Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
solche von größerem Gewichte, Scherben, Holzwerk, Stroh, Schädel und andere von hier verendeten oder umgebrachten Tieren herrührende Reste herabwarfen und nunmehr aus Reisern und Stroh, Heu, Gras ꝛc. ihre Nester erbauten. Am 17. Juni waren die aus 5—6 weißgrünlichen, etwa 28 mm langen, 22 mm dicken Eiern bestehenden Gelege vollständig, Mitte Juli aber die Jungen bereits flügge. Während der Brutzeit waren auch die Männchen außerordentlich geschäftig, sangen oder schwatzten vom frühesten Morgen an und flogen beständig ab und zu. Unter den erheiterndsten Stellungen und wechselseitigem Heben und Senken der Federhaube, fortwährend streitend und hadernd, versetzte eines dem anderen ernstlich gemeinte Hiebe mit dem Schnabel. Für die Weibchen, die das Nest nicht verließen, zeigten die Männchen warme Zuneigung, fütterten sie mit großer Sorgfalt und verteidigten sie auf das beste. Gegen Abend verließen fast alle Männchen die Niststelle und begaben sich nach den einige Kilometer von Villafranca entfernten Umgebungen von Custozza und Santa Lucia dei Monti, um dort auf den hohen Bäumen zu übernachten. Die Jungen wurden von beiden Eltern reichlich mit Nahrung, größtenteils Heuschrecken, versorgt, und es war äußerst fesselnd zu sehen, wie die außerordentliche Menge von Rosenstaren in Flügen von 10, 20 — 40 zu diesem Zwecke sich auf die näher und weiter gelegenen Felder begab, um vereint mit gewonnener Beute zu den Jungen zurückzukehren. Am 12. Juli in der Frühe wurde ein allgemeiner Ausflug aufs Land unternommen, und abends kehrten nur einige Alte zurück. Am 13. Juli nachmittags sah man die Rosenstare in großer Anzahl auf den im Garten der Festung befindlichen Obstbäumen versammelt, und am 14. Juli fand die allgemeine Abreise statt. Dem massenhaften Fange dieser Vögel wurde durch ein Gesetz gesteuert, dessenungeachtet aber ein förmlicher Handel mit Gefangenen getrieben und das Stück um 2—5, später um 12—18 Lire verkauft. Einige Bewohner Villafrancas hielten die Jagd auf Rosenstare zum Schutze des Obstes für nötig und behaupteten, daß der an diesem verursachte Schade weit größer sei als der Nutzen, den die Fremdlinge durch Vertilgung der Heuschrecken leisteten; dieser Ansicht widersprachen jedoch sowohl die Landleute von Villafranca als auch Bettas eigne Beobachtungen; denn er mußte bemerken, daß der Schade, den die Rosenstare zuweilen an Kirschen verübten, kein nennenswerter war im Verhältnis zu dem Nutzen, den sie durch Wegfangen der Heuschrecken stifteten. Von den Gefangenen starben, ungeachtet der Leichtigkeit, mit welcher sie sich an den Käfig zu gewöhnen schienen, vier Fünftel; namentlich junge Vögel gingen in großer Menge zu Grunde. Betta bemerkt, daß der Rosenstar im Käfige sich ebenso wie der Star zähmen läßt und dieselbe Lebhaftigkeit und Beweglichkeit besitzt; ich kann dem nicht zustimmen und muß nach meinen Erfahrungen den gefangenen Rosenstar als einen ziemlich langweiligen Käfigvogel erklären. Besonders betrübend ist, daß sein schönes Gefieder trotz der sorgfältigsten Pflege bald zu einem trüben Blaßrot verbleicht. Die Madenhacker (Buphaga) unterscheiden sich von allen übrigen Staren namentlich durch den Bau ihres Schnabels und ihrer Füße, nicht unwesentlich aber auch durch ihre Lebensweise. Sie sind gestreckt gebaut; ihr Schnabel ist kräftig, an der Wurzel breit und rundlich, auf dem Firste etwas niedergedrückt, gegen die Spitze zu gewölbt, der Unterschnabel hier stumpfwinkelig vorspringend, der Fuß kurzläufig, aber stämmig, langzehig und mit scharf gebogenen und spitzigen, seitlich zusammengedrückten Krallen bewehrt, der Flügel, in welchem die dritte Schwinge die Spitze bildet, lang, der Schwanz lang, breit und keilförmig zugespitzt, also dem eines Spechtes ähnlich, das Gefieder zerschlissen und strahlig, die Haut sehr dick.
