Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
von Bäumen, Felsen, Gemäuern ꝛc. angelegt. Die Anzahl der Eier eines Geleges schwankt zwischen 4 und 7. Alle Arten halten die Gefangenschaft leicht und dauernd aus; einzelne werden in ihr zu den ergötzlichsten Vögeln, die man überhaupt gefangen halten kann.
Unser allbekannter Star oder Strahl, die Sprehe oder Spreu (Sturnus vulgaris, varius, domesticus, sylvestris, nitens, septentrionalis und tenuirostris, Abbildung S. 382), ist je nach Alter und Jahreszeit verschieden gefärbt und gezeichnet. Das Kleid des alten Männchens ist im Frühlinge schwarz mit grünem und purpurfarbigem Schiller, welche Färbung auf den Schwingen und dem Schwanze der breiten grauen Ränder wegen lichter erscheint; einzelne Federn des Rückens zeigen graugelbliche Spitzenflecken. Das Auge ist braun, der Schnabel schwarz, der Fuß rotbraun. Gänzlich verschieden ist die Tracht nach beendeter Mauser. Dann endigen alle Federn des Nackens, Oberrückens und der Brust mit weißlichen Spitzen, und das ganze Gefieder erscheint deshalb gepunktet. Der Schnabel erhält zugleich eine dunklere Färbung. Das Weibchen ähnelt dem Männchen, ist aber auch im Frühlingskleide stärker gefleckt als dieses. Die Jungen sind dunkel braungrau, in der Gesichtsgegend am lichtesten; ihr Schnabel ist grauschwarz, ihr Fuß bräunlichgrau. Die Länge beträgt 22, die Breite 37, die Fittichlänge 10, die Schwanzlänge 7 em. Das Weibchen ist kleiner. Im Süden Europas vertritt den Star ein ihm sehr nahe stehender Verwandter, der
Schwarzstar oder Einfarbstar (Sturnus unicolor, S. indicus, splendens und nitens). Dieser unterscheidet sich durch eigentümliche Bildung der Kopf-, Brust- und Nackenfedern, die sehr lang und schmal sind, sowie durch die Zeichnung; denn das matt schieferfarbene, schwach metallisch glänzende Gefieder ist fast gänzlich ungefleckt. Der junge Vogel ähnelt seinen Verwandten im Jugendkleide, ist aber immer dunkelbräunlich. Nach Angabe der südeuropäischen Forscher ist der einfarbige Star etwas größer als der unserige. Ich habe bloß ein Weibchen gemessen, das diese Angabe nicht bestätigte. Bei ihm betrug die Länge 22, die Breite 38, die Fittichlänge 12,6, die Schwanzlänge 6,5 em. Die Farbe des Auges, des Schnabels und der Füße ist genau so wie bei unserem Stare. Der einfarbige Star findet sich in Spanien, im südlichen Italien, in der Ukraine, in Kaukasien und einem großen Teile Asiens, so im Himalaja von Kaschmir bis Nepal und auch im nordwestlichen Pandschab; gelegentlich streift er im Winter auch ins Tiefland hinab und geht bis Sind. Sein Leben stimmt, soviel wir jetzt wissen, im wesentlichen mit dem unseres deutschen Vogels überein. Im Himalaja brütet er, laut Oates, im April und Mai und wählt zur Brutstätte Löcher in Weiden und anderen Bäumen. Von Island und den Faröer an wird der Star im größten Teile Europas wenigstens zeitweilig gefunden; ebenso in geeigneten Gegenden Mittelasiens, denn Radde und Alfred Walter bemerkten ihn als Brutvogel am Tedschen und Murghab, und zwar fanden