Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
und suchen hier nach Nahrung umher; denn der lange Schwanz hindert sie auch während ihrer Mahlzeit. „Die Witwen“, schreibt Pechuel-Loesche aus Westafrika, „besuchen auch während der Brutzeit häufig in Pärchen Dörfer und Gehöfte. Auf freien Plätzen pickt das unscheinbare Weibchen an der Erde, während das mit den langen weichen Schwanzfedern geschmückte Männchen es dann und wann in Flugbewegungen umgaukelt, deren Zierlichkeit und Anmut zur Bewunderung hinreißen. So verkehren sie und andere, größtenteils in Europa hinreichend bekannte und vielfach lebend gehaltene Vögel, zutraulich an den von Menschen besiedelten Orten. Man begrüßt sie als liebe Gäste und erfreut sich immer wieder an ihrer Farbenpracht und ihrem Gebaren. Will man ihnen ein großes Fest bereiten, so läßt man einige aus der Kampine geholte pilzförmige Termitenbauten zerschlagen. Dann eilen sie von allen Seiten herbei und halten ein köstliches Mahl, wobei es recht lustig hergeht und im bunten Gewimmel manchmal auch seltene Besucher erscheinen.“ Die Brutzeit fällt mit dem Frühlinge ihrer Heimat zusammen, bald nachdem das Männchen sein Hochzeitskleid angelegt hat. Im Sudan brüten sie Ende August; in den abessinischen Gebirgen in unseren Frühlingsmonaten. Die Nester ähneln denen der Webervögel, sind aber doch leicht kenntlich.
Das Kleid der männlichen Paradieswitwe (Vidua paradisea, sphaenura und verrauxii, Emberiza paradisea, Fringilla africana, macroura und paradisea, Steganura paradisea und sphaenura) ist schwarz; ein breites Halsband, die Halsseiten und der Kropf sind orangezimtrot, die übrigen Unterteile blaß rostgelb, die Schwingen dunkelbraun, außen fahlbraun gesäumt. Der Augenring hat schwarzbraune, der Schnabel schwarze, der Fuß braune Färbung. Das Weibchen ist sperlingsfarbig, auf dem Kopfe fahl, mit zwei schwarzen Scheitelstreifen und schwarzem Zügel, auf der Brust roströtlich; die schwarzen Schwingen sind rostfarben gesäumt. Die Länge des Vogels, mit Ausschluß der langen Schwanzfedern, beträgt 15, mit diesen 30, die Breite 25, die Fittichlänge 8, die Länge der äußeren Schwanzfedern 6 em. Die Paradieswitwe bewohnt Mittelafrika, und zwar vorzugsweise die dünn bestandenen Wälder der Steppe. Den Ortschaften nähert sie sich nicht gern, obgleich sie auch keinen Grund hat, den Menschen und sein Treiben zu meiden. In baumreichen Gegenden Mittelafrikas trifft man sie überall, während der Fortpflanzungszeit paarweise, sonst in kleinen Gesellschaften oder selbst in größeren Flügen. Ihr Prachtkleid trägt sie während der Regenzeit, etwa 4 Monate lang. Die Mauser geht ungemein rasch von statten, und namentlich die großen Schwanzfedern wachsen sehr schnell; 4 Monate später sind sie bereits gänzlich abgenutzt, und mit Beginn der Dürre fallen sie aus. Der Gesang, den das Männchen, solange es sein Hochzeitskleid trägt, zum besten gibt, ist einfach, entbehrt jedoch nicht aller Anmut. Anderen ihrer Art oder Verwandtschaft gegenüber zeigt sich die Paradieswitwe auch während der Fortpflanzungszeit ziemlich friedfertig. Gefangene Paradieswitwen gelangen regelmäßig in unsere Käfige, dauern mehrere Jahre aus, sind anspruchslos, schreiten jedoch im Gebauer nur äußerst selten zur Fortpflanzung. * Um auch einen dünnschnäbeligen Weberfinken aufzuführen, will ich den Blutfinken oder Amarant, das Feuervögelchen, Tausendschön ꝛc. (Habropyga minima, Lagonosticta minima und ignita, Fringilla minima und senegala, Estrelda minima und senegala, Pytelia minima), einer kurzen Beschreibung würdigen. Die Gattung der Prachtfinken (Habropyga), die der Vogel vertritt, umfaßt die kleinsten Webervögel. Der Blutfink ist purpurweinrot, auf Mantel und Schultern rehbraun, jede Feder am Ende