Der Madenhacker (Buphaga erythrorhyncha, habessinica und africanoides, Tanagra erythrorhyncha), die bekanntere der beiden Arten dieser Gattung, ist oberseits olivenbraun, an den Kopfseiten, dem Kinne und der Kehle heller, unterseits licht rostgelblichfahl gefärbt; die Schwingen und Unterflügeldeckfedern sind dunkelbraun. Die Iris und ein
Madenhacker Buphaga erythrorhyncha). ½ natürl. Größe.
nackter Ring ums Auge sind goldgelb; der Schnabel ist lichtrot, der Fuß braun. Die Länge beträgt 21, die Breite 33, die Fittichlänge 11, die Schwanzlänge 9 em. Das Verbreitungsgebiet des Madenhackers umfaßt ganz Mittelafrika. Hier und da lebt er mit seinem Verwandten zusammen. Im Bogoslande traf ich ihn häufig an, vermag daher aus eigner Anschauung über seine Lebensweise zu berichten. ö Man sieht die Madenhacker in kleinen Gesellschaften zu 6—8 Stück und zwar ausschließlich in der Nähe größerer Säugetiere, ohne welche sie, wie es scheint, gar nicht zu
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leben vermögen. Sie folgen den Herden der weidenden Rinder oder Kamele, finden sich aber auch auf einzelnen von diesen ein und lassen sich gewöhnlich auf einem bestimmten Tiere nieder. Aus den Berichten der südafrikanischen Reisenden erfahren wir, daß sie, in gleicher Weise wie den Herdentieren, Elefanten und Nashörnern ihre Dienste widmen. Nach Levaillant besuchen sie auch Antilopen, also wahrscheinlich alle größeren Säugetiere überhaupt. Sie widmen ihre Thätigkeit namentlich solchen Herdentieren, welche wunde Stellen haben und deshalb die Fliegen herbeilocken. Daher hassen sie die Abessinier, die glauben, daß sie durch ihr Picken die aufgeriebene Stelle reizen und die Heilung verhindern; es sind aber vorzugsweise die Larven verschiedener Biesfliegen, die sich unter der Haut der Tiere eingebohrt haben, und die bluterfüllten Zecken, die sie herbeilocken. Erstere wissen sie aus ihren Schlupfwinkeln hervorzuziehen, letztere von allen Stellen des Leibes abzulesen. Gesunde Säugetiere, die sie von Jugend auf kennen, verraten nicht, daß die Schmarotzerei der Vögel ihnen lästig werde, behandeln die Madenhacker vielmehr mit wirklicher Freundschaft und lassen sie gewähren, gleichviel wie sie es treiben, ohne auch nur mit dem Schwanze nach ihnen zu schlagen: Tiere hingegen, die sie nicht kennen, gebärden sich wie unsinnig, wenn sie plötzlich den Besuch der in bester Absicht erscheinenden Vögel erhalten. So erzählt Andersson, daß in Südafrika eines Morgens die Ochsen seines Gespannes in den lächerlichsten Sätzen und in der wildesten Unordnung davonrasten, weil ein Schwarm Madenhacker sie besuchte. Schwerer verletzte, zumal arg wundgedrückte Pferde, Esel oder Kamele, deren Wunden zu heilen beginnen, suchen sich ebenfalls von den Madenhackern zu befreien und diese, freilich meist erfolglos, durch rasches Laufen, Zucken mit der Haut, Peitschen mit dem Schwanze und Wälzen auf der Erde zu vertreiben, und sie mögen in der That em-⸗ pfindlich von ihnen gequält, die Heilung ihrer Wunden vielleicht auch gehemmt werden. Ein mit Madenhackern bedecktes Pferd oder Kamel gewährt einen lustigen Anblick. Ehrenberg sagt sehr richtig, daß die Vögel an den Tieren herumkletterten wie die Spechte an den Bäumen. Der Madenhacker weiß jede Stelle an dem Körper auszunutzen. Er hängt sich unten am Bauche zwischen den Beinen an, steigt an diesen kopfunterst oder kopfoberst herab, klammert sich sogar an den Geschlechtsteilen fest, setzt sich auf den Rücken, auf die Nase, kurz, sucht so recht buchstäblich den ganzen Leib ab. Fliegen und Bremsen nimmt er geschickt vom Felle weg, Maden zieht er