sie Ende März angebrütete Eier. Auch Oates gibt an, daß unser Star den Sommer in Turkistan verlebe, wo er im Mai und Juni brüte, während er in Afghanistan wahrscheinlich, in Kaschmir und im Pandschab aber sicher nur als ein gelegentlicher Wintergast zu beobachten sei. In Europa ist er keineswegs überall Standvogel. So erscheint er in allen südlichen Provinzen Spaniens und ebenso in Süditalien und Griechenland nur während der Wintermonate, ist jedoch in den Pyrenäen und in den südlichen Alpen noch Brutvogel. Er bevorzugt ebene Gegenden und in diesen Auenwaldungen, läßt sich aber auch in Gauen, die er sonst nur auf dem Zuge berührt, fesseln, sobald man ihm zweckentsprechende Brutkasten *
herrichtet. Lenz hat ihn im Thüringer Walde heimisch gemacht und binnen wenigen Jahren ein Starenheer von mehreren Hunderttausenden in das Feld gestellt. Unter unseren Zugvögeln erscheint der Star am frühesten und bleibt bis tief in den Spätherbst hinein. Seine Reisen dehnt er höchstens bis Nordafrika aus; in Algerien und Agypten ist er in jedem Winter als regelmäßiger Gast zu finden. Die Hauptmasse bleibt bereits in Südeuropa und treibt sich hier während des Winters mit allerhand anderen Vögeln, insbesondere Raben und
Star (Sturnus vulgaris) und Einfarbstar (Sturnus unicolor). ½ natürl. Größe.
Drosseln, im Lande umher. Wenn er meint, daß die Heimat ihm wieder Nahrung geben könne, macht er sich auf die Reise, und so sieht man ihn bei uns regelmäßig schon vor der Schneeschmelze. An manchen Orten soll er in neuester Zeit aber auch anfangen, gänzlich zu überwintern, namentlich wo ihm die Menschen während harter Zeiten das Bleiben ermöglichen. Es gibt vielleicht keinen Vogel, der munterer, heiterer, fröhlicher wäre als der Star. Wenn er bei uns ankommt, ist das Wetter noch recht trübe: Schneeflocken wirbeln vom Himmel herunter, die Nahrung ist knapp, und die Heimat nimmt ihn höchst unfreundlich auf. Demungeachtet singt er schon vom ersten Tage an heiter und vergnügt sein Lied in
die Welt hinein und setzt sich dazu, wie gewohnt, auf die höchsten Punkte, wo das Wetter ihm von allen Seiten beikommen kann. Er betrachtet die Verhältnisse mit der Ruhe und der Heiterkeit eines Weltweisen und läßt sich nun und nimmermehr um seine ewig gute Laune bringen. Wer ihn kennt, muß ihn liebgewinnen, und wer ihn noch nicht kennt, sollte alles thun, ihn an sich zu fesseln. Er wird dem Menschen zu einem lieben Freunde, der jede ihm gewidmete Sorgfalt tausendfach vergilt. Sofort nach der Ankunft im Frühjahre erscheinen die Männchen auf den höchsten Punkten des Dorses oder der Stadt, auf dem Kirchturme oder auf alten Bäumen, und singen hier unter lebhaften Bewegungen der Flügel und des Schwanzes. Der Gesang ist nicht viel wert, mehr ein Geschwätz als ein Lied, enthält auch einzelne unangenehme, schnarrende Töne, wird aber mit so viel Lust und Fröhlichkeit vorgetragen, daß man ihn doch recht gern hört. Bedeutendes Nachahmungsvermögen trägt wesentlich dazu bei, die Ergötzlichkeit des Gesanges zu vermehren. Alle Laute, die