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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
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Woher kamen jene Lebensformen? Hören wir darüber einige der damaligen und der neueren Naturforscher. Ihre Ansichten sind, wie gesagt, meist herbeigeführt durch mangelhafte

Beobachtungen und Instrumente, welche die so verschieden gestalteten und beschaffenen Organismen als ziemlich gleichmäßige und nicht näher bestimmbare Körperchen erscheinen ließen. Leeuwenhoeck selbst tritt überall der Annahme einer Urzeugung entgegen und polemisiert heftig gegen die Anhänger derselben, namentlich gegen den bekannten Jesuiten und Polyhistor Athanasius Kircher. „So wenig wie ein Elefant aus Staub hervorgehen kann“, sagt er, „ebensowenig können Milben ohne Fortpflanzung entstehen.“ Auch die Ansicht, daß Eingeweidewürmer im Inneren des Menschen von selbst entstünden, verwirft er. „Nehmen wir einmal an“, bemerkt er, „daß viele derartige Würmer, die eben ihrer geringen Größe wegen unseren bloßen Augen verborgen bleiben, im Wasser schwimmen, so können sie sehr leicht in die Eingeweide der Kinder gelangen, da ja bekanntlich viele Menschen Wasser trinken. Aber gesetzten Falles, es tränke einer kein Wasser, so könnte doch von dem Wasser, mit dem man Trinkgeschirre abspült, ein Tropfen hängen bleiben, in dem recht gut sehr kleine Würmchen enthalten sein könnten. Weiter gibt man Kindern im Sommer viel unabgekochte Milch zu trinken, die von den Bauern mit Wasser verfälscht wird, besonders die Buttermilch, und da dürfen wir uns nun freilich nicht wundern, daß Würmer in die Gedärme der Menschen und Tiere kommen.“ Ganz ähnlich sind nun auch seine Ansichten über die Entstehung der Infusorien. Er nimmt an, daß ihre Keime nach dem Verdunsten des Wassers in die Atmosphäre geraten und von dieser abermals ins Wasser, in dem fie sich entwickeln. Der alte Leeuwenhoeck war ein vorurteilsfreier Geist, der sich an Thatsachen hielt, und wenn er auch kein Gelehrter war, wie seine Zeitgenossen ihm vorwarfen, so war er doch ein viel größerer Zoolog als sie alle zusammen. Auf einem ganz anderen Standpunkt befand sich z. B. Buffon. Seine so glänzend und beredt vorgetragenen Lehren sind nur verständlich im Zusammenhange mit seiner allgemeinen Theorie über das Wesen der Naturkörper; es ist um jo wichtiger, einiges daraus kennen zu lernen, als die jetzige Periode der Wissenschaft in einigen wesentlichen Punkten sich ihnen nähert. Er war überzeugt, daß es eine ununterbrochene Reihe von den vollkommensten zu den unvollkommensten Wesen gebe. „Ein Insekt“, sagt er in diesem Sinne, „ist weniger Tier als ein Hund, eine Auster ist noch weniger Tier als ein Insekt, eine Meernessel oder ein Süßwasserpolyp ist es noch weniger als eine Auster. Und da die Natur durch unmerkliche Abstufungen geht, müssen wir Wesen finden, die noch weniger Tier sind als eine Meernessel oder ein Polyp. Es gibt Wesen, welche weder Tiere, noch Pflanzen, noch Mineralien sind, und welche den einen oder den anderen anzureihen ein vergeblicher Versuch sein würde.“ Wenn wir dazu folgenden Ausspruch nehmen: „Ich vermute, daß man bei genauer Betrachtung der Natur Mittel-wesen entdecken würde, organisierte Körper, welche, ohne z. B. die Kraft zu haben, sich fortzupflanzen, wie die Tiere und Pflanzen, doch eine Art von Leben und Bewegung zeigten; andere Wesen, welche, ohne Tiere und Pflanzen zu sein, doch zur Zusammensetzung beider etwas beitragen könnten; und endlich noch andere Wesen, welche nur die erste Ansammlung der organischen kleinsten Formbestandteilchen (molécules organiques) wären“; so kommen wir zu seinen Ansichten über das Leben, was er in den Infusionen fand. Wenn nämlich in den Aufgüssen auf Fleisch, Gallerte von Kalbsbraten, Pflanzensamen und dergleichen sich bald lebende Körperchen zeigten, so meinte er, daß es eben die belebten kleinen Teilchen wären, aus denen Fleisch und Pflanzenstoff zusammengesetzt seien. Und fo sagt er denn auch, ein organisches Wesen zerstören, wie es durch die Infusion geschieht, heiße weiter nichts, als die belebten Teilchen, aus denen es zusammengefügt, voneinander sondern. Der Tod war ihm ein Zerfallen in unzähliges Leben, was von neuem in den Kreislauf anderer Organismen eingehe. Buffons wärmster Anz hänger war Needham. Beider zum Teil gemeinschaftliche Versuche fallen gerade in die