unter der von ihm gespaltenen Haut hervor. Aber er mag arbeiten, wie er will, die Tiere verharren ganz ruhig, weil sie wissen, daß der augenblickliche Schmerz nur zu ihrem Besten ist. Der Madenhacker seinerseits vertraut übrigens auch nur dem Tiere; vor dem Menschen nimmt er sich sehr in acht. Bei Annäherung eines solchen, und namentlich eines Fremden, klettert die ganze Gesellschaft, die an dem Tiere haftet, rasch zu dem Firste des Rückens empor, setzt sich fest und schaut nun vorsichtig dem Ankömmlinge entgegen. Alle, die ich beobachtete, ließen mich nicht näher als 40 Schritt an sich herankommen. Gewöhnlich erheben sie sich schon viel früher, steigen zuerst in die Höhe, streichen mit leichtem Fluge, die Flügel weit ausgebreitet, oft auf ziemliche Strecken weg und kehren in einem größeren Bogen wieder zurück. Wenn sie Gefahr vermuten, setzen sie sich aber dann nicht nochmals auf ein Tier, sondern immer auf hochgelegene Punkte, namentlich auf Steinblöcke. Auf Bäumen habe ich sie nie gesehen. Daß wild lebende Tiere sich nach und nach gewöhnen, auf die Warnung des Madenhackers zu achten, ist sehr erklärlich. Über das Fortpflanzungs- und Brutgeschäft habe ich nichts erfahren können, wie denn die Lebensgeschichte dieser merkwürdigen Vögel noch sehr ausführlicher Beobachtungen bedarf. *
Die prächtigsten Glieder der Familie begreift die Gattung der Glanzstare oder Glanzdrosseln (Lamprotornis) in sich, gedrungen gebaute Vögel mit mittellangem, kräftigem, auf dem Firste gewölbtem, seitlich zusammengedrücktem Schnabel, hochläufigen, ziemlich langzehigen Füßen, mäßig langen Flügeln, verschieden langem Schwanze und prachtvoll glänzendem Gefieder. Die Glanzstare bewohnen Afrika, beleben die verschiedensten Ortlichkeiten, sind höchst gesellig, lebhaft, munter, dreist und geschwätzig, nähren sich ebenso von pflanzlichen wie von tierischen Stoffen, gehen rasch, mehr schreitend als hüpfend, fliegen leicht, gewandt, wenn auch etwas schleppend, singen eifrig, aber schlecht, brüten in Höhlungen oder großen, liederlich zusammengetragenen Kuppelnestern und legen 5—6 gefleckte Eier.
Wohl die bekannteste Art ist der Erzglanzstar (Lamprotornis aeneus oder aenea und longicauda, Turdus aeneus und caudatus, Merula viridis, longicauda, Corvus aureoviridis, Juida und Urauges aeneus). Die Länge beträgt 50, die Fittichlänge 19, die Schwanzlänge 30 em. Kopf, Kinn und Oberkehle sind schwarz, goldig schimmernd, Oberteile und Schwingen dunkel metallisch grün, die Oberflügeldeckfedern durch einen kleinen, matt samtschwarzen Flecken geziert, Kehlmitte, Bürzel, Oberschwanzdecken, Unterteile und die Steuerfedern, die durch mehr oder weniger hervortretende dunklere Querbinden geschmückt werden, dunkel purpurviolett, die Federn der Brustmitte mehr ins Kupferrote spielend, alle letzterwähnten Teile und das ganze Gefieder überhaupt herrlich glänzend. Das Ange ist hellgelb; der Schnabel und die Füße sind schwarz. West⸗, Mittel-, Ost- und Südafrika sind das Vaterland dieses Prachtvogels. Levaillant erzählt, daß er in großen Flügen zusammenlebe, sich auf Bäumen aufhalte, aber auch auf die Erde herabkomme, um Würmer und Kerbtiere aufzusuchen, daß er sich auf dem Boden wie eine Elster bewege und fortwährend schreie, weiß aber im übrigen nichts über ihn zu berichten. Auch ich habe in meinen Tagebüchern wenig über ihn niedergeschrieben, weil ich glaubte, daß er hinlänglich bekannt wäre. Soviel mir erinnerlich, haben wir ihn nur in den Urwaldungen getroffen und zwar höchstens in kleinen Familien, niemals aber in großen Banden, wie Levaillant angibt. Die Paare oder die Flüge leben viel auf