in einer Gegend hörbar werden: der verschlungene Pfiff des Piroles wie das Kreischen des Hähers, der laute Schrei des Bussards wie das Gackern der Hühner, das Klappern einer Mühle oder das Knarren einer Thür oder Windfahne, der Schlag der Wachtel, das Lullen der Heidelerche, ganze Strophen aus dem Gesange der Schilfsänger, Drosseln, des Blaukehlchens, das Zwitschern der Schwalben und dergleichen: sie alle werden mit geübtem Ohre aufgefaßt, eifrigst gelernt und dann in der lustigsten Weise wiedergeben. Wie getreu sogar die von Menschen hervorgebrachten Pfiffe nachgeahmt werden, erfahren wir durch G. Dieck: „Der eine meiner Stare gab Veranlassung zu einem sehr spaßhaften Zwischenfalle. Da ich halsleidend bin, so bin ich gewöhnt, meine Gartenleute durch einen Pfiff herbeizurufen. Es war nun bereits mehrfach vorgekommen, daß Leute eilig herbeigelaufen kamen, ohne daß ich ihnen gepfiffen hatte oder überhaupt nur zugegen war, so daß beide Teile gar nicht wußten, woran sich halten. Schließlich stellte sich heraus, daß einer der in der Nähe des Wohnhauses nistenden Stare mir den Pfiff abgelauscht hatte und ihn nun des Oftern ebenso genau wie kräftig wiedergab.“ Am frühen Morgen beginnt der Star zu singen, schweigt zeitweilig während des Tages und hält abends noch einen länger währenden Gesangsvortrag. Anfang März regt sich die Liebe. Das Männchen wendet jetzt alle Liebenswürdigkeit auf, um das Weibchen zu unterhalten, fliegt ihm überall hin nach, jagt sich unter großem Geschreie mit ihm herum und betritt es endlich auf der Erde. Die Bruthöhlung ist mittlerweile, nicht immer ohne Kampf, eingenommen worden und erhält jetzt eine passende Ausfütterung. In Laubwaldungen benutzt der Star Baumhöhlungen aller Art; in Ermange—⸗ lung dieser natürlichen Brutstellen siedelt er sich in Gebäuden an; am häufigsten aber bezieht er die von den Menschen ihm angefertigten Brutkästchen: ausgehöhlte Stücke Baumschaft von 50—-60 em Höhe und 20 em Durchmesser, die oben und unten mit einem Brettchen verschlossen und unfern der Decke mit einer Offnung von 5 em Durchmesser versehen wurden, oder aus Brettern zusammengenagelte Kasten ähnlicher Gestalt, die auf Bäumen aufgehängt, auf Stangen oder an Hausgiebeln befestigt werden. Die Unterlage des liederlichen Nestes besteht aus Stroh und Grashalmen, die innere Auskleidung aus Federn von Gänsen, Hühnern und anderen großen Vögeln; im Notfalle behilft sich der Star aber auch mit Stroh oder Heu und im Walde mit verschiedenen Flechten allein. Gegen Ende April findet man hier das erste Gelege, 5—6 längliche, 28 mm lange, 20 mm dicke, etwas rauhschalige, aber schön glänzende Eier von lichtblauer Farbe, die vom Weibchen allein ausgebrütet werden. Sobald die Jungen dem Eie entschlüpft sind, haben beide Eltern so viel mit Futterzutragen zu thun, daß dem Vater wenig Zeit zum Singen übrigbleibt; ein Stündchen aber weiß er sich dennoch abzustehlen. Deshalb sieht man auch während dieser Zeit gegen Abend die ehrbaren Familienväter zusammenkommen und singend sich unterhalten.
