Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
oder Vorticellen, eine der bemerkenswertesten großen Sippen der Infusorien, sitzen in der Regel fest und bestehen alsdann aus dem eigentlichen Körper und dem Stiele.
Alle Arten, welche keine Stöcke bilden, sondern als Einzelindividuen auf einem spiralig zusammenziehbaren Stiele sitzen, werden als Sippe Vorticella zusammengefaßt. Unsere Abbildung zeigt in a bei mäßiger Vergrößerung eine solche Vorticelle in dem Zustande, in welchem der Stiel zusammengeschnellt ist, wobei in der Regel auch der Vorderkörper sich zusammenzieht und kugelig wird. Daneben (b) ist das Tier in einer Vergrößerung, durch welche die wichtigeren charakteristischen Teile deutlich werden. Im hohlen Stiele fällt ein streifiges Band (m) auf, welches sich mit einer Muskelfaser vergleichen läßt. Seine Verkürzung bedingt das spiralige Zusammenlegen des Stieles. Man sieht, daß es da, wo der Stiel aus der Leibeswand hervorgeht, auch in der Körpermasse wurzelt. Die drei wichtigsten Organe, welche wir bei der Stylonychia kennen lernten, der Schlundtrichter (oe), die Blase (M und der Fortpflanzungskörper (n), bezeugen die intime Verwandtschaft zwischen den sonst so verschieden aussehenden Tieren, während der lippenartig gewulstete, inwendig die langen Wimpern tragende Rand (r) eine Eigentümlichkeit der Glockentierchen ist. | Außer der Form, wo jedes Individuum für sich auf einem Stiele isoliert ist, gibt es eine zweite Hauptform, Carchesium, bei welcher der Stiel mit der Bildung von Knospen sich verästelt und wahre Vorticellenbäume entstehen. Ich kenne kaum ein lieblicheres mikroskopisches Schauspiel, als solch einen lebendig bewegten Blumenstock, wenn bald einzelne Blumen oder die auf einem gemeinsamen Aste befindlichen zusammenzucken, bald der ganze Baum, wie elektrisch getroffen, zusammenfährt, um sich langsam wieder zu entfalten. Das Zusammenschnellen geschieht durch ein den hohlen Stiel durchziehendes muskelartiges
Vorticelle. a) mäßig, b) 600 mal vergrößert. Band, dessen andere Formen, einzeln und verästelt, i ermangeln. Diese letzteren bilden die Untergattung Epistylis, der unsere (S. 667) abgebildete Art, das nickende Glockentierchen, angehört. Es führt feinen Spezialnamen von der Eigentümlichfeit, daß es, erschreckt oder gestört, an der Übergangsstelle vom Körper zum Stiel umknickt. Die Kennzeichen der Glockentierchen haben wir, außer in den berührten, in ihrem nackten, vorn gewöhnlich schiefen Körper. Hier findet sich entweder ein schief aufgesetzter Deckel, unter dessen hervorstehendem Rande die Mundöffnung liegt, oder es ist, wie bei Epistylis, eine förmliche Ober- und Unterlippe mit Wimperbesatz ausgebildet, zwischen denen der tief in den Leib hinabragende Mundtrichter beginnt. Dicht darunter sieht man die kleine kontraktile Blase und dahinter eine einfache gekrümmte, bandförmige Drüse, an Stelle der beiden elliptischen Kerne der Stylonychia. Über die Bildung der Epistylisbäumchen hat Stein folgendes beobachtet. „Die Tiere eines Bäumchens und damit auch die Aste desselben vermehren sich durch Längsteilung
