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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
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Eine liebliche Augenweide, kommen und gehen die Quallen mit den Wellen und Strömungen. Nach kurzem, wohl selten über ein Jahr währendem Leben lösen sie sich zum allgemeinen Kreislaufe der Atome wieder auf, dem Auge keine andere Spur hinterlassend als die zahlreiche heranwachsende Brut. Auch unter den Polypen finden wir Sippen, deren Genrationen hinschwinden, gleich jenen. Aber um so zahlreicher sind die anderen, welche sich von den ersten Zeiten ihres Auftretens durch alle Perioden der Bildung der Erdrinde hindurch Denkmäler aufgebaut haben, gegen die alle von Menschenhand zusammengetragenen Pyramiden in nichts verschwinden. Ihre Bauten machen einen großen Teil des Festlandes aus. Indem ihre Lebensthätigkeit von den gewaltigen, im Erdinneren sich entwickelnden Kräften beeinflußt wird, die sich uns als Hebungen und Senkungen an der Oberfläche bemerklich machen, steigen Riffe und Koralleninseln hier empor, dort tauchen sie unter. Wo die Korallentiere, diese wichtigsten Mitglieder der Polypenklasse, sich ansiedeln, folgt eine Reihe von Wirkungen, welche fast alles an Großartigkeit des Aufbaues und Schaffens hinter sich lassen, was sonst von tierischem Leben verursacht wird. Verschwindend klein in den Anfängen, nur dem Mikroskop sich erschließend, wird die Niederlassung bald der Anziehungspunkt unendlich mannigfaltigen Lebens, bis der Mensch von dem neugeschaffenen Boden Besitz nimmt. So greift das Leben der Polypen in das Völkerleben ein, das Unbewußte in das Bewußtsein; Grund genug, um diese Tiere einer eingehenden Untersuchung und Schilderung zu unterziehen. Fast zwei Jahrtausende hat es bedurft, ehe man sich von der Zusammengehörigkeit der eigentlichen Korallentiere mit den großen, schon dem Aristoteles und seinen Zeitgenossen als Tiere bekannten Seeanemonen oder Aktinien überzeugte. Griechen und Römer sahen, wie uns Ovid berichtet, in den Korallentieren Blumen, welche im Augenblicke, wo man sie aus dem Wasser nimmt, versteinern, seit Perseus das Haupt der getöteten Gorgo Medusa, deren Anblick in Stein verwandelte, auf ihnen gelagert. In seinen „Verwandlungen“ heißt es: „Sic et Curalium, quo primum contigit auras Tempore, durescit: mollis fuit herba sub undis.“ („So auch wird die Koralle, sobald fie die Lüfte berühret, Plötzlich zu Stein, ein weiches Gewächs noch eben im Wasser.“)

Wie wenig sich die Ansicht, daß man es mit Seepflanzen, auch steinernen Bäumen (Lithodendra), zu thun habe, bis 1630 geändert, geht aus einer Reisebeschreibung aus jenem Jahre von Monconny hervor. Die bezügliche Stelle ist von Ehrenberg in seiner bekannten grundlegenden Arbeit über die Natur und Bildung der Korallenbänke des Roten Meeres (1832) mitgeteilt und lautet: „Nach der Mahlzeit fischten wir die Art von oben beschriebenen versteinerten Pilzlingen, Muscheln und allerhand Bäumchen in dem Roten Meere, die man da an langen Orten in Menge findet, weil das Meer daselbst so seichte

ist, daß man, als wie in einem Brunnen, alles, was auf dem Grunde liegt, ganz deutlich sehen kann. Und ist der Grund mit unzähligen solchen Kräutern und dergleichen von allerhand Farben angefüllt, die aber von ferne wie Purpur scheinen, wessentwegen ich auch erachte, daß das Meer den Namen des Roten Meeres bekommen habe. „Ich war so curieux und stieg selber hinab auf eine Meile Weges weit an dem Strande und hatte ein paar Stunden lang das Vergnügen, eine große Menge von solchen Bäumchen, Schwämmen und Muscheln zusammenzulesen. Die Schwämme sind hart und an den Sand angewachsen, mit den Füßen habe ich keine fühlen können, so sehr ich mich auch bemühete, und die man auffischte, sind rot und hart. Damit sie aber weiß werden, legt man sie ans Ufer, da sie von den Wellen abgespült und von der Sonne getrocknet werden und sich also bleichen. Wenn diese Bäumchen noch unvollkommen oder noch nicht reif sind, so gleichen einige den feuchten Schwämmen, welche an den alten Bäumen wachsen, etliche aber den gekörnten Füßen einer Meerspinne, sind weich und so voll Wasser, daß man sie wie einen feuchten Schwamm ausdrücken kann; und da haben sie allerhand 8 blau, violett, grau, braun, grün, weiß, welches wunderartig anzusehen.“

