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Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel

PDF document823 original pagesPublished 1891
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dann rasseln in demselben Augenblicke alle die trockenen Blätter, zappeln die Puppen, ertönen die Klappern, und erschrocken entfliehen die ungebetenen Gäste. Auch nach der Ernte finden die Vögel auf den alsdann bis zum Eintritt der Regenzeit, d. h. bis gegen den November hin, brach liegenden Reisfeldern reichlich ihren Tisch gedeckt, da nicht nur zahlreiche Ahren liegen bleiben, sondern auch zwischen den Stoppeln in unglaublich kurzer Zeit mannigfaltige Unkräuter emporschießen, deren bald reifender Same ihnen eine willkommene Nahrung darbietet. In dieser Zeit sind sie ziemlich fett und wohlbeleibt und liefern, besonders die Jungen, ein beliebtes Gericht, weshalb ihnen eifrig nachgestellt wird.

Neisvogel (Spermestes oryzivora). ½ natürl. Groöße. „In der Gefangenschaft wird der Reisvogel nur von Händlern gehalten, die ihn auf die anlaufenden Schiffe bringen und hier zum Verkaufe ausbieten. Höchstens vergnügen sich Kinder damit, ihn zu quälen, indem sie ihn, an einen Faden gebunden, in den Straßen umherflattern lassen.“ Das Nest fand Bernstein bald im Gipfel verschiedener Bäume, bald zwischen den zahlreichen Schmarotzern, welche die Stämme der Arengapalme bedecken. Es ändert je nach seinem Standorte in Größe und Gestalt. Die auf den Bäumen angelegten Nester sind meistens größer und haben eine im allgemeinen ziemlich regelmäßige halbkugelige Gestalt; die zwischen den Schmarotzern zu Seiten der Arengapalme (Gomutipalme) angebrachten dagegen sind kleiner und weniger bestimmt geformt. Die einen wie die anderen aber sind fast ausschließlich aus den Halmen verschiedener Gräser verfertigt, die jedoch untereinander nicht eben sehr fest verflochten sind, so daß der ganze Bau keine besonders große Festigkeit hat. Das Gelege bilden 6—8 glänzend weiße Eier.

Robert Kretschmer n. d. N. K. JAHRMARGT sc. X. I. Leipzig. Baltimorevogel.

