Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
Kaum weniger merkwürdig als durch ihre Stimme werden diese Stärlinge durch ihren Nestbau. Sie bilden Brutansiedelungen und hängen ihre beutelförmigen, ziemlich künstlichen Nester gemeinschaftlich an demselben Baume auf, gar nicht selten in brüderlicher Eintracht mit verwandten Arten, die nach der Brutzeit ihren eignen Weg gehen und sich um die Mitbewohner der Siedelungen nicht mehr bekümmern. Die Nester gleichen großen, unten stark gefüllten Schrotbeuteln, wie sie früher üblich waren, sind aber so luftig, daß man den hellen Steiß des brütenden Vogels sehen kann. Ihr Bau erfordert viel Zeit und einen großen Aufwand von Mühe und Geschicklichkeit. Einzelne Arten gebrauchen nur zwirnfadenartige Streifen oder Fasern, die sie von den Wedeln der Palmen abschälen. „Kaum hat sich der Vogel“, sagt Schomburgk, „auf den Wedel niedergesetzt, so faßt er die äußere Schale des Wedels mit dem Schnabel, löst sie einige Centimeter weit ab und fliegt dann mit einer ganz eigentümlichen Bewegung seitwärts, dabei die Faser 3—4 m weit abschälend.“ Andere Arten benutzen lange Grashalme zum Nestbaue und wissen diese wahrscheinlich durch ihren Speichel geschmeidig zu machen. Nach dem Prinzen von Wied erziehen alle Arten nicht mehr als zwei Junge. Die freilebenden Stirnvögel haben außer dem Menschen nur in den kräftigsten Falken ihrer Heimat gefährliche Feinde; die Jungen leiden, so trefflich ihre Wiege sonst geschützt sein mag, zuweilen unter ÜUberschwemmungen. „Große Flüge“, erzählt Schomburgk, „umschwärmten mit ängstlichem Geschreie ihre beutelförmigen Nester, von denen viele bereits von der hohen Flut erreicht und sogar schon in ihr begraben waren. Hier flogen unter ängstlichem Gelärme eine Menge von Paaren und suchten ihr Nest, ihre Eier, ihre Brut, währenddem andere, noch nicht vom Wasser erreichte, ruhig fortbrüteten, die Jungen fütterten oder Stoffe zum begonnenen Neste herbeitrugen und die Klagen ihrer Genossen nicht beachteten. Das Leben in ihrer Ansiedelung war das treue Abbild des Lebens in den größeren Städten. Wie dort hatten auch die Vögel ihre Wohnungen friedfertig nebeneinander gebaut, und wie dort bekümmerte sich keiner um die Schmerzen der anderen.“
Ein würdiger Vertreter der Gattung ist der Schapu (Japu) oder der Haubenstärling (Cassicus eéristatus, Ostinops cristata, Xanthornus maximus, Oriolus und Psarocolius cristatus). Seine Länge beträgt 40—45, die Breite 61—65, die Fittichlänge 20—21, die Schwanzlänge 18 — 19 em. Das auf der Scheitelmitte schmale, schopfartig verlängerte Gefieder ist bis auf die fünf äußeren zitrongelben Schwanzfederpaare und die lebhaft kastanienbraunen Bürzel-, Ober- und Unterschwanzdeckfedern glänzend schwarz, auf Mantel und Schultern am Federende bräunlich gerandet und unterseits düsterer als auf der Oberseite. Das Weibchen ist bedeutend kleiner. Der Schapu, dessen Lebensweise der Prinz von Wied unübertrefflich geschildert, verbreitet sich, mit Ausnahme der westlichen Gebiete von Südbrasilien, über ganz Südostamerika, nach Norden hin bis Guatemala, bewohnt nur die Wälder und nähert sich den Pflanzungen oder menschlichen Wohnungen bloß dann, wenn sie dicht am Walde liegen. In den waldlosen Gegenden sieht man ihn nicht; in den Waldungen ist er zahlreich. Er lebt, etwa nach Art unseres Hähers, gesellschaftlich, ist lebhaft, stets in Bewegung, fliegt von einem Fruchtbaume zum anderen, hängt sich mit seinen starken Krallen an die Zweige, ergreift zuweilen eine Frucht, fliegt damit ab, um sie anderwärts zu verzehren und lockt und ruft dabei fortwährend. Die Nahrung besteht aus kleineren Tieren und Beeren; während der Fruchtreife aber bilden Orangen, Bananen, Papayafrüchte seine Lieblingsspeise. In den Pflanzungen kann er sehr schädlich werden. Man begegnet ihm auch zur Brutzeit stets in Gesellschaft anderer seiner Art und sieht oft 30, 40 und mehr Paare auf einem kleinen Raume vereinigt; seine merkwürdigen
Beutelnester hängen alsdann beinahe an allen Zweigen eines oder mehrerer der hohen oder ausgebreiteten Urwaldbäume. „Ich fand einst“, sagt der Prinz von Wied, „in einem romantischen, dunkel schattigen, allseitig von Waldbergen geschützten Thale einé höchst zahlreiche Ansiedelung dieser Vögel. Sie belebten den Wald so, daß man seine Aufmerksamkeit nicht genug auf eine und dieselbe Stelle heften konnte. Der ganze Wald hallte wider von ihrer in dieser Zeit besonders lebendigen Stimme. Gewöhnlich hört man von ihnen einen
Schapu (Cassicus eristatus). ½ natürl. Größe.