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Mitte des vorigen Jahrhunderts. Auch die Ansichten anderer berühmter Naturforscher jener Zeit sind den Buffonschen verwandt. Wrisberg in Göttingen wäre zu nennen, und auch der sonst jo nüchterne dänische Zoolog O. Fr. Müller betrat das gefährliche Feld der Vermutungen, wo die Beobachtungen aufhörten, und war der Ansicht, daß Pflanzen und Tiere in mikroskopisch kleine lebende Bläschen sich auflösten, verschieden an Stoff und Bau von den wahren Infusorien, und daß aus diesen lebendigen Bläschen alles höhere Leben sich wieder gestalte. 8

Der bedeutende Fortschritt Müllers liegt darin, daß Buffon die Existenz einer eigentlichen Tierklasse der Infusorien gar nicht erkannt hatte, während Müller die wahren Tiere wohl unterschied von den zu seiner Theorie des organischen Lebens gehörigen Urbläschen. Der durch seine mikroskopischen Leistungen bekannte Freiherr von Gleichen ruft darüber aus: „Eine wahrscheinlichere Hypothese wird der menschliche Witz wohl schwerlich ausdenken können.“

Von den älteren Forschern, welche mit Buffons geistreichen Phantasien sich nicht befreundeten, verdient vor allen der berühmte Spallanzani genannt zu werden. Er trat 1768 wissenschaftlich gründlich dagegen auf, daß aus den zur Infusion verwendeten Stoffen selbst, seien es nun organische oder unorganische, die lebenden Wesen sich elternlos entwickeln sollten. Als entschiedener Gegner dieser Urzeugung, der sogenannten generatio spontanea oder aequivoca, behauptete er, daß Tier- und Pflanzenkeime durch die Luft, die man von den Gefäßen wohl nie völlig absperren könne, in die Infusion eingeführt würden; und wenn auch die Entwickelung der von den schon bestehenden Arten der Infusionstierchen herrührenden Keime mitunter durch die in den Aufgüssen enthaltenen Tierund Pflanzenstoffe begünstigt würde, seien diese doch durchaus nicht unumgänglich nötig, wie das auch in reinem Wasser sich mit der Zeit zeigende reiche Leben beweise.

Wir wollen nicht die Fortschritte ins einzelne verfolgen, welche die Infusorienkenntnis bis dahin erfuhr, als Ehrenberg in diesen noch so dunkeln und rätselvollen Teil der Naturgeschichte Licht brachte. „Ich gewann“, sagt er, „schon im Jahre 1819 den direkten, bisher nicht vorhandenen Beweis des Keimens der einzelnen Pilz- und Schimmelsamen, wodurch die Entstehung dieser Pflänzchen aus generatio spontanea wegen der vorhandenen Menge der Samen sehr beschränkt und unnötig erschien, Münchhausens von Linné als unsterblich gepriesene Entdeckung aber, daß diese Samen Infusorien oder Luftpolypen wären, als unrichtig zuerst streng bewiesen war.“ Um über die Infusionstiere zu einer ähnlichen Gewißheit wie über die Schimmel- und Pilzbildungen zu gelangen, stellte er lange Reihen von Versuchen an. Das Resultat faßt er so zusammen: „Gewiß niemand von allen bisherigen Beobachtern hat je durch Aufgüsse ein einziges Infusorium gemacht oder geschaffen, weil allen, welche dergleichen erforscht zu haben meinten, die Organisation dieser Körperchen völlig entgangen war, sie mithin nie mit derjenigen Genauigkeit beobachteten, welche nötig erscheint, um einen so wichtigen Schluß zu ziehen. Weil ferner bei einer mit Benutzung der besten jetzigen Hilfsmittel vorgenommenen und durch über 700 Arten durchgeführten Untersuchung mir selbst nie ein einziger Fall vorgekommen ist, welcherzu überzeugen vermocht hätte, daß bei Infusionen, künstlichen oder natürlichen, eine Entstehung von Organismen aus den infundierten Substanzen stattfände, vielmehr in allen am speziellsten beobachteten Fällen eine Vermehrung durch Eier, Teilung oder Knospen in die Augen fiel“ Ehrenberg zeigte, daß die am schnellsten und häufigsten in den Aufgüssen erscheinenden Tiere fast immer denselben höchst gemeinen Arten angehören, die über die ganze Erde als Kosmopoliten sich verbreitet finden. Die meisten, schönsten und größten Infusorien können in fauligem Wasser überhaupt gar nicht bestehen und kommen daher nie in den Infusionen zum Vorschein.