Auf Sansibar ist der Reisvogel eingebürgert. In Japan, wo er seit alten Zeiten gezüchtet wird, ist eine rein weiße Kulturrasse erzielt worden, die neuerdings regelmäßig auf unseren Tiermarkt kommt. Die weißen japanischen Reisvögel sind keine Weißlinge, sondern erst aus langer mühevoller Züchtung hervorgegangen. Sie haben dunkle Augen und bekommen leicht einzelne dunkle Federn. Förmlich gescheckte Stücke sind nicht selten. Nach meinen Beobachtungen gehört der Reisvogel im Käfige nicht gerade zu den liebenswürdigsten seines Geschlechtes. Er wird selten und nur unvollständig zahm, pflanzt sich auch bei uns nicht leicht fort. Sein Gesang ist erbärmlich, eigentlich kaum Gesang zu nennen. Somit empfiehlt ihn nur sein hübsches Gefieder. Die Stärlinge (Icteridae) sind Vögel von Krähen- bis Finkengröße, gestreckt, aber kräftig gebaut, mit schlank kegelförmigem Schnabel, kräftigen Läufen, mittellangen Flügeln und Schwanze und ziemlich weichem, glänzendem Gefieder, in welchem Schwarz, Gelb und Rot vorherrschen. Der gestreckte Schnabel ist rundlich, an der Wurzel dick, an der Spitze zahnlos oder ungekerbt; sein Oberfirst tritt schneppenartig in das Stirngefieder vor; die Wurzel wird nicht von haarartigen Federn eingehüllt. Die Läufe sind länger als die Mittelzehe, vorn geschildert; die Zehen werden durch kräftige, gebogene und spitzige Nägel bewehrt. Im Flügel ist die vierte Schwinge über die anderen verlängert. Der Schwanz, der während der Ruhe des Vogels bis gegen die Hälfte hin von den Schwingen bedeckt wird, ist abgerundet oder selbst abgestuft. Das Gefieder verlängert sich bei einigen auf dem Scheitel hollenartig und läßt bei anderen die Wangen frei. Die Stärlinge, von denen man etwa 150 Arten kennt, leben ausschließlich in Amerika, zu mehr als vier Fünftel im Süden und der Mitte des Erdteiles, jedoch auch im Norden bis zum Polarkreise. Alle Arten sind gesellig, munter, beweglich und sangfertig. Sie bewohnen und beleben die Waldungen, nähren sich von kleinen Wirbel-, Kerb- und Muscheltieren, Früchten und Sämereien und machen sich oft verhaßt, oft wieder sehr nützlich. Ihre Nester, die oft denen der Webervögel an Zierlichkeit nicht nachstehen, sie wohl sogar noch übertreffen, werden auch wohl siedelweise an Bäumen aufgehängt; die Mitglieder einer Untergattung aber bauen weder, noch brüten sie, vertrauen vielmehr ihre Eier fremder Pflege an. Unter den nordamerikanischen Arten der Familie verdient der Baltimorevogel oder Baltimoretrupial ([eterus galbula, baltimore oder baltimorensis, Oriolus, Vphan-tes, Hyphantes und Psarocolius baltimore), als der bekannteste, zuerst erwähnt zu werden. Er vertritt die artenreiche Gattung der Trupiale (Icterus), deren Merkmale in dem schlanken, fein zugespitzten, auf dem Firste gerundeten, schneppenartig in das Stirngefieder eingreifenden, unterenteils durch hohen Mundwinkel ausgezeichneten Schnabel, den ziemlich kräftigen, langzehigen, mit hohen, stark gekrümmten Nägeln bewehrten Füßen, den über mittellangen Flügeln, unter deren Schwingen die zweite die Spitze bildet, dem langen, abgerundeten, seitlich stufig verkürzten Schwanze und dem weichen, vorherrschend gelben Gefieder zu suchen sind. Kopf, Hals, Kinn und Kehle, Mantel, Schultern, Flügel und die beiden mittelsten Schwanzfedern sind tiefschwarz, Oberflügeldecken, Bürzel, Oberschwanzdeckgefieder und die übrigen Unterteile feurig orange, die Schwingen mit breiten, die der Hand im Endteile mit schmalen weißen Außensäumen, die Handdecken in der Endhälfte weiß, eine breite Querbinde bildend, die noch nicht erwähnten Steuerfedern orange, hinter der Wurzel breit schwarz gebändert. Der Augenring ist braun, der Schnabel schwärzlich bleigrau,