der schon vorhandenen Tiere. Noch ehe die von vorn und hinten einander entgegenkommende Einschnürung bis zur vollständigen Sonderung zu zwei neuen Individuen vorgerückt ist, sieht man schon, wie die voneinander getrennten Basalenden der neuen Individuen auf ganz kurzen partiellen Stielen sitzen, die also bald nach dem Beginn des Teilungsprozesses aus den frei werdenden Körperbasen ausgeschieden werden müssen. Ist die Längsteilung vollendet, so sind die besonderen Stiele jedes Individuums immer noch sehr kurz. Bei ihrer weiteren Verlängerung, die natürlich immer nur an der Stelle, wo fie mit dem Tier: körper zusammenhängen, erfolgt, eilt häufig das eine Individuum dem anderen voraus, und das Individuum auf dem längeren Stiele schickt sich dann auch früher zu einer neuen Teilung an als sein Gefährte von derselben Generation, und die Folge ö davon ist eben, daß die Tiere eines Bäumchens nicht alle in gleicher 1% 2 Höhe liegen. 1 „Nicht immer endigen die sämtlichen Aste eines Bäumchens in ki10N | Tieren, sondern einzelne Aste find von den Tieren, welchen fie felbft ihren Ursprung verdanken, verlassen worden. Dem Ablösen der Tierchen scheint niemals die Bildung eines Wimperkranzes am hinteren Körperende vorauszugehen“, wie solches bei den übrigen Glockentierchen und namentlich auch den sich ablösenden Knospen stattfindet. Die abgelösten Tierchen bleiben ausgestreckt und schwimmen mittels ihres Stirnwimperkranzes im Wasser umher, um an einer anderen Stelle später die Grundlage eines neuen Bäumchens zu werden. Sehr häufig traf ich einzelne Individuen, welche eben erst ein Rudiment eines Stieles aus ihrer Basis ausgeschieden hatten. Ebenso häufig fand ich Stämmchen, die nur erst zwei (unsere Abbildung) oder drei Tierchen trugen.“
Die Kolonien der Vorticellen erregten schon vor der Mitte des vorigen Jahrhunderts die Aufmerksamkeit der Mikroskopiker. Sie wurden Trichterpolypen, auch Afterpolypen genannt, und Rösel und seine Zeitgenossen wußten, daß sie sich gern auf Schwimmkäfern und | Wasserschnecken ansetzen und dem unbewaffneten Auge wie ein Schim— 14 mel sich darstellen. „Es kamen mir“, erzählt er in den ‚Insektenbelustigungen“, „dergleichen Käfer in dem Wasser, worinnen ich sowohl ickendes Glocken— Armpolypen als Afterpolypen suchte, unter anderen Wasserinsekten tierchen (Ppistylis öfters vor. Da ich nun aber keineswegs vermutete, daß das, was werSloganunt Gröbe an ihnen hing, ein Haufen lebendiger Kreaturen wäre, sondern solches für einen Schimmel hielte, so ließ ich sie öfters, ohne auf selbige zu achten, dahinschwimmen. Weil es aber des Schimmels sehr viele Arten gibt, so bekam ich einmal Lust, diesen an dergleichen Käfern hängenden Schimmel ebenfalls zu untersuchen. Ich brachte also einen solchen Käfer unter mein zusammengesetztes Mikroskopium. Was den vermeintlichen Schimmel anbelanget, so bestand derselbe aus lauter lebendigen Kreaturen, wovon ich durch ihr beständiges Zucken, welches allen Afterpolypen eigen ist, mehr als zu gewiß versichert wurde.“
Bei einer dritten Familiengruppe oder Ordnung, den Heterotricha Steins, ist der Körper über und über mit reihenweise gestellten Wimpern bedeckt, und eine Reihe größerer Wimpern umgibt außerdem die Mundspalte.
