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Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel

PDF document823 original pagesPublished 1891
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vertreiben, der Gärtner, der seltene Zier- oder gewinnbringende Nutzpflanzen durch sie gefährdet sieht, nicht minder, sie zu verscheuchen: der Landwirt aber thut sicherlich sehr wohl, wenn er den Star hegt und pflegt und ihm der obigen Angabe genau entsprechende Wohnungen schafft; denn keinen anderen nutzbringenden Vogel kann er so leicht ansiedeln und in beliebiger Menge vermehren wie ihn, der glücklicherweise mehr und mehr erkannt und geliebt wird. Ein nahrungsuchender Star ist eine allerliebste Erscheinung. Geschäftig läuft er auf dem Boden dahin, ruhelos wendet er sich bald nach dieser, bald nach jener Seite, sorgsam durchspäht er jede Vertiefung, jede Ritze, jeden Grasbusch. Dabei wird der Schnabel mit so viel Geschick und in so vielseitiger Weise gebraucht, daß man seine wahre Freude haben muß an dem Künstler, der ein so einfaches Werkzeug so mannigfach zu benutzen weiß. An gefangenen Staren, die einen mit Rasenstücken belegten Gesellschaftsbauer bewohnten, habe ich beobachtet, daß sie Grasbüsche allerorten auf das genaueste durchsuchen, indem sie ihren geschlossenen Schnabel zwischen die dicht stehenden Halme einführen, ihn dann so weit wie möglich spreizen und sich so Raum schaffen für die tastende Zunge, die nunmehr verwendet werden kann. In derselben Weise werden auch Ritzen durchstöbert und unter Umständen vergrößert. Was dem Auge entgeht, spürt die Zunge aus, was heute nicht gefunden wurde, deckt morgen den Tisch. Unsere größeren Falkenarten, namentlich Habichte und Sperber, ebenso Krähen, Elstern und Häher, auch Edelmarder, Wiesel, Eichhorn und Siebenschläfer, sind schlimme Feinde der Stare. Erstere gefährden die Alten oder flugbaren, letztere die noch unbehilflichen Jungen, die sie aus den Nesthöhlen hervorziehen, so mutvoll die Alten sie auch verteidigen. Doch gleicht die starke Vermehrung des Vogels alle etwa erlittenen Verluste bald wieder aus, und auch seine Klugheit mindert die Gefahren. So hält er sich z. B., wenn er im Felde Nahrung sucht, in Gesellschaft von Krähen und Dohlen auf, macht sich dabei deren Wachsamkeit jederzeit zu nutze und entflieht bei Ankunft eines Raubtieres, namentlich eines Raubvogels, während dieser von den mutigen Krähen angegriffen wird. Vor den Nachstellungen des Menschen sichert ihn glücklicherweise seine Liebenswürdigkeit und mehr noch sein wenig angenehmes, ja kaum genießbares Fleisch. In Gefangenschaft hält man ihn seltener, als er verdient. Er ist anspruchslos wie wenige andere Vögel, sehr klug, äußerst gelehrig, heiter, lustig, zu Spiel und Neckerei geneigt, lernt Lieder nachpfeifen und Worte nachsprechen, schließt sich seinem Pfleger innig an, dauert fast ein Menschenalter im Käfige aus und vereinigt so viele treffliche Eigenschaften wie kaum ein anderer Stubenvogel ähnlichen Schlages.

Der nächste Verwandte der besprochenen Stare, der Europa bewohnt, ist der Rosenstar, Hirten-⸗ oder Viehvogel, Viehstar, Viehamsel oder Ackerdrossel (Pastor roseus und peguanus, Sturnus roseus und asiaticus, Purdus roseus und seleueis, Psaroides, Acridotheres, Peécuarius, Thremmophilus und Nomadites roseus, Merula, Boscis und Gracula rosea). Sein Gefieder ist auf dem Kopfe, woselbst es einen langen, hängenden Nackenschopf bildet, und dem Halse, vorderseits bis zur Brust, hinterseits bis zum Anfange des Mantels herab schwarz, tief violett metallisch schimmernd, auf Flügeln, Schwanz, unteren und oberen Schwanzdecken nebst den Unterschenkeln schwarz, stahlgrün scheinend, im übrigen blaß rosenrot, der Schnabel rosenrot, unten mit scharf abgesetzter Wurzelhälfte, der Fuß rötlichbraun. Beim Weibchen sind alle Farben matter wie auch die rosenroten Teile bräunlichweiß verwaschen, die unteren Deckfedern breit weißlich gerandet. Die jungen Vögel sind gräulich rostfahl, unterseits heller, auf Kinn, Kehle und Bauch weißlich, ihre Schwingen und Deckfedern dunkelbraun, außen rostbräunlich gesäumt; Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IV. 25 M