Wenn nun aber auch heute niemand mehr daran denkt, die Wesen, die wir nach Ausscheidung vieles Fremdartigen mit einem geschichtlich gerechtfertigten, aber doch sehr unpassenden Namen „Infusionstierchen“ nennen, aus Aufgüssen „freiwillig“ entstehen zu lassen, jo ist doch die Grundfrage über die Möglichkeit der Entstehung organischer Körper auf elternlosem Wege durch den direkten unanzweifelbaren Beweis bis zum heutigen Tage noch nicht entschieden. Es würde uns aber von dem gegenwärtigen Thema über die wahren Infusionstiere viel zu weit abführen, wollten wir auch nur die höchst interessanten, von dem Pariser Chemiker Pasteur angestellten Infusionsversuche sowie die Zweifel gegen ihre allgemeine Gültigkeit, wie sie z. B. der Botaniker Nägeli ausgedrückt, im Fluge besprechen. Man teilt die Infusorien in zwei Unterklassen: Wimper- und Geißelinfusorien.

Erste Unterklasse.

Die Wimperinfusorien (Ciliata).

Die Wimperinfusorien sind See- und Süßwasserbewohner, viele auch Schmarotzer, welche in ihrer Erscheinung und Lebensweise so sehr an die mikroskopischen Strudelwürmer erinnern, daß ich schon vor Jahren mich veranlaßt sah, fie überhaupt jenen niedrigen Würmern anzureihen. Wer der Abstammungstheorie huldigt, wird nicht umhin können, die Strudelwürmer von infusorienartigen Tieren abzuleiten. Man ist durch vielfach übertriebene Ausdrucksweise gewöhnt, den Infusorien eine solche Kleinheit anzudichten, als ob nur das stark bewaffnete Auge von der Existenz der einzelnen sich überzeugen könne. Nun find allerdings nicht wenige erst bei 100 —300maliger Vergrößerung deutlich im Umriß wahrzunehmen, viele andere aber findet der Kenner mit bloßem Auge in dem gegen das Licht gehaltenen Gläschen heraus. Eine bestimmte typische Form kommt ihnen gemeinsam nicht zu, und ohne nähere Berücksichtigung gewisser, den echten Infusorien nie mangelnder Organe ist eine Verwechselung mit Larvenformen anderer niederer Tiere leicht. Indes hat man sich zuerst daran zu halten, daß die große Mehrzahl der Sippen äußerlich mit Flimmerorganen versehen ist, die entweder auf eine Körperseite oder sogar nur auf eine Spiralreihe beschränkt sind, oder den Körper, in enge Reihen gestellt, mehr gleichmäßig bedecken. Bei den meisten hilft dann noch zur ferneren Konstatierung der Infusoriennatur die Auffindung des Mundes als eines ansehnlichen spiraligen Spaltes oder Trichters.

Wir machen uns zuvörderst mit ein paar Sippen verschiedener Ordnungen bekannt, an denen wir das Gemeinsame und das Eigentümliche hervorheben; diese Beispiele genügen zu einer ersten Einsicht in den Bau und die Lebensverhältnisse der Gesamtheit, die wir in der Neuzeit in größter Vollständigkeit in einem ausgezeichneten Werke des Prager Bro: fessors Stein behandelt finden.