Unter Geleit der Eltern genügen den Jungen 3—4 Tage, um sich selbständig zu machen. Sie vereinigen sich dann mit anderen Nestlingen und bilden nunmehr schon ziemlich starke Flüge, die ziellos im Lande umherschweifen. Die Eltern schreiten währenddem zur zweiten Brut und suchen, wenn auch diese endlich glücklich ausgekommen, die ersten Jungen in Gesellschaft der zweiten auf. Von nun an schlafen sie nicht mehr an den Brutstellen, sondern entweder in Wäldern oder später im Röhricht der Gewässer. „Meilenweit“, schildert Lenz sehr richtig, „ziehen sie nach solchen Stellen hin und sammeln sich abends, von allen Seiten her truppweise anrückend. Ist Ende August das Schilfrohr und der Rohrkolben in Flüssen, Teichen, Seen hoch und stark genug, so ziehen sie sich nach solchen Stellen hin, verteilen sich bei Tage meilenweit und sammeln sich abends zu Tausenden, ja zu Hunderttausenden an, schwärmen stundenlang, bald vereint, bald geteilt, gleich Wolken umher, lassen sich abwechselnd auf den Wiesen oder auf dem Rohre nieder, und begeben sich endlich bei eintretender Nacht schnurrend, zwitschernd, pfeifend, singend, kreischend, zankend zur Ruhe, nachdem ein jeder sein Plätzchen auf einem Halme erwählt und erkämpft und durch seine gewichtige Person den Halm niedergebogen hat. Bricht der Halm unter der Last, so wird mit großem Lärme emporgeflogen und dann wieder mit Lärm ein neuer gewählt. Tritt eine allgemeine Störung durch einen Schuß und dergleichen ein, so erhebt sich die ganze Armee tosend mit Saus und Braus gen Himmel und schwirrt dort wieder eine Zeitlang umher. Kommt das Ende des September heran, so treiben die Scharen ihr geselliges, lustiges Leben weiter so fort; aber die alten Paare gehen jetzt an ihre Nester zurück, singen da morgens und abends, als wäre gar kein Winter vor der Thüre, verschwinden aber aus Deutschland und ziehen samt der lieben Jugend nach Süden, sobald die ersten starken Fröste eintreten oder der erste Schnee die Fluren deckt. Ist die Witterung günstig, so bleiben sie bis zur letzten Woche des Oktober, oder zur ersten des November; dann geht aber die Reise unaufhaltsam fort.“ In der Winterherberge leben sie wie daheim. Ich habe sie im Januar von den Türmen der Domkirche zu Toledo und in Agypten von dem Rücken der Büffel herab ihr Lied vortragen hören. Der Star richtet zwar in Weinbergen erheblichen, in Kirschpflanzungen und Gemüsegärten dann und wann nicht unmerklichen Schaden an, verursacht auch, wo er massenhaft in Rohrbeständen nächtigt, durch Niederbrechen der Halme beträchtliche Verluste, nützt aber im übrigen so außerordentlich, daß man ihn als den besten Freund des Landwirtes bezeichnen darf. „Bei keinem Vogel“, sagt Lenz, „läßt sich so bequem beobachten, wieviel Nutzen er thut, als bei dem Stare. Ist die erste Brut ausgekrochen, so bringen die Alten in der Regel vormittags alle 3 Minuten Futter zum Neste, nachmittags alle 5 Minuten: macht jeden Vormittag in 7 Stunden 140 fette Schnecken (oder statt deren das Gleichwertige an Heuschrecken, Raupen und dergleichen), nachmittags 84. Auf die zwei Alten rechne ich die Stunde wenigstens zusammen 10 Schnecken, macht in 14 Stunden 140; in Summa werden also von der Familie täglich 364 fette Schnecken verzehrt. Ist dann die Brut ausgeflogen, so verbraucht sie noch mehr; es kommt nun auch die zweite Brut hinzu, und ist auch diese ausgeflogen, so besteht jede Familie aus 12 Stück, und frißt dann jedes Mitglied in der Stunde 5 Schnecken: so vertilgt die Starenfamilie täglich 840 Schnecken. Ich habe in meinen Giebeln, unter den Simsen, an den nahe bei meinen Gebäuden stehenden Bäumen zusammen 42 Nistkasten für Stare. Sind diese alle voll, und ich rechne auf jeden jährlich eine Familie von 12 Stück, so stelle ich allein von meiner Wohnung aus jährlich eine Menge von 504 Staren ins Feld, die täglich ein Heer von 35,280 großen, dicken, fetten Schnecken niedermetzelt und verschluckt.“ Ich will diese Berechnung weder bestätigen noch bestreiten, aber ausdrücklich erklären, daß ich mit Lenz vollkommen einverstanden bin. Der Weinbergbesitzer ist gewiß berechtigt, die zwischen seine Rebstöcke einfallenden Stare rücksichts- und erbarmungslos zu