Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Die andere Gruppe von Familien der Asträaceen sind die Sternkorallen mit festem, nicht poröe sem Skelett. Madrepora verrucosa. 4) Kleiner Stock in Wer Gelegenheit hat, in einer Sammlung sich mit hakürücher ne 6 den Polypen bekannt zu machen. halte sich für diese Gruppe zuerst an die großen, fast immer nur als Einzeltiere vorkommenden Pilzkorallen der Gattung Fungia. Er findet fie als flachere, oft kreisrunde, oft zungen- oder kuchenförmige Gebilde, die nicht selten 30 em im Durchmesser erreichen. Der Stock besteht aus dem Fußblatt und den senkrechten sehr zahlreichen Scheidewänden, wogegen der Teil, der bei den meisten Gattungen am stärksten entwickelt zu sein pflegt, die Mauer, gänzlich mangelt. Indem wir die Pilzkorallen als Einzeltiere bezeichnen, sagen wir damit, daß sie sich, wie die Aktinien, nur durch Eier fortpflanzen, und daß, wenn ausnahmsweise, wie es scheint, Knospenbildung oder Teilung eintritt, dieser Vermehrungsprozeß mit der Ablösung der Knospen endigt. Nun hat aber Professor Semper die sehr
interessante Entdeckung gemacht, daß bei einigen Fungien ein Generationswechsel stattfindet, bei welchem es zur Bildung von zusammengesetzten Stöcken kommt. Er erläutert seine Abbildung eines der Art nach nicht näher zu bestimmenden Fungienstockes wie folgt: „Es ist ein verästelter Korallenstock, der an seinem unteren angeschliffenen Ende deutliche Korallenstruktur zeigt und am anderen Ende sich in fünf Zweige auflöst, von denen vier an ihrem Ende echte Fungien in verschiedenen Größen A B tragen, einer aber nicht. Die jungen Korallen selbst zeigen nichts Bemerkenswertes, wohl aber die Stiele, an denen sie ansitzen Diese haben nämlich abwechselnd scharfkantige Anschwellungen und seichte Einschnürungen; ganz dasselbe bemerkt man auch an dem Stiele (a, s.untenstehende Abbild.), welcher keine Fungia trägt. An der Oberfläche des letzteren sieht man aber deutlich, daß an ihm eine solche gesessen haben muß; der freie Rand seiner Septa ist wie vernarbt und ganz unregelmäßig gebildet. Vergleicht man 2 I nun den Umfang der Narbe mit jenen An— a N schwellungen der anderen (Stiele), jo sieht man, eres kuhge ee daß sie ihnen genau entspricht, und ebenso ist ihr Abstand von dem nächsten unteren Ringe der gleiche wie dort. Untersucht man ferner die eine älteste Fungia genauer an der Stelle ihres Stieles, wo dieser etwa den Umfang eines solchen Wachstumsringes hat, so sieht man, daß hier (b) der Zusammenhang zwischen ihm und der eigentlichen Koralle bereits etwas gelockert ist. Wenn diese Resorption ringsherum vor sich gegangen wäre, so würde wohl die Fungia von dem Stiele abgefallen sein. Daß dies an einem Stiele geschehen sei, zeigte die Narbe an seinem freien Ende. Die mehrfachen Wachstumsringe an demselben Stiele aber beweisen, daß ein jeder Ast im stande ist, nach Erzeugung der ersten Fungia weiter zu wachsen (wobei zuerst eine Konzentration eines Stieles, dann wieder eine Ausbreitung erfolgt), und daß er nach einiger Zeit in gleicher Weise eine zweite, dritte oder vierte Generation hervorzubringen vermag.“
Wir haben diese eingehende Beschreibung gebracht, weil nur an gehäuften verschiedenartigen Beispielen sich eine Vorstellung von dem so ganz eigentümlichen physiologischen Leben dieser niederen Tiere gewinnen läßt. Darum mag man sich noch einen zweiten ganz ähnlichen Fall vorführen lassen. Er betrifft die veränderliche Fächerkoralle (Flabellum variabile). Dieselbe gehört in die Familie der Turbino— e, liden oder Kreiselkorallen. Der Name ist natürlich von der Kegelform der Stöcke hergenommen. Die meisten der zahlreichen hier einzureihenden Arten sind nur als Einzeltiere bekannt. Doch hat Semper uns interessante Knospenbildungen kennen gelehrt, wodurch wenigstens zeitweise sich Stöcke sehr einfacher Art bilden, bis die Knospen abfallen. Die Sippe Flabellum zeichnet sich dadurch aus, daß das Tier zusammengedrückt und daher die Mundöffnung nicht ein Kreis, sondern ein ziemlich langer Schlitz ist. Das lebende Tier von oben ist in A (s. obere Abbild. S. 596) zu sehen. Die Schwärmlarve, welche aus dem Ei hervorgeht, setzt sich fest und der nunmehr wachsende Polyp sondert den Stock B ab, der einem gestielten, mit zwei seitlichen Dornen versehenen Fächer gleicht. 88