die Fittichlänge 9, die Schwanzlänge 8 em. Beim Weibchen sind die Oberteile olivenbräunlich grau, die Mantelfedern undeutlich dunkler längsgestrichelt, die Unterteile orangegelb, die Oberschwanzdeckfedern olivenorange, die Armdecken und die größte Reihe der übrigen Flügeldecken am Ende weiß, so daß zwei Flügelquerbinden entstehen, alle übrigen Teile düsterer oder trüber gefärbt als beim Männchen. Das Brutgebiet des Baltimorevogels umfaßt die Oststaaten Nordamerikas, von Kanada an bis zu den westlichen Hochebenen. Von hier aus wandert er im Winter bis Westindien und Mittelamerika hinab. Nach Audubon ist er an geeigneten Orten sehr häufig, wogegen er andere nur auf dem Zuge berührt. Hügelige Landschaften scheinen ihm vor allen zuzusagen. Er ist ein Sommervogel, der mit Beginn des Frühlings paarweise im Lande eintrifft und dann sehr bald zur Fortpflanzung schreitet. Sein Nest wird, je nachdem das Land, in welchem der Vogel wohnt, heißer oder kälter ist, verschieden ausgestattet, immer aber an einem schlanken Zweige angehängt und sehr künstlich gewebt. In den südlichen Staaten Nordamerikas besteht es nur aus sogenanntem „spanischen Moose“ und ist so locker gebaut, daß die Luft überall leicht hindurchdringen kann; das Innere enthält auch keine wärmenden Stoffe, ja der Bau wird sogar auf der Nordseite der Bäume angebracht. In den nördlichen Staaten hingegen wird es an Zweigen aufgehängt, die den Strahlen der Sonne ausgesetzt sind, und innen mit den wärmsten und feinsten Stoffen ausgekleidet. Der bauende Vogel fliegt zum Boden herab, sucht sich geeignete Stoffe, heftet sie mit einem Ende an einen Zweig und flicht alles mit großer Kunst durcheinander. Gelegentlich des Nestbaues wird der Baltimorevogel übrigens zeitweilig lästig. Die Frauen haben dann auf das Garn zu achten, das sie bleichen wollen; denn jener schleppt alle Fäden, welche er erlangen kann, seinem Neste zu. Man hat oft Zwirnssträhne oder Knäuel von Seidenfäden in seinem Nestgewebe gefunden. Nachdem der Bau fertig ist, legt das Weibchen 4 oder 6 Eier, die ungefähr 25 mm lang, 16 mm dick und auf blaßgrauem Grunde mit dunkleren Flecken, Punkten und Strichen gezeichnet sind. Nach einer 14 Tage währenden Bebrütung entschlüpfen die Jungen; 3 Wochen später sind sie flügge. Dann brütet, wenigstens in den südlichen Staaten, das Paar wohl noch einmal im Laufe des Sommers. Bevor die Jungen ausfliegen, hängen sie sich oft an der Außenseite des Nestes an und schlüpfen aus und ein wie junge Spechte. Hierauf folgen sie ihren Eltern etwa 14 Tage lang und werden während der Zeit von ihnen gefüttert und geführt. Sobald die Maulbeeren und Feigen reifen, finden sie sich auf den betreffenden Bäumen ein, wie sie früher auf den Kirsch- und anderen Fruchtbäumen erschienen, und dann können sie ziemlich bedeutende Verwüstungen anrichten. Im Frühjahre hingegen nähren sie sich fast ausschließlich von Kerbtieren, die sie entweder von Zweigen und Blättern ablesen oder fliegend, und zwar mit großer Behendigkeit, verfolgen. Schon frühzeitig im Jahre treten sie ihre Wanderung an. Sie reisen bei Tage in hoher Luft, meist einzeln, unter laut tönendem Geschrei und mit großer Eile. Erst gegen Sonnenuntergang senken sie sich nach geeigneten Bäumen hernieder, suchen hastig etwas Futter, schlafen, frühstücken und setzen dann ihre Reise fort. Die Bewegungen sind zierlich und gleichmäßig. Der Flug ist gerade und anhaltend, der Gang auf dem Boden ziemlich geschickt. Seine größte Fertigkeit entfaltet der Vogel im Gezweige der Bäume; hier klettert er mit den Meisen um die Wette. Seiner Schönheit halber hält man den Baltimorevogel häufig im Käfige. Der Gesang ist zwar einfach, aber äußerst angenehm wegen der Fülle, der Stärke und des Wohllautes der drei oder vier, höchstens acht oder zehn Töne.

Zu der Gattung der Hordenvögel (Agelaeus) zählen die kleinsten Arten der Gesamtheit. Ihr Schnabel ist gerade auf dem Firste, die Schneide am Mundwinkel eckig herabgebogen. Der Daumen trägt eine spornartige Kralle. Das Gefieder der Jungen ist oft ammerartig, von dem der alten Vögel sehr verschieden gefärbt und gezeichnet.

