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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
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Die Expedition des „Challenger“hat den Beweis geliefert, daß auch die Tiefsee Schwimmpolypen, und zwar sehr merkwürdiger Art birgt, welche von Haeckel untersucht worden find. Die interessantesten Formen bilden eine neue Familie, die der Auronekten. Ihr Körper ist verdickt und verkürzt, oval bis rund, besteht aus einer harten, knorpelartigen, von einem dichten System Anastomosen bildender Kanäle durchzogenen Masse. Oben er: weitert sich der Körper zu einer großen hohlen, runden Blase (p, s. nebenstehende Abbild.) oder Pneumatophor, diese ist umgeben von einem Kranz großer runder Schwimmglocken (n), von denen eine () merkwürdig umgebildet ist und eine sonderbare Funktion besitzt. Sie ist nämlich nicht ganz hohl wie die übrigen, es verläuft in ihr vielmehr bloß ein enger Kanal, der mit ihren Wandungen durch Balkenzüge 5

von Gallertgewebe verbunden ist. Am Stephalia corona. Natürliche Größe. freien Ende mündet der Kanal mit einer kurzen Röhre nach außen, am festgewachsenen tritt er in die große Blase des Pneumatophoren. An den Seiten des Leibes, der unten auch in Gestalt eines großen Ernährungspolypen endet, stehen in mehreren Reihen kleinere Ernährungspolypen (s), von denen jeder an seiner Basis oben einen Fangfaden (t) und seitlich Geschlechtsträubchen trägt.

Die umgestaltete Schwimmglocke stellt einen, von Haeckel als Aurophor bezeichneten Apparat dar, durch welchen die Gasverhältnisse in dem Pneumatophor geregelt werden. Die Endblasen der Siphonophoren sind offenbar hydrostatische Vorrichtungen, welche die

Stephalia corona. Natürliche Größe.

horizontalen Bewegungen bedingen. Denken wir uns z. B., die umseitig abgebildete

Auronekte (Stephalia corona) schwämme im Meere und hätte aus irgend einem Grunde das Bedürfnis nach dem Aufenthalt in größerer Tiefe. Wie kann sie dieses wohl befriedigen? Nun, sie zieht ihren Pneumatophor zusammen, das in ihr enthaltene Gas entweicht durch den Seitenkanal, und das Tier wird im Verhältnis zu seiner Größe spezifisch schwerer und sinkt demzufolge. Die umgestaltete Schwimmglocke, die Haeckel geradezu eine „Gasdrüse“ nennt, sondert nun höchstwahrscheinlich ein Gas ab, welches den Pneumatophor füllt und so das Tier wieder nach oben hebt.

Die Siphonophoren haben nach den Beobachtungen Chuns überhaupt sehr das Bedürfnis nach vertikalem Ortswechsel. Der genannte Forscher bezweifelt das Vorkommen ausschließlich der Tiefsee angehöriger Schwimmpolypen im Mittelmeer und ist der Ansicht, daß alle unter Umständen und zu gewissen Zeiten an der Oberfläche des Meeres erscheinen. Manche durchlaufen ihre Larvenentwickelung in der Tiefe, und Chun beobachtete, „daß die im Frühjahr an der Oberfläche auftretenden jugendlichen Physophora-Larven mit Beginn des Sommers größere Tiefen aufsuchen, um dann nach Vollendung ihrer Metamorphose mit Beginn des Winters aufzusteigen und zu geschlechtsreifen Tieren sich zu entwickeln“.

