des Venusgürtels (Cestus Veneris) verlängert sich nach zwei Seiten bandartig, und das ganze gürtelförmige, durchsichtige und im Sonnenschein in prächtiger Farbenbrechung erglänzende Gebilde ist eine wahre Augenweide. Die Ränder des Bandes sind mit Wimpern gesäumt, welche denen der Wimperkämme des eigentlichen Körpers entsprechen. An sich schon von eleganter Gestalt, gewinnt das Tier noch sehr durch seine lebhaften zierlichen Bewegungen, indem es seine Bänder in allen möglichen geschwungenen Linien zeigt. Unsanft berührt, pflegt es sich, von einem Bandende angefangen, spiralig einzurollen. Ungestört hält es die Fortsätze bald entfaltet, bald mehr oder weniger eingerollt, bald den einen zusammengewunden, den anderen ausgestreckt. Es vermag gleich den

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Venus gürtel (Cestus Veneris). Halbe Größe.

anderen Rippenquallen durch das bloße Spiel der Wimpern sich in der Schwebe zu halten, kann aber auch schlängelnd den Ort wechseln.

Bei dieser Rippenqualle ist die Verwandlung, welche die Larve nach dem Verlassen des Eies noch zu durchlaufen hat, sehr kompliziert. Die junge Larve hat die Gestalt eines Ballons, sie besitzt zwei mit Seitensenkfäden versehene Hauptsenkfäden oder Armzweige sowie auf jeder Rippe 4— 5 Schwimmplättchen. So gleicht die Larve von Cestus den ausgewachsenen Individuen anderer Arten von Rippenquallen (Gattung Mertensia) und nimmt erst nach und nach und viele Übergänge durchlaufend die Gestalt des Gürtels an.

Im Aquarium sah ich den Venusgürtel, wie überhaupt alle Quallen, nie länger als einige Tage ausdauern. Ganz besonders die Rippenquallen verletzen sich in den ersten Stunden der Gefangenschaft, indem sie sich die Wimperkämme abstoßen. Sie bleiben dann noch 2 — 3 Tage lebendig, aber in trauriger Verfassung. Selbst wenn man sie in den großen Behältern durch eigne Glaskasten gegen die Unbilden von seiten der Mitgefangenen und der notwendigen Wasserströmungen schützt, wird ihr Untergang nur wenig

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Venus gürtel (Cestus Veneris). Halbe Größe.

aufgehalten. Ihr Element ist eben das offene Wasser. Übrigens scheint ihr Absterben in den Aquarien auch noch durch den Mangel an Nahrung beschleunigt zu werden. Doch berichtet Chun, daß er Beroen und die kleineren Arten wochenlang lebenskräftig erhalten habe, dabei käme es darauf an, den Schleim, der mit den Überresten der Nahrung ausgespieen wird, sorgfältig und bald zu entfernen, da er in kürzester Zeit das Wasser verpestet.

Ihre Stellung und Bedeutung im Haushalte der Natur ist eine untergeordnete. Selbst von kleinen Krustern lebend, werden sie Schirmquallen und Seeanemonen zur Beute und erfreuen des Menschen Auge im Leben und nach dem Tode durch ihr Aufleuchten. Der Sitz dieses Leuchtens ist hauptsächlich inden Wandungen der unter den Rippen hinziehenden Kanäle. Sonderbar und einzig für leuchtende Meerestiere dastehend ist die Thatsache, daß Rippenquallen, welche nur kurze Zeit dem Lichte der Sonne, des Mondes oder einer künstlichen Beleuchtung ausgesetzt waren, nicht zu leuchten vermögen, wenn sie plötzlich in eine Dunkelkammer gebracht werden. Auch die noch im Inneren der Muttertiere befindlichen Eier der Ctenophoren leuchten. Allman ist der Ansicht, daß die Beroen und ihre Brut als die Hauptquellen des Meeresleuchtens an der englischen Küste angesehen werden müssen. Das Leuchten beginnt aber nicht unmittelbar nach Eintritt der Dunkelheit, sondern erst 20 Minuten nachher.

Zweiter Anterkreis.

Die Nesseltiere (Cnidaria s. Telifera).

Die Nes seltiere führen ihren Namen von eigentümlichen, ihrer Oberhaut angehörigen Gebilden, den Nesselkapseln, die wohl als homolog den Greifzellen der Rippenquallen aufgefaßt werden dürfen.

Diese Nesselzellen können, wenn fie auch immer mikroskopisch bleiben, von sehr verschiedener Größe sein, ohne daß ihre wesentlichen Strukturverhältnisse dadurch beeinflußt würden. Das Eiweiß oder Protoplasma dieser Zellen ist zu einer ziemlich festen Schale umgestaltet und umschließt eine helle, ovale oder cylindrische Blase, die ihrerseits in ihrem Inneren ein spiralig aufgerolltes oder unregelmäßig zusammengeknäueltes Fädchen oder, da es hohl ist, besser Röhrchen enthält. Dieses Röhrchen ist über 20 mal länger als die Nesselzelle, am freien Ende zugespitzt und bis nahe an dasselbe von einem oder zwei spiralig angeordneten feinen Widerhaken besetzt. Es wird bei Berührung der Nesselzelle oder bei sonstigem Reiz mit großer Gewalt hervorgeschleudert und stülpt sich dabei um, wie man einen Handschuhfinger oder einen Strumpf umstülpt, denn die mit Widerhaken versehene Seite ist beim aufgerollten Faden die innere und erst beim hervorgeschleuderten die äußere. Es scheint, daß der aufgerollte Faden mit einer giftigen Substanz gefüllt ist, die sich bei seinem Umstülpen über die so gewonnene Oberfläche ergießt und mit der scharfen Spitze des Fadens in die dem Berührer zugefügte Wunde dringt. Unten treten an die Nesselzelle bei manchen Cölenteraten (wahrscheinlich bei allen) muskulöse Elemente, die sich durch Fasern mit Nervenganglien verbinden, oben ragt frei über die Oberfläche der Haut ein kurzer Fortsatz der Kapselschale. Das ist das Knidocil. Wird dieses berührt, so teilt es die Berührung den Nerven mit, die ihrerseits die muskulösen Elemente zum Zusammenziehen bringen, wodurch die Schale zusammengepreßt wird und an der Stelle des geringsten Widerstandes, das ist oben neben dem Knidocil, platzt, wobei der Inhalt nach außen geschleudert wird. Eine einfache Berührung genügt noch nicht, eine Entladung

der Nesselzellen zu bewirken, denn sonst müßte das auch geschehen, wenn das Tier an einen Stein anstößt, oder wenn z. B. beim Zurückziehen der Tentakeln Selbstberührung eintritt. Da das aber nicht der Fall ist, so müssen wir annehmen, daß den Nesseltieren noch ein besonderes, fein unterscheidendes Empfindungsvermögen innewohnt.

Sehr häufig stehen die Nesselzellen in kleineren oder größeren Gruppen zusammen und bilden die sogenannten Nesselbatterien. IR3;——

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