dem Boden und bewegen sich hier ganz nach Art unserer Elstern; die Ahnlichkeit wird namentlich dadurch eine auffallende, daß der Erzglanzstar seinen prächtigen Schwanz ganz wie die Elster nach oben gestelzt trägt. Fremdartigen Erscheinungen gegenüber zeigt sich der schöne Vogel höchst mißtrauisch, ist auch da scheu, wo er den Menschen nur von seiner guten Seite kennen gelernt hat. Doch naht er sich zuweilen den Ortschaften: ich erinnere mich, ihn manchmal unmittelbar neben den letzten Strohhütten einzelner Walddörfer gesehen zu haben. Nach mehrjährigen Beobachtungen an gefangenen Erzglanzstaren kann ich sagen, daß sie sich im wesentlichen genau ebenso betragen wie die kurzschwänzigen Arten, die ich eingehender zu besprechen gedenke. Ihre Bewegungen sind leicht und zierlich, ebenfalls einigermaßen schleppend, jedoch keineswegs unkräftig. Der lange Schweif wird in der beschriebenen Weise getragen, wenn der Vogel auf dem Boden umherhüpft, senkrecht herabfallend dagegen, wenn er, im Gezweige sitzend, tiefer Ruhe sich hingibt. Die Stimme ist rauh und kreischend, dabei aber so eigentümlich, daß man sie schwerlich mit einer anderen uns bekannten verwechseln kann; der Gesang, den man außer der Mauserzeit bis zum Uherdrusse vernimmt, ist nichts anderes als eine unendliche Wiederholung und Vertönune der gewöhnlichen Stimmlaute oder ein Kreischen, Krächzen, Knarren und Quietschen ohne „e. Unsere Elster vermag, wenn sie plaudert, einen Begriff des Liedes eines Erzglanzstar zu geben, verfügt aber über einen bei weitem größeren Tonschatz als letzterer. Im freien Walde oder überhaupt aus der Ferne vernimmt man die quietschenden Laute als tönende Pfiffe
GLANZSTARE.
und das Geknarre und Gekrächze, das sie verbindet, so gemildert und vertönt, daß man zu einem günstigeren Urteile geneigt ist. Wer nicht nach besonderer Ohrenweide trachtet, vergißt über der Lebhaftigkeit, Regsamkeit und Beweglichkeit, dem Selbstbewußtsein des Auf—⸗ tretens und der Pracht des auf fernhin schimmernden Gefieders den Mangel an Wohllaut des Gesanges vollständig. Obwohl ich während meines Aufenthaltes in Afrika niemals ein Nest des Erzglanzstares gefunden habe, glaube ich doch nicht fehlzugehen, wenn ich auch ihn zu den Höhlenbrütern zähle und annehme, daß die frei stehenden Nester, von denen Verreaux und von Heuglin berichten, nur Notbehelfe sind. Die Brutzeit fällt in Nordostafrika in den August, hier wie im übrigen Verbreitungsgebiete in die Regenzeit, die den Frühling in das Land bringt. Während die Fortpflanzung ihn beschäftigt, ist der Erzglanzstar lebhafter als je, schwatzt, krächzt, pfeift und kreischt vom frühen Morgen bis zum späten Abende, nur in den Mittagsstunden sich kurze Ruhe gönnend, und beginnt mit anderen Männchen seiner Art, nicht minder auch mit verschiedenen andersartigen Vögeln, Zank und Streit. Wahrscheinlich hilft das Männchen dem Weibchen die Eier zu zeitigen, sicherlich, die Jungen aufzufüttern. Letztere sieht man, laut von Heuglin, nach dem Ausfliegen dicht gedrängt auf einem Zweige sitzen, während die Eltern, Nahrung suchend, emsig von Ast zu Ast fliegen oder auf dem Boden umherlaufen, auch wohl mit ihresgleichen und anderen Vögeln hadern. Die Nahrung besteht in Kerbtieren, Sämereien und Früchten aller Art. Erstere werden vom Boden abgelesen und im Fluge gefangen, selbst aus einem Aase hervorgezogen, letztere gesammelt und gepflückt, wo immer möglich. Dank der Leichtigkeit, gefangene Glanzstare zu ernähren, erhalten wir auch den Erzglanzstar nicht selten lebend. Bei guter Pflege dauert er viele Jahre im Käfige aus, schreitet wohl auch zur Fortpflanzung.