Die Auronekten bilden gewissermaßen einen Übergang zur Familie der Scheibenschwimmpolypen (Velellidae), die in ihrer Erscheinung an Scheibenquallen erinnern. Hier ist der Körperstamm nicht mehr verlängert, sondern scheibenartig abgeplattet, und wird von einem Kanalsystem durchzogen Auf dieser Scheibe liegt der ähnlich gestaltete und gleichfalls von konzentrisch angeordneten, sich frei nach außen öffnenden Kanälen durchzogene Pneumatophor. An der Unterseite der knorpelharten Scheibe hängen die Polypen, und zwar im Zentrum ein großer Ernährungspolyp und um ihn herum in konzentrischen Kreisen viele kleinere, die an ihrer Basis Geschlechtsträubchen aber keine Fangfäden tragen. Die Tentakeln sind am Rande der Scheibe angeordnet und sehr kurz. Die Gattung Velella ist ein im Mittelmeer häufiges pelagisches Tier mit unregelmäßig ovaler Scheibe, über welche ein windschief gebogener Kamm quer hinweg läuft. Die Tiere treten oft in Schwärmen auf und find von einer wundervollen indigoblauen Farbe. Die weiblichen Ge: schlechtsbeeren lösen sich, wie das bei vielen Siphonophoren der Fall ist, von dem Stamme los, aber in dem speziellen Falle von Velella wachsen sie, ähnlich wie bei e zu kleinen Quallen (früher als Gattung Chrysomitra beschrieben) aus.

Zweite Ordnung.

Die Hydromedusen (Hy dromedusa s. Hydroidea).

Um eine ganz sonderbare Abzweigung von dem Typus der Hohltiere kennen zu lernen, eine Qualle, welche zu den übrigen sich so verhält, wie der des Flugvermögens beraubte Pinguin zu den übrigen Vögeln, lade ich ein, mich nach Lesina in Dalmatien zu begleiten, wo ich oft dieser niederen Tierwelt nachgegangen bin. Wir haben uns im Kloster bei unserem Freunde Pater Bona Grazia einquartiert. Die Schwelle des Hauses wird vom Meere bespült, und ein Griff in das Wasser füllt das Gefäß mit großen blattartigen Ausbreitungen der grünen Lattich-Ulve. Wir mustern nun mit dem einfachen Vergrößerungsglas ein Stückchen dieser Pflanze und entdecken ein feines, blasses Wesen, welches, nachdem wir es einmal gefunden, auch dem bloßen Auge erkenntlich bleibt, wie es mühsam

und langsam auf langen Armen über sein grünes Feld kriecht. Beim ersten Versuch, es abzulösen, fällt es plump zu Boden; es ist überhaupt unfähig zu schwimmen. Nun, dieses

Tier ist in jedem Punkte seines Baues eine Qualle, zwar verwandt einer schon längst bekannten Sippe (Eleutheria oder Cladonema), aber der eigentlichen Quallennatur in einer Beziehung noch mehr entfremdet, indem jene wenigstens abwechselnd schwimmt und kriecht. Unsere Kriechqualle (s. unten) hat sechs am Ende mit wahren Saugnäpfen versehene Arme. Auf ihnen stelzt sie einher, während von jedem Arme wie ein Leuchter sich ein kürzerer Stiel erhebt, dessen angeschwollenes Ende mit Nesselkapseln gespickt ist. Der sehr dehnbare Schlund und Mund tastet bald da, bald dort hervor und bewältigt mit Leichtigkeit die auf derselben Weide sich erlustigenden Krebschen. Gleich oberhalb der Basis eines jeden Armes liegt ein hufeisenförmiger Augenfleck, in welchem ich eine gut ausgebildete Linse fand, ohne jedoch zu einem wirklichen Auge gehörige Nerven entdecken zu können.

Kriechqualle (Clavatella prolifera); a) vergrößert, b) in natürlicher Größe.

Noch etwas höher befindet sich auf dem Abschnitt zwischen je zwei Armen eine Knospe. Keins der vielen von mir im Mai untersuchten Tiere von einer gewissen Größe war ohne seine sechs Knospen, und diese in so verschiedenen Stufen der Ausbildung, daß die allmähliche Entwickelung immer klar vor Augen lag. An den reiferen Knospen war oft schon die Anlage abermaliger Knospung zu sehen.

Diese Fortpflanzung durch Knospen bei ausgebildeten Quallen wurde zwar bei verschiedenen Sippen beobachtet, ist aber der minder häufige Fall der Vermehrung. Regel ist, daß alle Quallen auf geschlechtlichem Wege durch befruchtete Eier sich fortpflanzen. Unsere Kriechqualle legt zu anderer Jahreszeit Eier.