der Schnabel ist gelblichbraun, an der Spitze dunkel. Die Länge beträgt 21—23, die Breite 39 —42, die Fittichlänge 12, die Schwanzlänge 7 em. Der Rosenstar gehört zu den Zigeunervögeln, weil auch er in manchen Jahren in gewissen Gegenden massenhaft auftritt, in anderen wiederum gänzlich fehlt, obgleich dem Anschein nach alle Bedingungen wesentlich dieselben geblieben sind. Als Brennpunkt seines Verbreitungsgebietes haben wir die innerasiatischen Steppen anzusehen; von ihnen aus erweitert sich der regelmäßige Wohnkreis einerseits bis Südrußland und die Donautiefländer, anderseits bis Kleinasien, Syrien, nach Osten endlich bis in die Mongolei und China. Seine Brutstätten verlassend, erscheint der Vogel, ohne jedoch von Mesopotamien aus durch

Rosenstar (Pastor roseus). / natürl. Größe.

Persien seinen Weg zu nehmen, ganz regelmäßig in Indien, wo er, laut Oates, mit Ausnahme der Zeit von Mitte Mai bis Anfang Juli ostwärts bis Bengalen gemein ist und auch bis Ceylon zieht; selbst auf den Andamanen soll er schon vorgekommen sein. Er besucht auch, jedoch nicht alljährlich, Griechenland und Italien, Afrika dagegen nur äußerst selten. Nun aber geschieht es, daß er zuweilen, und zwar gewöhnlich im Sommer um die Brutzeit, sein Verbreitungsgebiet weit überschreitet und nicht allein in der Richtung seiner Zugstraßen, sondern strahlenförmig nach verschiedenen Seiten hin weiterzieht. Bei dieser Gelegenheit erscheint er in allen Teilen Italiens und Griechenlands, überhaupt auf der ganzen Balkanhalbinsel, in den Donautiefländern und in Ungarn, auch wohl in allen übrigen Kronländern Osterreichs, ebenso in Deutschland, der Schweiz, in Frankreich, Holland, Belgien, Dänemark, Großbritannien, ja selbst auf den Faröer. Stölker hat sich die Mühe nicht verdrießen lassen, sein zeitweiliges Vorkommen in der Schweiz und Deutschland zusammenzustellen, und als Ergebnis gewonnen, daß unser Zigeunervogel binnen 100 Jahren,