Ehrenberg meint, daß der alte Reisende nur die harten Korallen selbst Noba e dagegen die Nachricht von dem anfänglich weichen Zustande aus den Erzählungen der ihn begleitenden Araber aufgenommen habe. Ich möchte aber an ein Zusammenwerfen der Korallen mit wirklichen Seeschwämmen denken, die in bunter Menge zwischen den Korallen vorkommen, und von denen sich viele gerade so ausdrücken lassen, wie es oben beschrieben ist. Noch zu Anfang des vorigen Jahrhunderts, im Jahre 1706, behauptete der Graf Marsigli, zur Bewunderung seiner Zeitgenossen, durch Beobachtung ermittelt zu haben, daß die Edelkoralle eine wirkliche Pflanze sei, welche einen Milchsaft in der Rinde führe, Blüten und Früchte trage. Um diese Behauptung bekannt zu machen, gab er 1725 das prachtvolle Kupferwerk heraus, welches den Titel führt: „Histoire physique de la mer“. Aber kurz zuvor, 1723, stellte der Arzt und Naturforscher André de Peyssonel an der berberischen Küste seine für die Auffassung der Korallen epochemachenden Untersuchungen an, beobachtete in Aquarien und kam zur Überzeugung, daß die vermeintlichen Korallenblumen kleine Tierchen seien, von derselben Beschaffenheit wie die Aktinien. Er wendete sich mit seiner Entdeckung an die berühmtesten Mitglieder der Pariser Akademie, wurde aber sehr kühl aufgenommen, und Réaumur glaubte sogar, aus zarter Rücksicht den Namen Peyssonels verschweigen zu müssen. Derselbe verallgemeinerte auf einer Reise nach Guadeloupe seine Untersuchungen, und nachdem man seine Ansichten zuerst in England, gutgeheißen, machten sie sich auch nach und nach im Vaterlande geltend.

Am wichtigsten wurde aber das Interesse für unsere Tierchen geweckt, als die Forster, Vater und Sohn, mit Cook die Welt der Südseeinseln entdeckten und der Anteil der Polypen an dem Aufbau derselben offenbar wurde. An die entzückenden Schilderungen der Eilande und des vermeintlichen paradiesischen Zustandes ihrer Bewohner reihte sich der Versuch, die Entstehung der Riffe und Inseln aus der Thätigkeit der Korallentiere zu erklären. Wir werden weiter unten hierüber berichten. Aber man erfuhr wenig von den Einzelheiten, von den Gattungen und Arten, bis durch Ehrenbergs Untersuchungen der Korallenriffe des Roten Meeres und ihrer Erbauer eine Grundlage für die Systematik der Blumentiere (Anthozoa) gegeben wurde.

Obschon wir nochmals auf die Schilderung Haeckels über den Anblick der Korallenbänke des Roten Meeres zurückkommen werden, so will ich doch schon hier Ehrenberg von dem Totaleindruck erzählen lassen, den das Leben der Korallenbänke macht. Es ist ein Gesamtbild, welches zum Studium der Einzelheiten treibt, wenn wir uns damit auch einige Wiederholungen gestatten.