Auch die Tiefsee birgt kriechende Quallen, so wenig man die Gegenwart von Quallen hier überhaupt voraussetzen sollte. Über die auf der Challenger-Reise gesammelten berichtet Haeckel: „Wenig Tierklassen scheinen zu einem Leben in der Tiefsee weniger geeignet als die Medusen mit ihrem weichen, schleimigen, wasserreichen Körper und ihrer Schwimmgewohnheit. Gleichwohl gibt es einige wenige Arten, die bis in große Tiefen hinabgehen.“

Eine der interessantesten Quallenformen und wunderbar an ein Tiefseeleben angepaßt ist die Saugqualle (Pectis antartica) aus der eignen Familie der Pektiniden. „Die Pektiniden,“ sagt Haeckel, „gehören zur Ordnung der Trachymedusen und stehen den Trachynemiden nahe. Sie sind besonders merkwürdig durch ihre Saugtentakeln, die in großer Anzahl rundum am Rande des festen, knorpeligen Schirmes stehen (in zusammengezogenem Zustande sehen wir sie auf umstehender Abbildung). Diese Tentakeln gleichen in hohem Grade den Ambulakralfüßchen der Echinodermen; sie sind in hohem Grade zusammenziehbar

Kriechqualle (Clavatella prolifera); a) vergrößert, b) in natürlicher Größe.

und elastisch und am freien Ende mit einer Saugscheibe versehen. Die lebende Pektinide bedient sich derselben um sich anzusaugen und um mittels ihrer genau so wie ein Seestern oder Seeigel zu kriechen.“ Die Breite des Tieres, über den Schirm gemessen, ist etwa 38 mm. Es würde zu weit führen, die verschiedenen Familien und Sippen auch nur mit Auswahl zu charakterisieren, namentlich auch in Bezug auf Entwickelung. Wir müssen aber, um die allgemeinen Lebensverhältnisse zu begreifen, wenigstens auf die merkwürdigen Wechsel⸗ , KERN generationen von geschlechtsreifen 5,, INN C.uallen, wie wir sie oben geschil⸗ 5, fee e e dert, und unfreien polypenförmigen

Saugqualle (Pectis antarctica) Natürliche Größe. Wesen die Aufmerksamkeit lenken. Aus den Eiern der wenigsten Dual-len entwickeln sich direkt wieder Quallen, sondern polypenartige Larven, an denen die Quallengeneration auf dem Wege der Knospung entsteht. Die Zugehörigkeit der Quallen zu denjenigen polypenförmigen Zwischenformen, die wir Quallenpolypen nennen, blieb in den meisten Fällen deshalb verborgen, weil diese Quallen eine sehr geringe Größe, oft nur vom Umfang eines 1 Stecknadelkopfes, erreichen. — 77 AU) ne So sehen wir zwischen der Gruppe der fünf Individuen von Corymorpha nutans ebensoviele kleine, mit einem fadenförmigen Anhange versehene Wesen schwimmen: das sind die Ze— 1 dazu gehörigen Quallen. ng- Jedes Ei dieser minutiösen,

N I über die abgebildete Größe „wenig hinaus wachsenden Quallen entwickelt sich zu einer flimmerhaarigen Larve, welche, zu Boden gesunken, zu einer Corymorpha nutans wird. Unser Bild (S. 557) istAllmans I / prachtvoller Monographie

Monocaulus imperator. Oberes Drittel. Sehr verkleinert. der der größeren Abteilung Ä der Tubularien angehörigen Hydroiden entnommen und zeigt die Tiere, welche in der Polypenform immer Einzeltiere bleiben, in natürlicher Größe. Abweichend von den meisten ihresgleichen, wachsen sie nicht fest an Tange und Steine an, sondern bewohnen den feinsandigen Grund, in welchen sie sich mit dem Hinterende des Stieles einsenken. Zahlreiche fadenförmige Anhänge dieses in den Sand sich eingrabenden Teiles durchdringen den Boden nach allen Richtungen und dienen zur weiteren Sicherung des Standes. Die am Vorderende befindliche Mundöffnung