vom Jahre 1774—1875, erwiesenermaßen 16mal in der Schweiz und 37mal in Deutschland vorgekommen ist. Ein besonders zahlreicher Schwarm durchflog im Jahre 1875 halb Europa, überschwemmte fast alle Kronländer Osterreichs und ebenso die meisten Länder und Provinzen Deutschlands, obgleich er hier nicht allerorten beobachtet wurde, erschien endlich in zahlreicher Menge in Italien, hauptsächlich in der Provinz Verona, siedelte sich daselbst fest an, brütete und verschwand spurlos wieder. Da, wo der Vogel regelmäßiger auftritt, wie beispielsweise in Südrußland, Kleinasien, Syrien, kommt er aus seiner Winterherberge in der ersten Hälfte des Mai an, verweilt am Brutplatze aber nur bis zum Anfange des August, verschwindet und zieht nun langsam der Winterherberge zu, in welcher er gegen Ende September oder im Oktober einzutreffen und bis zum März zu verweilen pflegt. Da ich auf meiner letzten Reise nach Sibirien und Turkistan in den Steppen der letztgenannten Provinz den Rosenstar wiederholt, an einzelnen Stellen auch in namhafter Menge gesehen habe, vermag ich aus eigner Anschauung über sein Auftreten in der Heimat zu sprechen. Wer den Vogel genau beobachtet, wird ihn liebgewinnen; denn er ist voll Leben und in jeder seiner Bewegungen wie in seinem ganzen Wesen anmutig. Sein Betragen erinnert allerdings in vieler Beziehung an das Gebaren unseres deutschen Stares, weicht jedoch in anderer Hinsicht wesentlich davon ab. Wie der Star läuft er nickend auf dem Boden einher, alles durchspähend, alles untersuchend, fliegt ebenso, wie unser Haus- und Gartenfreund, nach kurzem Laufen auf und über die vor ihm nach Nahrung suchenden Schwarmgenossen hinweg, um vor ihnen wieder einzufallen, und bringt dadurch selbst in den auf dem Boden laufenden Trupp mehr Leben. Er fliegt auch ganz ähnlich wie der Star, nur daß seine Schwärme in der Luft nicht so dicht geschlossen sind und der Flug nicht so stürmisch dahinwogt. Mehr als durch seine Bewegung unterscheidet er sich aber durch sein Wesen überhaupt. Er ist viel unruhiger als unser Star, durchschwärmt täglich ein sehr weites Gebiet, erscheint im Laufe des Tages zu wiederholten Malen auf denselben Plätzen, hält sich hier aber immer nur kurze Zeit auf, durchsucht in der geschilderten Weise eine Strecke, erhebt sich und fliegt weiter, um vielleicht erst in einer Enfernung von mehreren Kilometern dasselbe Spiel zu beginnen. Von Zeit zu Zeit, zumal in den Nachmittagsstunden, schwärmt der ganze Flug ein Viertelstündchen und länger in hoher Luft umher, nach Art der Bienenfresser Kerbtiere fangend; hierauf läßt er sich wieder auf den Boden nieder und sucht so eifrig, als ob er in der Höhe nicht das Geringste gefunden hätte. Von der eigentümlichen Pracht seines Gefieders bemerkt man im Fluge wenig: das Rosenrot, das sich vom Boden leuchtend abhebt, verbleicht im Fluge zu lichteren Tönen, die man eher schmutzig fahlweiß als rosenrot nennen möchte. Gegen Abend sammeln sich wahrscheinlich mehrere Flüge; denn man sieht sie dann in dichtem Gewimmel, zu vielen Hunderten vereinigt, auf bestimmten Plätzen umherfliegen oder auf hervorragenden Punkten in der Steppe, meist Felsengraten, so dicht gedrängt nebeneinander sitzen, daß ein Schuß von uns nicht weniger als 25 von ihnen in unsere Gewalt brachte. Kurze Zeit später fliegen sie ihren Schlafplätzen zu, in der Steppe Weidendickichten, mit denen sie in Ermangelung höherer Baumkronen sich begnügen müssen. Zu solchen Schlafplätzen strömen sie um Sonnenuntergang gleichzeitig mit Rötel- und Rotfußfalken von allen Seiten herbei; während die Falken aber vor dem Aufbäumen sich noch längere Zeit im spielenden Fluge gefallen, verschwinden die herankommenden Rosenstare ohne Zaudern zwischen dem Grün der Weiden. Kein lautes Geschrei wie von unseren Staren, kein längeres Geschwätz wird nach dem Einfallen vernommen: still und geräuschlos, wie sie angeflogen kamen, gehen sie auch zur Ruhe, und ob sie sich gleich zu Tausenden ihrer Art gesellen sollten. In dieser Schweigsamkeit finde ich einen erheblichen Unterschied zwischen ihnen und den so nah verwandten Staren, und ebenso glaube ich das Geräuschlose des Fluges besonders hervorheben 25·