„Die Korallentiere, von denen die bekannte, als Schmuck dienende edle Koralle nur eine Form und der unbedeutendste Teil ist, sind nicht bloß für Naturbeschreibung und Naturgeschichte im engeren Sinne merkwürdig, sie gehören zu den zahlreichsten, auffallendsten, unbekanntesten und am einflußreichsten erscheinenden Formen des organischen Lebens. Mit Schaltieren zusammengeschichtet bilden die durch sie erzeugten Kalkmassen bald hohe Gebirge, bald den Boden weit ausgedehnter Landstrecken, und ihre fossilen Überreste dienen dem aufmerksamen Geognosten als Anzeigen für Veränderungen und Bildungs-Epochen der verschiedenen Teile der Erdrinde. Aber nur in ihrer Auflösung, tot und fragmentisch find diese Spuren der Korallentiere, deren Einfluß man in der Oryktognosie (Gesteinsund Gebirgskunde) bewundert und zu wichtigen Resultaten benutzt. Weit angenehmer überraschend ist die Erscheinung ihrer Formen dem Reisenden, welcher die Küsten des Südmeeres berührt und dieselben in ihren Wohnsitzen lebendig und ebenfalls in einer über alles herrschenden Verbreitung erblickt. Dort wetteifern die blumenförmigen Tiere der pflanzenartigen Korallenstöcke mit den prächtigsten Farben unserer schönsten Blumen, und hinderte nicht der Lichtreflex des Wassers die Übersicht einer größeren Fläche unterhalb des Meeresspiegels, jo würde die Masse des Schönfarbigen, Lebendigen, blumenartig Geformten, welches den flachen Meeresboden bekleidet, ganz das Bild geben, das uns an unseren Wiesen und Fluren zu ihrer Blütezeit erfreut, ja, es würde den, welcher die asiatischen Kirgisensteppen sah, an die Tulpenflor erinnern, die, in unabsehbarer Weite sich erstreckend, unter den günstigen Umständen ein zaubervolles und feenhaftes Gegenstück unserer lieblichen kleinen Gärten bilden. „Ob nun aber gleich eine solche Übersicht über die Wiesen der Tierpflanzen, welche man gewöhnlich Korallenbänke nennt, nicht in dem Grade zu erlangen ist, wie wir sie an den Gärten und Wiesen der Luftpflanzen bis in weite Ferne hin erreichen, so werden doch auch solche Reisende, welche nicht gerade als Naturforscher speziell sich an dem Baue und den Gesetzen der Formen der organischen Wesen und deren belehrender Zusammenstellung und Vergleichung erfreuen, durch den Reichtum des Formenwechsels und durch die bald metallisch glänzenden, bald zarten und lieblichen Farben dieser lebendigen Blumen überrascht und begeistert. Wie die Bilder des Kaleidoskopes gehen vor dem Auge des am seichten Meeresufer hingehenden oder auf seinem Schiffe über das Korallenriff bei eintretender Windstille langsam hingleitenden Bewohners des Festlandes diese Bevölkerungen ihm ganz neuer Fluren vorüber. Es sieht Sträucher und Bäumchen auf und um scheinbar abgerundete Felsblöcke versammelt, welche, selbst in blendende metallische Farben gehüllt, einen anderen Charakter als den der Felsmasse verraten. „Glücklicher und genußreicher als der Wanderer an der Küste, wo die ungleiche Meereshöhe nur krüppelhafte Produkte dieser Art kümmerlich gedeihen läßt, erkennt der auf nicht allzu großem Fahrzeug Schiffende während der Windstille diese Bürger eines neuen, ihm unbekannten Reiches auf den üppigen Korallenbänken des tieferen Meeres. Tausendfach angeregt und brennend vor Wißbegierde, steigt er endlich in die Schaluppe und bemüht sich, an einer seichten Stelle sich einiger der schönsten dieser Formen zu bemeistern, um sie näher zu betrachten. Das ihm behilfliche Schiffsvolk oder er selbst steigt aus in das Wasser, aber mit ihrem Auftreten auf den Korallenboden verschwindet allmählich um sie her die schöne Farbenpracht, welche diesen Boden soeben schmückte. Der strauchartige, blendend rosenrote Gegenstand, welcher die Aufmerksamkeit und Phantasie des Reisenden soeben am lebhaftesten erregte, wird als ein brauner, unscheinbarer Körper in die Höhe gebracht, und es findet sich, daß das kurz vorher für das Auge so liebliche, weiche, bunte Gebilde ein harter, rauher, mit braunem, dünnem Schleime überzogener Kalktuff ist. Man glaubt, sich geirrt zu haben und wiederholt die Bemühungen und Versuche mit gleichem Erfolge,

bis man sich überzeugt, daß hier eine Verwandlung stattfindet, die der Reisende je nach seiner Geistesbildung für Wunder und Zauberei oder für eine merkwürdige, eines mühevollen und sorgfältigen Nachforschens werte Naturerscheinung hält.“