kurzen, rauhen, etwas krächzenden Lockton; sie lassen aber auch abwechselnde Töne hören: einen lauten, sonderbaren Kehlpfiff, der gleichsam flötend und nicht unangenehm klingt, gewöhnlich nicht oft wiederholt wird, jedoch zuweilen in der Ausdehnung einer halben Oktave ertönt. Andere verschiedenartige Laute, die mit obigen vereint werden, bringen oft ein nicht unangenehmes, obwohl sonderbares Tonstück hervor, zumal dann, wenn viele dieser Vögel zugleich sich vernehmen lassen. „Der Schapu befestigt sein merkwürdiges Nest zuweilen auf sehr hohen, zuweilen auf mäßig hohen Bäumen. Es ist beutelförmig, 13—17 em weit, schmal, lang, unten 7
abgerundet, oft 1—1,5 melang, oben an einem ziemlich schlanken, etwa fingerdicken Zweige festgeschlungen und stark befestigt; hier befindet sich auch eine längliche, gänzlich unbeschützte Offnung zum Eingange. Die Gestalt und die biegsame, lockerem Filze ähnliche Masse dieses Nestes gibt es vollkommen der Gewalt des Windes preis; es ist dessen Spiel, selbst bei einer leisen Luftbewegung. Der Vogel flicht und filzt dieses Beutelnest auf die künstlichste Art aus Tillandsiafäden und anderen Fasern so fest ineinander, daß man es nur mit Mühe zerreißen kann. Unten im Grunde dieses tiefen Beutels findet man zur Unterlage der jungen Vögel Moos, dürres Laub und Bast; hier liegen Woder 2 Eier. Sie sind von länglicher Gestalt, auf weißlichem Grunde blaß violettrötlich verwaschen marmoriert und haben einzelne unregelmäßige dunkel schwarzviolette Striche und Punkte. Gewöhnlich fand ich nur ein Junges in diesen Nestern; doch muß man die Anzahl eigentlich auf zwei annehmen; unrichtig würde es aber sein, wenn man sie mit Azara auf drei festsetzen wollte. Die jungen Vögel haben eine laute, rauhe Stimme und gleichen schon im ersten Gefieder den alten, da die gelben Schwanzfedern sogleich hervorkommen. Oft findet man ein Nest an das andere angebaut, d. h. das eine teilt sich etwa in seiner Mitte und hat einen beutelförmigen Seitenauswuchs, der ebenfalls eine Wohnung ist. Auf einem Baume zeigen sich 30, 40 und mehr Nester. Besonders gern scheint sie der Vogel an dürren, trockenen Zweigen zu befestigen. Im November fand ich Nester, die noch leer waren, in anderen Eier und junge Vögel. Ein solcher mit Nestern beladener Baum, auf welchem diese großen, schönen Vögel sich geschäftig ab und zu bewegen, bietet dem Vogelkundigen und Jäger ein höchst anziehendes Schauspiel dar. Das weit größere, schönere Männchen breitet seinen prächtigen Schwanz aus, bläht wie der Schwan seine Flügel auf, bringt den Kopf unterwärts, wobei es den Kropf aufbläst, und läßt alsdann seinen sonderbaren flötenartigen Kehllaut hören. Fliegt der Vogel mit seinem leichten, schnellen Fluge ab, so verursacht er mit seinen Flügeln ein von unten hörbares Geräusch. Man kann die Tiere, ohne sie zu verscheuchen, stundenlang beobachten. „Wenn die Brutzeit verstrichen ist, ziehen die Krähenstärlinge gesellschaftlich nach den Fruchtbäumen umher, und wir haben ihrer dann viele auf den