Hierher gehört die Gattung Trompetentierchen (Stentor). Eine sehr häufig vor: kommende Art, Rösels Trompetentierchen der Neueren, ist von diesem Naturforscher unter dem Namen „der schalmeienähnliche Afterpolyp“ sehr gut beschrieben worden. „Es findet sich selbige Art am häufigsten an der unteren Fläche der Meerlinsen, an welchen sie mit ihrem spitzigen Hinterteile festsizen. Wenn man die Tiere betrachtet, so verändern
Rösels Urtiere. Erste Klasse: Infusorien, erste Unterklasse: Wimperinfusorien. 43.— 422 7˙H% Trompeientierchen (Stentor Röselii). 200 mal vergrößeri. sie fast alle Augenblicke ihre Gestalt; und ob sie gleich dieselbe immerzu verändern, so bleibt der Körper doch allezeit vorne am dickesten, der Teil aber, womit sie sich ansetzen, am dünnesten und spitzigsten. Offnet ein solcher Afterpolyp sein dickes Vorderteil, wo eigentlich der Kopf und Mund sind, so gleicht solches dem weiten Schallloche einer Trompete oder Schalmeie, und da hat er auch, wie dieses, eine vertiefte Höhlung, an seinem Rande aber ist es, wie unsere Augendeckel, mit einer Reihe kurzer, aber doch gleich großer Härlein besetzet, mit welchen ein solcher Afterpolyp wechselsweis vippert. Mit dieser Mündung können aber dergleichen Afterpolypen einen beständigen Wirbel im Wasser erregen, und durch solchen viele und mancherlei kleine Körper in sich ziehen, auch wieder, was ihnen dann nicht anständig ist, von sich stoßen. Bei ihren verschiedenen Bewegungen verlängern sie bald ihren Leib oder sie strecken denselben völlig aus, und da öffnen sie allezeit den vorderen Teil. Bald verkürzen sie denselben und ziehen ihn schnell zusammen, bald aber schwimmen sie, und da wird die Gestalt ihrer Körper ebenfalls auf mancherlei Weise verän—⸗ dert. Wenn sie an einer Meerlinse sitzen, und man betrachtet dieselbe mit Aufmerksamkeit, so wird man folgende Veränderungen an ihrem Körper beobachten. Sie können nämlich selbigen so zusammenziehen, daß man fast gar nichts erblicket; bald darauf aber kommt er wieder kolbenförmig zum Vorscheine. Darauf öffnete sie ihren vorderen Teil. Gleichwie sich aber zwischen diesen Bewegungen, bald da bald dorten, einer von diesen Afterpolypen schnell einziehet und wieder ausstrecket, so verschwinden sie auch, wenn sie etwa
eine Erschütterung verspüren, alle auf einmal. Wenn sie sich von dem Orte, woran sie erst gesessen, wegbegeben, wie dann bald mehrere derselben ihre übrigen Gesellen verlassen und im Wasser herumschwimmen, aber auch wieder zu ihrer Gesellschaft zurückkehren, oder anderswo ihren Sitz nehmen: so verändern sie ihre Gestalt ebenfalls auf verschiedene Weise, und da sehen sie bald kurz und dick aus, bald lang, bald dick und klein. Im Schwimmen machen sie bald eine gerade, bald aber auch eine geschwungene Linie, und zuweilen einen Kreis.“ Unsere Abbildung läßt uns zunächst jene wichtigen, die echten Infusorien kennzeichnenden Teile sehen, den Mundtrichter innerhalb der Wimperspirale des Vorderendes, rechts davon die Blase und in der Mitte des Leibes den lang gezogenen Kern. Die Stentoren lieben es, mit dem Hinterende sich festzusetzen. Sie können dasselbe wie eine Art von Saugnapf benutzen; außerdem sind aber dabei die längeren Wimpern behilflich, welche offenbar klebrig sind und den Wurzelfüßchen der Rhizopoden (siehe unten) sehr nahe zu stehen scheinen. Die zahlreichen Gestaltveränderungen, welche Rösel uns beschrieben hat, werden durch muskelartige Protoplasmastränge hervorgebracht. Selbst bei vollständiger Streckung ist die Körperoberfläche, außer am Hinterende, nicht ganz glatt, sondern es verlaufen in der Längsrichtung Furchen. Eben in diesen Furchen, unter dem den ganzen Körper überziehenden Oberhäutchen, liegen die kontraktilen Protoplasmabänder, bei deren Zusammenziehung die Oberhaut sich runzelt. In den Thalfurchen befinden sich auch die regelmäßigen Wimperreihen, welche in den Streifen wurzeln. Es ergibt sich daraus die Erklärung der hier und bei anderen Infusorien leicht zu beobachtenden Erscheinung, daß die Tiere die Richtung im Schwimmen schnell wechselnund bald mit dem Vorder-, bald mit dem Hinterende vorausgehen können. Es bedarf nämlich nur einer vom kontraktilen Streifen ausgehenden Stellung des Wurzelteiles der Wimpern in der Richtung nach hinten oder vorn, um den Körper nach vorn oder hinten zu bewegen.