Diese Form B bleibt geschlechtslos, treibt aber aus dem Kelche eine Knospe hervor, mit der sie schließlich eine scheinbare Einheit bildet (C) und vor der Lockerung und Ablösung so innig zusammenhängt, daß die beiden, als Mutter und Knospe zusammengehörigen Generationen für eine eigentümliche Abart oder auch neue Art gehalten wurden. Dann fällt die Knospe ab (D) und lebt, ohne festzuwachsen, in einer Felsspalte oder irgend einem Schlupfwinkel weiter, wohin fie von Welle oder Strömung ge: trieben wurde. Mit ihr, als dem Geschlechtstier, beginnt der Entwickelungskreis von neuem. Die mitgeteilten Beobachtungen sind an der veränderlichen Fächerkoralle gemacht. Semper bemerkt dazu, daß, wenn man nur die = Extreme ins Auge faßte, man leicht
Veränderliche Fächerkoralle (Flabellum variabile). Natürl. Größe. zu dem Schlusse kommen könnte, daß aus dieser einen Spezies zwei, ja drei Arten zu machen seien. Die vorherrschende Farbe des ganzen Tieres ist ein schönes, intensives, aber. Rot, und über die Mundscheibe ziehen fast immer zwei breite, dunkelrote Binden, welche bei etwas helleren Exemplaren deutlicher hervortreten. Auch der Tiefsee hat man in neuerer Zeit prachtvolle solitäre Korallen ab-gewonnen, die sich durch große Zierlichkeit und Regelmäßigkeit des Skeletts auszeichnen. Besonders ist das der Fall bei Formen aus sehr tiefem Wasser, wo infolge der sich geltend machenden Gegenwart von Kohlensäure nur wenig Kalk vorhanden ist. Hier erscheint das Kalkgerüst als zartes Radnetz mit feinen Speichen, die Ra 2 ie De durch Querbälkchen auf
Leptopenus discus. Natürliche Größe. das regelmäßigste verbunden find. Eine solche Tief-seekoralle (Leptopenus discus) ftellt unsere vorstehende Abbildung dar. Dieses zierliche Geschöpf stammt von der Ostküste Südamerikas aus einer Tiefe von 3475 m.
So zahlreich nun auch die Arten der wesentlich als Einzeltiere lebenden Pilz- und Kreiselkorallen und einiger anderen Familien sind, wird ihre Menge doch von den
zusammengesetzte Stöcke bildenden Familien weit übertroffen. Das uns am nächsten liegende
Beispiel haben wir in der Rasenkoralle (Cladocora caespitosa) des Mittelmeeres und der Adria. Die Stöcke der Einzeltiere find ziemlich gestreckte Röhren von / 1 cm Durchmesser. Die Knospen kommen seitlich am Fußende zum Vorschein, biegen sich alsbald nach oben und wachsen neben der Mutter, ohne weiter sich mit ihr zu verbinden oder zu verschmelzen. Der Stock ist daher zerbrechlich. Die Rasenkoralle wuchert an vielen Stellen ganz außerordentlich, überdeckt Streedn von über 100 qm und häuft sich auch fußhoch an. Sie ist daher für den von Norden gegen die warmen Zonen vorschreitenden
Forscher der erste Polyp, der ihm Sternkoralle (Astraea pallida). ½ natürl. Größe.
einen Schatten von Vorstellung von einem Riffe geben kann. Ich erinnere mich, mit welchem Vergnügen ich im Becken von Sebenico mit meinem Schleppnetze auf einen solchen Rasenkorallengrund traf und schwere Ladungen der sich leicht ablösenden Stöcke ins Boot warf. A
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Heliastraea heliopora. A) Stock mit den Weichteilen, B) ohne diese. Natürliche Größe.
Unter den den heißen Meeren eigentümlichen vielen Sippen der nicht porösen Sternkorallen ist die eigentliche Astraea, Sternkoralle im engeren Sinne, eine der wichtigsten, weil ihr und den näheren Verwandten unter den riffbauenden Tieren eine Hauptrolle zugeteilt ist. Unsere obere Abbild. der Astraea pallida, ee: einer der von Dana entdeckten Arten, zeigt eine abgerundete Gesamt— 300333. masse mit flacher Basis. Die einzelnen Kelche sind vollständig voneinander getrennt, jeder mit einem Mauerwall umgeben, aber doch nur so, daß die Mauern unmittelbar aneinander stoßen. Die nach oben ee: und rechts stehenden Individuen sind dargestellt mit eingezogener, die mnDATmDanDD)iO NEAR ® übrigen mit entfalteter Fühlerkrone. Leider sind in dieser Abbildung keine in der Teilung begriffene Kelche sichtbar. Die Gattung untere Drei Mundkelche von scheidet sich unter anderen gerade durch die vollständig werdende Teilung. Heliastraea. Vergrößert.