Genipabäumen und anderen erlegt. Dieses habe ich besonders häufig an den Flüssen Belmonte und Ilheos gesehen, wo sie äußerst zahlreich und gemein sind. Ihr Fleisch ist ziemlich eßbar, obwohl grob und oft hart; wir haben an ihm nie einen besonderen Geruch wahrgenommen, wie einige Schriftsteller sagen. Die Botokuden schießen den Schapu mit Pfeilen, teils um ihn zu essen, teils wegen seiner gelben Federn. Sie lieben diese ganz ungemein, bilden daraus mit Wachs einen Fächer und befestigen ihn vor der Stirn.“ Gefangene Krähenstärlinge dauern viele Jahre aus, sind im Käfige munter und regsam, würden hier wohl auch zum Nisten schreiten, wenn man sie gesellschaftsweise halten wollte. Diejenigen Forscher, welche von einem besonderen Geruche sprechen, haben wahrheitsgetreu berichtet; denn unsere Stärlinge duften zuweilen so stark, daß man sie kaum im Zimmer lassen kann. Etwas über 20 Arten umfaßt die Gattung der Schwarzvögel (Chalcophanes). Ihr kegelförmiger Schnabel ist lang, gerade, auf dem Firste sanft gebogen, an der Spitze deutlich herabgekrümmt, am Mundwinkel weniger als bei den Verwandten herabgezogen, die Stirnschneppe kurz, der Fuß verhältnismäßig zierlich, hochläufig, lang- und dünnzehig, mit spitzigen, wenig gebogenen Nägeln bewehrt, die Flügel mittellang, in ihnen die dritte Schwinge die längste, der Schwanz stark zugerundet, das Gefieder einfarbig schwarz mit metallischem Glanze.
Der Bootschwanz oder Purpurschwarzvogel, auch Purpurgrakel genannt (Chalcophanes quiscalus, Gracnla quiscala, Oriolus ludovicianus und hudsonius, Sturnus quiscalus, Quiscala nitens und purpureéa, Quiscalus purpureus und versicolor), mag uns über die Lebensweise genauer unterrichten. Seine Länge beträgt 31, die Breite 40, die Fittichlänge 14, die Schwanzlänge 12 em. Kopf, Hals und Unterseite sind schwarz, glänzend und tief purpurveilchenfarben oder kupferbraun schimmernd, die Unterteile durch stahlgrüne Flecken, alle Federn des Mantels und der Schultern durch einen von dem matt schwarzgrünen Grunde sich abhebenden, regenbogenartig schimmernden Querstrich geziert,
Bootschwanz (Chaleophanes quiscalus). ½ natürl. Größe.
Bürzel und obere Schwanzdeckfedern bronzefarben, die längsten purpurviolett, die Außenfahnen der Schwingen und Schwanzfedern stahlviolettblau schillernd. Der Augenring ist schwefelgelb, der Schnabel wie der Fuß schwarz. Der Bootschwanz verbreitet sich über die östlichen Teile der Vereinigten Staaten, nördlich bis Neuschottland, westlich bis zu den Alleghanies, und bewohnt ausschließlich sumpfige Gegenden. Er lebt zu allen Zeiten des Jahres gesellig, schlägt sich oft in sehr große Scharen zusammen und schwärmt in den salzigen Marschen und an den schlammigen Küsten seiner Heimat umher. Seine Hauptnahrung besteht aus kleinen Krabben und Würmern. Kerbtiere verschmäht er selbstverständlich ebensowenig wie andere seiner Verwandten, und zur Zeit der Frucht- oder Getreidereife erscheint auch er in den Pflanzungen. In den Reisfeldern soll er empfindlichen Schaden anrichten.