Saugqualle (Pectis antarctica) Natürliche Größe.
Monocaulus imperator. Oberes Drittel. Sehr verkleinert. Ä Ä e

ist von einem Kranze von Fühlern eingefaßt; ein zweiter Fühlerkreis umgibt die Magen: erweiterung. Gleich oberhalb dieses Kreises stehen traubig gehäuft die Knospen, welche man im Sommer gewöhnlich in allen Stufen der Entwickelung trifft, und welche, solange sie noch an ihren Stielen hängen, schon vollkommen den Bau von Medusen annehmen. Sie bewegen ihren Schirm lebhaft, reißen sich los, und somit ist der Entwickelungskreis, der Generationswechsel abgeschlossen.

Die Corymorpha zeigt eine für einen Polypen recht ansehnliche Größe, es gibt aber noch bedeutend größere. So berichtet Semper von Riffen an den Pelew-Inseln, die mit ganzen Wäldern von Stöcken großer Hydroidpolypen bedeckt waren. Sie wurden fast

mannshoch und hatten an der Wurzel eine Dicke von 3—4!/e cm Zoll. Es ist ein übler Zufall, in einen solchen Wald beim Baden hineinzugeraten, denn man wird furchtbar verbrannt, und der wütende Schmerz hält wie nach der Berührung der früher beschriebenen Physalien stundenlang an. Noch gewaltiger ist eine folitäre, der Corymorpha sehr nahe verwandte Form (Monocaulus imperator; S. 556) aus dem nördlichen Stillen Ozean, deren oberes Ende in der nebenstehenden Figur abgebildet ist. Die Tiere wurden während der Challenger-Expedition aus beträchtlichen Tiefen (3400— 5300 m) heraufbefördert; fie hatten eine Höhe bis zu 2,2 m und einen entsprechenden Umfang!

Vergleichen wir nun mit der Corymorpha die schöne Tubularia indivisa. Diese, in Kolonien von je entweder Männchen oder Weibchen lebend, bringt es nie zur Erzeugung frei werdender Quallen. Statt der männlichen Quallen (der abgebildete Stock ist ein männlicher) entstehen da, wo bei Corymorpha nutans Quallentrauben entsproßten, Trauben eigentümlicher Kapseln, von denen man beim Beginn der Entwickelung voraussetzen könnte,

sie würden sich zu ordentlichen Quallen entfalten. Aber sie bleiben auf dem Zustande der Kapsel oder eines einfachen Organs stehen, sie sind die männlichen Fortpflanzungsorgane; war dort, bei der Corymorpha, die Qualle die Hauptform der Art, jo ist bei der Tubularia die Entwickelung der Art mit der Polypenform abgeschlossen. Indessen zeigen die weiblichen Kolonien insofern eine größere Annäherung an Corymorpha, als die Kapjeln, in welchen die Eier entstehen, sich viel weiter entwickeln als die männlichen Kapseln, sich zwar nicht ablösen, aber doch schon in ihrem Bau an die Quallen anstreifen. Eine noch mehr zurückbleibende Form ist die in der Nordsee, an der englischen und norwegischen Küste gemeine Hydractinia echinata. Die Art liebt es, sich auf solchen Schneckengehäusen anzusiedeln, welche von Einsiedlerkrebsen als Futterale erkoren find (s. Ab: bild. S. 559). Der Polyp hat dadurch den Vorteil des Wechsels des Futterplatzes. So wenigstens hat es den Anschein. Tiefer in das Geheimnis seiner Neigung einzudringen, ist noch nicht gelungen. Es liegt möglicherweise eine ganz andere Ursache für die Anpassung an die unruhige Lebensweise des ihn umherfahrenden Krebses vor. Der gemeinschaftliche Teil des Stockes ist eine der Fläche des Gegenstandes, auf dem die Ansiedelung geschieht, sich anschmiegende Haut, um welche auch dieselbe chitinöse Schicht sich befindet, aus welcher die einzelnen Polypenröhren bestehen. Die Nährkanäle derselben setzen sich ebenfalls in die Membran mit ihren stachel—

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