purpurn gesäumt, die Brustseite durch weiße Pünktchen gezeichnet, das Unterschwanzdeckgefieder blaßbräunlich; Schwingen und Schwanzfedern sind braun, außen purpurrot gesäumt. Das fast durchaus rehbraune Weibchen ist nur am Zügel und auf dem Bürzel purpurrot, an der Brust aber ebenfalls weiß gepunktet. Das Auge ist tiefbraun, der Schnabel rot, mit schwarzer Firsten⸗ und Dillenkante, der Fuß rötlich. Die Länge beträgt 10, die Breite 12, die Fittichlänge 4,5, die Schwanzlänge 3,5 em. Der Blutfink bewohnt ganz Mittelafrika, von der West- bis zur Ostküste und vom 22. Grade nördlicher bis zum 25. Grade südlicher Breite. Hartmann, der wenige Jahre nach mir die oberen Nilländer bereiste, möchte ihm eine ähnliche Stellung zuweisen, wie solche unser Haussperling erworben hat, und in der That darf er als Hausvogel betrachtet werden. Zu gewissen Zeiten fehlt er keiner der Dorfschaften Südnubiens und des Ostsudans, nicht einmal der mitten im Walde stehenden einzelnen Hütte. Er ist einer der ersten Vögel der Wendekreisländer, den man bemerkt, wenn man von Agypten aus dem Sudan zuwandert. Nur ein Honigsauger und der Stahlfink gehen weiter nach Norden hinauf als er. Gewöhnlich sieht man ihn in der Nähe der Dorfschaften, mit anderen Familienverwandten zu oft unzählbaren Schwärmen vereinigt; er lebt aber auch fern von den Menschen in der einsamen Steppe und selbst im Gebirge bis zu 1500 m Höhe, obgleich hier seltener. Der Blutfink ist nicht bloß ein zierlich gefärbtes, sondern auch ein anmutiges und liebenswürdiges Tierchen, an welchem man seine rechte Freude haben kann. Solange die Sonne am Himmel steht, ist er thätig; höchstens in den Mittagsstunden sucht er im schattigen Gelaube der immergrünen Bäume Schutz gegen die drückende Sonne. Sonst fliegt er ohne Unterbrechung von Zweig zu Zweig oder trippelt mit rascher Geschäftigkeit auf den Asten, den Häusern und endlich auf dem Boden umher. Kaum einer seiner Verwandten übertrifft ihn in der Eilfertigkeit seines Fluges, sicherlich keiner in der Rastlosigkeit, die ihn kennzeichnet. In den letzten Monaten der Dürre hat er seine Mauser vollendet und denkt mit dem ersten Frühlingsregen, etwa Anfang September, an seine Fortpflanzung. Bis dahin lebte er in Scharen; jetzt trennt er sich in Paare, und diese kommen nun vertrauensvoll in die Dörfer und Städte herein und spähen nach einer passenden Stelle unter dem Dache des kegelförmigen Strohhauses oder der würfelförmigen Lehmhütte des Eingeborenen. Hier, in irgend einer Höhlung oder auf einer anderen passenden Unterlage, wird ein wirrer Haufe von dürren Halmen zusammengetragen, dessen Inneres aber eine wohlausgerundete, jedoch keineswegs auch sorgfältig ausgelegte Höhlung enthält. Im Notfalle brütet der Blutfink auf Bäumen oder selbst nahe am Boden. So bemerkte ich im Januar in den Waldungen des oberen Blauen Nils ein Weibchen dieses Vogels, das an einer bestimmten Stelle ängstlich über den Boden hin- und herflog, vermutete, daß es in der Nähe wohl sein Nest haben möge, suchte und fand dieses auf dem Boden in noch nicht zusammen getretenem dürren Grase stehen, wo es der Umgebung auf das vollständigste ähnelte. Es enthielt 3— 7, etwa 14 mm lange, 11 mm dicke, weiße, sehr rundliche und glattschalige Eier. Hieraus geht hervor, daß der Blutfink mehrmals im Jahre brütet, und dies stimmt denn auch mit den Erfahrungen überein, die an Gefangenen dieser Art gesammelt wurden. Das Männchen benimmt sich ebenfalls ungemein zärtlich der Gattin, streitsüchtig einem Nebenbuhler gegenüber und brütet abwechselnd mit dem Weibchen. Die Eier werden binnen 13 Tagen gezeitigt, die Jungen mit Kerbtieren und vorher im Kropfe aufgeweichten Sämereien aufgefüttert. Des hübschen Gefieders und des anmutigen Wesens halber hat man den Blutfinken in Cayenne einzubürgern versucht, günstige Erfolge jedoch, so viel bekannt geworden, nicht erzielt. 4
— Erste Ordnung: Baumvögel; zwölfte Familie: Webervögel.