Alle diejenigen Sippen, welche, meist von flacher, muschelförmiger Gestalt, nur auf einer Körperseite bewimpert find, bilden die Ordnung der Hypotricha Dahin gehören als eine der gemeinsten Sippe Waffentierchen (Stylonychia) und wiederum die gegen Ya mm lange, nur an der Bauchseite mit Wimpern versehene Art Muscheltierchen (Stylonychia mytilus). Es ist sehr wenig wählerisch in Bezug auf die Gewässer, in denen es fortkommt und sich zu unzählbaren Mengen vermehrt. Sein Körper ist, wie bei allen Wimperinfusorien, von einem sehr zarten Häutchen umgeben und besteht im Inneren aus einer hellen, leichtflüssigen Innenmasse (Entoplasma), die

nach außen nach und nach in die körnchenreiche, zähflüssige, nach außen unmittelbar vom Oberhäutchen begrenzten Außenmasse (Exoplasma) übergeht. Wir müssen annehmen, daß das Exoplasma der Sitz der Atmung, Empfindung und Bewegungsfähigkeit ist, das Entoplasma aber die Assimilation der Nahrung vermittelt. Vorn an der Bauchseite liegt ein quer verlaufender, an den Rändern mit Wimpern besetzter Schlitz, der Mund, der in eine kurze trichterartige Speiseröhre führt. Diese erreicht ihr hinteres Ende im Entosack, in das die verschluckten Bissen eintreten und durch die Zusammenziehungen des Tieres in langsam kreisende Bewegung geraten. Dabei wird ihnen alles für das Infusor Verwertbare entzogen, die unverdaulichen Reste treten aber durch eine am anderen Körperende befindliche Offnung, dem After, nach außen. Während der Mund stets sichtbar bleibt, zeigt sich die Afteröffnung erst dann, wenn sie funktioniert. Mittels der Mundwimpern und der beiden Wimperreihen, welche rechts und links über den Körperrand hervorragen, schwimmt das Tier auch in stetiger, gleichförmiger Bewegung. Es kann aber auch gehen, indem es sich auf die Spitzen der gekrümmten stärkeren Wimpern und der griffelförmigen starken Wimpern in der Nähe des Hinterendes stützt. Die drei hinten ausgestreckten Borsten sind unbeweglich. Mit diesen reichen Bewegungsmitteln ausgestattet, klettert es mit großer Behendigkeit zwischen den mikroskopischen Pflänzchen umher, fast ununterbrochen Speise, kleine Arten der eignen Klasse und mikroskopische Algen in den Schlund hinabstrudelnd. Ein nie mangelndes Organ ist die Blase b, welche in ziemlich regelmäßigen Pausen von 10 oder 12 Sekunden sich zusammenzieht und ihren flüssigen, mit feinen Körnchen erfüllten Inhalt, wie für manche Arten nachgewiesen wurde und für die meisten, vielleicht für alle, wahrscheinlich ist, durch eine feine Offnung nach außen entleert. Diese Blase oder kontraktile Vakuole, von der bei manchen Formen mehrere zugleich vorhanden find, erfüllen offenbar die Leistungen exkretorischer Dr: gane höherer Tiere, etwa des Wassergefäßsystems vieler Würmer.

Obgleich die kontraktile Blase bei den meisten Arten Muscheltierchen Stylonychia eine ganz bestimmte Stelle einnimmt und nach dem Zusammen— e Baucheite ziehen sich jedesmal genau zum ehemaligen Umfang ausdehnt, ae nn oder, was dasselbe bejagt, wieder anfüllt, kann man ihr doch nicht im eigentlichen Sinne des Wortes eine Begrenzungshaut zuschreiben. Sie ist eine Höhlung in dem Exoplasma. In der Mittellinie des Leibes erblicken wir ferner zwei rundliche Körper (c), welche man als Kerne (nucleus) bezeichnet. Dieselben sind lange Zeit für die Fortpflanzungsorgane der Infusorien gehalten worden, indem man ihren Zerfall in wahre Eier beobachtet haben wollte, oder kugelige Keime aus ihrer Teilung hervorgehen ließ. Diese sollten sich zu be: wimperten Sprößlingen entwickeln. Neuere Beobachtungen haben indessen diese angebliche Vermehrung in ein sehr zweifelhaftes Licht gestellt. Der oder die Kerne scheinen vielmehr die Bedeutung von wirklichen Zellkernen oder ähnlichen Gebilden zu haben und bei der Teilung und der sogenannten Konjugation eine wichtige Rolle zu spielen, indem sie erst zerfallen und damit zur Bildung neuer Kerne und zur Verjüngung des ganzen Körpers Veranlassung geben. Wir vergleichen nun hiermit eine Sippe aus einer anderen Ordnung, und zwar die Glockentierchen, welche den Stamm der Ordnung Peritrieha bilden. In dieser ist der Körper bis auf eine Wimperspirale oder einen Kreis von Härchen nackt. Die Glockentierchen

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