zu müssen, weil es mit jener Schweigsamkeit vollständig im Einklange steht. Dem eben Gesagten entspricht, daß man den Lockton, ein sanftes „Swit“ oder „Hurbi“, nur selten vernimmt, ebenso, daß sie im Singen viel weniger eifrig sind als unsere Stare. Ihr Gesang, den ich namentlich von den von mir gepflegten Käfigvögeln oft gehört habe, ist nichts anderes als ein ziemlich rauhes Geschwätz, in welchem die erwähnten Locktöne noch die wohllaͤutendsten, alle übrigen aber knarrend und kreischend sind, so daß das Ganze kaum anders klingt als „etsch retsch ritsch ritz scherr zirr zwie schirr kirr“ ꝛc,, wobei „ritsch“ und „schirr“ am häufigsten erklingen. Nordmann, der den Rosenstar in Südrußland beobachten konnte, meint nicht mit Unrecht, daß der Gesang einer Gesellschaft dieser Vögel am besten mit dem quietschenden Geschrei einer im engen Raume eingesperrten, untereinander hadernden und sich beißenden Rattengesellschaft verglichen werden mag. Kerbtiere allerlei Art, insbesondere große Heuschrecken und Käfer, außerdem Beeren und Früchte, bilden die Nahrung der Rosenstare. Als Vertilger der mit Recht gefürchteten Wanderheuschrecke erweisen sie sich so nützlich, daß Tataren und Armenier bei ihrem Erscheinen noch heutigestags Bittgänge veranstalten, weil sie die Vögel als Vorläufer bald nachrückender Heuschreckenschwärme ansehen. Nach Ansicht der Türken tötet der Rosenstar erst 99 Heuschrecken, bevor er eine einzige verzehrt, was thatsächlich wohl nichts anderes heißen mag, als daß der Vogel mehr umbringt, als er frißt. Leider läßt er es hierbei nicht bewenden, sondern fällt, sobald seine Jungen groß geworden sind, verheerend in Obstgärten, insbesondere in Maulbeerpflanzungen und Weinberge ein und wird deshalb bei Smyrna im Mai „Heiliger“, im Juli „Teufelsvogel“ genannt. Auch in seiner Winterherberge verfährt er nicht anders als in der Heimat. Während er hier wie dort den Herden, deren Nähe er stets aufsucht, insofern dient, als er den Tieren die lästigen Schmarotzer abliest, richtet er in den Reisfeldern Indiens oft so arge Verwüstungen an, daß man genötigt ist, seinetwegen Schutzwachen aufzustellen. Bei der Wahl des Brutgebietes ist das Vorhandensein von Wasser eine der ersten Bedingungen; in der Steppe sindet man daher um die Brutzeit Rosenstare so gut wie ausschließlich in der Nähe von Flüssen, Bächen oder Seen. Gesellig wie immer, scharen sich an den Brutplätzen meist ungeheure Schwärme, Tausende und Abertausende, so daß es bald ebensowohl an passenden Nistgelegenheiten wie an Schlafplätzen mangelt. Selbstgegrabene Höhlungen, allerlei Spalten und Löcher im Felsgeklüfte oder Gemäuer, ebenso, obschon seltener, Baumhöhlen dienen zur Brutstätte. Da aber die passenden Plätze bald besetzt sind, werden auch Holzstöße, Steine oder Reisig benutzt und viele Nester irgendwo sonst, gleichviel, ob an einer geschützten oder ungeschützten, überdachten oder oben offenen Stelle, angelegt. Ein Nest steht dicht neben dem anderen; keines ist aber mit irgend welcher Sorgfalt hergerichtet; und da außerdem allerlei Raubtiere die Brutplätze oft besuchen und das wirre Genist noch mehr auseinander reißen, um zu den Eiern oder Jungen zu gelangen, sieht solcher Brutplatz wüster aus als irgend eine andere Nistansiedelung der Vögel. Von den Hunderttausenden, die im Jahre 1875 Süd- und Westeuropa überschwemmten, wurden diejenigen, welche sich um Villafranca ansiedelten, durch Betta trerfflich beobachtet. Ihm danken wir ein sehr lebhaftes Bild des Betragens am Brutplatze. Es war am 3. Juni, als etwa 12—14,000 der fremden Gäste anlangten, um sofort von den Mauern der Feste Besitz zu ergreifen und die dort brütenden Stare, Schwalben, Sperlinge und Tauben zu vertreiben. Diejenigen, welche keinen Platz mehr fanden, besetzten die Dächer der angrenzenden Häuser und verdrängten auch hier deren regelmäßige Nistgäste. Doch brüteten in einzelnen Gebäuden Stare und Rosenstare einträchtig neben-und untereinander. Jene, welche im Umkreise der Feste verblieben, begannen sofort mit der Reinigung aller in den Mauern befindlichen Löcher und Spalten, beseitigten jedes Hindernis, indem sie Steine, auch

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