Der Bandvogel oder Halsbandfink (Spermestes fasciata, Amadina fasciata und detruncata, Loxia fasciata und jugularis, Fringilla detruncata, Sporothlastes fasciatus) darf als bekanntester Vertreter der Amadinen (Spermestes) gelten. Der Schnabel ist sehr stark, kaum länger als breit und hoch, der Oberschnabel am Firstengrunde platt, seitlich des Firstes bogenförmig in die Stirn tretend, der Unterschnabel sehr breit, der Flügel mittellang, die zweite und dritte Schwinge etwa gleich lang und am längsten, der Schwanz kurz und abgerundet. Die Gesamtlänge dieses niedlichen Vogels beträgt 12,5, die Breite 21, die Fittichlänge 6,3, die Schwanzlänge 4 em. Beim Männchen bildet ein angenehmes Fahlbraun die Grundfärbung; der Rücken ist dunkler, die Unterseite lichter, jede Feder schwarz gewellt, oder, wie auf der Oberbrust, schwarz gesäumt; einzelne Brust- und Seitenfedern zeigen einen schwarzen, wie ein Wgestalteten, die Oberflügeldeckfedern am Ende einen großen graurötlichen Flecken, der durch einen schwarzen Halbmond vor ihm besonders hervorgehoben wird; die Schwingen sind braun, fahl gesäumt, die Schwanzfedern mattschwarz, unten gräulich, auf der Außenfahne der Außenfedern weiß; ein ebenso gefärbter Endflecken ziert die übrigen, mit Ausnahme der beiden mittleren ganz schwarzen. Das Männchen unterscheidet sich vom Weibchen durch schönere Färbung und ein breites, prächtig karminrotes Halsband, das von einem Auge zu dem anderen über das weiße Untergesicht und die weiße Kehle verläuft. Das Auge ist dunkel-, Schnabel und Füße sind blaßbraun. Wir kennen den Bandvogel seit mehreren Jahrhunderten als Bewohner Westafrikas; sein Verbreitungsgebiet beschränkt sich aber nicht bloß auf westliche Länder des Erdteiles, sondern reicht von hier aus bis zur Ostküste. In den Nilländern begegnet man ihm vom 16. Grade nördlicher Breite an überall in den dünn bestandenen Wäldern der Steppe. Die eigentliche Wüste meidet er; mit der Grenze des Regengürtels aber findet er sich, und wo er vorkommt, ist er nicht selten. In den Urwaldungen fehlt er oder verweilt, wenn er sie wirklich besucht, in ihnen immer nur kurze Zeit. Diese Waldungen bieten ihm nicht die samenreichen Gräser und andere niedere Bodenpflanzen, auf und unter denen er sein Futter sucht. Ob er Früchte frißt, vermag ich nicht zu sagen; in Ostafrika ist dies wahrscheinlich nicht der Fall. Hier würde er auch lange suchen müssen; denn außer den kleinen Früchten des Stechdornes findet er nichts weiter. Die Gefangenen knabbern jedoch gern an Obst und dergleichen, und so dürfen wir annehmen, daß der Bandvogel unter Umständen solch leckere Kost wohl nicht verschmäht. Körner, und namentlich Grassämereien, bleiben immer sein Hauptfutter. In Nordostafrika begegnet man ihm gewöhnlich in Gesellschaften von 10—40 Stück. Ich habe ihn nie paarweise gesehen, ihn während seiner Brutzeit freilich auch nicht beobachten können. Der Flug vereinigt sich oft mit anderen Verwandten, und es mag wohl sein, daß die bunte Gesellschaft dann längere Zeit gemeinschaftlich im Lande auf und nieder streicht. Ein solcher Schwarm nähert sich furchtlos der Hütte des Dörflers. In den Vormittagsstunden sieht man ihn, emsig mit Aufnehmen der Nahrung beschäftigt, auf dem Boden umherlaufen, niemals aber auf den niederen Gräsern klettern. Stört man die Gesellschaft, so erhebt sie sich, fliegt einem der benachbarten Bäume zu, putzt und nestelt im Gefieder, und die Männchen beginnen zu singen. Sobald die Störung vorüber ist, kehren alle zum Boden zurück; naht ein Raubvogel, so fliegt der Schwarm geschlossen pfeilschnell davon, irgend einem dichten, dornigen Busche oder Baume zu, der die nötige Sicherheit verspricht. In den Mittagsstunden sitzt die Gesellschaft still in den Zweigen eines schattigen Baumes und gibt sich einem Halbschlummer hin. Nachmittags fliegt sie wiederum nach Nahrung aus. Das Nest kenne ich nicht; ich weiß aber, daß die Brutzeit, in Ostafrika wenigstens, in den September und Oktober fällt, welcher Zeitabschnitt unseren letzten Frühlingsmonaten zu vergleichen ist. Gefangene tragen die ihnen gereichten Baustoffe zu einem mehr oder weniger A 3
geordneten Neste zusammen, legen 6—9 weiße Eier, brüten abwechselnd, zeitigen die Eier in 13 Tagen und füttern gemeinschaftlich die Jungen auf. Letztere erhalten sofort das Kleid ihrer Eltern. In den oberen Nilländern stellt dem Bandfinken niemand, in Westafrika fast jedermann nach, um ihn an die Vogelhändler in den Küstenorten zu verkaufen. Durch Vermittelung dieser Leute erhalten wir ihn alljährlich zu Tausenden, da er die Reisebeschwerden trefflich übersteht. Er hält sich bei der einfachsten Pflege, schreitet, paarweise gehalten, regelmäßig zur Fortpflanzung, fesselt anfänglich durch die Schönheit seines Gefieders oder die Anmut seiner Bewegungen und wird mit der Zeit ebenso langweilig wie alle seine Verwandten.