Eine andere ebenso große Sippe mit Untergattungen bilden die Gehirnkorallen oder Mäandrinen, von denen wir die Heliastraea heliopora (}. oben) bringen. Bei ihnen werden in der Teilung und Knospung nur die Weichteile der Individuen vollständig
voneinander isoliert, die Mauern fließen aber ineinander über, wodurch sich die Oberfläche mit unregelmäßig geschlungenen Thälern und Zungen bedeckt. An den lebenden Exemplaren sind natürlich diese Thäler mit den Weichteilen bedeckt, und man erkennt an den Mundöffnungen die Bezirke der einzelnen Individuen, von denen man an den ausgewaschenen Stücken nur die Begrenzungen nach zwei gegenüberliegenden Seiten hin wahrnimmt. Unsere Abbildung (S. 597, unten) zeigt drei Mundkelche und ihre Bezirke in mäßiger Vergrößerung, wodurch die mangelhafte Vorstellung, welche man sich aus dem alleinigen Anblick des leeren oder eingetrockneten Stockes macht, eine wesentliche Vervollständigung erhält.
Zweite Ordnung.
Die achtstrahligen Polypen (Octactinia).
Die zweite große Abteilung der Polypen enthält zwar noch genug des Mannigfaltigen, aber das Aussehen der Einzeltiere ist ein gleichförmigeres, hervorgerufen durch die feste Zahl von acht Fühlern. Dieselben sind nicht hohl, gewöhnlich etwas plattgedrückt und an den Rändern zierlichen Blättern gleich ausgezackt.
Am weitesten ist die Familie der Korkpolypen (Alcyonaria) verbreitet, im wesentlichen aus der Sippe Alcyonium bestehend, deren Arten im hohen Norden sich schon häufig finden und in den wärmeren Meeren zu den verbreitetsten Produkten gehören. Die Tiere sind in Stöcke vereinigt, entweder von unregelmäßig knollenförmiger und dicklappiger Gestalt, oder hand- und baumförmig mit fingerdicken oder stärkeren, wenig verzweigten Asten. Die Einzeltiere treten gewöhnlich als einige Millimeter messende weiße Blüten über die eigentümlich glänzende, rötliche, gelbliche, gefleckte Stockoberfläche hervor, die sich weich und fleischig anfühlt. Mit einem Stammteile wachsen die Stöcke entweder fest, oder sie stecken lose im Boden, meist in mäßiger Tiefe.
Die Korkpolypen sondern auch Skeletteile ab, aber dieselben verschmelzen nicht zu einem Stocke, bleiben vielmehr in Gestalt kleiner, meist mikroskopischer Kalkkörperchen von bestimmter, nach den Arten wechselnder Gestalt durch die ganze Kolonie zerstreut. Im frischen natürlichen Zustande zeigen die Seekorke eine gewisse Elastizität und Turgeszenz. Aus dem Wasser genommen, ziehen sie sich, auch der ganze zusammengesetzte Stock, sehr zusammen. Sie schwellen jedoch im Aquarium bald wieder an und dauern wochen- und monatelang aus. Ein Zeichen, daß sie sich nicht mehr wohl befinden, ist ein übermäßiges Anschwellen, namentlich der tieferen Teile. Aber auch noch in diesem wassersüchtigen Zustande leben sie noch längere Zeit fort. Besondere Feinde scheinen sie nicht zu haben, und wer die Natur nach Zwecken begreifen will, kommt auch bei ihnen arg in Verlegenheit.
In den mehr formlosen, der individuellen Gestaltung den engsten Spielraum lassenden Seekorken ist sozusagen die an bestimmte Formen gebundene Familiengruppe der Pennatuliden oder Seefedern vorbereitet. Schon bei manchen Arten von Alcyonium tritt die Neigung zur Stielbildung hervor, wie denn unser auf S. 599 abgebildetes Exemplar einen deutlichen, der Polypenindividuen entbehrenden Stiel zeigt. Die Seefedern sind nun dadurch charakterisiert, daß jeder Stock in einen polypentragenden Teil und einen freien Abschnitt, den Stiel zerfällt, welcher im weichen Meeresboden steckt. Bei den einfachsten Formen, welche der auch im Mittelmeer vertretenen Gattung Veretillum angehören, ist der polypentragende Teil ringsum mit Polypen besetzt, der Stiel drehrund. Es dürfte wenige Tiere geben, die, je nachdem es ihnen behagt, einen so verschiedenartigen Anblick gewähren als die Veretillen. Ein solcher Stock, den ich im Aquarium einige Monate lang
vor Augen hatte, kann 2—3 Wochen hintereinander wie eine runzelige Rübe bewegungslos am Boden liegen, in einem Zustande, in welchem offenbar die wichtigsten Lebensverrichtungen pausieren. Man sieht keine Spur von den Einzelindividuen, es wird keine