Einer der häufigsten und verhaßtesten Vögel Nordamerikas, der Bobolink, auch Reisoder Riedvogel, Reisstärling, oder, wie unsere Händler sagen, der Paperling (Agelaeus oryzivorus, Dolichonyx oryzivorus und agripennis, Psarocolius caudacutus, Emberiza und Passerina oryzivora, Icterus und Emberizoides agripennis), verdient an erster Stelle genannt zu werden, weil er halb Fink, halb Stärling zu sein scheint. Man bleibt in der That im Zweifel, zu welcher der beiden Familien man ihn zu zählen hat, und dieser Zweifel ist auch dann noch nicht so leicht entschieden, vwenn man den Vogel lebend vor sich sieht. Die Untergattung der Reisstärlinge (Dolichonyx), die er vertritt, kennzeichnet sich durch mittellangen, starken, kegelförmigen, seitlich zusammengepreßten Schnabel, dessen oberer Teil schmäler ist als der untere, und dessen Kieferränder sich in ähnlicher Weise einbiegen, wie wir dies bei den Ammern kennen gelernt haben; der Fuß ist ziemlich lang und kräftig, der Leib gedrungen, der Kopf groß, der Flügel mittellang, in ihm die zweite Schwinge am längsten, der Schwanz mittellang, jede einzelne Feder von beiden Fahnen her scharf zugespitzt, das Gefieder eng anliegend und glänzend. Die Länge des Paperlings beträgt 18, die Breite 29, die Fittichlänge 9, die Schwanzlänge 6 em. Im Hochzeitskleide sind Ober⸗ und Vorderkopf, die ganze Unterseite sowie der Schwanz des Männchens schwarz; der Nacken ist bräunlichgelb, der Oberrücken schwarz, jede Feder aber breit gelb gesäumt. Die Schultergegend und der Bürzel sind weiß mit gelbem Schimmer, die Schwingen und Flügeldeckfedern schwarz, aber sämtlich gelb gesäumt. Das Auge ist braun, der Oberschnabel dunkelbraun, der Unterschnabel bläulichgrau, der Fuß lichtblau. Das etwas kleinere Weibchen ist auf der Oberseite licht gelblichbraun mit dunkleren Schaftstrichen auf den Federn, auf der Unterseite blaß graugelb, an den Seiten ebenfalls gestreift, die Zügelgegend braun, ein Streifen über dem Auge gelb. Die Schwingen und die Steuerfedern sind bedeutend lichter als beim Männchen. Diesem Kleide ähnelt das Männchen in seiner Wintertracht, und auch die Jungen stimmen im wesentlichen damit überein; jedoch sind bei ihnen alle Farben blässer und gräulicher. Der Paperling ist in Nordamerika ein Sommervogel, der sehr regelmäßig erscheint und wegzieht. Auf seiner Reise nach Süden berührt er Mittelamerika und namentlich Westindien, vielleicht auch die nördlichen Länder Südamerikas; doch scheint er nicht bis nach Brasilien vorzudringen. Im Staate New York trifft er Anfang Mai in größeren und kleineren Trupps ein, die sich bald durch neue Zuzüge vermehren und nach kürzester Zeit das ganze Land im buchstäblichen Sinne des Wortes erfüllen. Wie Audubon sagt, ist es unmöglich, ein von diesen Vögeln nicht bewohntes Feld aufzufinden. Dem Unbeteiligten gewährt die Beobachtung des von allen Landleuten bitter gehaßten Paperlings Vergnügen. Die Geselligkeit der Tiere wird auch während der Brutzeit nicht aufgehoben; ein Paar wohnt und brütet dicht neben dem anderen. Das Nest wird auf oder hart über dem Boden ohne große Sorgfalt, jedoch immer zwischen Gras oder Getreidehalmen angelegt und selbstverständlich zum Mittelpunkte des Wohngebietes eines Paares. Während nun die Weibchen sich dem Fortpflanzungsgeschäfte hingeben, treiben sich die Männchen im neckenden Wetteifer über dem Halmenwalde umher. Eines und das andere erhebt sich singend in die Luft und schwingt sich hier in eigentümlichen Absätzen auf und nieder. Das Lied des einen erregt alle übrigen, und bald sieht man eine Menge aufsteigen und vernimmt von jedem die Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IV. 24

anmutig heitere Weise. Mit Recht rühmen die Nordamerikaner den Gesang dieses Vogels; er genügt selbst dem verwöhnten Ohre eines Liebhabers deutscher Vögel. Die Töne sind reich an Wechsel, werden aber mit großer Schnelligkeit und anscheinender Verwirrung ausgestoßen und so eifrig fortgesetzt, daß man zuweilen den Gesang von einem halben Dutzend zu vernehmen glaubt, während doch nur ein einziger singt. Eine Vorstellung kann man sich nach Wilson von diesem Gesange machen, wenn man auf einem Pianoforte rasch nacheinander verschiedene Töne, hohe und tiefe durcheinander, ohne eigentliche Regel anschlägt. Aber die Wirkung des Ganzen ist gut. Recht häufig singt das Männchen übrigens auch im Sitzen und dann unter lebhafter Begleitung mit den Flügeln, nach Art unseres Stares. In seinen Bewegungen zeigt sich der Paperling als sehr gewandter Vogel. Sein Gang auf dem Boden ist mehr ein Schreiten als ein Hüpfen, sein Flug leicht und schön. Zudem versteht er es, in seinem Halmenwalde auf- und niederzuklettern, trotz eines Rohrsängers. In den letzten Tagen des Mai findet man die 46, etwa 22 mm langen, 16 mm dicken, auf bräunlichgelbem oder bläulichem Grunde mit schwarzbraunen Flecken und Schnörkeln gezeichneten Eier im Neste. Jedes Paar brütet, falls ihm die ersten Eier nicht geraubt werden, nur einmal im Jahre. Die Jungen werden hauptsächlich mit Kerbtieren aufgefüttert, wachsen rasch heran, verlassen das Nest und schlagen sich sodann mit anderen ihrer Art in zahlreiche Flüge zusammen. Nunmehr zeigt fich der Paperling von seiner unliebenswerten Seite. Der anmutige Gesang ist beendet, die schmucke Tracht der männlichen Vögel bereits im Wech—

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