Das Bild des Röselschen Stentors zeigt uns noch einen seitlichen geschwungenen Streifen solcher starken Wimpern, wie sie sich auf der Spirale des Vorderendes finden. Schon Trembley hatte seit 1744 diese Erscheinung an den Stentoren verfolgt. Er hatte bemerkt, daß einzelne Tiere diesen Wimperstreifen besitzen, andere nicht; er hatte gesehen, daß damit eine Teilung eingeleitet wird, welche schief durch das Tier geht, und wobei aus jener Anlage die Mundspirale des neuen Hintertieres wird. In neuerer Zeit hat ein französischer Forscher, Fermontel, diesen Vorgang beschrieben. Er beginnt mit der Erhebung eines gezähnelten Hautstreifens, der sich in die bewimperte Linie verwandelt. Dieselbe steigt bis ungefähr zur Mitte des Körpers mehr oder weniger schief herab, worauf eine quere schiefe Einschnürung erfolgt, während welcher der untere Teil der Wimperscheide sich indie Mundspirale des neuen Hinterindividuums verlängert, der vordere Teil aber eingeht. Die Abschnürung ist bald so tief, daß es aussieht, als ob das Vordertier wie in einem Trichter im Hintertiere stecke. Jenes hat die Wimperspirale, die kontraktile Blase, Mund und Schlund behalten, vom Kern die obere Hälfte. Abgesehen von der Kernhälfte, hat das Hintertier sich alle diese Organe neu bauen müssen.
Auch künstlich lassen sich Infusorien, wie Gruber bewiesen hat, teilen, ohne daß die Teilstücke absterben, sie regenerieren vielmehr zu neuen Individuen. Die Hälften von der Quere und der Länge nach mit einem scharfen Skalpell geteilten Trompetentierchen hatten in kurzer Zeit die ursprüngliche Gestalt erreicht, ja, war ein solches Geschöpfchen durch einen Quer- und einen Längsschnitt gevierteilt oder durch zwei Querschnitte gedreiteilt worden, so behielten alle Stücke ihre volle Regenerationsfähigkeit. Auch hier machte sich an Querteilen die bei Polypen so leicht zu beobachtende Polarität geltend: am vorderen Schnittrande eines Mittelstückes entstand der Mund, am hinteren der Haftapparat.
In dieselbe Gruppe reiht sich die Sippe Spiralmund (Spirostomum) ein. Der Name ist von der sich spiralig über den Körper ziehenden Wimperreihe gegeben, deren hinteres Ende sich in den Mundtrichter vertieft. Neben den Wimpern verläuft eine Art von Klaviatur, muskelartige Streifen, von denen je einer zu einer Wimper gehört und deren Bewegung und Stellung regelt. Die unten abgebildete Art, Spirostomum ambiguum, hat mehrere auszeichnende Eigenschaften. Sie erreicht eine Länge von einer bis anderthalb Linien, so daß sie unter ihren Klassengenossen ein wahrer Riese ist und leicht mit einem Strudelwurme zu verwechseln ist. Die kontraktile Blase verlängert sich gefäßartig und erstreckt sich vom Hinterende bis fast zum Vorderende. Die den Muskeln zu vergleichenden Streifen der Hautschicht verlaufen spiralig in großer Regelmäßigkeit, und wenn sie sich, was häufig geschieht, allesamt zusammenziehen, so verkürzt sich der Körper in einer Spiraldrehung. Diese Eigentümlichkeit findet sich zwar nicht allein bei Spirostomum, ist aber hier am schönsten zu sehen. Das Tier ist ziemlich gemein, kommt aber nie in solchen dem Auge auffallenden und für die Beobachtung anziehenden Gesellschaften vor, wie die Trompetentierchen. Auch das im Dickdarm des Menschen ohne schädliche Wirkung schmarotzende Balantidium coli gehört in diese Ordnung der Infusorien. In der vierten Ordnung, Holotricha, find alle die Sippen mit gleichförmigem Wimperkleide vereinigt. Wir verzichten aber auf weitere Beschreibung einzelner Sippen und Arten, die uns eine Menge äußerer Verschiedenheiten darbieten würden, in den Grundzügen ihres Baues aber mit den übrigen Repräsentanten übereinstimmen. Auf dieser Grundlage versuchen wir daher das angefangene Bild des Infusorienlebens noch weiter auszuführen.