Unter den asiatischen Amadinen ist der Reisvogel (Spermestes oryzivora, Oryzornis oryzivora) die bekannteste. An dem schön grauen Oberkörper, dem schwarzen, meist warzigen Kopfe, dem blaßweinroten Unterkörper, dem schwarzen Schwanze mit gleichfarbigen Ober⸗, weißen Unterschwanzdecken und dem roten, an der Spitze blassen Schnabel ist die Art leicht kenntlich. Der Augenring ist braun, das Augenlid aber rot, der Schnabel lebhaft rosenrot, an der Spitze und den Rändern perlweiß. Der Fuß ist rötlich. Als Heimat des etwa stieglitzgroßen Vogels gelten Malaka und die Sunda-Inseln. Die wirkliche Heimat des Reisvogels ist jedoch Java, so wenigstens versichern übereinstimmend Bernstein und von Rosenberg. Der letztgenannte Gewährsmann sagt ausdrücklich: „Dieser Vogel ist nicht ursprünglich hier (auf Sumatra) zu Hause. Die Flüge, die man gegenwärtig (1878) in der Nähe von Padang im Freien sieht, stammen von verschiedenen, von Java übergebrachten Paaren ab, denen man zu Padang die Freiheit gegeben hat. Noch in den neuesten Schriften liest man, der Vogel heiße in seinem Vaterlande ‚Padda“, weil er den Aufenthalt in den Reisfeldern bevorzuge und der Reis in der Landessprache Padda heiße. Daß man ihn hauptsächlich in Reisfeldern antrifft, ist wohl wahr, dagegen heißt aber der Reis nicht Padda, sondern Pahdi, und der Vogel ganz und gar nicht Padda, sondern Gladik. Seine eigentliche Heimat ist ausschließlich Java.“ Hier ist er gemein, wenigstens in den vom Menschen angebauten Landstrichen. „Gleich unserem europäischen Feldsperlinge“, so schildert Bernstein, „bewohnt der Reisvogel ausschließlich die bebauten Landstriche und ist in diesen eine der gewöhnlichsten Erscheinungen. Während der Zeit, in welcher die Reisfelder unter Wasser gesetzt sind, d. h in den Monaten November bis März oder April, in denen der angepflanzte Reis heranwächst und der Ernte entgegenreift, halten sich die Reisvögel paarweise oder in kleinen Familien in Gärten, Dorfgehölzen und Gebüschen auf und nähren sich hier von verschiedenen Sämereien, mancherlei kleinen Früchten und wohl auch von Kerbtieren und Würmern, da ich sie wenigstens öfters auf Landstraßen ꝛc. auf der Erde herumsuchen gesehen habe, wo schwerlich etwas anderes zu finden gewesen sein möchte, und auch in dem Magen mehrerer von ihnen Reste derselben gefunden zu haben glaube. Sobald aber die Reisfelder sich gelb zu färben beginnen und durch Ablassen des Wassers trocken gelegt werden, begeben sie sich, oft in großen Scharen, dorthin und richten nicht selten merklichen Schaden an, so daß man auf alle mögliche Weise bemüht ist, sie zu vertreiben. „In den Gegenden, die besonders von diesen gefiederten Dieben zu leiden haben, errichtet man zu diesem Zwecke in der Mitte des Feldes ein, oder wenn dieses groß ist, mehrere, auf vier hohen Bambuspfählen ruhende kleine Wachthäuser, von denen aus nach allen Richtungen hin zu den in gewissen Entfernungen voneinander durch das ganze Feld gesteckten, duünnen Bambusstöcken zahlreiche Fäden laufen, an welchen große dürre Blätter, bunte Lappen, Puppen, hölzerne Klappern und dergleichen hängen. Wenn nun der in dem Wachthäuschen wie eine Spinne in ihrem Gewebe sitzende Eingeborene an den Fäden zieht,
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