38⁰0 Erste Ordnung: Baumvögel; vierzehnte Familie: Stare. Anfang Fedruar haben die Männchen ihr Hochzeitskleid angelegt und sich gepaart. Jetzt sieht man sie einzeln auf hohen Bäumen sitzen und hier ihre ganze Pracht entfalten. Sie brüsten sich gewissermaßen in ihrer Schönheit und glitzern auf weithin im Strahle der Sonne. Gegen andere ihrer Art zeigen sie sich eifersüchtig, jedoch nur so lange, als ihre Ehe noch nicht geschlossen ist. Sobald sich die Paare geeinigt haben, endet der Streit, und die vollste Eintracht tritt an dessen Stelle. Sie wählen jetzt längs der Küsten oder Stromufer, auch wohl in den Sümpfen, einen geeigneten Platz zur Anlage ihres Nestes, das im wesentlichen dem anderer Stärlinge ähnelt. Das Weibchen legt 4—5 Eier, die 31 mm lang, 23 mm dick und auf gräulichweißem Grunde unregelmäßig mit braunen und schwarzen Punkten bedeckt sind. Die Jungen werden von beiden Eltern groß gezogen und mit allerlei Futter ernährt. So scheuen sich die Alten keineswegs, andere Vogelnester auszuplündern und deren Eier oder Jungen zu verzehren und auch zu verfüttern. Sie ihrerseits sollen aber auch ihre Feinde haben. „Wenn der Bootschwanz“, erzählt Audubon, „in dem hohen Rohre der offenen Baien und Seen Louisianas und Floridas brütet, zieht das Geschrei der Jungen oft die Aufmerksamkeit des Alligators auf sich, der dann, in Anbetracht des vortrefflichen Bissens, leise im Rohre dahin schwimmt und plötzlich dem betref—⸗ fenden Stengel einen Schlag mit dem Schwanze gibt, in der Absicht, die unvorsichtigen Jungen aus dem Neste zu schleudern. Die, welche ins Wasser fallen, werden augenblicklich verschlungen. Doch gelingen dem Kaiman selten mehr als einer oder zwei seiner Angriffe, weil die Alten bald sehr vorsichtig werden und die Jungen rechtzeitig warnen.“ Ich will ausdrücklich bemerken, daß ich die Richtigkeit dieser Erzählung bezweifele. Der Bootschwanz ist ein sehr gewandter Vogel. Im Rohre klettert er mit Leichtigkeit auf und nieder, und auf dem Boden bewegt er sich mit der Zierlichkeit des Stares und der Fertigkeit der Krähe. Der Flug beschreibt lange Wellenlinien. Die Stimme ist nicht rühmenswert; der Lockton ein schrillendes „Krikkrikri“, der Gesang der Liebe ein einfaches „Tiriri“ ꝛc., das von den höchsten Zweigen herab mit großer Ausdauer und viel Selbstgefühl vorgetragen wird. Im Herbste und Winter vereinigen sich die Bootschwänze oft mit verwandten Vögeln und zuweilen auch mit unverwandten wie mit kleinen Reihern und dergleichen. Sie verfolgen Raubvögel mit demselben Eifer und Ingrimme wie unsere Krähen. Die Stare (Sturnidae) sind mittelgroße, gedrungen gebaute, kurzschwänzige, aber ziemlich langflügelige Vögel mit kopflangem, geradem, schlankem, nach der Spitze zu gleichmäßig verschmächtigtem Schnabel und mittelhohen, ziemlich starken, mit breiten Schildern bekleideten Füßen, ziemlich reichhaltigem, aber hartem, in der Färbung sehr verschiedenem Gefieder. Dasselbe, was die Stärlinge für Amerika, sind die Stare für die Alte Welt: eine in hohem Grade bezeichnende, etwa 150 Arten umfassende Vogelgruppe, die in jedem Deile der östlichen Halbkugel auftritt. Wie jene ungemein gesellige Vögel, vereinigen sie sich nicht allein außer, sondern auch während der Brutzeit zu größeren oder kleineren Gesellschaften, die alle Geschäfte gemeinschaftlich verrichten. Sie gehen schrittweise, etwas wackelnd, aber doch rasch und gut, fliegen leicht, mit behenden Flügelschlägen, rasch und rauschend und bewegen sich auch im Gezweige oder im Röhricht mit viel Geschick. Alle Arten sind lebhafte, unruhige, ununterbrochen beschäftigte Vögel, die nur kurze Zeit ruhen und auch dann noch irgend welche Thätigkeit vornehmen. Ihre Nahrung besteht aus Kerbtieren, Würmern und Schnecken, nebenbei auch in Früchten und anderen Pflanzenteilen; doch werden sie niemals schädlich. Das Nest, ein großer unregelmäßiger Bau, wird in Höhlungen