Wir wollen Ehrenbergs Schilderung, welche uns die Mißgriffe des Altertums als sehr verzeihlich erscheinen läßt, nicht weiter wiedergeben. Hat sie uns doch, hoffen wir, genugsam angeregt. Also Blumentiere wurden die Polypen von dem Berliner Naturforscher benannt. Der Name begreift sich von selbst für jeden, der nur einmal einen lebenden Polypen mit entfaltetem Kelche gesehen oder eine leidliche Abbildung mit einer Blume verglichen hat. Ehrenberg unterschied sie von den Moostieren, hielt aber doch diese beiden Gruppen für nahe verwandt. Von da an haben unsere Kenntnisse über Anatomie und Leben der Polypen und der Korallenbauten bis heute stetig sich vermehrt. Einer der größten Fortschritte geschah durch Darwin, der nach seiner berühmten Weltumsegelung eine neue Theorie der Koralleninseln aufftellte, welche in allen wesentlichen Punkten durch den Amerikaner Dana bestätigt worden ist. Indem wir in den obigen

1 PRZeilen die Wichtigkeit der Polypen 5 0 Y5 vornehmlich mit dem Hinweise auf 5850 8 5 ihre Hartgebilde betonten, wird es 88SSA sich natürlich um das Verständnis 52 derselben, d. h. der Polypenstöcke, handeln. Dazu ist eine Einsicht in den allgemeinen Körperbau notwendig. Wir wollen nochmals den schon i N a | einmal gegangenen Weg einschlagen Entwickelungs-⸗Zustände von Monoxenia Darwinii. Stark vergrößert. und den Polypen sich vor unseren Augen entwickeln lassen, mit Benutzung neuester Arbeiten der trefflichen Beobachter Haeckel und Lacaze-Duthiers. Der erstere schildert uns die Entwickelung eines von ihm in dem Hafen von Tor an der arabischen Küste entdeckten kleinen Polypen, der Mono xenia Darwinii. Das 3 mm lange Tier erscheint als vollkommen strahlig gebaut, indem sein am oberen Ende des Leibescylinders gelegener Mund von acht gefiederten Fühlern umstanden ist. Es haftet vermittelst einer beweglichen, dem Munde entgegengesetzten Scheibe, der Fußscheibe, auf seiner Unterlage, und daß es keine harten Skelettteile, keinen Stock besitzt, zeigt die geschwungene, veränderliche Oberfläche. Wie es innen beschaffen ist, wird sich an Quer- und Längsschnitten herausstellen.

Entwickelungs-⸗Zuſtände von Monoxenia Darwinii. Stark vergrößert.

Der Beginn der Entwickelung zeigt sich in dem Verschwinden des Kernes der Eizelle (A, s. Abbild. S. 575), der gleich darauf wieder erscheint (B), um nun in fortgesetzter Teilung sich und die Zelle zu vervielfältigen (C, D, E). Man nennt diesen in der ganzen Tierwelt verbreiteten Vorgang die Furchung, und zwar läuft dieselbe in unserem Falle jo einfach und jo regelmäßig ab, daß das Ende derselben eine von einer einzigen Zellschicht umschlossene Hohlkugel ist (G). Jede Zelle sendet eine längere Wimper oder Geißel aus (F), vermittelst welcher die Larve sich dreht und in der Leibesflüssigkeit ihrer Mutter schwimmt. Es folgt nun eine Einstülpung der einen Hälfte der Kugel in die andere (E), die Bildung der Gastrula (IJ, K). Das Wort hat in den letzten Jahren in der Zoologie eine große Bedeutung erlangt, seit der ausgezeichnete russische Naturforscher Kowalewsky diese Einstülpung als eine gemeinsame Stufe in der Bildungsgeschichte ver: schiedener, systematisch weit auseinander liegender Tierklassen kennen lehrte und Haeckel, die Beobachtungen und Betrachtungen jenes verallgemeinernd, das Wort „Gastrula“ oder Sacklarve erfand. Er hat in einer Reihe von Spezialarbeiten und in seinen allbekannten populären Schriften seine „Gastraea-Theorie“ dargelegt und verteidigt, die sich darin zuspitzt, daß alle Tiere, in deren Entwickelung ein „Gastrula— Zustand“ auftritt, von einer längst untergegangenen Urform „Gastraea“, als der gemeinsamen Stammmutter, herrührten. Die gesamten Entwickelungserscheinungen des Tierreiches drängen zu dieser oder einer ähnlichen Annahme. Jedenfalls ist durch Haeckels, im Zusammenhang und zur Begründung der Abstammungslehre, vorgetragene Gasträa-Theorie ein äußerst wirksamer Anstoß gegeben worden. Die Gastrula der Monoxenia ist von den ein: fachsten Verhältnissen. Die Einstülpung ist eine vollständige; die Larve stellt einen Sack dar, dessen

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